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Wie revolutionär war die Unabhängigkeitserklärung? | 250 Jahre USA | bpb.de

250 Jahre USA Editorial Wie revolutionär war die Unabhängigkeitserklärung? Über die Demokratie in Amerika, 250 Jahre später Kampf um die amerikanische Verfassung. Die Federalist Papers als Gründungsdokument einer inzwischen gefährdeten Demokratie Leben im Überfluss. Vom Streben nach Glück in der amerikanischen Demokratie E Pluribus Unum? Anmerkungen zur Frage nach der amerikanischen Identität Politik des Semiquincentennial. Trumps Kulturkampf um die Geschichte Von der Monroe- zur „Donroe“-Doktrin? Souveränismus in der US-amerikanischen Außenpolitik

Wie revolutionär war die Unabhängigkeitserklärung?

Charlotte A. Lerg

/ 18 Minuten zu lesen

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 war weniger Endpunkt als Eskalationsstufe der Revolution. Trotz inhärenter Widersprüche bargen sowohl der Deklarationsakt selbst als auch die artikulierten Ideale eine emanzipatorische Sprengkraft, die bis heute wirkt.

Die Unabhängigkeitserklärung der nordamerikanischen Kolonien von Großbritannien gilt heute als Schlüsseldokument der amerikanischen Revolution. Nicht der 21. Juni 1788, als die Verfassung ratifiziert wurde, wird deshalb als Gründungsmoment gefeiert, sondern der 4. Juli 1776.

Allerdings war die Erklärung der Unabhängigkeit weniger der lang angestrebte Endpunkt eines revolutionären Freiheitskampfes als vielmehr eine Eskalationsstufe innerhalb eines längeren Prozesses, in dem die Option, sich von London loszusagen, lange gar nicht zur Debatte stand. Nachdem die Unabhängigkeit dann erklärt war, musste sie noch in einem fast acht Jahre andauernden Krieg erkämpft werden. In diesem Sinne könnte man das 1776 verabschiedete Dokument am ehesten als Absichtserklärung, vielleicht auch als Kampfansage verstehen. Gleichzeitig aber bargen sowohl der konkrete Akt, sich unabhängig zu erklären, als auch die heute viel zitierte Präambel klar revolutionäres Potenzial. Letztlich waren es gerade die abstrakten Ideale, denen die Unabhängigkeitserklärung Ausdruck verlieh, die sie zu einem Ur-Dokument des amerikanischen Selbstverständnisses werden ließen: Gleichheit und unveräußerliche Rechte, zu denen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören, Volkssouveränität sowie das Recht – wenn nicht gar die Pflicht –, eine Regierung, die nicht zum Wohle der Regierten handelt, zu stürzen. Allerdings variierten Auslegung und Gewichtung dieser Hauptprinzipien im Laufe der vergangenen 250 Jahre beträchtlich.

Gefeiert als Manifestation des aufklärerischen Denkens, weist der Text allerdings auch genau jene Ambivalenzen auf, die als inhärente Schattenseiten eines Weltbilds gelten, das von eurozentrischen und zum Teil rassistischen Prämissen ausging. Die Unabhängigkeitserklärung ist damit eines jener historischen Dokumente, deren Eigenleben für Historiker und Historikerinnen eine besondere Herausforderung bedeutet. Der Blick auf den historischen Entstehungskontext, vor allem die Hauptautorenschaft des Sklavenhalters Thomas Jefferson, scheint die hehren Ideale zu untergraben, die hier postuliert wurden. Hinzu kommt die geradezu kultische Verehrung als Gründungsdokument und die damit allzu oft einhergehende nationalistische Instrumentalisierung, die das exzeptionalistische Selbstverständnis der USA zu bestätigen sucht. Fokussiert man aber die Rezeption, Nutzung und diskursive Funktion des Textes bis in die Gegenwart hinein, ist die emanzipatorische Wirkmacht nicht von der Hand zu weisen. Eine Geschichte der Unabhängigkeitserklärung muss folglich sowohl die historischen Umstände der Entstehung und ihre unmittelbare Bedeutung ins Auge fassen, als auch die verschiedenen Interpretationen und Nutzungskontexte, die später folgten.

