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Politik des Semiquincentennial | 250 Jahre USA | bpb.de

250 Jahre USA Editorial Wie revolutionär war die Unabhängigkeitserklärung? Über die Demokratie in Amerika, 250 Jahre später Kampf um die amerikanische Verfassung. Die Federalist Papers als Gründungsdokument einer inzwischen gefährdeten Demokratie Leben im Überfluss. Vom Streben nach Glück in der amerikanischen Demokratie E Pluribus Unum? Anmerkungen zur Frage nach der amerikanischen Identität Politik des Semiquincentennial. Trumps Kulturkampf um die Geschichte Von der Monroe- zur „Donroe“-Doktrin? Souveränismus in der US-amerikanischen Außenpolitik

Politik des Semiquincentennial Trumps Kulturkampf um die Geschichte

Frauke Steffens

/ 12 Minuten zu lesen

250 Jahre nach Gründung der Vereinigten Staaten trifft die Gründungserzählung auf verdrängte Gewalt und konkurrierende Erinnerungen. Konflikte über Schulen, Museen und Monumente werden in einem Klima rechtsnationalistischer Geschichtspolitik ausgetragen.

„Unseren Kindern ist beigebracht worden, sich ihres Landes zu schämen, sich ihrer Eltern zu schämen, sich für Amerikas Geschichte im Innern und für seine Rolle in der Welt zu schämen.“ Diese Worte stammen nicht von Donald Trump, sondern von Richard Nixon. Am 20. Januar 1973 hielt er seine zweite Antrittsrede als Präsident, und sein Blick richtete sich auf das anstehende zweihundertjährige Jubiläum der Nation, das eine gute Gelegenheit sei, „den Glauben an uns selbst und an Amerika zu erneuern“. Das Land solle „an seinem 200. Geburtstag so jung und so lebendig sein wie zu Anfang, und ein ebenso heller Hoffnungsträger für die ganze Welt“, so Nixon, der fest damit rechnete, die Feier drei Jahre später auszurichten. Es kam anders: Gerald Ford war Präsident, als die Amerikanerinnen und Amerikaner das „Bicentennial“ feierten. Und nicht nur der Watergate-Skandal und der anschließende Rücktritt Nixons hatten für die tiefen Erschütterungen gesorgt, die auch das Jubiläum vor fünfzig Jahren zu einem politisch schwierigen machten.

Ähnlich wie Nixon lässt sich Präsident Trump derzeit nicht von der Tatsache beeindrucken, dass seine Planungen für die Jubiläumsfeierlichkeiten von vielfachen Krisen überschattet werden, von denen er die meisten selbst produziert oder mit verursacht hat. Der Blick zurück zeigt aber noch etwas anderes: Schon in den 1970er Jahren wurde der Jahrestag für nationalistische Erneuerungsnarrative beansprucht. Auch heute sollen diese Erzählungen eine vermeintliche Scham heilen, die angeblich durch kritische Geschichtsschreibung entsteht. Und schon damals gab es keine einheitliche Geschichtspolitik oder Erinnerungskultur, auf die sich die meisten Menschen in den USA hätten einigen können. Feiertage historischen Ursprungs wie der 4. Juli, der Memorial Day oder auch Thanksgiving stiften zwar Gemeinschaft. Aber sie tun das nicht, weil alle dieselbe Geschichte erinnern, sondern weil sie die Nation ritualisieren. Gerade dadurch werden sie auch zu Austragungsräumen konkurrierender Geschichtsbilder.

Umkämpfte Jubiläen

Das Bicentennial von 1976 erscheint in der Rückschau oft vor allem als fröhliche Mischung aus Kolonialkostümen, der großen Segelparade in New Yorks Hafen und rot-weiß-blauem Kitsch bei McDonald’s. Aber das Jubiläum fand in einer Phase tiefen institutionellen Misstrauens statt, nach der Niederlage in Vietnam, nach Watergate, in einer Zeit sozialer Konflikte, wirtschaftlicher Unsicherheit und des anhaltenden Kampfes gegen institutionellen Rassismus. Nixon hatte das Bicentennial zur Heilung eines beschädigten Nationalgefühls stilisiert, stattdessen legte es nach seinem Abgang erst recht die Brüchigkeit der nationalen Erzählung offen. Die Ford-Regierung reagierte mit einer bewussten Dezentralisierung der Feierlichkeiten – im Gegensatz zu Trumps Planungen sollten sie letztlich weniger pompös sein, als sich Nixon das noch vorgestellt hatte.

