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Leben im Überfluss. Vom Streben nach Glück in der amerikanischen Demokratie | 250 Jahre USA | bpb.de

250 Jahre USA Editorial Wie revolutionär war die Unabhängigkeitserklärung? Über die Demokratie in Amerika, 250 Jahre später Kampf um die amerikanische Verfassung. Die Federalist Papers als Gründungsdokument einer inzwischen gefährdeten Demokratie Leben im Überfluss. Vom Streben nach Glück in der amerikanischen Demokratie E Pluribus Unum? Anmerkungen zur Frage nach der amerikanischen Identität Politik des Semiquincentennial. Trumps Kulturkampf um die Geschichte Von der Monroe- zur „Donroe“-Doktrin? Souveränismus in der US-amerikanischen Außenpolitik

Leben im Überfluss. Vom Streben nach Glück in der amerikanischen Demokratie

Philipp Gassert

/ 16 Minuten zu lesen

Der „Pursuit of Happiness“ ist tief im kollektiven Gedächtnis der USA verankert, er ist Teil der amerikanischen Erfolgsgeschichte. Doch wenn materieller Überfluss den Nationalcharakter prägt, wird wahrgenommene oder tatsächliche Knappheit zum politischen Problem.

1883 veröffentlichte die junge New Yorker Poetin Emma Lazarus (1849–1887) das Gedicht „The New Colossus“. Sie hatte es im Rahmen einer Werbekampagne für das mächtigste Denkmal einer freiheitlichen Willkommenskultur verfasst, das die Welt je gesehen hat. Das Denkmal sollte in den 1880er Jahren in der Hafeneinfahrt von New York errichtet werden. Es wurde zum Symbol der Vereinigten Staaten, des „amerikanischen Traums“ und des guten Lebens: die Freiheitsstatue. In ihrem Gedicht nennt Lazarus die einer antiken Göttin nachempfundene „Lady Liberty“ die „Mutter der Migranten“, deren Fackel aller Welt einen Willkommensgruß schicke. Ihr Länder der Alten Welt, rufe die kolossale Dame aus, behaltet euren Pomp: „Schickt mir stattdessen eure Mittellosen, / die Heimatlosen, hoffnungslos Zerlumpten, / vom Sturm Gebeutelten, die Abgestumpften, / die Müden, die trotzdem nach Freiheit dürsten.“

Der Koloss im New Yorker Hafen steht für das Versprechen von Freiheit und die damit verbundenen Vorstellungen von Individualismus und Selbstverwirklichung. Im 20. Jahrhundert sollte diese Vorstellung des „American Dream“ vor allem auf den Konsum von Gütern zielen; auch der Sinngehalt der rätselhaft klingenden Phrase vom „Pursuit of Happiness“ (dem „Streben nach Glück“) aus der Unabhängigkeitserklärung von 1776 hat sich schon bald nach der Revolution gewandelt. Lazarus und der Koloss aber rufen ins Gedächtnis, dass Freiheit, Gleichheit und das Streben nach Glück aufeinander bezogen sind. Lady Liberty sollte auch an die Sklavenbefreiung erinnern. Diese Botschaft ist vergessen: Die Lady schreitet aus geborstenen Ketten nach vorn, doch das harte Eisen wird durch ihr Gewand verdeckt, sodass es vom Boden her unsichtbar bleibt.

In Lazarus’ Gedicht fließen Hoffnungen auf ein gutes Leben mit der Idee der Freiheit und einer Botschaft der Antidiskriminierung zusammen, wie man heute sagen würde. Nicht nur war Lazarus’ sephardische Familie 1654 vor der portugiesisch-brasilianischen Inquisition ins heutige New York geflohen, die junge Frau hatte auch mit Schaudern über die Pogrome im Russischen Reich gelesen und ein Anwachsen des Antisemitismus in New York erlebt. Sie wollte die USA nicht als Imperium verstehen, das Menschenrechte zertrampelte und Häfen schloss wie der antike Koloss von Rhodos. Das antike Weltwunder galt ihr als Symbol europäischer Unfreiheit, dem sie den „New Colossus“ entgegenstellte: Sie feierte die Idee eines „Asyls der Menschheit“, propagierte ein offenes Land, das Chancen auf Glück für alle bot – und fürchtete zugleich das egoistische Amerika der Rassisten, das sie aus nächster Anschauung erleben konnte.

