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Schweden: Ein Sonderweg mit fatalen Folgen?

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Schweden: Ein Sonderweg mit fatalen Folgen?

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Schweden ist der Pandemie nicht mit einem Lockdown begegnet, sondern wählte einen weniger strikten Weg. Wie die Schweden über diese Strategie denken, vor allem angesichts relativ vieler Corona-Toter, berichtet euro|topics-Korrespondent Dieter Weiand aus Stockholm im Gespräch mit Redakteurin Sophie Elmenthaler.

Schweden: Ein Sonderweg mit fatalen Folgen?

Corona|topics - Europa in der Pandemie

Schweden: Ein Sonderweg mit fatalen Folgen?

Schweden ist der Pandemie nicht mit einem Lockdown begegnet, sondern wählte einen weniger strikten Weg. Wie die Schweden über diese Strategie denken, vor allem angesichts relativ vieler Corona-Toter, berichtet euro|topics-Korrespondent Dieter Weiand aus Stockholm im Gespräch mit Redakteurin Sophie Elmenthaler.

Schweden hat mit seiner von wenigen Restriktionen gekennzeichneten Strategie – sie baut auf gegenseitiges Vertrauen zwischen Bürgern und Behörden und nicht auf Zwang – schnell weltweit Aufmerksamkeit erregt. Schulen und Kitas blieben von Anfang an geöffnet, es gibt keine Mundschutzpflicht und Versammlungen sind mit bis zu 50 Personen erlaubt. Während Kritiker im In- und Ausland angesichts der relativ vielen Todesfälle warnend den Finger heben, ist das Land im Norden Europas zum Vorbild für Menschen geworden, die die Beschränkungen in ihren Ländern für überzogen halten.

Allerdings räumte selbst Anders Tegnell, Schwedens Chef-Epidemiologe Anfang Juni ein, dass das schwedische Vorgehen nicht ohne Fehler gewesen sei. Es seien zu viele Schweden zu früh gestorben, sagte Tegnell im Interview mit dem Schwedischen Rundfunk. Diese bis dato ungewohnt selbstkritischen Worte von jenem Mann, der die schwedische Strategie maßgeblich zu verantworten hat, überraschten viele.

Der erste Fall in Schweden wurde am 31. Januar gemeldet. Es handelte sich um eine junge Frau in Jönköping, die von einer Reise aus Wuhan zurückgekehrt war. Sie wurde am 4. März als geheilt entlassen. Insgesamt zählte das Land bis Ende Mai mehr als 36.000 Infizierte und mehr als 4.000 Tote - weit mehr als etwa die Nachbarländer Dänemark, Norwegen und Finnland.

Die schwedische Herangehensweise sorgt bei anderen Ländern für Unbehagen. Deshalb zögern viele europäische Länder und vor allem die Nachbarn, ihre Grenzen für Schweden zu öffnen. Gewissheit darüber, wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind und waren, gibt es nicht, denn das Land hat nur in geringem Umfang getestet. Zwar wurde Anfang April von der Regierung gefordert, 100.000 Tests pro Woche durchzuführen. Ende Mai waren es jedoch nicht einmal 30.000.

In Zusammenhang mit der schwedischen Strategie wird viel von Herdenimmunität gesprochen. Die Gesundheitsbehörde hat zwar von Beginn an erklärt, dass diese nicht das offizielle Ziel sei, im Laufe der Wochen wurde sie jedoch immer wieder in sehr unterschiedlichen Schätzungen erwähnt.

Problematisch ist vor allem die hohe Rate von älteren Menschen, die an Covid-19 sterben. Laut offiziellen Angaben sind 90 Prozent der Verstorbenen mehr als 70 Jahre alt. Dies hängt mit immer wieder dokumentierten mangelhaften Verhältnissen in Altenheimen und bei Pflegediensten sowie der eingeschränkten medizinischen Versorgung alter Menschen zusammen. Was die Wirtschaft betrifft, so ist die Situation trotz der lockeren Schutzmaßnahmen angespannt. Die Konjunktur ist eingebrochen und die Arbeitslosigkeit auf 8,6 Prozent gestiegen. Dies hängt vor allem mit einer hohen Exportabhängigkeit des Landes zusammen. Auch Hotels und Gaststätten mussten Einbußen hinnehmen.

28. Mai, Stockholm: Tanzende Menschen am Hornsbergs Strand. (© picture-alliance)