1883 veröffentlichte die junge New Yorker Poetin Emma Lazarus (1849–1887) das Gedicht „The New Colossus“. Sie hatte es im Rahmen einer Werbekampagne für das mächtigste Denkmal einer freiheitlichen Willkommenskultur verfasst, das die Welt je gesehen hat. Das Denkmal sollte in den 1880er Jahren in der Hafeneinfahrt von New York errichtet werden. Es wurde zum Symbol der Vereinigten Staaten, des „amerikanischen Traums“ und des guten Lebens: die Freiheitsstatue. In ihrem Gedicht nennt Lazarus die einer antiken Göttin nachempfundene „Lady Liberty“ die „Mutter der Migranten“, deren Fackel aller Welt einen Willkommensgruß schicke. Ihr Länder der Alten Welt, rufe die kolossale Dame aus, behaltet euren Pomp: „Schickt mir stattdessen eure Mittellosen, / die Heimatlosen, hoffnungslos Zerlumpten, / vom Sturm Gebeutelten, die Abgestumpften, / die Müden, die trotzdem nach Freiheit dürsten.“
Der Koloss im New Yorker Hafen steht für das Versprechen von Freiheit und die damit verbundenen Vorstellungen von Individualismus und Selbstverwirklichung.
In Lazarus’ Gedicht fließen Hoffnungen auf ein gutes Leben mit der Idee der Freiheit und einer Botschaft der Antidiskriminierung zusammen, wie man heute sagen würde. Nicht nur war Lazarus’ sephardische Familie 1654 vor der portugiesisch-brasilianischen Inquisition ins heutige New York geflohen, die junge Frau hatte auch mit Schaudern über die Pogrome im Russischen Reich gelesen und ein Anwachsen des Antisemitismus in New York erlebt. Sie wollte die USA nicht als Imperium verstehen, das Menschenrechte zertrampelte und Häfen schloss wie der antike Koloss von Rhodos. Das antike Weltwunder galt ihr als Symbol europäischer Unfreiheit, dem sie den „New Colossus“ entgegenstellte: Sie feierte die Idee eines „Asyls der Menschheit“, propagierte ein offenes Land, das Chancen auf Glück für alle bot – und fürchtete zugleich das egoistische Amerika der Rassisten, das sie aus nächster Anschauung erleben konnte.
Umstrittene Symbolik
Nationalsymbole werden von vielen beansprucht und sind daher meist umkämpft. Gerne zitieren Progressive und Liberale Lazarus’ Zeilen, wenn sich, wie in den 1920er Jahren oder nach 9/11, die Waagschale hin zum Chauvinismus neigt. Während Kritiker die „Lady“ anfangs als viel zu progressiv ablehnten, ist der „neue Koloss“ heute so amerikanisch wie Burger und Cola.
Lady Liberty, ein Geschenk der Französischen Republik zum 100. Jahrestag des 4. Juli 1776 und erst mit einem Jahrzehnt Verspätung in einer lieblosen Zeremonie eingeweiht, bewacht seit 1886 den historisch wichtigsten Eingangspunkt in die USA. Bis 1954 begrüßte sie zwölf Millionen künftige Amerikanerinnen und Amerikaner, die im benachbarten Ellis Island registriert und medizinisch untersucht wurden. Als Symbol des amerikanischen Traums unterstreicht sie, dass es in einer Demokratie immer auch darum geht, Bürgerinnen und Bürgern ein materiell gutes Leben zu ermöglichen. Dass in den USA ein besseres Leben als anderswo möglich wäre, galt lange als gesetzt. Der Aufstieg der modernen Demokratie, die im 19. Jahrhundert in den USA ihren Anfang nahm, ging auch mit einem Versprechen auf Wohlstand einher. Doch dieses Versprechen wird immer seltener eingelöst.
Im Folgenden soll es zunächst darum gehen, was die Gründerväter 1776 unter Pursuit of Happiness verstanden, bevor nach der spezifischen Verbindung von Demokratie und „Fülle“ gefragt wird, wie sie etwa in der Formel vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ als Selbst- und Fremdbild der USA aufscheint. Vor allem nach 1945 wurde die Vorstellung dominant, dass ein Leben im Überfluss (abundance) den US-Nationalcharakter definiere und das selbstverständliche „Recht auf Verschwendung“ urdemokratisch sei. Doch wehe, wenn der Motor stottert, wie etwa in den 1890er Jahren oder nach der Ölpreiskrise 1973. In einer als Schlaraffenland gemalten Demokratie wird Knappheit zum politischen Problem. Die selbstverständliche Erwartung eines konsumistisch gefassten Pursuit of Happiness ist Teil der Erklärung, warum heute radikal-populistische Konzepte verfangen und der MAGA-Nationalismus triumphiert.