Umstrittene Symbolik

Nationalsymbole werden von vielen beansprucht und sind daher meist umkämpft. Gerne zitieren Progressive und Liberale Lazarus’ Zeilen, wenn sich, wie in den 1920er Jahren oder nach 9/11, die Waagschale hin zum Chauvinismus neigt. Während Kritiker die „Lady“ anfangs als viel zu progressiv ablehnten, ist der „neue Koloss“ heute so amerikanisch wie Burger und Cola. Er leistet gute Dienste als Referenzpunkt für Migrationsbefürworter wie Nationalisten, aber auch für Imperialisten, die Soldaten für die globale Ausbreitung der Demokratie in den Kampf verschiffen. Für US-Präsident Ronald Reagan war die Freiheitsstatue ein Symbol neuer Stärke. Anhänger der „America First“-Doktrin wiederum wollen sie vor Vereinnahmung durch woke Kunst schützen – in der Version der Malerin Kat Rodriguez trägt die Lady statt der Fackel Tomaten, um gegen die schlechte Behandlung von Landarbeitern zu demonstrieren.

Lady Liberty, ein Geschenk der Französischen Republik zum 100. Jahrestag des 4. Juli 1776 und erst mit einem Jahrzehnt Verspätung in einer lieblosen Zeremonie eingeweiht, bewacht seit 1886 den historisch wichtigsten Eingangspunkt in die USA. Bis 1954 begrüßte sie zwölf Millionen künftige Amerikanerinnen und Amerikaner, die im benachbarten Ellis Island registriert und medizinisch untersucht wurden. Als Symbol des amerikanischen Traums unterstreicht sie, dass es in einer Demokratie immer auch darum geht, Bürgerinnen und Bürgern ein materiell gutes Leben zu ermöglichen. Dass in den USA ein besseres Leben als anderswo möglich wäre, galt lange als gesetzt. Der Aufstieg der modernen Demokratie, die im 19. Jahrhundert in den USA ihren Anfang nahm, ging auch mit einem Versprechen auf Wohlstand einher. Doch dieses Versprechen wird immer seltener eingelöst.

Im Folgenden soll es zunächst darum gehen, was die Gründerväter 1776 unter Pursuit of Happiness verstanden, bevor nach der spezifischen Verbindung von Demokratie und „Fülle“ gefragt wird, wie sie etwa in der Formel vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ als Selbst- und Fremdbild der USA aufscheint. Vor allem nach 1945 wurde die Vorstellung dominant, dass ein Leben im Überfluss (abundance) den US-Nationalcharakter definiere und das selbstverständliche „Recht auf Verschwendung“ urdemokratisch sei. Doch wehe, wenn der Motor stottert, wie etwa in den 1890er Jahren oder nach der Ölpreiskrise 1973. In einer als Schlaraffenland gemalten Demokratie wird Knappheit zum politischen Problem. Die selbstverständliche Erwartung eines konsumistisch gefassten Pursuit of Happiness ist Teil der Erklärung, warum heute radikal-populistische Konzepte verfangen und der MAGA-Nationalismus triumphiert.