… a long train of abuses …

Mehr als zehn Jahre lang schwelte der Konflikt zwischen Großbritannien und den dreizehn nordamerikanischen Kolonien, bevor die Kolonisten – und vereinzelte Kolonistinnen – begannen, ernsthaft von Unabhängigkeit zu sprechen. Die zweite Hälfte der 1760er Jahre war von einem steten Ringen mit dem Mutterland geprägt. Verkompliziert wurde die Konstellation durch wiederholte Machtwechsel in Westminster. Immer neue Regierungsprogramme für die Kolonien wurden erlassen, die alle auf eine effektivere Umsetzung bestehender Handelsregelungen abzielten und dazu neue Steuergesetzgebungen und Zollverordnungen einführten. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) hatte die Briten einiges gekostet, und nun hoffte man, mit Ressourcen aus dem Empire die Staatskassen wieder zu füllen. Für die politischen Eliten in den Kolonien ging es aber spätestens seit dem Stamp Act von 1764, der Abgaben auf die Nutzung von Papier für offizielle und kommerzielle Zwecke einführte, nicht mehr nur um Handel und Steuern, sondern mehr und mehr um Fragen der Selbstverwaltung und Repräsentation. Sie begannen, nicht nur ihre wirtschaftliche, sondern auch ihre politische Position im britischen Empire zu hinterfragen, und wollten ihre Rechte als Engländer (Rights of Englishmen) respektiert wissen. Die britische Denktradition, aus der sich diese Vorstellung speiste, ging zurück auf die Magna Charta von 1215 und die damit verbrieften Beschränkungen der absoluten Macht des Königs. Im Vergleich zu den anderen zeitgenössischen Monarchien, etwa dem absolutistischen Frankreich, galt Großbritannien als fortschrittlich und freiheitlich. Zu den Rights of Englishmen gehörten juristische Garantien für das Individuum sowie das Recht auf politische Repräsentation. Auch wenn das Partizipationsrecht faktisch nur einem verhältnismäßig kleinen Anteil der Gesellschaft zustand, war es in den Charta-Dokumenten der einzelnen Kolonien offiziell auch den Untertanen der britischen Krone in Amerika garantiert worden. Sich auf diese Tradition berufend, verwahrten sich die Kolonisten mit dem inzwischen berühmt gewordenen Slogan „no taxation without representation“ gegen jegliche Steuerprogramme, bei denen sie nicht mitentschieden hatten.

Die Proteste der 1760er Jahre schufen in verschiedener Hinsicht die Voraussetzungen für den Schritt in die Unabhängigkeit, auch wenn sie darauf nicht dezidiert abzielten. Zum einen wurden durch sie auch jene Teile der Bevölkerung sensibilisiert, die bis dahin wenig Anlass gehabt hatten, sich für die Feinheiten des politischen Gefüges zu interessieren. Zum anderen begannen sich die Kolonien untereinander besser zu vernetzen. Ein Boykott britischer Waren, wie er etwa im Mai 1769 erklärt wurde, konnte nur funktionieren, wenn alle sich beteiligten. Gruppen wie die Sons of Liberty koordinierten Demonstrationen, symbolträchtige Sabotageaktionen und politische Umzüge, die oft jahrmarktähnlich anmuteten. Auch hier konnte man an britische Traditionen anknüpfen, insbesondere an die anti-katholischen Umzüge mit Strohpuppen, Musik und Schauspiel, die am Guy Fawkes Day üblich waren und durchaus Massen mobilisierten.

Boston, einer der wichtigsten Häfen und eines der wenigen Zentren, die im Kontext der damaligen Zeit als urban gelten konnten, war eine Hochburg der Proteste. Hier gab es im März 1770 die ersten Toten: 1767 hatte das britische Parlament angesichts der Widerstände in Nordamerika eine Zollbehörde für die Kolonien eingerichtet und diese in Boston angesiedelt. Bei einem Zusammenstoß zwischen britischen Soldaten, die hier Wache standen, und einigen Bostoner Hafenarbeitern lösten sich Schüsse, fünf Kolonisten starben. Die Nachricht von ihrem Tod wurde von den Sons of Liberty mit Flugblättern und Zeitungsartikeln weit über Massachusetts hinaus verbreitet. Der Vorfall ging in der von ihnen propagierten Terminologie als „Boston Massacre“ in die Geschichte ein. Gleichzeitig zeigten sich im Nachgang des Ereignisses die divergierenden Sichtweisen auf die Situation in den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Während die Sons of Liberty, überwiegend Handwerker und Kaufleute aus der Mittelschicht, auf öffentlichkeitswirksame und gezielt disruptive Aktionen setzten, sahen die Eliten die Straßenproteste zwiespältig. Einerseits war deren Effekt deutlich erkennbar, andererseits aber witterten sie in den Ausschreitungen sozialen Sprengstoff für eine politische Umwälzung, die ihnen nicht geheuer war. Einige fühlten sich abgestoßen von der zerstörerischen Wut, die sich oft gegen Privateigentum richtete, andere waren befremdet, dass Frauen und freie Schwarze mitdemonstrierten. In ihren Augen verhieß Derartiges den gesellschaftlichen und moralischen Verfall. Als sich aber der Disput mit Großbritannien weiter verschärfte und das Parlament in Westminster in Reaktion auf die im Dezember 1773 von den Sons of Liberty orchestrierte Boston Tea Party die sogenannten Coercive Acts erließ, die die in den kolonialen Charter-Verträgen garantierten Rechte aufhoben, wurde auch der Ton in den Lokalversammlungen radikaler.