„Pursuit of Happiness“: Das rätselhafte Wort von 1776
In der Welt von 1776 war es keineswegs konsensual, dass jeder seines „eigenen Glückes Schmied“ sein könne und die Regierung auf ein gutes Leben für alle verpflichtet sei. Diese Idee verfestigte sich erst allmählich und schuf ganz eigene, amerikanische Probleme. Der rätselhafte und in der Geschichte der politischen Philosophie umstrittene Begriff des Pursuit of Happiness steht nicht einfach nur für Eigentum (property), wie in Rückgriff auf den Staatstheoretiker John Locke (1632–1704) argumentiert worden ist. Dieser hatte in seinem „Second Treatise of Government“ (1689) von „life, liberty, and estate“ als natürlichen Rechten gesprochen, wobei estate das meinte, was wir heute unter Eigentum verstehen.
Das „Streben nach Glück“ wurde von Jefferson und der fünfköpfigen Redaktionskommission, die das revolutionäre Dokument der Unabhängigkeitserklärung entwarf, gemeinsam mit life (dem Recht auf Leben) und liberty (der Freiheit) als selbstevidenter, göttlicher und natürlicher Anspruch an den Anfang der Erklärung gesetzt. Dadurch wurden Rechte für Bürger und Leitlinien für die Regierung etabliert, die auf die Sicherung dieser Rechte verpflichtet wurde. Dass Jefferson nicht auf die konventionelle Trias von „life, liberty, and property“ setzte, hat möglicherweise damit zu tun, dass er wegen der „Sklavenfrage“ in Bezug auf ein unveränderliches Recht auf Eigentum vorsichtig war. Obwohl er selbst Sklavenhalter war, suchte er nach Auswegen aus den damit verbundenen moralischen Dilemmata.
Das erklärt gleichwohl nicht, warum Jefferson „Pursuit of Happiness“ anstelle von „property“ setzte. Eine plausible Erklärung lautet, dass Eigentum als Voraussetzung von Glück galt und der Regierung in der klassisch republikanischen Tradition der Frühen Neuzeit die Aufgabe zufiel, dieses Glück durch den Schutz des Eigentums, aber auch auf andere Art und Weise sicherzustellen und zu befördern. 1779 erläuterte Jefferson, dass die Regierung das Streben nach Glück unterstützen könne, indem sie in öffentliche Bildung investiere.
Diese Spannung zwischen Freiheit, dem Streben nach individuellem Glück und Gemeinwohl zieht sich durch die Geschichte des gesamten Westens, doch ist das Streben nach dem guten Leben als Teil des Gründungsmythos in den USA besonders stark ausgeprägt. Dazu gehört auch das Recht zum Verfolgen des eigenen Konsumglücks. Was diesem Glück im Wege stand, musste abgeräumt werden – egal, ob es um indigene Populationen an der Westgrenze ging, um Steuern im Interesse der Fürsorge oder um Maßnahmen zum Schutz der Umwelt. Die seit 2008 geläufige Formel „drill, baby, drill“, die für eine Steigerung der heimischen Öl- und Gasförderung wirbt, bringt Letzteres griffig auf den Punkt. Die expansionistische Doktrin der Verfügbarkeit von Ressourcen in grenzenloser Fülle wirkte so stark, dass die USA in den 1960er Jahren ihre Grenzen bis in den Weltraum zu verschieben begannen.
Hülle und Fülle: Expansionismus als Grundgesetz
Die expansionistisch-konsumistische Deutung des Strebens nach Glück ist ein universaler Mythos der Moderne, doch brachte diese Moderne in den USA besonders prägnante Erzählungen und Bilder hervor. Märchenhafte Aufstiegsgeschichten ließen sich erzählen, selbst wenn Millionen scheiterten.
Der Historiker David Potter (1910–1971) hat zu Beginn des langen Nachkriegsbooms in seinem Buch „People of Plenty“ (1954) das „Füllhorn“ zum Sinnbild des Charakters und der nationalen Besonderheiten der USA erklärt.
Zu den unausrottbaren Geschichtsmythen des Strebens nach Glück gehört die Idee, dass der Westen der USA ein Sicherheitsventil für die Armen und das Proletariat bot, das in den Kernzonen der Industrie im Nordosten und Mittleren Westen nach dem Bürgerkrieg entstand.
