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29.5.2020 | Von:
Sabine Kropp

Corona-Krise: Wie wichtig ist Expertenwissen in der Politik?

Wissenschaftliche Expertise bildet die Grundlage für viele politische Entscheidungen in der Corona-Krise. Welche Rolle spielen Expertinnen und Experten in der Politik, warum sind sie umstritten und wer wird eigentlich gefragt? Ein Interview mit der Politikwissenschaftlerin Sabine Kropp.

Audioteaser: Wie wichtig ist Expertenwissen in der Politik? Prof. Dr. Sabine Kropp im Interview. (© bpb)

bpb.de: Wissenschaftliche Expertinnen und Experten sind in der Corona-Krise medial sehr präsent. Was ist die Aufgabe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einer Demokratie?

Sabine Kropp: Expertenwissen dient Politikerinnen und Politikern als elementare Entscheidungsgrundlage. In der Corona-Krise sind die Regierungen angewiesen auf Expertise wie selten zuvor: Es kommt darauf an, zu einem noch sehr unbekannten Phänomen Wissen und Expertise zu erhalten, um die richtigen politischen Entscheidungen treffen zu können. Das geschieht in Form von Inhouse-Expertise, zum Beispiel durch das Robert-Koch-Institut als Einrichtung der Bundesregierung zur Krankheitsüberwachung und -prävention, aber auch durch externe Expertise. Im Augenblick ist vor allem das Wissen von Virologen gefragt.

Unabhängig von der Corona-Krise: Wieso werden wissenschaftliche Expertinnen und Experten in politische Entscheidungen einbezogen?

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Verwendung von evidenzbasiertem Wissen in der Politik an Bedeutung gewonnen. Das hängt damit zusammen, dass Problemlagen immer komplexer werden. Das Wissen, das als Entscheidungsgrundlage dient, ist auch umstrittener geworden. Deshalb werden häufig unterschiedliche Expertinnen und Experten herangezogen. Hinzu kommt, dass durch Kürzungen in den Ministerien und der öffentlichen Verwaltung nicht mehr jedes Wissen im eigenen Regierungsapparat vorhanden ist – auch deswegen greift man auf externe Expertise zurück.

Für die Politik bietet Expertenwissen eine Legitimationsgrundlage. Wir unterscheiden in der Politikwissenschaft zwischen verschiedenen Formen von Legitimation. Bekannt ist die Input-Legitimation, also die Legitimation durch demokratische Verfahren, zum Beispiel durch Wahlen. Daneben gibt es die sogenannte Output-Legitimation. Das bedeutet, dass politische Entscheider auch wirksame Problemlösungen bereitstellen müssen, um ihre Legitimation zu gewährleisten.

Unterscheidet sich die Rolle von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der Rolle anderer Interessengruppen?

Sie sollte sich davon unterscheiden. Es gibt zwei Modelle der wissenschaftlichen Politikberatung: Das eine geht davon aus, dass Wissenschaft tatsächlich nur Expertise liefert. Die weitere Verwertung bliebe den politischen Akteuren überlassen. Ein zweites Modell nimmt an, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der einen Seite und politisch Verantwortliche auf der anderen in einem ständigen Diskurs und Austausch stehen. Ihre Rollen verschwimmen dabei deutlich miteinander.

Hat sich die Rolle von Expertinnen und Experten in der Corona-Krise verändert?

Meiner Beobachtung nach beziehen sich die meisten Expertinnen und Experten im Augenblick auf ihre Rolle als Wissenslieferanten. Sie stellen Expertise bereit, betonen aber, dass politische Entscheidungen letztendlich in der Verantwortung der demokratisch legitimierten Akteure liegen.

In Teilen von Bevölkerung und Politik werden wissenschaftliche Ergebnisse zunehmend in Frage gestellt oder sogenannte alternative Expertisen angeboten, zum Beispiel zum Klimawandel oder zum Coronavirus. Beobachten wir einen Glaubwürdigkeitsverlust von Expertenwissen?

Wissenschaftliche Expertise ist tatsächlich unter Druck geraten – mit der Zunahme von sogenannten "alternativen Fakten" oder von Verschwörungstheorien, die unüberprüft auf verschiedenen Kommunikationswegen geteilt werden. Expertise muss sich also immer wieder bewähren. Der einzige Weg, den ich hier sehe, ist die strikte Befolgung von wissenschaftlichen Standards. Das heißt zum Beispiel, die Art und Weise, wie man zu wissenschaftlichen Ergebnissen kommt, muss transparent gemacht werden.

Die Glaubwürdigkeit leidet auch unter dem sogenannten Expertendilemma. Wenn Expertinnen und Experten die Politik beraten, mit ihren manchmal unterschiedlichen Ausgangsannahmen oder Forschungsergebnissen, dann führt das dazu, dass Wissen selbst umstritten wird. Auch die Expertinnen oder Experten selbst werden mit ihrem Wissen Gegenstand der politischen Auseinandersetzung. Und damit laufen sie auch Gefahr, einen gewissen Reputationsverlust zu erleiden.