… to alter or to abolish …

Im September 1774 wurde der erste Kontinentalkongress einberufen, bei dem Vertreter aller Kolonien zusammenkommen sollten, um gemeinsam die nächsten Schritte zu diskutieren. Noch plädierte die Mehrheit dafür, weiterhin zu versuchen, London durch Petitionen an den König und das Androhen weiterer Boykotte zum Einlenken zu bewegen. Gerade Kolonien wie New York, die besonders vom Handel im Empire profitierten, blieben zögerlich. Ende Oktober vertagte sich der Kongress auf das kommende Jahr. Die folgenden Monate brachten dann den Umschwung. In Massachusetts, wo im Zuge der Coercive Acts die Lokalversammlung aufgelöst und große britische Truppenkontingente stationiert worden waren, erhielten die Sons of Liberty Zulauf. Sie machten keinen Hehl daraus, dass sie bereit waren, sich gegebenenfalls auch mit Gewalt ihr Recht zu verschaffen. Allerdings galt es, Zurückhaltung zu üben, um nicht das unterstützende Wohlwollen der anderen Kolonien aufs Spiel zu setzen. Im Kontinentalkongress war die Vereinbarung getroffen worden, dass man sich im Falle eines militärischen Übergriffs der Briten gemeinsam zur Wehr setzen würde, allerdings nur defensiv. Es blieb also zunächst bei demonstrativen Probe-Manövern der Miliz auf dem Bostoner Stadtanger, während Gerüchte von Waffenlagern die Runde machten. Im April 1775 erhielt der britische Militärgouverneur Thomas Gage von seinen Vorgesetzten in London den Auftrag, die Militarisierung zu unterbinden und die in den Ortschaften Lexington und Concord nahe Boston vermuteten Waffenlager auszuheben. Statt des geplanten raschen Zugriffs kam es jedoch zu mehreren Gefechten. Die lokale Miliz war gewarnt worden, hatte die Waffenlager geräumt und sich den britischen Truppen entgegengestellt. Die Briten zogen sich nach Boston zurück, während sich um die Stadt herum in den folgenden Wochen die Milizen der umliegenden Regionen und Kolonien sammelten. Als der Kontinentalkongress im Mai 1775 zum zweiten Mal zusammentrat, hatten sich die Ausgangsbedingungen damit grundsätzlich verändert.

Die Situation um Boston glich einer Belagerung, die jedoch unkoordiniert war und zu kippen drohte. Hygiene und Versorgung waren unzureichend, und Krankheiten begannen sich zu verbreiten. Der Kongress sah sich gezwungen, als Quasi-Regierung zu handeln. Ein erster Schritt war die Schaffung der Kontinentalarmee im Juni 1775 und die Bestellung George Washingtons zum Oberbefehlshaber. Im Juli folgten zwei in ihrer Ausrichtung widersprüchliche Amtshandlungen, die die ambivalente Stimmung im Kongress deutlich machen: Zunächst sandte man eine weitere Petition an den König, die ihn der kolonialen Loyalität versicherte und um ein friedliches Einlenken ansuchte. Zeitgleich allerdings wurde eine Erklärung verabschiedet, die offiziell den Griff zu den Waffen rechtfertigte. Die militärischen Auseinandersetzungen setzten sich unterdessen fort. Mit der Eroberung von Fort Ticonderoga am Ufer der großen Seen wollten sich die Amerikaner nach Norden absichern. Sie erbeuteten zudem britische Kanonen und Munitionsvorräte, die einen Überraschungsangriff auf das belagerte Boston ermöglichten (Battle of Bunker Hill im Juni 1775). Den britischen Truppen gelang es, die Stadt zu halten, allerdings nur unter großen Verlusten. Im Winter folgte ein erfolgloser Präventivschlag der Kontinentalarmee gegen die Briten in Quebec. Westminster reagierte mit einer Seeblockade und begann, Söldnertruppen in verschiedenen deutschen Kleinstaaten und Königreichen, darunter Hessen-Kassel, anzuwerben. Der Krieg hatte begonnen, aber er wurde erst 1776 zu einem Unabhängigkeitskrieg.