„Pursuit of Happiness“: Das rätselhafte Wort von 1776

In der Welt von 1776 war es keineswegs konsensual, dass jeder seines „eigenen Glückes Schmied“ sein könne und die Regierung auf ein gutes Leben für alle verpflichtet sei. Diese Idee verfestigte sich erst allmählich und schuf ganz eigene, amerikanische Probleme. Der rätselhafte und in der Geschichte der politischen Philosophie umstrittene Begriff des Pursuit of Happiness steht nicht einfach nur für Eigentum (property), wie in Rückgriff auf den Staatstheoretiker John Locke (1632–1704) argumentiert worden ist. Dieser hatte in seinem „Second Treatise of Government“ (1689) von „life, liberty, and estate“ als natürlichen Rechten gesprochen, wobei estate das meinte, was wir heute unter Eigentum verstehen. Die US-Gründerväter kannten ihren Locke, so auch Thomas Jefferson (1743–1826), von dem der Entwurf der „Declaration of Independence“ stammte. Unter den staatstheoretisch belesenen Männern, die 1776 die Unabhängigkeit der 13 Kolonien erklärten, war Locke überaus populär.

Das „Streben nach Glück“ wurde von Jefferson und der fünfköpfigen Redaktionskommission, die das revolutionäre Dokument der Unabhängigkeitserklärung entwarf, gemeinsam mit life (dem Recht auf Leben) und liberty (der Freiheit) als selbstevidenter, göttlicher und natürlicher Anspruch an den Anfang der Erklärung gesetzt. Dadurch wurden Rechte für Bürger und Leitlinien für die Regierung etabliert, die auf die Sicherung dieser Rechte verpflichtet wurde. Dass Jefferson nicht auf die konventionelle Trias von „life, liberty, and property“ setzte, hat möglicherweise damit zu tun, dass er wegen der „Sklavenfrage“ in Bezug auf ein unveränderliches Recht auf Eigentum vorsichtig war. Obwohl er selbst Sklavenhalter war, suchte er nach Auswegen aus den damit verbundenen moralischen Dilemmata.

Das erklärt gleichwohl nicht, warum Jefferson „Pursuit of Happiness“ anstelle von „property“ setzte. Eine plausible Erklärung lautet, dass Eigentum als Voraussetzung von Glück galt und der Regierung in der klassisch republikanischen Tradition der Frühen Neuzeit die Aufgabe zufiel, dieses Glück durch den Schutz des Eigentums, aber auch auf andere Art und Weise sicherzustellen und zu befördern. 1779 erläuterte Jefferson, dass die Regierung das Streben nach Glück unterstützen könne, indem sie in öffentliche Bildung investiere. In der Unabhängigkeitserklärung verschmolzen also gemeinwohlorientierte und individualistische Doktrin. Für die Gründerväter meinte happiness durchaus Eigentum, aber eben auch immaterielle Güter wie Wissen, Weisheit und Tugend.

Diese Spannung zwischen Freiheit, dem Streben nach individuellem Glück und Gemeinwohl zieht sich durch die Geschichte des gesamten Westens, doch ist das Streben nach dem guten Leben als Teil des Gründungsmythos in den USA besonders stark ausgeprägt. Dazu gehört auch das Recht zum Verfolgen des eigenen Konsumglücks. Was diesem Glück im Wege stand, musste abgeräumt werden – egal, ob es um indigene Populationen an der Westgrenze ging, um Steuern im Interesse der Fürsorge oder um Maßnahmen zum Schutz der Umwelt. Die seit 2008 geläufige Formel „drill, baby, drill“, die für eine Steigerung der heimischen Öl- und Gasförderung wirbt, bringt Letzteres griffig auf den Punkt. Die expansionistische Doktrin der Verfügbarkeit von Ressourcen in grenzenloser Fülle wirkte so stark, dass die USA in den 1960er Jahren ihre Grenzen bis in den Weltraum zu verschieben begannen.

Hülle und Fülle: Expansionismus als Grundgesetz

Die expansionistisch-konsumistische Deutung des Strebens nach Glück ist ein universaler Mythos der Moderne, doch brachte diese Moderne in den USA besonders prägnante Erzählungen und Bilder hervor. Märchenhafte Aufstiegsgeschichten ließen sich erzählen, selbst wenn Millionen scheiterten. Doch ist am amerikanischen Traum auch etwas dran: Der Unternehmer und Milliardär Elon Musk etwa ist bekanntlich ein Eingewanderter der ersten Generation. Im heimischen Südafrika hätte er es niemals zu einem der wirkungsvollsten Innovatoren der Welt gebracht. Auch jenseits solcher Erfolgsgeschichten und deren medialer Inszenierung war es vernünftig, unter Inkaufnahme extremer Härten in die USA einzuwandern. Die Wahrscheinlichkeit, dort sein Leben zu verbessern, war schlicht höher als in anderen Ländern.