Wichtig ist aber: In einem immerwährenden Diskurs und einer Auseinandersetzung zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Positionen gehört das Anzweifeln dazu. Das wird in der Öffentlichkeit manchmal missverstanden. Aber es ist der einzige Weg, zu gesicherten wissenschaftlichen Befunden zu kommen.

Wie könnten Wissenschaft und Politik darauf reagieren?

Wir brauchen ein fortlaufendes Erklärungsangebot. Derzeit versucht man, sehr komplexe Sachverhalte in verständlichen Worten zu vermitteln, zum Beispiel in Podcasts. Gleichzeitig muss die Politik auch glaubwürdig bleiben und verdeutlichen, dass es für viele Probleme keine einfachen, eindeutigen oder schnellen Lösungen gibt. Auch ein ständiges Lernen und ein Zurücknehmen von bestimmten Entscheidungen gehört zu den Grundlagen einer demokratisch legitimierten Politik.

In der Corona-Krise kommen häufig die gleichen Experten zu Wort. Wer wird eigentlich gefragt und warum?

Aufgrund der unsicheren Bewertung der derzeitigen Lage haben unabhängige Sachverständige relativ große Bedeutung erlangt, die seit längerer Zeit an ähnlichen Problemen forschen – nämlich Virologen. Das liegt nahe, denn sonst kann man eigentlich keinen fragen, wenn man ein Virus eindämmen will.

Im Zuge der Lockerungen und der Bewältigung der Krise, die ja starke ökonomische und soziale Folgen mit sich bringt, werden auch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefragt werden. Da ist die Auswahl manchmal sehr unterschiedlich. Es gibt zum einen Beiräte mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die bereits an die Ministerien angebunden sind. Teilweise erfolgt aber auch eine Auswahl anhand von wissenschaftlicher Reputation und – bei politisch umstrittenen Vorhaben – suchen sich Parteien manchmal eben auch diejenigen Expertinnen und Experten aus, die näher an den ideologischen Positionen ihrer Partei liegen.

Expertentum ist häufig an eine formale Qualifikation gebunden. Ist der Expertenbegriff zu eng gefasst?

Es kommt darauf an, welche Art von Problemlösung man in den Blick nimmt. Wenn es darum geht, aus der Forschung heraus Grundlagenwissen für noch unbekannte Phänomene herauszubilden, wie jetzt zum Beispiel zum Coronavirus, ist wissenschaftliche Expertise zwingend erforderlich.

Wenn es um die Bewältigung komplexer gesellschaftlicher Problemlagen geht, und das sehen wir auch in der Vergangenheit, werden Expertengremien manchmal auch gemischt zusammengesetzt. Neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern werden dann beispielsweise auch Vertreter von Verbänden – zum Beispiel Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden – integriert.

Diskutiert wird auch die Frage von sogenannten Alltagsexperten, zum Beispiel bei der Auflegung von Planungsverfahren. Dann bezieht man beispielsweise Betroffene in die Entscheidungsfindung mit ein. Das hat Grenzen, wenn man einem komplexen Problem wie einem Virus begegnet. Es wird aber dann bedeutsam, wenn es darum geht, Legitimation für umstrittene Verfahren herzustellen.

In den vergangenen Wochen wurde auch kritisiert, dass die Gruppe der Experten nicht divers genug sei.

Expertenwissen ist traditionell ungleich verteilt. Denken Sie an den niedrigen Frauenanteil an deutschen Universitäten, der über eine lange Zeit ja ganz auffallend war, oder aber an die Tatsache, dass nach wie vor höhere Bildung immer noch vom sozialen Status des Elternhauses abhängt. Das führt natürlich zu einer Ungleichverteilung von Expertise.

Man kann aber in der aktuellen Krise die Fehler, die in der Vergangenheit liegen, nicht dadurch reparieren, dass man über bestimmte Qualifikationen hinwegsieht. Aber das zeigt eben noch einmal sehr deutlich, dass bei der Frage "Wer wird eigentlich Experte oder Expertin?" noch einiges im Argen liegt.

Hat diese Ungleichverteilung Ihrer Meinung nach Folgen für die Inhalte und Perspektiven von wissenschaftlicher Expertise und demnach auch für die darauf aufbauenden politischen Entscheidungen?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Forschungsergebnisse sind natürlich nicht unbedingt vom sozialen Status der Forscherin oder des Forschers abhängig. Gleichwohl kann man sagen, dass durch eine diversere Aufstellung von Expertentum und von Qualifikationen andere Gesichtspunkte in die Forschung eingebracht werden könnten. Ich denke beispielsweise an die Frage der Kinderbetreuung oder auch die Frage, ob sich nicht durch diese Krise Geschlechterverhältnisse wiederherstellen, die man für ansatzweise überwunden gehalten hat. Ich glaube schon, dass das im Endeffekt den Blick auf Probleme insgesamt verändert.

Das Interview führte Tilman Schächtele. Redaktion: André Nagel, Lea Schrenk.

Mehr Infos:



Wie verändert die Corona-Pandemie unsere Gesellschaft? Hier finden Sie alle Beiträge unserer Interview-Reihe zu den gesellschaftspolitischen Folgen der Corona-Krise.

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