Akquisos

12.7.2012

Das Prinzip Social Entrepreneurship

Social Entrepreneurship oder „Soziales Unternehmertum“ versucht, mit neuen Herangehensweisen bestehende gesellschaftliche und soziale Probleme zu lösen und dadurch nachhaltigen sozialen Wandel zu erreichen. Die „Veränderung im großen Stil“ gilt als eines der wesentlichen Qualitätskritierien bei Social Entrepreneurs.

Eine Einführung von Christian Baier, SOCIUS Organisationsberatung gGmbH

2006 erhielt mit Mohammed Yunus ein Banker den Friedensnobelpreis. Yunus gilt als Vorreiter in Sachen Social Entrepreneurship: 1983 gründete er in Bangladesch die Grameen-Bank, die Kleinstkredite zu günstigen Konditionen an Menschen vergibt, die die für einen Kredit üblicherweise verlangten Sicherheiten nicht vorweisen können. Seitdem wird Social Entrepreneurship auch in Deutschland größere Beachtung geschenkt und das Innovationspotenzial sowie die Konsequenzen für gemeinnützige Organisationen diskutiert.

Social Entrepreneurship wird definiert als „unternehmerisches Denken und Handeln zum Wohle der Gesellschaft und zur Lösung oder Verbesserung gesellschaftlicher Missstände“ (Achleitner: Gabler Wirtschaftslexikon, http://goo.gl/xgHIH). Social Entrepreneurship wird von Non-Profit-Organisationen oder Sozialunternehmen betrieben, die ihre unternehmerischen Tätigkeiten für soziale Ziele einsetzen. Doch auch 'normale' Unternehmen können Social Entrepreneurship betreiben, um gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Die Gewinnorientierung tritt dabei in den Hintergrund, der Erfolg orientiert sich stattdessen am gesellschaftlichen Nutzen. In Anlehnung an den Begriff 'Return on Investment' (die Rendite einer unternehmerischen Tätigkeit) wird von 'Social Return on Investment' gesprochen, als Versuch, den gesellschaftlichen Mehrwert einer Tätigkeit zu benennen.

Drei Elemente prägen die Perspektive von Social Entrepreneurship: Erstens, die Skalierbarkeit, das heißt, die Übertragbarkeit und möglichst großflächige Umsetzung der jeweiligen Vorhaben; zweitens, der innovative Ansatz und, drittens, die konsequente Orientierung an den Auswirkungen der Aktivitäten („Wirkungsmessung“).
Für gemeinnützige Organisationen bedeutet diese Entwicklung vor allem eine (mögliche) Ausweitung ihres Finanzierungsmixes von den „klassischen“ Elementen (Spenden, Mitgliedsbeiträge, Zuwendungen etc.) zur Entwicklung von Einnahmemodellen, z.B. durch Gebühren oder Quersubventionierungen aus einem Geschäftsbetrieb. Im Unterschied zur gängigen Förderung, die weitgehend projektbezogen agiert, stärken die meisten sozialen Investoren bewusst die gesamte Organisation und ihre strategische Entwicklung – das untenstehende Interview mit Barbara Börner und Florian Erber macht es deutlich.

Social Entrepreneurship verändert dabei auch den „Fördermarkt“. Es sind Organisationen entstanden, die unternehmerische Lösungen für gesellschaftliche und soziale Projekte fördern. Neben dem Projektziel ist dabei vor allem das Konzept zur langfristigen Umsetzung, Finanzierung und Ausweitung des Projekts ausschlaggebend für die Förderentscheidung. Seit 2003 prämiert und unterstützt z.B. die Organisation „Ashoka“ (mehr über Ashoka in Kapitel 6) auch in Deutschland soziale Unternehmer. Soziale Investmentfonds wie „BonVenture“ fördern zunehmend Projekte im deutschsprachigen Raum, Stiftungen wie die „Vodafone Stiftung“, „Auridis“ oder die „brandStiftung“ greifen Ideen aus diesem Kontext auf oder fördern spezifisch Social Entrepreneurs.

Anders als die philanthropisch motivierte Vergabe von Fördermitteln bewegt sich dieser Ansatz dichter am „Markt“ und bindet entsprechende Instrumente intensiver ein.

Bei allen Möglichkeiten, die Social Entrepreneurship bietet, lassen sich jedoch nicht für alle Projekte und Ziele tragfähige Einnahmemodelle entwickeln (auch wenn mögliche Ansätze im Fokus-Interview und auch im Praxisbeispiel des „Quartiermeister“ angedeutet werden). So sind die Erfolgskritierien bzw. Schwierigkeiten des Fundraising auch hier erkennbar: Emotional bewegende Projekte finden auch in diesem Kontext leichter Unterstützung als „abstraktere“ Formen der Bildungsarbeit. Auch aus diesem Grund fordert Barbara Börners im untenstehenden Interview weiterlaufende öffentliche (und institutionelle) Förderung.

Manche Erwartungen in Social Entrepreneurship mögen hoch gesteckt sein. „Klassische“ Zuwendungen gerade in Projekten, die Schwierigkeiten bei der Entwicklung eines Einnahmemodells haben, werden notwendig bleiben. Trotzdem sei das Potential, so Florian Erber im Interview, noch nicht ausgeschöpft: „Ich denke, in 10 Jahren ist Social Entrepreneurship mit einem signifikanten Marktanteil etabliert und anerkannt, Probleme im dritten Sektor sinnvoll und effektiv anzugehen.“