Im Herbst 1775 erreichte die Kolonien die Nachricht, dass der König die Vorgänge in Nordamerika nun offiziell zu einer Rebellion erklärt hatte. Während sich unter den Protestierenden lange Zeit die Überzeugung gehalten hatte, dass das britische Parlament und nicht der Monarch für die Drangsalierung der Kolonien verantwortlich gewesen sei, richtete die Aufmerksamkeit sich nun verstärkt auf George III. als anmaßendes Staatsoberhaupt. Prominente Staatstheoretiker der Zeit wie Thomas Hobbes oder John Locke, deren Texte auch in den Kolonien zirkulierten, hatten postuliert, dass ein König seinen Untertanen gegenüber bestimmte Pflichten habe. Kam er diesen nicht nach oder überschritt er seine Machtbefugnisse, konnte ein Aufbegehren als gerechtfertigt gelten. Diese Argumentation erhielt Momentum, als am 9. Januar 1776 das Pamphlet „Common Sense“ von Thomas Paine veröffentlicht wurde, das in seinen mehr als 20 Auflagen zum erschwinglichen Preis von nur 2 Schilling eine unglaubliche Reichweite entfaltete. Paine, der selbst erst kurz zuvor aus England in die Kolonien gekommen war, gelang es, die politischen Ideen auch einem weniger belesenen Publikum verständlich zu machen. Er legte dar, was sich der König in seinen Augen alles hatte zuschulden kommen lassen, und forderte in der Konsequenz nicht nur die Unabhängigkeit von Großbritannien, sondern auch die Errichtung einer Republik. In den folgenden Monaten wurde auch im Kontinentalkongress immer offener über eine mögliche Unabhängigkeit gesprochen. Einige Abgeordnete erhielten von ihren Lokalversammlungen Instruktionen in diese Richtung, andere blieben jedoch skeptisch. Anfang Juni 1776 dann stellte Richard Henry Lee aus Virginia den Antrag, alle Verbindungen mit Großbritannien offiziell und dauerhaft zu lösen.

… a unanimous declaration …

Der Prozess, den Lees Resolution in Gang setzte, begann mit der Einberufung eines Komitees, das einen ersten Entwurf für eine offizielle Erklärung ausarbeiten sollte, während die Abgeordneten sich von den Lokalversammlungen in ihren Heimatkolonien mit dem Mandat ausstatten ließen, einem derart monumentalen Schritt zuzustimmen. Ein Beschwerdekatalog gegen den britischen König war in diesem Kontext von zentraler Bedeutung: Siebenundzwanzig Anklagepunkte zielten darauf ab, George III. der Tyrannei zu überführen. Einige bezogen sich direkt auf konkrete Gesetze der vorangegangenen Jahre wie die Coercive Acts, andere prangerten grundsätzliche Verstöße gegen die Schranken des Rechts an. Die Aufzählung der Vergehen, die in ähnlicher Form bei Thomas Paine zu lesen war, diente dazu, die Notwendigkeit des radikalen Vorgehens zu rechtfertigen. Der anklagende Teil der Unabhängigkeitserklärung war damit eng an den Zeitkontext gebunden und verlor mit der abstrahierenden Kanonisierung, die später erfolgte, schnell an Bedeutung. Das zugrundeliegende Prinzip aber, dass gegen eine ungerechte Regierung Widerstand zu leisten sei, findet auch in der Präambel prominenten Ausdruck. Das Revolutionäre der anti-monarchischen Stoßrichtung, hinter der sich letztlich eine anti-autokratische Überzeugung verbarg, wurde erst jüngst in den „No Kings“-Protesten gegen die Regierungsführung Donald Trumps wieder aufgegriffen.