Und es gab auch damals Gegenveranstaltungen, Rivalen der offiziellen Jubiläumsplanung. Jeremy Rifkins People’s Bicentennial Commission etwa beanspruchte die Revolutionsrhetorik von links. Schwarze Organisationen verlasen Frederick Douglass’ „What to the Slave Is the Fourth of July?“ aus Anlass des Feiertags. In den Jahrzehnten danach habe die akademische Geschichtsschreibung das Bicentennial häufig als „schlock“ (Kitsch) abgetan, aber keine überzeugende öffentliche Gegenerzählung angeboten, kritisierte etwa die Historikerin Jill Lepore. Auch dadurch habe sich der Raum für andere Akteure immer mehr geöffnet, die Geschichte offensiv politisch nutzen.

Helden und Sattelschlepper: Trumps Jubiläum

Das tut auch Trump. Für das Jubiläumsjahr plant seine Regierung nicht nur Feiern, sondern eine ganze Infrastruktur patriotischen Erzählens. Man will nicht nur erinnern, sondern festlegen, welche Version der Vergangenheit erinnert wird. Die vom Weißen Haus geleitete „Task Force 250“ soll eine große zentrale Feier koordinieren. Daneben steht „Freedom 250“, ein Programm aus Großveranstaltungen, Bau- und Restaurationsprojekten. So plant Trump etwa einen UFC-Kampf vor dem Weißen Haus, ein Indycar-Rennen rund um die Hauptstadt sowie die Errichtung eines 250 Fuß (76 Meter) hohen „Arc de Trump“ am Potomac River.

Vor fünfzig Jahren gab es den „Freedom Train“ mit zehn Waggons voller Ausstellungsstücke, der durchs Land fuhr. Seit Kurzem durchqueren nun „Freedom Trucks“ als mobile Museen die 48 kontinentalen Bundesstaaten. Die doppelt breiten Sattelschlepper halten zum Beispiel auf den State Fairs, einer Mischung aus Jahrmarkt und Verkaufsausstellung. Begrüßt werden Besucher darin von einem überlebensgroßen George Washington, der sie mit KI-Stimme anspricht und fragt: „Sind Sie bereit, Ihr Leben, Ihr Vermögen und Ihre heilige Ehre für die amerikanische Sache herzugeben?“ Der Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Krone steht im Mittelpunkt, die ersten Schüsse in Lexington und Concord, die Schlacht von Bunker Hill, die Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, schließlich die Unterzeichnung der Verfassung 1787 in Philadelphia. Die Zeitreise geht auch in die jüngere Geschichte und soll durch interaktive Ratespiele und eine „Wand amerikanischer Helden“ lebendiger gemacht werden. Schwarze kommen vor, zumindest die bekanntesten Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler wie Martin Luther King Jr. und Rosa Parks. Doch insgesamt stehen die Heldentaten weißer Männer im Vordergrund, und die amerikanische Nation wird als eine christliche präsentiert. Die grundlegenden Prinzipien Amerikas wurzelten „in den westlichen und jüdisch-christlichen Traditionen“, die den „amerikanischen Geist“ geprägt hätten, wie es heißt. Wer den Truck durchschritten hat, stößt am Ende auf ein Video und Bildnis Trumps, der den Amerikanerinnen und Amerikanern sein „Goldenes Zeitalter“ anpreist. Die Inhalte der Ausstellung wurden von der christlich-nationalistischen Organisation „PragerU“ produziert, die entsprechendes Lehrmaterial auch an Schulen verteilt und mit dem Bildungsministerium zusammenarbeitet.