Turner traf einen Nerv. Er bekräftigte die als „Exzeptionalismus“ bezeichnete Tendenz, die USA wegen ihrer Geografie als einzigartig zu verstehen. Zugleich artikulierte er zeitgenössische Ängste, wonach dieser Traum der grenzenlosen Expansion enden und Amerikas Demokratie in einer Zeit krasser Ungleichheit vor die Hunde gehen könnte. Turner war ein kritischer Geist, aber als Mann seiner Zeit unterschlug er die humanitären Kosten der Expansion: Die Westwanderung der Frontier ging mit einem Genozid an der indigenen Bevölkerung sowie Ausbeutung und Versklavung einher. Zugleich war sein Ansatz innovativ, weil er Umwelt und Raum in die historische Analyse einbezog. Auch sein Demokratieverständnis war neu, weil es an der Gesellschaft und nicht nur an Politik und Verfassung orientiert war.
Grenzverschiebungen und individualistische Jagd nach Glück blieben als nationale Mythen mobilisierbar. Um 1900 kam „der Westen am Pazifik keineswegs mit kreischenden Bremsen zum Stillstand“.
Der Weltraum ist heute nicht mehr die alleinige letzte Grenze. Im Technologiesektor wird der Cyberspace als Grenzraum gedacht, um dessen Kontrolle die USA mit China ringen, während Europa sich an Amerikas digitale Betriebssysteme angehängt hat und so die Kontrolle über Medien, freie Presse, Hassrede und digitale Gestaltungsmacht verliert. Doch keine Sorge: Derzeit verlagert sich die Westgrenze aus den digitalen Räumen in die physische Welt zurück. Genau jene Tech-Milliardäre, die im Cyberspace ihr Vermögen machten, wollen nun zum Mars. Ist der Planet erst ausgebeutet, werde die Menschheit an dieser neuen Grenzlinie das gute Leben finden.
Autos und Kühlschränke für alle: Vom Fordismus zur Konsumgesellschaft
Fluch und Segen des amerikanischen Traums bündelten sich in den 1920er Jahren in der Figur von Henry Ford (1863–1947), mit dem ein schräger Apostel des Pursuit of Happiness die Bühne betrat. Ford stand für einen antidemokratischen, reaktionär-modernistischen Ansatz, der jüngst unter Investoren wie Peter Thiel oder eben Elon Musk wieder Hochkonjunktur hat.
Zu dieser Zeit glückten in den USA schon erste Durchbrüche zur Massenkonsumgesellschaft. Konsum war der Markenkern des „Amerikanismus“, während europäische Traditionalisten Amerikas „konsumistisches Gift“ fürchteten. Die 1920er waren insofern ein großes Laboratorium der Konsumgesellschaft, in dem der Pursuit of Happiness neu definiert wurde. Hier bahnte sich an, was nach 1945 auch in Westeuropa durchbrechen würde: Individuelle Konsumchancen potenzierten sich, die Massenmobilisierung begann, arbeitssparende Geräte wie Waschmaschinen, Kühlschränke, Radioapparate, später Fernseher und vor allem Automobile fanden reißenden Absatz. Zugleich schien der Konsum Moralvorstellungen zu untergraben, Geschlechterdifferenzen einzureißen und Patriarchat und Familienwerte zu vernichten.
Ab 1945 wurzelte sich das Streben nach dem guten Leben im Konsum als „Recht auf Überfluss und Verschwendung“ in der sprichwörtlich gewordenen – und heute nostalgisch verklärten – Zeit des Booms und des „Wirtschaftswunders“ ein.
Konsum und Demokratie: Eine schwierige Beziehung
Dass Konsum demokratisierende Wirkung haben kann, mag anmaßend klingen, doch hat die Konsumgesellschaft historisch genau diese Funktion gehabt. Zwar können Vermögende weiterhin ostentativ luxuriös konsumieren, während der Zugang zu Gütern nach Herkunft, Klasse, „Rasse“, Geschlecht und anderen Kategorien ungleich bleibt. Doch einst unerschwingliche und essenzielle Produkte können seit 1945 von der Masse gekauft werden. Ein Kühlschrank erleichtert das Leben und ist kein Luxusprodukt mehr. Konsum wurde so als Ausdruck des guten Lebens politisch aufgeladen. Heute führt der fehlende Zugang zu Produkten vermehrt zu Forderungen an den Staat, Konsum mittels Subventionen zu erleichtern. Er steht somit im „Spannungsfeld von Teilhabe und Egalisierung einerseits und sozialer Ungleichheit andererseits“.