Ende Juni 1776 präsentierte das sogenannte Committee of Five, bestehend aus Thomas Jefferson, John Adams, Benjamin Franklin, Roger Sherman und Robert R. Livingston, dem Kongress ihren Entwurf, der am 1. Juli bis in die Abendstunden im Plenum debattiert und früh am 2. Juli zur Abstimmung gestellt wurde. Zwölf der dreizehn Kolonien stimmten sofort für die Unabhängigkeit. Die Delegation aus New York enthielt sich vorerst, weil sie noch kein eindeutiges Mandat erhalten hatte. Der genaue Wortlaut der Erklärung wurde noch weitere zwei Tage ausgehandelt, und am Abend des 4. Juli 1776 verließen die ersten 200 Exemplare John Dunlaps Druckerei in Philadelphia. Erst als am 9. Juli auch New York zugestimmt hatte, konnte das Wort „einstimmig“ (unanimous) in den Titel eingefügt werden, das in den frühen Versionen noch fehlte.

In der politisch fragilen Situation war es wichtig, dass die Erklärung letztlich einstimmig verabschiedet wurde. Neben der Einigkeit der vertretenen Kolonien ging es auch um ein gemeinsames Kriegsziel für die von Boykotten und Militärpräsenz betroffene Bevölkerung und die gerade aus der Taufe gehobene Kontinentalarmee. Deren frisch berufener Oberbefehlshaber George Washington ließ die Truppen in Formation aufziehen und die Unabhängigkeitserklärung feierlich verlesen. Die Zivilbevölkerung wiederum hörte den Text etwa von der Kanzel nach der sonntäglichen Predigt oder deklamiert auf dem örtlichen Marktplatz. In einigen der erhaltenen frühen Drucke sind Betonungen und Pausen für den effektvollen Vortrag markiert. Wer konnte, las den Text selber in Zeitungen oder auf Anschlägen in Tavernen und Geschäften. Die erste deutsche Übersetzung erschien wenige Tage später im „Pennsylvanischen Staatsboten“.

Ende Juli folgte eine kalligrafische Ausfertigung auf Pergament, wie es sich im 18. Jahrhundert für ein offizielles Dokument gehörte. Dieses Vorgehen verweist darauf, dass man die Unabhängigkeitserklärung als Staatsakt verstanden wissen wollte. Neben der Rechtfertigung des Aufbegehrens ging es auch darum, sich auf der internationalen Bühne Spielraum zu verschaffen. Anträge einzelner Abgeordneter, Frankreich oder die Niederlande um Unterstützung gegen Großbritannien zu ersuchen, waren bis Ende 1775 im Kongress immer wieder mit Verweis auf die Verpflichtung zum Mutterland abgeschmettert worden. Auch hier zeigt sich deutlich, dass es bis dahin gerade nicht das Ziel gewesen war, unwiderruflich mit London zu brechen. Diese Verbindlichkeit war nun jedoch mit feierlichen Worten aufgekündigt.

Der letzte Absatz des Textes, der konstatierte, dass die vereinigten Kolonien von nun an freie und unabhängige Staaten seien, orientierte sich an den zeitgenössischen Vorstellungen von Völkerrecht und Souveränität, wie sie allen voran der Völkerrechtler Emer de Vattel 1758 in seinem Werk „Le droit des gens“ beschrieben hatte. Der radikale Schritt musste zugleich den anderen Nationen gegenüber gerechtfertigt werden. Trotz ihrer Rivalität mit Großbritannien waren etwa Frankreich und Spanien schließlich selbst Kolonialreiche und mussten den autonomen Deklarationsakt der Kolonien als Bedrohung der etablierten Ordnung wahrnehmen. Während heute also vor allem auf die Präambel der Unabhängigkeitserklärung rekurriert wird, auf das Gleichheitspostulat und die unveräußerlichen Rechte, ging es 1776 zunächst primär um Einigkeit nach innen und Legitimität nach außen.

… that all men are created equal …

In der Beschäftigung mit dem Text der Unabhängigkeitserklärung drängt sich unweigerlich eine Frage besonders auf: Wie konnten Thomas Jefferson und seine Mitstreiter selbstbewusst postulieren, dass „alle Menschen gleich erschaffen“ seien, während sie zugleich, offenbar ohne jede Skrupel, schwarze Menschen versklavten? Auch die indigene Bevölkerung Nordamerikas scheint nicht Teil des universalistischen Menschenbildes gewesen zu sein. Die vielfältigen indigenen Kulturen und Gesellschaften werden sogar als „erbarmungslose Wilde“ (merciless savages) der eigenen christlichen, vermeintlich aufgeklärten Identität gegenübergestellt. Waren die Autoren der Unabhängigkeitserklärung im Sinne des dominanten zeitgenössischen Weltbildes verblendet? Sprachen sie Sklaven und Indigenen das Menschsein ab?