Der Historiker David Potter (1910–1971) hat zu Beginn des langen Nachkriegsbooms in seinem Buch „People of Plenty“ (1954) das „Füllhorn“ zum Sinnbild des Charakters und der nationalen Besonderheiten der USA erklärt. Zwar war sich Potter der problematischen Prämisse eines „Nationalcharakters“ bewusst, aber „Überfluss, Mobilität und Status“ (abundance, mobility, and status) und das daraus resultierende individualistische Credo seien in die Seele der weißen Amerikaner eingebrannt. Privilegien aus Status und Klasse, so Potter, würden entrüstet abgelehnt. Wie die Geschichte der Reconstruction nach dem Bürgerkrieg zeigte, wurden diese Privilegien in der „Massenaristokratie“ der Rassisten durch die Hintertür wieder eingeführt. Die nationale Folklore der „Fülle“ überdeckt rassistische Ungleichheitskategorien.

Zu den unausrottbaren Geschichtsmythen des Strebens nach Glück gehört die Idee, dass der Westen der USA ein Sicherheitsventil für die Armen und das Proletariat bot, das in den Kernzonen der Industrie im Nordosten und Mittleren Westen nach dem Bürgerkrieg entstand. Was die Westgrenze (Frontier) für das gute Leben bedeutete, suchte 1893 der damals 31-jährige Historiker Frederick Jackson Turner (1861–1932) zu fassen. Er stellte die These auf, dass die Geschichte der USA bis 1890 die einer kontinuierlichen Westwärtsbewegung gewesen sei. Dies erkläre ihren so anderen Charakter im Vergleich zu Europa und ihre spezielle Kultur. Doch damit sei nun Schluss. Das freie Land sei so weit kolonisiert, dass man von einer Grenzlinie nicht mehr sprechen könne.

Turner traf einen Nerv. Er bekräftigte die als „Exzeptionalismus“ bezeichnete Tendenz, die USA wegen ihrer Geografie als einzigartig zu verstehen. Zugleich artikulierte er zeitgenössische Ängste, wonach dieser Traum der grenzenlosen Expansion enden und Amerikas Demokratie in einer Zeit krasser Ungleichheit vor die Hunde gehen könnte. Turner war ein kritischer Geist, aber als Mann seiner Zeit unterschlug er die humanitären Kosten der Expansion: Die Westwanderung der Frontier ging mit einem Genozid an der indigenen Bevölkerung sowie Ausbeutung und Versklavung einher. Zugleich war sein Ansatz innovativ, weil er Umwelt und Raum in die historische Analyse einbezog. Auch sein Demokratieverständnis war neu, weil es an der Gesellschaft und nicht nur an Politik und Verfassung orientiert war.

Grenzverschiebungen und individualistische Jagd nach Glück blieben als nationale Mythen mobilisierbar. Um 1900 kam „der Westen am Pazifik keineswegs mit kreischenden Bremsen zum Stillstand“. Nachdem sich der amerikanische Frontier-Spirit auch Hawaii und weite Teile des Pazifiks bis zu den Philippinen unterworfen hatte – und die USA im Zweiten Weltkrieg nach Europa ausgriffen und dort ihr informelles Imperium begründeten –, brauchte es neue Grenzen, um die Demokratie zu erneuern. 1960 fasste John F. Kennedy seine Programmatik unter dem Schlagwort der „New Frontier“: Er suchte neue Grenzen in der Wissenschaft und im Weltraum, aber auch im Kampf gegen die Armut. Jeder und jede müsse Pionier dieser neuen Grenze sein. Als Präsident initiierte er das Apollo-Programm, um im space race die Sowjets zu überholen.

