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Von der Monroe- zur „Donroe“-Doktrin? | 250 Jahre USA | bpb.de

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Von der Monroe- zur „Donroe“-Doktrin? Souveränismus in der US-amerikanischen Außenpolitik

Payam Ghalehdar

/ 14 Minuten zu lesen

Donald Trumps Militäraktionen in Venezuela und Iran werden gemeinhin als Hinwendung zu einer neokonservativen Außenpolitik interpretiert. In Wahrheit sind die Militäreinsätze jedoch Zeichen eines souveränistischen Weltbilds mit langer Tradition in der US-Außenpolitik.

Debatten über die außenpolitische Doktrin von US-Präsidenten, also über die Grundlinien der Außenpolitik einer Regierung und Vergleiche mit vorherigen Präsidentschaften, haben in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition. Ihr Anfang reicht zurück bis zu George Washingtons präsidialer Abschiedsrede 1796, in der dieser seinen Nachfolgern riet, keine dauerhaften Bündnisse („permanent alliances“) mit anderen Nationen einzugehen – die Idee des amerikanischen Isolationismus war geboren. Nach dem Sturz des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro am 3. Januar 2026 und dem mit der Tötung des iranischen Religionsführers Ali Khamenei an der Seite Israels am 28. Februar 2026 begonnenen Irankrieg fand vermehrt die These Anklang, US-Präsident Donald Trump habe sich von einem vermeintlichen Isolationismus abgewandt und sei nun bereit, die von seinen Anhängern verschmähte Rolle als Weltpolizist anzunehmen und Autokraten dieser Welt notfalls unter Anwendung militärischer Gewalt aus dem Amt zu jagen. Schnell machten unter Experten und in den Medien Schlagworte wie „Regime Change“ und „Nation Building“ sowie Vergleiche mit dem von Trumps Amtsvorgänger George W. Bush 2003 initiierten Irakkrieg die Runde.

Doch auch wenn die Trump-Regierung mit Außenminister Marco Rubio einen überzeugten Verfechter einer neokonservativ orientierten Außenpolitik an prominenter Stelle in ihren Reihen hat: Der verbreitete Eindruck einer Abwendung Trumps von einem vermeintlichen Isolationismus bei gleichzeitiger Zuwendung zum Neokonservatismus verkennt, dass der amtierende US-Präsident bislang weder diskursiv noch materiell Interesse an auswärtiger Demokratieförderung oder Staatsbildung gezeigt hat. Eher ist seine Außenpolitik geprägt von einem souveränistischen Weltbild, das völlige Handlungsfreiheit im auswärtigen Handeln fordert und internationalen Organisationen fundamental skeptisch gegenübersteht. Ein Blick in die Geschichte der US-Außenpolitik zeigt, dass dieses souveränistische Weltbild Trumps mitnichten einer Neuausrichtung gleichkommt, sondern auf eine lange Tradition zurückblicken kann.

Weder Neocon noch Isolationist

Der Sturz Maduros kam für die meisten Beobachter genauso überraschend wie die wochenlange Bombardierung des iranischen Regimes. Trotz des seit Sommer 2025 stetig gestiegenen militärischen Drucks auf das Regime in Caracas und der zunehmenden Spannungen mit Iran nach dem sogenannten Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen Jahr rechneten die Wenigsten mit solch riskanten Militäreinsätzen. Auf den ersten Blick könnte man deshalb meinen, die Militärinterventionen kämen einem gravierenden Richtungswechsel in der Außenpolitik eines US-Präsidenten gleich, der bislang eher als Kritiker von Regime Change, Nationen- beziehungsweise Staatsbildung und „endlosen Kriegen“ in Erscheinung getreten war und so 2016 und 2024 zwei Präsidentschaftswahlen für sich entscheiden konnte.