In wohlwollenden Analysen wird bis heute argumentiert, dass es sich um die Artikulation eines Ideals gehandelt habe, das es nicht als Fakt, sondern als angestrebtes Ziel zu interpretieren gelte. Dem entgegen steht jedoch der Anfang des Satzes, der diese Gleichheit als „self-evident truth“ einführt und sie mit dem Zeitpunkt der Erschaffung des Menschen verknüpft. Zusätzlich erschwert wird eine klare Einordnung durch die Überlieferung eines ersten Entwurfs der Unabhängigkeitserklärung aus der Feder Jeffersons, in der auch die Einführung der Sklaverei als „war against human nature itself“ dem englischen König zur Last gelegt wird. Erlagen die Mitglieder des Committee of Five also vielleicht dem, was man heute als kognitive Dissonanz bezeichnen würde, sodass sie den klaffenden Gegensatz zwischen ihren Worten und ihren Taten nicht wahrnahmen? Der Versuch, den Widerspruch durch Historisierung aufzuheben, wird problematisch, wenn man bedenkt, dass die sogenannten Gründerväter in den Augen der Nachwelt zu moralischen Autoritäten geworden sind. Gleichzeitig wird es letztlich unmöglich bleiben, die moralischen Ansprüche mit den historischen Realitäten zu vereinbaren.

Die Unabhängigkeitserklärung damit grundsätzlich zu verwerfen, wäre jedoch voreilig, denn ungeachtet der tatsächlichen oder vermeintlichen Weltsicht ihrer Verfasser entwickelte sich gerade aus der Formulierung des Gleichheitspostulats ein nicht zu unterschätzendes emanzipatorisches Potenzial. 1976 trug der Historiker Philip S. Foner mehr als 25 „alternative declarations“ unterschiedlicher Gruppen aus dem 19. und 20. Jahrhundert zusammen, die die Wirkmächtigkeit des Postulats unterstreichen. Foners Quellensammlung erschien zu einer Zeit, als im Kontext der Zweihundertjahrfeierlichkeiten zur Unabhängigkeit Vertreter und Vertreterinnen der neuen Sozialgeschichte das radikale Potenzial des Gründungsdokuments wiederzubeleben suchten. Im Kontext des Kalten Krieges hatte sich eine konservative Auslegung der Staatsgründung durchgesetzt, die den Interpretationsrahmen dominierte und dauerhaft prägte. Insbesondere in Abgrenzung zum Kommunismus hatte man das „Streben nach Glück“ als individualistisches Freiheitsverständnis ausgelegt, das im Sinne des britischen Liberalismus die Grundlage kapitalistischer Entfaltung bot.

In der Bürgerrechtsbewegung, der New Left und der counterculture hingegen konnte sich die emanzipatorische Auslegung halten – nicht zuletzt, weil sie auf eine lange Tradition bis ins späte 18. Jahrhundert zurückgreifen konnte. Schon wenige Monate nach der ersten Veröffentlichung der Unabhängigkeitserklärung hatte der Geistliche Lemuel Haynes ein Traktat verfasst, das die Präambel beim Wort nahm. Als freier Schwarzer hatte er bereits in der Miliz bei Concord gekämpft und insistierte nun, dass die in der Unabhängigkeitserklärung formulierten Rechte nicht nur für Weiße galten. Haynes begründete damit einen Argumentationsduktus, den sich die verschiedenen Reformbewegungen zu eigen machten. Die frühe US-Frauenbewegung setzte 1848 mit der „Declaration of Sentiments“ ihre eigene Erklärung auf, die in Wortlaut und Aufbau das Vorbild von 1776 nachahmte, aber die Frauen explizit inkludierte. Der Abolitionist Frederick Douglass mahnte in einer Festrede zum Unabhängigkeitstag 1852, dass der 4. Juli ein weißer Feiertag bleibe, der das Land spalte, solange das Gleichheitspostulat nicht Realität würde. Martin Luther King Jr. klang zwar versöhnlicher, als er 1963 von seinem Traum sprach, forderte aber ebenfalls unmissverständlich, dass das Versprechen von 1776 endlich eingelöst werde.