Der Weltraum ist heute nicht mehr die alleinige letzte Grenze. Im Technologiesektor wird der Cyberspace als Grenzraum gedacht, um dessen Kontrolle die USA mit China ringen, während Europa sich an Amerikas digitale Betriebssysteme angehängt hat und so die Kontrolle über Medien, freie Presse, Hassrede und digitale Gestaltungsmacht verliert. Doch keine Sorge: Derzeit verlagert sich die Westgrenze aus den digitalen Räumen in die physische Welt zurück. Genau jene Tech-Milliardäre, die im Cyberspace ihr Vermögen machten, wollen nun zum Mars. Ist der Planet erst ausgebeutet, werde die Menschheit an dieser neuen Grenzlinie das gute Leben finden.

Autos und Kühlschränke für alle: Vom Fordismus zur Konsumgesellschaft

Fluch und Segen des amerikanischen Traums bündelten sich in den 1920er Jahren in der Figur von Henry Ford (1863–1947), mit dem ein schräger Apostel des Pursuit of Happiness die Bühne betrat. Ford stand für einen antidemokratischen, reaktionär-modernistischen Ansatz, der jüngst unter Investoren wie Peter Thiel oder eben Elon Musk wieder Hochkonjunktur hat. Er verkörperte eine aus liberaldemokratischer Sicht widersprüchliche Kombination aus technologischer Moderne und regressiver sozialer Ideologie, die demokratische Mitwirkung ablehnt. Ford war ein in den USA häufig anzutreffender Typus des erfinderischen Unternehmers, der technologischem Fortschritt huldigte und zugleich üblen Rassismus predigte. Nicht zuletzt dies machte ihn für italienische Faschisten und deutsche Nationalsozialisten so attraktiv.

Zu dieser Zeit glückten in den USA schon erste Durchbrüche zur Massenkonsumgesellschaft. Konsum war der Markenkern des „Amerikanismus“, während europäische Traditionalisten Amerikas „konsumistisches Gift“ fürchteten. Die 1920er waren insofern ein großes Laboratorium der Konsumgesellschaft, in dem der Pursuit of Happiness neu definiert wurde. Hier bahnte sich an, was nach 1945 auch in Westeuropa durchbrechen würde: Individuelle Konsumchancen potenzierten sich, die Massenmobilisierung begann, arbeitssparende Geräte wie Waschmaschinen, Kühlschränke, Radioapparate, später Fernseher und vor allem Automobile fanden reißenden Absatz. Zugleich schien der Konsum Moralvorstellungen zu untergraben, Geschlechterdifferenzen einzureißen und Patriarchat und Familienwerte zu vernichten.

Ab 1945 wurzelte sich das Streben nach dem guten Leben im Konsum als „Recht auf Überfluss und Verschwendung“ in der sprichwörtlich gewordenen – und heute nostalgisch verklärten – Zeit des Booms und des „Wirtschaftswunders“ ein. Noch dominierten Massenkultur und Massenkonsum, bevor es in den 1970er Jahren mit wachsender sozialer Vielfalt zur konsumistischen Ausdifferenzierung kam. Ermöglicht wurde dieser neu gefasste Pursuit of Happiness durch Wachstum: Wachstum der Bevölkerung; Wachstum der jungen Familien; Wachstum der Wirtschaft; Wachstum der Produktivität; Wachstum des Automobilbestands; Wachstum der urbanen Regionen, vorzugsweise der Vorstädte; Wachstum der Lebenserwartung; Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens und des frei verfügbaren Einkommens; Wachstum der Freizeit dank Fünftagewoche und zweiwöchigem Urlaub. Während in Europa die inhärenten Gefährdungen des Konsumierens betont wurden, ging es in den USA um dessen gleich machende, egalitäre, demokratisierende Potenziale. Sicher, US-Autoren sind auch Pioniere der Konsumkritik. Bücher wie „Die große Verschwendung“ (1960) von Vance Packard (1914–1996) wurden internationale Bestseller; Amerika lieferte die Kritik gleich mit. Doch spiegelte diese Kritik nicht das Grundgefühl einer von der Historikerin Lizabeth Cohen als „Consumer’s Republic“ gezeichneten Ära.