Dass Trumps Hinwendung zu militärischer Gewalt als dramatischer Kurswechsel interpretiert wird, ist nicht neu: Beobachter hatten bereits in Trumps erster Amtszeit (2017–2021) den Luftangriff auf einen syrischen Militärflugplatz – die erste US-amerikanische Militäraktion gegen das Assad-Regime seit Beginn des Syrien-Krieges im Jahr 2011 – zunächst fälschlicherweise als Auftakt eines robusteren Vorgehens gegen den syrischen Diktator interpretiert. Ähnlich hoffnungsvoll sahen Regime-Change-Befürworter die gezielte Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani im Januar 2020. In beiden Fällen folgte jedoch keine weitere militärische Eskalation auf den gezielten, jedoch begrenzten Militäreinsatz.

Die verbreitete Einordnung der jüngsten Vorgehensweisen in Venezuela und Iran als Fälle von Regime Change oder gar Auftakt eines Staatsbildungsprojekts bedarf genauerer Differenzierung. Regime Change als weiter Oberbegriff kann sowohl einen erzwungenen Führungswechsel als auch eine groß angelegte Invasion zur Beseitigung eines gesamten Regimes bedeuten; Nationen- beziehungsweise Staatsbildung erfordert ein langfristiges Bekenntnis zum Wiederaufbau des betroffenen Landes. Regime Change als Beseitigung des gesamten Regimes und Staatsbildung sind weder nach dem Sturz Maduros noch nach der gezielten Tötung Khameneis zu erkennen. Die Trump-Regierung lässt die venezolanische Opposition zwar weiter hoffen, geht jedoch nicht gegen den Chavismus an sich vor und zeigt wenig Interesse an einer Demokratisierung des Landes, ganz zu schweigen von einer kostspieligen Hinwendung zu jahrelanger Staatsbildung wie im Irakkrieg nach dem Sturz des Baath-Regimes von Saddam Hussein 2003. Auch in Iran ist nicht erkennbar, dass Trump sich mit Szenarien eines möglichen Sturzes der Islamischen Republik auseinandersetzt, was seine Skepsis gegenüber dem selbst erklärten Oppositionsführer Reza Pahlavi begründet.

Richtig ist jedoch, dass es mit Trump keine Rückkehr zum Isolationismus wie in der Zwischenkriegszeit des vergangenen Jahrhunderts gibt. Der Grund dafür ist nicht, dass Trump nicht davor zurückscheut, militärische Mittel einzusetzen – dies taten mit Calvin Coolidge (1923–1929) und Herbert Hoover (1929–1933) auch zwei der drei republikanischen US-Präsidenten der gemeinhin als Hochzeit des Isolationismus verstandenen Zwischenkriegszeit –, sondern dass er trotz seiner medienwirksam personalisierten „Donroe“-Doktrin nicht ausschließlich auf die westliche Hemisphäre fokussiert ist. Das zeigen allein schon die häufigen US-Militäreinsätze in Iran, Irak, Nigeria, Somalia, Syrien und Jemen seit seinem Wiedereinzug ins Weiße Haus am 20. Januar 2025.

Die Entführung Maduros, aber auch der Militäreinsatz in Iran, unterscheiden sich noch in einem weiteren Aspekt von bisherigen US-amerikanischen Interventionen. Trotz der Ankündigung Trumps, die USA werde Venezuela übernehmen, dem von der US-Regierung selbst forcierten Framing der Entführung als wirkmächtiges Beispiel US-amerikanischer Vormacht in der westlichen Hemisphäre und Vorwürfen eines brutalen Neoimperialismus seitens der Kritiker des Einsatzes fällt der limitierte Charakter der Militäroperation nicht nur im Vergleich mit dem Irakkrieg George W. Bushs auf, sondern auch zur Festnahme des panamaischen Diktators Manuel Noriega im Rahmen einer von George H.W. Bush befehligten Militärinvasion zur Jahreswende 1989–1990, bei der 20.000 US-Soldaten zum Einsatz kamen und sich zwei Wochen lang blutige Gefechte mit Noriegas Nationalgarde lieferten. Die willentliche Überhöhung des limitierten, wenn auch spektakulären Schlags gegen das venezolanische Regime lässt die Vermutung zu, dass es Trump nicht zuletzt um die Symbolik der Entschlossenheit und Unberechenbarkeit geht, die der Sturz Maduros unterstreicht. Auch der Irankrieg, den Trump selbst als erfolgreichen Fall von Regime Change beschreibt, bestätigt diesen Eindruck. Um die eigentlichen Hintergründe des Vorgehens in Venezuela und Iran zu erfassen, ist ein umfassenderer Blick auf das außenpolitische Weltbild Trumps und dessen Tradition in der US-Außenpolitik vonnöten.