Indem das Gründungsdokument immer wieder als Messlatte an die amerikanische Gesellschaft angelegt wird, lässt sich die tief verwurzelte Ungleichheit aufzeigen, um mit aller Dringlichkeit Veränderungen zu fordern. Je fester die Unabhängigkeitserklärung als Prinzipienerklärung im Nationalbewusstsein verankert war, desto effektiver konnte sie als Grundlage für Gleichheitsbestrebungen ins Feld geführt werden. Selbst die afroamerikanische Journalistin Nikole Hannah-Jones, die mit ihrem „1619 Project“ den Gründungsmythos von 1776 grundsätzlich infrage stellte, räumte inmitten der Black-Lives-Matter-Bewegung ein, dass die afroamerikanische Bevölkerung – obgleich ihr die Rechte und Freiheiten immer wieder verwehrt worden waren – stets voller Inbrunst an das Gründungsversprechen, den „American Creed“, geglaubt und dafür gekämpft hat.

… new guards for their future security …

Angesichts des exzeptionalistischen und selbstbewussten Auftretens der USA, die sich allenthalben als Vorbild für Freiheit und Fortschritt zu inszenieren verstanden, gilt es, Vorsicht walten zu lassen, wenn es darum geht, die globale Bedeutung der Unabhängigkeitserklärung darzulegen.

Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die nur wenige Jahre später im Kontext der Französischen Revolution in die Welt trat, übertraf zweifellos die Strahlkraft der Präambel der Unabhängigkeitserklärung, auch wenn beide Dokumente in verwandten aufklärerischen Traditionslinien zu verorten sind. Anders verhält es sich mit der Modellfunktion des Textes von 1776 für Unabhängigkeitsbestrebungen weltweit. Der Historiker David Armitage identifizierte mehr als 100 Unabhängigkeitserklärungen in den folgenden zwei Jahrhunderten, von Argentinien bis Korea, von Ungarn bis Indien. Auch wenn es sich dabei keineswegs immer um direkte Nachahmungen handelte – allein schon deshalb nicht, weil die historischen Umstände sich meist fundamental unterschieden –, orientierte sich die Legitimierungslogik gleichwohl an der Vorgehensweise der vereinigten amerikanischen Kolonien. Auch hier wurde in offiziellen Erklärungen die internationale Anerkennung des selbstgewählten Wegs in die staatliche Autonomie gefordert. Ähnlich, wie das emanzipatorische Potenzial der Präambel immer wieder aufs Neue mobilisiert werden konnte, vermochte das revolutionäre Format „Unabhängigkeitserklärung“ in späteren Reinkarnationen das Ursprungsdokument an antiimperialer Stoßkraft weit zu übertreffen. Zuweilen verursachte die Radikalität, die sich im Rekurs auf ihr Erbe verbarg, den USA selbst beträchtliches Unbehagen – international, etwa in Haiti 1803 oder in Vietnam 1945, aber auch im eigenen Land.

Wie revolutionär die Unabhängigkeitserklärung tatsächlich war, zeigt sich nicht zuletzt im Vergleich mit dem anderen zentralen US-amerikanischen Gründungsdokument, der Verfassung. Beide unterscheiden sich beträchtlich in ihrer politisch-ideologischen Ausrichtung, auch wenn sie häufig in einem Atemzug genannt werden. Zwar setzte auch die Verfassung mit der Etablierung von Gewaltenteilung und Volkssouveränität ein klares Zeichen im Sinne eines neuen Staatsdenkens, doch gleichzeitig zielte sie darauf ab, die in der Revolution freigesetzten Kräfte des sozialen Wandels einzuhegen. Während die Unabhängigkeitserklärung die Zustimmung der Regierten als Conditio sine qua non forderte, traf die Verfassung Vorkehrungen gegen zu viel demokratische Teilhabe; das Gleichheitspostulat wurde durch die sogenannte Drei-Fünftel-Klausel (Three-Fifth Clause) nun offiziell ausgehebelt. Die Repräsentationsmodalitäten für den Kongress garantierten den Südstaaten einen Machtüberfluss, mit dem sie das System der Sklaverei in den folgenden Jahrzehnten nicht nur bewahren, sondern sogar ausbauen konnten. Erst der Bürgerkrieg (1861–1865) vermochte diese strukturelle Konstruktion aufzubrechen. Aber selbst die Zusatzartikel, die nach Kriegsende den Afroamerikanern Bürgerrechte verliehen, wurden aufgrund der föderalen Struktur so zögerlich umgesetzt, dass es noch fast 100 Jahre dauerte, bis die Bürgerrechtsbewegung bundesweite gesetzliche Garantien durchsetzen konnte und die Rechte auch für Afroamerikanerinnen und -amerikaner galten.