Konsum und Demokratie: Eine schwierige Beziehung

Dass Konsum demokratisierende Wirkung haben kann, mag anmaßend klingen, doch hat die Konsumgesellschaft historisch genau diese Funktion gehabt. Zwar können Vermögende weiterhin ostentativ luxuriös konsumieren, während der Zugang zu Gütern nach Herkunft, Klasse, „Rasse“, Geschlecht und anderen Kategorien ungleich bleibt. Doch einst unerschwingliche und essenzielle Produkte können seit 1945 von der Masse gekauft werden. Ein Kühlschrank erleichtert das Leben und ist kein Luxusprodukt mehr. Konsum wurde so als Ausdruck des guten Lebens politisch aufgeladen. Heute führt der fehlende Zugang zu Produkten vermehrt zu Forderungen an den Staat, Konsum mittels Subventionen zu erleichtern. Er steht somit im „Spannungsfeld von Teilhabe und Egalisierung einerseits und sozialer Ungleichheit andererseits“.

In den 1950er Jahren wurde in den USA Prosperität für die weiße und allmählich auch die schwarze Mittelklasse und Arbeiter aller Herkünfte Realität. Eine mediale Revolution visualisierte das Streben nach Glück auf neuartige Art und Weise: Das Fernsehen schuf eine nationale Konsumentenkultur, die es zuvor in den regional so diversen USA kaum gegeben hatte. Visuelle Medien zeichneten Massenwohlstand als quasi verbrieftes Naturrecht des Volkes, obwohl soziale Schranken aller Art fortbestanden. Die totale Verfügbarkeit von Produkten, von Wohnraum und Mobilität drängte Erinnerungen an historische Knappheit (etwa in der Weltwirtschaftskrise) rasch zurück. Doch „Kühlschränke für alle“ ist keine Selbstverständlichkeit. Wer so denkt, riskiert, dass drohende oder perzipierte Wohlstandsverluste eine Kulturkrise befördern. Genau das erlebten die USA in den 1880er und 1890er Jahren und erneut in den 1930ern – und nun wieder seit der Weltfinanzkrise 2008.

Denn auch die längste Expansionsphase kommt irgendwann an ihr Ende, und dann wird danach gefragt, wie der Pursuit of Happiness wieder möglich wird. Seit 1945 haben sich viele Amerikaner an ihre Konsumchancen gewöhnt, die Erwartungen sind gestiegen, zumal das politische Führungspersonal die Bürger in diesem Glauben bestärkte. Nichts brachte dies besser zum Ausdruck als die Weigerung von Präsident Lyndon B. Johnson (1908–1973), Abstriche bei seiner gleichzeitigen Expansion des Sozialstaats und der Ausweitung des Kriegs in Vietnam zu machen. Johnson wollte „Kanonen und Butter“. Im Kern ging und geht es immer wieder neu um die Frage, wie das Streben nach Glück als Recht auf grenzenlose Fülle realisiert werden kann.

Fülle und Knappheit als Problem

Fülle und Verschwendung sind das, was die USA im 20. Jahrhundert definiert hat. Abundance gilt als Ausdruck des US-Charakters, als ein im Pursuit of Happiness von der Revolution erstrittenes, natürliches und immer wieder neu zu verwirklichendes Recht. Lady Liberty winkte nicht nur mit der Fackel der Freiheit, sondern auch mit dem guten Leben. Dieses attraktive Modell wurde nach 1945 nicht nur in Westeuropa nachgeahmt, sondern seit den 1980ern auch in Asien, Osteuropa und global. Verschwendung hat ein amerikanisches Gesicht, aber kennzeichnet viele entwickelte Länder.