In den 1950er Jahren wurde in den USA Prosperität für die weiße und allmählich auch die schwarze Mittelklasse und Arbeiter aller Herkünfte Realität. Eine mediale Revolution visualisierte das Streben nach Glück auf neuartige Art und Weise: Das Fernsehen schuf eine nationale Konsumentenkultur, die es zuvor in den regional so diversen USA kaum gegeben hatte. Visuelle Medien zeichneten Massenwohlstand als quasi verbrieftes Naturrecht des Volkes, obwohl soziale Schranken aller Art fortbestanden. Die totale Verfügbarkeit von Produkten, von Wohnraum und Mobilität drängte Erinnerungen an historische Knappheit (etwa in der Weltwirtschaftskrise) rasch zurück. Doch „Kühlschränke für alle“ ist keine Selbstverständlichkeit. Wer so denkt, riskiert, dass drohende oder perzipierte Wohlstandsverluste eine Kulturkrise befördern. Genau das erlebten die USA in den 1880er und 1890er Jahren und erneut in den 1930ern – und nun wieder seit der Weltfinanzkrise 2008.
Denn auch die längste Expansionsphase kommt irgendwann an ihr Ende, und dann wird danach gefragt, wie der Pursuit of Happiness wieder möglich wird. Seit 1945 haben sich viele Amerikaner an ihre Konsumchancen gewöhnt, die Erwartungen sind gestiegen, zumal das politische Führungspersonal die Bürger in diesem Glauben bestärkte. Nichts brachte dies besser zum Ausdruck als die Weigerung von Präsident Lyndon B. Johnson (1908–1973), Abstriche bei seiner gleichzeitigen Expansion des Sozialstaats und der Ausweitung des Kriegs in Vietnam zu machen. Johnson wollte „Kanonen und Butter“.
Fülle und Knappheit als Problem
Fülle und Verschwendung sind das, was die USA im 20. Jahrhundert definiert hat. Abundance gilt als Ausdruck des US-Charakters, als ein im Pursuit of Happiness von der Revolution erstrittenes, natürliches und immer wieder neu zu verwirklichendes Recht. Lady Liberty winkte nicht nur mit der Fackel der Freiheit, sondern auch mit dem guten Leben. Dieses attraktive Modell wurde nach 1945 nicht nur in Westeuropa nachgeahmt, sondern seit den 1980ern auch in Asien, Osteuropa und global. Verschwendung hat ein amerikanisches Gesicht, aber kennzeichnet viele entwickelte Länder.
Von den nostalgischen Träumern dieses Traums wird vergessen, dass sich die USA nach dem Zweiten Weltkrieg ökonomisch und politisch in einer exzeptionellen Lage befanden und ihr damaliger Vorsprung einzigartig war. Menschen konnten mit materiell gesicherten Lebensmöglichkeiten versorgt werden, die den Neid der Welt weckten. „Im Schlechten“ lehnten Kulturkritiker den „amerikanischen Materialismus“ mit seiner grässlichen Unmoral und Oberflächlichkeit ab, doch „im Guten“ waren viele in Europa, Asien und Afrika von den Nachkriegs-USA und ihrer „Consumer’s Republic“ geprägt – nicht zuletzt durch die von den visuellen Medien übermittelten Bilder vom guten Leben. Amerika wiederum huldigte weiter einer expansionistischen Ideologie, die historisch an die räumliche Expansion im 19. Jahrhundert gekoppelt war.
Doch wenn das größtmögliche Füllhorn der unbegrenzten Verschwendung den Nationalcharakter prägt, wird perzipierte oder tatsächliche Knappheit zum politischen Problem. Auch das ist nicht neu: Der Agrarpopulismus um 1890 reagierte ebenso auf Knappheitserfahrungen wie rechte und linke Radikale in den 1930er Jahren. Rassismus und Antifeminismus sind als Standardantworten und Billigvarianten der Überwindung von Knappheitserfahrung in den USA historisch „bewährt“. Smarte Experten und Politiker des Progressivismus schlugen schon um 1900 vor, auf die effizientere Nutzung von Gütern und Ressourcen zu setzen – eine Idee, der jüngst die Autoren Ezra Klein und Derek Thompson ein Update verpassten.
Geben die USA der Welt noch immer den Glauben an eine bessere Zukunft? Diese Erzählung wirkt derzeit überholt. Doch der Blick nach vorn machte die USA schon immer interessant, selbst wenn die heutigen MAGA-Ideologen von Knappheit schwadronieren und dem 47. Präsidenten etwas Unamerikanisches anhaftet, weil er den Pursuit of Happiness als Nullsummenspiel fasst. Doch selbst ein von dystopischen Fantasien geplagter Zeitgenosse wie Elon Musk, der vom natalistischen Selbstmord einer unfruchtbar gewordenen weißen „Rasse“ spricht, setzt auf das Überleben der Menschheit mittels Technologie. Seine Frontier liegt beim Mars, einst lag sie beim Mond, davor im Pazifik und an der Westküste. Expansionismus ist das Bewegungsgesetz des modernen Menschen auf der Jagd nach Glück. Die USA stehen wie keine andere Nation für diese Idee.