Souveränität als Weltbild

„Souveränität“ ist eng mit den Konzepten „Staat“ und „Staatlichkeit“ verbunden. Dabei ist der Begriff alles andere als einheitlich definiert. In der klassischen Definition von Kenneth Waltz, dem Vordenker der realistischen Schule der Internationalen Beziehungen (IB), bezeichnet Souveränität die Eigenschaft von Staaten, autonom über ihre internen und externen Belange entscheiden zu können, das heißt, Entscheidungsgewalt über das eigene Handeln zu haben. Gerade diese Autonomie macht sie laut Waltz zu Hauptakteuren des internationalen Systems. Der IB-Theoretiker Stephen Krasner wiederum unterscheidet vier Bedeutungen des Begriffs: Souveränität kann die Ausübung innerstaatlicher öffentlicher Autorität (interne Souveränität), die Kontrolle grenzüberschreitender Bewegungen (Interdependenz-Souveränität), die internationale Anerkennung der eigenen Staatlichkeit (international legale Souveränität) oder den Ausschluss externer Einflüsse auf innerstaatliche Autoritätsstrukturen (westfälische Souveränität) meinen.

Krasners Differenzierung der vier Bedeutungen von Souveränität widerlegt den verbreiteten Irrglauben, dass jegliche Einschränkung der autonomen Entscheidungsgewalt von Staaten zwangsläufig mit einer Verletzung staatlicher Souveränität einhergeht. So schränkt zum Beispiel die freiwillige Abgabe von Entscheidungskompetenzen an externe Akteure durch zwischenstaatliche Verträge zwar die westfälische Souveränität betroffener Staaten ein, ist jedoch Folge der Ausübung international legaler Souveränität und somit keine pauschale Souveränitätsverletzung. Auch Waltz räumt in seiner Souveränitätskonzeptualisierung die Möglichkeit ein, dass die Einschränkung der eigenen Handlungsfreiheit eine souveräne Entscheidung von Staaten sein kann. Solch staatliches Handeln wird insbesondere von späteren institutionellen Theorien über internationale Interdependenzen thematisiert. In der liberal-intergouvernementalen Auffassung des Politikwissenschaftlers Andrew Moravcsik veranschaulicht etwa die Geschichte der europäischen Integration genau diese Möglichkeit eines strategisch gewollten Souveränitätsverzichts der EU-Mitgliedsstaaten im Dienste staatlicher und insbesondere ökonomischer Interessen.

Donald Trumps bekannte Wahlslogans „America First“ und „Make America Great Again“ (MAGA) sind mit dem Begriff der Souveränität auf besondere Art verbunden. Das Weltbild des amtierenden US-Präsidenten ist geprägt von einer Souveränitätsauffassung, die auf absolute externe Handlungsfreiheit setzt und der strategischer Souveränitätsverzicht durch freiwillige, vertraglich vereinbarte Souveränitätsabgabe fundamental fremd ist. Von den vier von Krasner definierten Souveränitätsvarianten ist es die westfälische Souveränität, also der Ausschluss externer Einflüsse auf innerstaatliche Autoritätsstrukturen – etwa durch internationale Organisationen –, die es aus dieser Sicht unbedingt zu schützen gilt.