Verordneter Patriotismus

Trumps Jubiläumsplanung ordnet sich in seine bisherige Geschichtspolitik ein. Seine Order zur „Patriotischen Erziehung“ von Januar 2025, in der ein angeblich indoktriniertes Schuldgefühl von Weißen wieder auftauchte, reaktivierte die „1776 Commission“ aus seiner ersten Amtszeit. Damals hatte Trumps Umfeld auf die Veröffentlichung des „1619 Project“ von Pulitzerpreisträgerin Nikole Hannah-Jones reagiert. Das crossmediale Projekt der „New York Times“ wollte das Jahr 1619 und die Ankunft von versklavten Menschen in den Kolonien zu einem neuen symbolischen Anfangspunkt der US-Geschichte machen. Aber vor allem wollte es zeigen, wie die Sklaverei und der Staatsrassismus des 20. Jahrhunderts bis heute alle gesellschaftlichen Bereiche prägen – vom Autobahnbau bis zum Gesundheitssystem. Trump und seine Berater setzten dagegen auf eine nationale Geschichtserzählung, verknüpft mit dem ausdrücklichen Ziel, Schülerinnen und Schülern eine patriotische, positive Historie zu vermitteln. Später kündigte das Bildungsministerium eine eigene Förderpriorität für „Patriotic Education“ an und startete die „America 250 Civics Education Coalition“ mit rechtskonservativen Gruppen wie dem Hillsdale College, Turning Point USA und Moms for Liberty.

Trumps andere Anordnung zum Thema hieß im März 2025 „Restoring Truth and Sanity to American History“. Sie sagte der „linken Indoktrination“ in den Institutionen den Kampf an. Was schon seit Jahren in Bundesstaaten wie Florida oder Texas geschieht – Lehrpläne, die auf rechte Geschichtsbilder ausgerichtet werden, Verbote kritischer Literatur in Schulbüchereien –, wirkte wie eine Blaupause für die Geschichts- und Bildungspolitik des Bundes. Ziele sind Universitäten, Schulen, Bibliotheken, Museen und Behörden. Schon zugesagte Förderungen, etwa für Forschung in Gender Studies oder zu Rassismus, wurden mit dem Hinweis auf „Indoktrination“ oder „radikale DEI-Programme“ (Diversity, Equity, Inclusion) zurückgezogen. Auch wenn diese Initiativen zum Teil vom Kongress zurückgenommen oder von Gerichten blockiert wurden, gehen Fachleute von einem „chilling effect“ auf Forschende und Lehrende aus.

Seit Trump den Universitäten und der kritischen Wissenschaft den Kampf angesagt hat, häufen sich Berichte über Selbstzensur. Das Forschungsprojekt „Academic Freedom Index“ der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Göteborg stellte jüngst einen dramatischen Rückgang der akademischen Freiheit in den USA fest. Eine andere Institution, die Trump besonders ins Visier nahm, ist die öffentlich finanzierte Smithsonian Institution mit ihren rund zwanzig Museen, die darüber Rechenschaft ablegen sollen, wie sie Geschichte in Zukunft weniger widersprüchlich und konfliktträchtig erzählen wollen.

Der „erbaulichen“ Geschichtserzählung sollen auch diverse Bauprojekte in Washington dienen, nicht nur der Triumphbogen, sondern auch der bereits in Trumps erster Amtszeit und damals noch für South Dakota geplante „Heldengarten“. Die Liste mit rund zweihundertfünfzig zu Ehrenden umfasst sehr gegensätzliche Persönlichkeiten, die, Unterschiede nivellierend, nebeneinandergestellt werden. Vertreten sind zum Beispiel sowohl Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. als auch Andrew Jackson, der als Präsident verantwortlich für den „Indian Removal Act“ von 1830 und die genozidale Politik gegen Ureinwohner war.

Wendepunkte: „Tea Party“ und Anti-Antirassismus

Der unmittelbare Vorlauf dieser vermeintlich patriotischen Geschichtspolitik liegt in den Geschichtsdeutungskonflikten des 20. Jahrhunderts und dem rechten Kulturkampf, der lange vor Trump begann. Dabei bezog sich besonders die rechte Tea-Party-Bewegung offensiv auf die Revolution und die Founding Fathers. Die Bewegung entstand 2009 nach Barack Obamas Wahl zum Präsidenten und verband den Protest gegen höhere Steuern und einen Ausbau des Sozialstaats mit der rassistischen Abwehrreaktion nach der Wahl des ersten Schwarzen zum Präsidenten. Die Gründerjahre der Republik wurden dabei als eine quasi heilige Zeit inszeniert, kritische Geschichtsschreibung als Verrat oder Blasphemie diffamiert. Der Historiker Richard Slotkin argumentiert, dass nach der Tea-Party- auch die MAGA-Bewegung die Mythen und Symbole, die Amerikaner zumindest theoretisch traditionell einten, in Slogans eines Kulturkampfes verwandelt hat.

