Der Himmel wird warten

30.4.2020 | Von:
Sarina Lacaf

Methodisch-didaktischer Kommentar

Die Aufgabe beginnt mit einer Heranführung an das Thema „Islamistische Radikalisierung“. Danach widmet sie sich anhand des Films einer genauen Analyse und Reflexion der Strategien radikal-islamistischer Anwerber sowie einer einordnenden Beschäftigung mit dem prozesshaften Verlauf einer Radikalisierung. Indem die Schüler*innen dadurch ein kritisches Verständnis für Radikalisierungsprozesse und die Funktionsweisen extremistischer Propaganda erlangen, empfiehlt sich die Aufgabe auch zur Präventionsarbeit.

Nachdem erste Begriffsdefinitionen geklärt sind, beschäftigen sich die Schüler*innen anhand von statistischen Fakten mit der Aktualität des Themas und stellen den Bezug des französischen Films von 2016 zu der gegenwärtigen Situation in Deutschland her. In einem ersten offenen Gedankenaustausch versuchen sie sich den Gründen für Radikalisierungen anzunähern.

Da der Film einen großen Detailreichtum und Informationsgehalt bietet, achten die Schüler*innen während der Filmsichtung arbeitsteilig auf Informationen zum strategischen Vorgehen von Anwerbern. Zum Verständnis des Arbeitsauftrags sollte die Person Dounia Bouzar vorab von der Lehrkraft eingeführt werden. Im Plenum werden die unterschiedlichen Aspekte gesammelt und reflektiert. Hierzu zählen: die Herstellung einer persönlichen Vertrauensbasis, das Schüren eines Entfremdungsgefühls zum gewohnten Umfeld, der Appell an den Wunsch zur Rebellion und an den Gerechtigkeitssinn, die gezielte Provokation von Konflikten mit Familie und Umfeld, die Isolation des Angeworbenen („Du durchschaust die Dinge, die anderen nicht“), die Bindung an die neue Gruppe (Schwesternnetzwerk), Liebesbekundungen unter der Bedingung der Hörigkeit („Dein Prinz rettet dich, aber nur wenn du dich an Regeln hälst“), die Instrumentalisierung eines romantischen Liebesideals, Heilsversprechen unter der Bedingung der Einhaltung eines ideologischen Regelwerks, die Instrumentalisierung von der Liebe zur Familie (> „Ungläubige“ retten), das Herstellen eines Abhängigkeitsverhältnisses in permanenter Kommunikation, das Ersetzen des Individuums durch die Gruppe. Anhand eines exemplarischen Modells vollziehen die Schüler*innen anschließend den Verlauf von islamistischen Radikalisierungsprozessen nach und beziehen diesen auf die filmische Darstellung. Die Lehrkraft sollte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Radikalisierungsbiografien nicht zwangsläufig nach genau diesem Muster ablaufen und nicht immer mit Gewalt enden. Den im Film angedeuteten Hinwendungsmotiven, die in der Stufe der Präradikalisierung thematisiert werden, sollte in der Diskussion ausreichend Raum zukommen.

Abschließend widmen sich die Schüler*innen arbeitsteilig jeweils einem Filmausschnitt. Bereits diskutierte thematische Aspekte (1. das Schüren eines Entfremdungsgefühls zur westlichen Welt und der Appell an den Wunsch zur Rebellion und 2. ideologische Indoktrination und die Abhängigkeit von der Gruppe) werden vertieft und mit der filmischen Inszenierung in Verbindung gebracht. Beide Ausschnitte stehen für eine enge Kopplung von formaler und inhaltlicher Aussagekraft. Die Analyse des im Film vorkommenden Propagandavideos sensibilisiert zudem für eine manipulative filmische Formsprache.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


"Reflect Your Past" ist eine im November 2019 veröffentlichte Webvideo-Reihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie hat das Ziel, jungen Menschen die Wirkungsweisen von Radikalisierungsprozessen anhand gelebter Geschichten näher zu bringen.

Mehr lesen

Tracing Addai
Filmbesprechung

Tracing Addai

Ein Film über die Frage nach Mitschuld und dem schmerzlichen Zustand, den radikalisierte Menschen bei ihren Hinterbliebenen hinterlassen. Der animierte Dokumentarfilm "Tracing Addai" zeichnet die letzten Spuren des 21-jährigen Deutschen Addai nach, der sich einer extremistischen Vereinigung anschließt und im Syrienkrieg unter mysteriösen Umständen mutmaßlich ums Leben kommt.

Mehr lesen

Begriffswelten Islam (Jahresrückblick)
Webvideoreihe

Begriffswelten Islam

YouTuber haben wichtige Begriffe populärer Islamdiskurse in Deutschland aufgegriffen und präsentieren ein differenziertes Informationsangebot zur Vielfalt im Islam. In animierten Kurzfilmen setzen sie sich mit Begriffen wie „Umma“, „Kalifat“ oder „Dschihad“ auseinander. In #travellingIslam besucht die YouTuberin Hatice Schmidt Wissenschaftler und spricht mit ihnen über Themen wie „Scharia“, „Iman“ und „Koran“.

Mehr lesen

Der Infodienst bietet praxisbezogene Hintergrundinformationen und Materialien zur Herausforderung durch salafistische Strömungen. Er richtet sich an alle Berufsgruppen, die im Rahmen ihrer Tätigkeit mit dem Thema in Berührung kommen, unter anderem in der schulischen und außerschulischen Bildung und in der öffentlichen Verwaltung.

Mehr lesen

Seit 9/11 hat ein Wort Hochkonjunktur: Islamismus. Wer sind seine Wortführer? Welche Ziele verfolgen sie? Das Dossier führt ein in Vergangenheit und Gegenwart der extremistischen Herrschaftstheorie, die die Welt des 21. Jahrhunderts vor große Herausforderungen stellt.

Mehr lesen

Interaktives Wahltool

Wahl-O-Mat

Seit 2002 gibt es den Wahl-O-Mat der bpb. Mittlerweile hat er sich zu einer festen Informationsgröße im Vorfeld von Wahlen etabliert. Hier erfahren Sie, wie ein Wahl-O-Mat entsteht und was seine Ziele sind. Im Archiv können Sie außerdem jeden Wahl-O-Mat der vergangenen Jahre noch einmal nachspielen.

Mehr lesen

kinofenster.de

Film des Monats: The Big Short

Mit The Big Short hat Regisseur Adam McKay Michael Lewis' gleichnamiges Sachbuch über die Finanzkrise 2007/08 verfilmt. Ein paar Außenseiter sehen den Zusammenbruch des US-amerikanischen Bankenwesens voraus und spekulieren an der Börse auf den Crash. So profitieren einige Wenige von der Bankenkrise, während Millionen von Amerikanerinnen und Amerikanern ihre Häuser und Ersparnisse verlieren. Mithilfe von Stars wie Christian Bale, Ryan Gosling und Brad Pitt sowie einer humorvollen, ausgefeilten Filmsprache gelingt es dem Film, die komplexen Hintergründe der Finanzkrise anschaulich zu erklären.

Mehr lesen auf kinofenster.de