Akquisos

27.8.2012

Praxisbeispiel: Jugend bewegt Europa e.V.

„Fundraising ist ein ganzheitlicher Prozess“, betont Daniel Seifert von „Jugend bewegt Europa“ im Gespräch mit Akquisos. Der Verein führt seit 2002 Projekte der internationalen Begegnung und der historisch-politischen Bildung durch.

Besonders eng arbeitet "Jugend bewegt Europa" dabei mit dem Museum des Warschauer Aufstandes zusammen (www.1944.pl/about_museum?lang=en). Der Verein ist Mitglied im Netzwerk „Initiativen MOE“ (Mittelosteuropa), in dem er sich mit ähnlichen Akteuren über Fundraising, Antragsmöglichkeiten und Projektentwicklung austauscht.
Weitere Informationen: www.jugend-bewegt-europa.de.

Akquisos: Wir haben Sie als Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung und gemeinsamen Professionalisierung des internationalen Austausches kennen gelernt. Welchen Stellenwert hat Fundraising in den Fortbildungen und in der „täglichen Arbeit“? Daniel Seifert (DS): Das Thema Fundraising hat für unsere Arbeit zentrale Bedeutung. Unsere Projektformate im Bereich der historischen und politischen Bildung mit jungen Erwachsenen finanzieren sich nicht allein aus Eigenmitteln oder (Dritt-)Mitteln seitens unserer Partner. Daher ist es uns wichtig, auf dem Laufenden darüber zu bleiben, welche weiteren Fördermöglichkeiten es auf nationaler und europäischer Ebene gibt und mit welchen förderfähigen Konzepten wir diese Mittel abrufen können. Die Initiative Mittel- und Osteuropa e.V., in der wir als Verein Mitglied sind, bietet in regelmäßigen Abständen Fortbildungen zur Fördermittelakquise (z.B. zu dem Programm „Youth in Action“) an und steht uns darüber hinaus bei einzelnen Anfragen mit erfahrenen Ansprechpartnern zur Seite.

Akquisos: Was braucht es aus Ihrer Sicht, dass eine Organisationen erfolgreich Fundraising betreibt?
DS: Bei dieser Frage möchte ich betonen, dass wir als Verein kein klassisches Fundraising, im Sinne von Spenden einwerben, betreiben. Unser Hauptaugenmerk gilt Förderprogrammen und -Institutionen auf nationaler und EU-Ebene, bei denen wir Gelder beantragen können (z.B. beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk, der Stiftung Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, der Anna-Lindh Foundation oder Youth in Action).
Aus meiner Sicht müssen auch ehrenamtliche Organisationen über professionelles Know-how verfügen, wie man solche Fördergelder erfolgreich beantragt. Um dieses Know-how zu erwerben, sollten Vertreter ehrenamtlicher Organisationen die Chance wahrnehmen, Informationsveranstaltungen oder Weiterbildungen zu besuchen. Ohne dieses Know-how läuft die Organisation ansonsten Gefahr, die Bedeutung und die Anforderungen eines erfolgreichen Fundraisings zu unterschätzen. Diese Gefahr heißt konkret, letztlich keine Gelder beantragen zu können und damit das Vereinsklima zu schädigen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass nicht nur eine Person in der Organisation weiß, wie man „richtig“ Fundraising betreibt, sondern dass es ein ganzheitlicher Prozess ist.

Akquisos: Wenn wir konkret das Thema „Gedenkstättenfahrten“ betrachten: Was würden Sie Schülergruppen oder Jugendinitiativen empfehlen damit eine Fahrt erfolgreich stattfinden kann?
DS: Eine Gedenkstättenfahrt sollte idealerweise gut vor- und nachbereitet werden. Die meisten Gedenkstätten haben eine pädagogische Abteilung und bieten Besuchergruppen die Möglichkeit, nicht nur während des Besuchs zu führen, sondern auch bei der Vor- und Nachbereitung zu unterstützen. Diese Möglichkeit wird zu selten genutzt, obwohl dadurch eine Führung eigentlich nur besser werden kann, denn Erwartungen und Interessen beider Seiten werden abgeglichen.
Ich würde den jungen Leuten im Vorfeld einer solchen Fahrt empfehlen, gegenüber ihren Pädagog/innen auf ihre demokratische Mitbestimmung zu pochen. Eine Gedenkstättenfahrt sollte den Jugendlichen den Ablauf betreffend nicht „von oben herab“ durch die Pädagog/innen aufoktroyiert werden. Wenn es ausschließlich um die vermeintlich richtigen Interessen der Pädagog/innen geht, kann es keine „erfolgreiche“ Gedenkstättenfahrt werden.
Daran anschließend denke ich, ist wichtig, dass die Jugendlichen ihre Einstellungen und Gefühle während des Besuchs einer Gedenkstätte frei äußern können. Offenen Widerspruch sollte es nur gegen offen menschenverachtende Meinungen geben (Keine Toleranz der Intoleranz). Die jungen Besucher/innen sollten sich von Guides oder Begleiter/innen nicht vorschreiben lassen, was sie fühlen oder denken sollen. Die Pädgog/innen sollten sich in Bezug auf historisch-politische Bildung gegenüber den Jugendlichen am „Beutelsbacher Konsens“ orientieren.

Akquisos: …und welches sind nach Ihren Erfahrungen die drei größten Fallen?
DS: Im Nachgang kann man Gefahr laufen, die Gedenkstättenfahrt als abgeschlossen anzusehen. Stattdessen gilt es die Spannung weiter hochzuhalten, denn eine angemessene Nachbereitung ist sehr wichtig. Diese Nachbereitung sollte inhaltlich in Form einer Auswertung zusammen mit den Schüler/innen erfolgen. Des Weiteren können die Gedenkstättenfahrt und ihre Ergebnisse in Form eines öffentlichkeitswirksamen Berichts für Schule, Jugendeinrichtung oder Medien aufbereitet und präsentiert werden. Außerdem muss die Gedenkstättenfahrt für die Fördermittelgeber nachbereitet werden. Diese erwarten in der Regel neben einem sachlichen Bericht über die Inhalte und Aktivitäten eine Abrechnung der verwendeten Finanzmittel. Zur Nachbereitung gehört überdies auch, sich Gedanken darüber zu machen, was aus der Gedenkstättenfahrt perspektivisch wird. Das bedeutet u.a. darüber nachzudenken, was man damit erreichen wollte und was evt. in der Zukunft folgen soll.


Akquisos: Vielen Dank für das Gespräch


In Gedenkstätten, in Museen, an Schulen und anderen Lernorten findet historisch-politische Bildung statt. Ob und wie kulturelle Ansätze Zugänge zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft schaffen können, zeigen und reflektieren die Autorinnen und Autoren dieses Themenschwerpunkts.

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