Die im November 2025 veröffentlichte nationale Sicherheitsstrategie der Trump-Regierung lässt dahingehend tief blicken: Mit explizitem Verweis auf das „Primat der Nationen“ verbindet die Strategie „transnationale und internationale Organisationen“ mit der Gefahr einer Souveränitätserosion. Dabei bestätigt die jüngst vorgelegte Strategie lediglich Grundannahmen, die bereits in der ersten Trump-Regierung vorherrschten: Schon in seiner Rede zur Amtseinführung, also in seiner ersten Rede als US-Präsident überhaupt, sprach Trump im Januar 2017 davon, dass es das Recht aller Nationen sei, ihre Interessen an erste Stelle zu setzen.

Den weltanschaulichen Unterbau für diese Ansichten buchstabierte der zwischenzeitliche Leiter des Planungsstabs im US-Außenministerium, Michael Anton, 2019 in einem Aufsatz aus, in dem er Nationalismus und nationale Souveränität als feste, unabänderliche Eigenschaften der Natur des Menschen bezeichnete. Streng genommen bestanden Anknüpfungspunkte für diese Ideen schon weit vor Beginn der politischen Karriere Trumps. So schrieb etwa kein Geringerer als der mittlerweile in Ungnade gefallene ehemalige nationale Sicherheitsberater Trumps, John Bolton, bereits im Jahr 2000, dass Souveränität und Konstitutionalismus im US-amerikanischen Sinne durch die Stärkung internationaler Institutionen und globale Verrechtlichungstendenzen gefährdet seien.

In der Vorstellung der Trump-Regierung hat der souveränistische Blick auf die Welt nicht nur Vorteile für die USA, sondern für die ganze Welt. Auf der weltanschaulichen Grundlage des Realismus und seiner Idee des Mächtegleichgewichts herrscht in der Regierung die Vorstellung vor, dass die Welt am besten funktioniert, wenn alle Staaten ihre Souveränität im US-amerikanischen Sinne wahren und ihre Interessen ähnlich der „America First“-Sichtweise definieren. Die tiefe Ablehnung einer verrechtlichten Weltordnung, also einer Ordnung mit einer institutionalisierten Ebene oberhalb von Nationalstaaten, entspringt dem Gedanken, dass jeder Staat in der angestrebten Rückkehr zum vermeintlichen Naturzustand auf sich allein gestellt sein wird und selbst für die eigene Sicherheit sorgen muss. Gemäß diesem Zustand sind Staaten zur Selbsthilfe verdammt, eine weitere prominente Idee des Realismus, die vom Politikwissenschaftler John Mearsheimer wie folgt zusammengefasst wird: „In der internationalen Politik hilft Gott denen, die sich selbst helfen.“ Die grundlegende Skepsis gegenüber der NATO als internationaler Organisation ist zusammen mit der Aufforderung an europäische Staaten, mehr in die eigene Verteidigung zu investieren, nur logische Konsequenz dieser Auffassung.

Dass in der von der Trump-Regierung angestrebten Weltordnung souveräner Nationalstaaten mächtige Staaten ohne die als lästig empfundenen internationalen Institutionen dominieren würden, offenbart das Spannungsverhältnis zweier dem Souveränitätsbegriff immanenter Deutungsmöglichkeiten, auf die der Politikwissenschaftler Stanley Hoffmann hinweist: Als zentrale staatliche Eigenschaft und fundamentaler Grundsatz der internationalen Ordnung begriffen, geht mit Souveränität ein striktes, die Souveränität aller Staaten schützendes Interventionsverbot einher. Verstanden als Ausschluss jeglicher Einschränkung oder Regulierung der auswärtigen Handlungsfreiheit – sei es durch das Völkerrecht, internationale Institutionen oder vorherrschende Normen –, sind jedoch der Idee der Selbsthilfe, mit der Staaten ihre Interessen aufgrund fehlender Instanzen jenseits des eigenen Nationalstaats sichern müssen, keinerlei Grenzen gesetzt. Trumps jüngste Äußerungen, dass „seine eigene Moral“ die einzige Einschränkung seines Handelns definiere, geben Grund zur Annahme, dass seine Regierung in ihrer Außenpolitik das von Hoffmann beschriebene Spannungsverhältnis trotz anderslautender Bekundungen eher nicht zugunsten der souveränen Gleichheit aller Staaten auslegt.