Die nationale Kanonisierung der Unabhängigkeitserklärung an der Seite der Verfassung trug mit dazu bei, dass ihr radikaler Charakter verblasste. Lenkt man den Blick aber auf das Dokument von 1776 jenseits des kultischen Gründungsmythos, zeigt sich seine revolutionäre Sprengkraft, die gerade in dem dialektischen Spannungsverhältnis zwischen der historischen Realität und den proklamierten Idealen liegt.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Zu den Debatten und Denktraditionen vgl. Alan Gibson, Interpreting the Founding. Guide to the Enduring Debates Over the Origins and Foundations of the American Republic, Lawrence 2006; Gwenda Morgan, The Debate on the American Revolution, Manchester 2007.

  2. Vgl. Linda Kerber, Women of the Republic. Intellect and Ideology in Revolutionary America, Chapel Hill 1980.

  3. Vgl. Adrian Randall, Riotous Assemblies. Popular Protest in Hanoverian England, Oxford 2006; Peter C. Messer, Stamps and Popes. Rethinking the Role of Violence in the Coming of the American Revolution, in: Patrick Griffin et al. (Hrsg.), Between Sovereignty and Anarchy. The Politics of Violence in the American Revolutionary Era, Charlottesville 2015, S. 114–138.

  4. Vgl. ausführlich Charlotte A. Lerg, Die Amerikanische Revolution, Tübingen 2022.

  5. Vgl. Jack P. Greene/Jack R. Pole (Hrsg.), A Companion to the American Revolution, Oxford 2000, darin bes. David L. Ammerman, The Crisis of Independence, S. 206–215; Rebecca Starr, Political Mobilization, 1765–1776, S. 222–229 und Ronald Hamowy, The Declaration of Independence, S. 258–261.

  6. Vgl. John Bidwell, The Declaration in Script and Print. A Visual History of America’s Founding Document, University Park 2024, S. 28.

  7. Vgl. ebd., S. 31.

  8. Vgl. Deutsches Historisches Museum Berlin, Magazin 10/1994.

  9. Vgl. Bidwell (Anm. 6), S. 35.

  10. Vgl. David Armitage, The Declaration of Independence. A Global History, Cambridge 2007, S. 40–42.

  11. Einen Überblick über die verschiedenen Interpretationsansätze bietet Alan Gibson, How Could They Have Done That? Slavery and the Question of Moral Responsibility, in: ders., Understanding the Founding. The Crucial Questions, Lawrence 2010, S. 160–230.

  12. Vgl. Pauline Maier, American Scripture. Making the Declaration of Independence, New York 1998, S. 120–122.

  13. Philip S. Foner (Hrsg.), We, the Other People. Alternative Declarations of Independence by Labor Groups, Farmers, Woman’s Rights Advocates, Socialists, and Blacks, 1829–1975, Urbana 1976.

  14. Vgl. Michael D. Hattem, The Memory of ’76. The Revolution in American History, New Haven 2024, S. 214–220.

  15. Vgl. ebd., S. 59–71, S. 225–229.

  16. Vgl. Ruth Bogin, Liberty Further Extended. A 1776 Antislavery Manuscript by Lemuel Haynes, in: The William and Mary Quarterly 1/1983, S. 85–105.

  17. Vgl. Nikole Hannah-Jones, Our Democracy’s Founding Ideals Were False When They Were Written. Black Americans Have Fought to Make Them True, 14.8.2019, Externer Link: https://www.nytimes.com/interactive/2019/08/14/magazine/black-history-american-democracy.html.

  18. Vgl. Armitage (Anm. 10), S. 107–109.

  19. Vgl. ebd.

  20. Diese Klausel legte fest, dass die schwarze Bevölkerung nur zu drei Fünfteln zu zählen war, wenn es um die Festlegung repräsentativer Quoten ging. Sie wurde erst 1868 mit dem 14. Ergänzungsartikel, der Afroamerikanern das volle Bürgerrecht gewährte, abgeschafft.

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ist Professorin für nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie forscht zu den USA, Kanada und den transatlantischen Beziehungen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Ihr Buch „Die Amerikanische Revolution“ (UTB) geht 2026 in die 3. Auflage.