Zum Schlüsselmoment wurden Trumps Reden zum Unabhängigkeitstag 2020, als Millionen Menschen im Land noch immer gegen den Mord an George Floyd sechs Wochen zuvor protestierten. Trump habe sich selbst in den von Rechtsnationalist Stephen Miller verfassten Ansprachen als „Oberbefehlshaber in einem neuen Bürgerkrieg dargestellt, der die westliche Zivilisation und christliche Werte gegen einen rücksichtslosen und barbarischen Feind verteidigt“, so Slotkin.

Den Kampf gegen Black Lives Matter habe Trump als eine Verteidigung des „Westens“ präsentiert, und zwar mit explizitem Bezug auf die Gründerväter. Der Historiker zitiert Trump so: „1776 stellte den Höhepunkt von Tausenden von Jahren westlicher Zivilisation dar und den Triumph nicht nur des Geistes, sondern auch von Weisheit, Philosophie und Vernunft. Und doch, während wir heute Abend hier zusammenkommen, (…) erlebt unsere Nation eine gnadenlose Kampagne, um unsere Geschichte auszulöschen, unsere Helden zu verleumden, unsere Werte zu tilgen und unsere Kinder zu indoktrinieren.“

Klientelpolitik der „Lost Cause“

Neben dem Bezug auf 1776 bediente Trump früh jene Teile seiner Basis, die die kritische Geschichtsschreibung auch in Bezug auf Sklaverei und Bürgerkrieg ablehnen. Das Narrativ der „Lost Cause“ („Verlorene Sache“) ist aus Sicht von Historikern und Historikerinnen wie Slotkin und Lepore die andere große Traditionslinie, über die Trump selbst vielleicht wenig historisches Wissen hat, die er sich aber bereitwillig aneignete. Das Narrativ besagt, dass die Südstaaten im Bürgerkrieg vor allem für das Recht der Bundesstaaten auf Selbstbestimmung und eine bewahrenswerte Lebensweise gekämpft hätten, nicht für ein Sklavenhaltersystem. Die „Lost Cause“-Erzählung soll sich so von rechts in eine traditionsfähige Freiheitsgeschichte der Gesamtnation eingliedern.

Ein Beispiel für ihre anhaltende Wirkung ist der Streit um Monumente für Militärs und Politiker der Sezessionsstaaten, der schon in Trumps erster Amtszeit Anhänger mobilisierte. Die weitaus meisten dieser Statuen und Gedenksteine waren nicht im 19., sondern im 20. Jahrhundert errichtet worden. Mit ihnen wollten Vereinigungen wie die United Daughters of the Confederacy das Regime der weißen Vorherrschaft im Süden ideologisch stärken. Trump bedient diese Strömung immer wieder – auch, weil die Republikanische Partei ohne ihre Dominanz in den ehemaligen Sklavenhalterstaaten ihre Mehrheiten verlieren würde. Auf dem Arlington Nationalfriedhof wird die Regierung das Confederate Memorial von 1914 wieder installieren, das der Kongress 2023 hatte abbauen lassen. Ein anderes Beispiel ist die Militärakademie West Point in New York, wo auf Anweisung der Trump-Regierung im vergangenen Jahr ein Porträt Robert E. Lees wieder aufgehängt wurde, das das Pentagon 2022 entfernt hatte. In Philadelphia wollte Trump Anfang 2026 eine Ausstellung abbauen lassen, die an die versklavten Menschen im Haushalt von George Washington erinnerte, doch ein Gericht verfügte den Wiederaufbau der Informationstafeln.

Amerikanische Gegengeschichten

So sehr sich Trump auch bemüht: Geschichtspolitik lässt sich in Amerika nicht zentral organisieren. Das liegt am föderal verfassten Bildungssystem, an der von Konservativen eigentlich stets hochgehaltenen Macht der Bundesstaaten, an privater Museumsfinanzierung und anderen strukturellen Gründen. Vor allem liegt es aber daran, dass Institutionen, Forschende und Lehrende, aber auch nicht-weiße Communities dagegen arbeiten. In seinem Buch „How the word is passed“ zeigt etwa der Journalist Clint Smith an konkreten Orten – auf ehemaligen Plantagen, in Gefängnissen, auf Friedhöfen, in Museen –, wie über die Geschichte der Sklaverei gestritten wird, wie Fortschritte erzielt werden und wie reaktionäre Beharrungskräfte noch immer die „Lost Cause“ erzählen. Der Streit darüber ist nicht abgeschlossen, er lässt sich nur in Grenzen aus Washington steuern – und vor allem geht es dabei nicht um eine „Minderheitengeschichte“ neben der Nationalgeschichte, sondern darum, dass Sklaverei, Rassismus und Befreiungskampf im Zentrum der Geschichte der Nation stehen.