Im Westen nichts Neues

Der in der Trump-Regierung vorherrschende Souveränismus ist kein neues Phänomen in der US-amerikanischen Außenpolitik. Bereits in der frühen Geschichte der noch jungen Republik, lange bevor sich die Vereinigten Staaten in den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 allmählich zur ernstzunehmenden Weltmacht entwickelten, einer Zeit also, in der dem noch jungen Staat die militärischen Fähigkeiten zur Durchsetzung seiner ambitionierten Ziele fehlten, setzten Entscheidungsträger in Washington ihren außenpolitischen Fokus auf absolute Handlungsfreiheit.

Die bekannteste Manifestierung dieser auf Ausschluss europäischer Großmächte aus der westlichen Hemisphäre setzenden Auffassung ist die Monroe-Doktrin des Jahres 1823, mit der sich der fünfte US-Präsident James Monroe entschieden gegen eine befürchtete europäische Rekolonisierung des sich in Richtung Unabhängigkeit bewegenden südamerikanischen Kontinents stellte. Die weitaus weniger bekannte Manifestierung dieser Außenpolitik war die bereits im Jahre 1808 auf ungestörte außenpolitische Expansion setzende „Large Policy“, mithilfe derer der dritte US-Präsident Thomas Jefferson den weltanschaulichen Grundstein für die 15 Jahre später verkündete Monroe-Doktrin seines Amtsnachfolgers legte.

Das souveränistische Kernelement sowohl der Large Policy als auch der Monroe-Doktrin war die fundamentale Weigerung, internationale Politik als einen Raum zu begreifen, in dem alle Staaten durch die ihnen zugestandene Souveränität vor Eingriffen anderer Staaten Schutz genossen. Die Negierung souveräner Gleichheit in den internationalen Beziehungen wohnte bereits beiden außenpolitischen Grundsätzen der noch jungen USA inne, denn diese formulierten den klaren Anspruch der Vereinigten Staaten, zumindest in der westlichen Hemisphäre keinerlei Einschränkungen ihrer Handlungsfreiheit zu tolerieren.

Mit der vollständigen Erschließung des nordamerikanischen Kontinents, einer auf über 77 Millionen Menschen angewachsenen Bevölkerung im Jahre 1901 und eines durch die Industrialisierung möglich gemachten Ausbaus des US-Militärs gelang den Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Aufstieg in die Riege der Weltmächte. Ausgestattet mit den notwendigen Machtmitteln, war es der 26. US-Präsident Theodore Roosevelt, der mit seiner „Roosevelt Corollary“ die Monroe-Doktrin 1904 offensiv uminterpretierte und die ohnehin der Doktrin immanente Negierung souveräner Gleichheit nun explizit zum Grundsatz der US-Außenpolitik machte. Fortan bedeutete uneingeschränkte Handlungsfreiheit in der US-Außenpolitik, dass Staaten des amerikanischen Kontinents jederzeit mit militärischen Interventionen rechnen mussten, sofern sie auferlegte Bedingungen guter Regierungsführung aus Sicht der USA missachteten.

Erst drei Jahrzehnte später und nach zahlreichen Interventionen in der Dominikanischen Republik, Haiti, Honduras, Kuba, Mexiko und Nicaragua erkannte der 32. US-Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 den Grundsatz der Nicht-Intervention offiziell an. Doch auch in der Zeit danach, insbesondere im Kalten Krieg, ging der souveränistische Anspruch außenpolitischer Handlungsfreiheit mit Eingriffen in die innenpolitischen Belange zahlreicher Staaten einher, nun sogar global statt nur im „westlichen“ Teil der Welt.