Von den nostalgischen Träumern dieses Traums wird vergessen, dass sich die USA nach dem Zweiten Weltkrieg ökonomisch und politisch in einer exzeptionellen Lage befanden und ihr damaliger Vorsprung einzigartig war. Menschen konnten mit materiell gesicherten Lebensmöglichkeiten versorgt werden, die den Neid der Welt weckten. „Im Schlechten“ lehnten Kulturkritiker den „amerikanischen Materialismus“ mit seiner grässlichen Unmoral und Oberflächlichkeit ab, doch „im Guten“ waren viele in Europa, Asien und Afrika von den Nachkriegs-USA und ihrer „Consumer’s Republic“ geprägt – nicht zuletzt durch die von den visuellen Medien übermittelten Bilder vom guten Leben. Amerika wiederum huldigte weiter einer expansionistischen Ideologie, die historisch an die räumliche Expansion im 19. Jahrhundert gekoppelt war.

Doch wenn das größtmögliche Füllhorn der unbegrenzten Verschwendung den Nationalcharakter prägt, wird perzipierte oder tatsächliche Knappheit zum politischen Problem. Auch das ist nicht neu: Der Agrarpopulismus um 1890 reagierte ebenso auf Knappheitserfahrungen wie rechte und linke Radikale in den 1930er Jahren. Rassismus und Antifeminismus sind als Standardantworten und Billigvarianten der Überwindung von Knappheitserfahrung in den USA historisch „bewährt“. Smarte Experten und Politiker des Progressivismus schlugen schon um 1900 vor, auf die effizientere Nutzung von Gütern und Ressourcen zu setzen – eine Idee, der jüngst die Autoren Ezra Klein und Derek Thompson ein Update verpassten. Mittels einer klug orchestrierten Energiewende und einer digitalen Revolution wollen sie dem rechten Populismus das Feuer stehlen. Im Spannungsfeld von regulierter Effizienz und unregulierter „Verschwendung als Menschenrecht“ bewegt sich die US-Politik seit 150 Jahren.

Geben die USA der Welt noch immer den Glauben an eine bessere Zukunft? Diese Erzählung wirkt derzeit überholt. Doch der Blick nach vorn machte die USA schon immer interessant, selbst wenn die heutigen MAGA-Ideologen von Knappheit schwadronieren und dem 47. Präsidenten etwas Unamerikanisches anhaftet, weil er den Pursuit of Happiness als Nullsummenspiel fasst. Doch selbst ein von dystopischen Fantasien geplagter Zeitgenosse wie Elon Musk, der vom natalistischen Selbstmord einer unfruchtbar gewordenen weißen „Rasse“ spricht, setzt auf das Überleben der Menschheit mittels Technologie. Seine Frontier liegt beim Mars, einst lag sie beim Mond, davor im Pazifik und an der Westküste. Expansionismus ist das Bewegungsgesetz des modernen Menschen auf der Jagd nach Glück. Die USA stehen wie keine andere Nation für diese Idee.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Deutsche Übersetzung zit. nach Ruth Klüger, Emma Lazarus: „Der neue Koloss“, 23.9.2016, Externer Link: https://www.faz.net/-14449671.html. Siehe auch Magdalena Gerwin, Zwei Frauen in New York – Emma Lazarus am Fuße der Freiheitsstatue, 11.6.2020, Externer Link: https://www.logbuch-bremerhaven.de/zwei-frauen-in-new-york-emma-lazarus-am-fusse-der-freiheitstatue/.

  2. Vgl. Cal Jillson, The American Dream: In History, Politics, and Fiction, Lawrence 2016.

  3. Der französische Rechtswissenschaftler Édouard de Laboulaye (1811–1883) hatte 1865 das Projekt so initiiert. Vgl. Edward Berenson, The Statue of Liberty. A Transatlantic Story, New Haven 2012, S. 16f.