Trump wird vermutlich auch wenig dagegen unternehmen können, dass etwa das Smithsonian National Museum of African American History and Culture in Washington, so wie viele andere Institutionen, die Geschichte der Reconstruction erzählen, die für viele Menschen die zweite Gründung Amerikas war. Nach dem Bürgerkrieg setzten Schwarze und Weiße gemeinsam ein ehrgeiziges politisches Programm ins Werk, das dazu führte, dass im Süden Tausende Schwarze aufs College gingen, bis zu dreißig Hochschulen und viertausend Schulen für Schwarze entstanden. Bis 1877 hatten in den ehemaligen Sklavenhalterstaaten rund 2000 schwarze Männer öffentliche Ämter inne; 23 waren im Kongress vertreten, zwei als Senatoren. Diese Entwicklung wurde zerstört durch weißen Terror, politische Gegenmacht und den Rückzug der Armee des Bundes, worauf fast hundert Jahre Staatsrassismus auf Basis der Jim-Crow-Gesetze folgten. Die Geschichte der Reconstruction stört eine flache patriotische Erzählung, die 1776 nur als Vorgeschichte universeller Freiheit lesen will.

Und auch an den Schauplätzen der Amerikanischen Revolution selbst zeigt sich im Jubiläumsjahr, dass die Interpretation der Vergangenheit politisch nicht fixiert ist – dank der Bürger selbst. Die Stadt Boston und ihr Umland sind der symbolische Kernraum der Revolution. Genau deshalb waren sie schon für die Inszenierungen der Tea-Party-Bewegung so attraktiv. Im April 2025 berichtete die Lokalpresse, dass sich rund um die Feiern zum 250. Jahrestag der Schlacht von Lexington nicht nur Paraden und Gedenkzeremonien, sondern auch Proteste gegen Präsident Trump formierten. Politisch Aktive wie die Gruppe Lexington Alarm deuteten den Revolutionsbeginn ausdrücklich als Gegenwartsfolie für Machtmissbrauch, Angriffe auf rechtsstaatliche Garantien und die Aushöhlung demokratischer Verfahren.

Vom Bicentennial 1976 bis zum Jubiläum 2026 zieht sich keine einfache Linie. Doch die Kontinuität liegt darin, dass nationale Jahrestage in den Vereinigten Staaten immer politische Gegenwartsarbeit leisten. Die Verschiebung liegt im Maßstab und in der Verdichtung. Das 250. Jubiläum ist unter Donald Trump ein besonders aggressiver Versuch, die Grenzen legitimer Nationalgeschichte neu zu ziehen.

Trump, seine Mitarbeiter und Vordenker erzählen Nixons eingangs zitierte Geschichte einer angeblichen Erziehung zur Scham unbeirrt mit unterschiedlichen Methoden weiter. Weißen werde durch kritische Geschichtsschreibung nicht etwa ein historisch informiertes gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein vermittelt, sondern ein Schuldvorwurf gemacht. Das Alternativmodell soll attraktiver sein: Alles wird Privatsache, auch heutige Folgen staatlicher und struktureller Gewalt werden zu rein individuellen Problemen. Diese Neudefinition der Geschichte geht Hand in Hand mit dem Abbau sozialer Programme. Trumps Wunscherzählung stehen indessen andere historiografische Ordnungen entgegen: die Geschichte der Sklaverei, der Reconstruction, des Genozids an den indigenen Nationen, der Migration, der Bürgerrechtsbewegung und der White Supremacy. Weil Amerikanerinnen und Amerikaner diese Geschichten weiter erforschen und erzählen, stößt Trump an Grenzen und auf Gegenkräfte, die nicht verschwinden.

ist promovierte Historikerin und Feuilleton-Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in New York.