  4. Zerbrochene Ketten sind ein traditionelles Symbol des Abolitionismus, der Antisklavereibewegung.

  5. Vgl. F. Ross Holland, Idealists, Scoundrels, and the Lady, Urbana 1993.

  6. Vgl. Peter Burghardt, Kunst als Vaterlandsverrat, 29.8.2025, Externer Link: https://www.sueddeutsche.de/li.3304781.

  7. Vgl. etwa Robert D. Putnam, Our Kids. The American Dream in Crisis, New York 2015.

  8. Vgl. Edward J. Erler, Property and the Pursuit of Happiness, Lanham u.a. 2019; Hiram Kümper, Mythos 1776. Traum und Erwachen der amerikanischen Nation, Berlin 2026, S. 223–241.

  9. Vgl. Carli N. Conklin, The Pursuit of Happiness in the Founding Era. An Intellectual History, Columbia 2019.

  10. Vgl. William B. Scott, In Pursuit of Happiness. American Conceptions of Property from the Seventeenth to the Twentieth Century, Bloomington 1977, S. 41f.

  11. Vgl. Jan Lewis, Happiness, in: Jack P. Greene/J.R. Pole (Hrsg.), A Companion to the American Revolution, Malden 2000, S. 655–660, hier S. 657.

  12. Vgl. Michael Hochgeschwender, Die Amerikanische Revolution. Geburt einer Nation 1763–1815, München 2016, S. 203; Jill Lepore, Diese Wahrheiten. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, München 2019, S. 139.

  13. Zum Mythos „from rags to riches“ siehe Heike Paul, The Myths That Made America. An Introduction to American Studies, Bielefeld 2014, S. 368–407.

  14. David Potter, People of Plenty. Economic Abundance and the American Character, Chicago 1954, S. 107.

  15. Vgl. W.E.B. Du Bois, Black Reconstruction in America, 1860–1880, New York 2021 (1935), S. 40.

  16. So auch die klassische Beobachtung von Werner Sombart, Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?, Tübingen 1906.

  17. Vgl. Matthias Waechter, Die Erfindung des amerikanischen Westens. Die Geschichte der Frontier-Debatte, Freiburg 1996.

  18. Vgl. Philipp Gassert, Zur Bedeutung der Westgrenze für die USA. Der Historiker Frederick Jackson Turner erklärt seinen Zeitgenossen Amerika in Zeiten des Umbruchs, in: ders. (Hrsg.), Frederick Jackson Turner: Demokratisches Selbstverständnis und der Westen. Texte über Amerika, Stuttgart 2019, S. 111–140.

  19. Wilfried Mausbach, Go West! Frontier und „Idee“ Amerika, in: Werner Gamerith/Ulrike Gerhard (Hrsg.), Kulturgeographie der USA. Eine Nation begreifen, Berlin 2017, S. 5–13, hier S. 9.

  20. Vgl. John F. Kennedy, Acceptance of Democratic Nomination for President, 15.7.1960, Externer Link: https://www.jfklibrary.org/learn/about-jfk/historic-speeches/acceptance-of-democratic-nomination-for-president.

  21. Vgl. Jeffrey Herf, Reactionary Modernism. Technology, Culture, and Politics in Weimar and the Third Reich, Cambridge 1984.

  22. Vgl. Philipp Gassert, Amerika im Dritten Reich. Ideologie, Propaganda und Volksmeinung 1933–1945, Stuttgart 1997.

  23. Für eine persönliche Liebeserklärung an diese Welt, die kritische Perspektiven eröffnet, aber den Boom problematisch feiert, siehe Tom Brokaw, Boom! Voices of the Sixties, New York 2007.

  24. Vgl. Lizabeth Cohen, A Consumer’s Republic. The Politics of Mass Consumption in Postwar America, New York 2003.

  25. Jan Logemann/Reinhild Kreis, Konsumgeschichte, Berlin–Boston 2022, S. 21.

  26. Vgl. Irving Bernstein, Guns or Butter. The Presidency of Lyndon Johnson, Oxford 1996; James T. Patterson, Grand Expectations. The United States, 1945–1974, Oxford 1996.

  27. Vgl. Ezra Klein/Derek Thompson, Abundance, New York 2025.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Philipp Gassert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. Der vorliegende Text beruht auf seinem Buch „Die Bipolare Nation. Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten“, das 2026 bei dtv erschienen ist.