Der souveränistische Anspruch der Trump-Regierung, jegliche Handlungseinschränkung durch internationale Verträge und Organisationen zu vermeiden, blickt ebenfalls auf eine lange Tradition zurück. Das vielleicht bekannteste Beispiel für diese fundamentale Skepsis war der gescheiterte Versuch, im US-Senat die Mitgliedschaft der Vereinigten Staaten im 1919 gegründeten Völkerbund mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit zu ratifizieren. Auch wenn der damalige demokratische US-Präsident Woodrow Wilson energisch für den Völkerbund als internationale Organisation zur Sicherung des im Ersten Weltkrieg erkämpften Friedens warb: Die republikanischen Senatoren lehnten den Beitritt mit der Begründung ab, die von Völkerbundmitgliedern zu garantierende territoriale Integrität und Unabhängigkeit anderer Mitgliedsstaaten sei eine unzumutbare Einschränkung der souveränen Rechte der USA, gar eine Gefahr für die konstitutionelle Integrität des Landes.

Handlungsfreiheit im Innern

Eine tatsächliche Neuheit im Vergleich zu früheren US-Präsidentschaften ist eher im Anspruch der Trump-Regierung auf innenpolitische Handlungsfreiheit zu verorten. Denn die uneingeschränkte Handlungsfreiheit, die das auf eine lange Tradition zurückblickende souveränistische Weltbild im auswärtigen Handeln einfordert, spiegelt sich in der Trump-Regierung auch intern in der unangefochtenen Stellung des Präsidenten innerhalb des US-amerikanischen politischen Systems wider. Gewiss, Warnungen vor einer „imperialen Präsidentschaft“, also der These Arthur Schlesingers über den unkontrollierbaren Machtzuwachs der Exekutive jenseits der Grenzen der Verfassung, gibt es schon länger. Dennoch lassen drei Faktoren Trumps Stellung sowohl innerhalb der Exekutive als auch im Verhältnis zur Legislative als besonders herausgehoben erscheinen.

Erstens findet im Weißen Haus eine fortschreitende Deinstitutionalisierung in Trumps eigenem Machtapparat statt. Das liegt zum einen an der abrupten Trendumkehr mit Blick auf Stellenbesetzungen in US-Ministerien; bereits in Trumps erstem Amtsjahr wurden 220.000 Stellen abgeschafft. Zum anderen bevorzugt Trump einen Entscheidungsfindungsprozess auf Ad-hoc-Basis, bei dem der Kreis der beteiligten Entscheidungsträger innerhalb der Exekutive von Fall zu Fall variiert. Medienberichten zufolge waren beispielsweise die Direktorin der Nationalen Nachrichtendienste, Tulsi Gabbard, und Vizepräsident JD Vance nicht an den monatelangen Vorbereitungen des Maduro-Sturzes beteiligt, während Außenminister Rubio eine herausgehobene Rolle in den Planungen einnahm.

Zweitens hat sich die Machtbalance zwischen Trump und dem US-Kongress in außenpolitischen Fragen noch weiter in Richtung des Präsidenten verschoben. Trump setzt hier einen Trend fort, der bereits unter seinen Vorgängern begann. Dass der Kongress jedoch von Maduros Sturz erst im Nachhinein informiert und auch sonst bei wichtigen Entscheidungen nicht konsultiert wurde, treibt diesen Trend auf die Spitze.

Drittens hat der Oberste Gerichtshof mit seinem aufsehenerregenden Urteil vom Juli 2025 ein Infragestellen des präsidentiellen Machtzuwachses merklich erschwert. Mit seiner konservativen Mehrheit entschied der Supreme Court, dass US-Präsidenten bei amtlichen Handlungen, die den Kern ihrer verfassungsmäßigen Aufgaben betreffen, grundsätzlich Immunität genießen.

America First

Stärker als in den Präsidentschaften seiner Vorgänger begünstigt Trumps herausgehobene Stellung im US-Machtgefüge die Wirkmacht seines souveränistischen Weltbilds auf die US-Außenpolitik. Und anders als noch in seiner ersten Amtszeit versteht sich sein Kabinett nicht als einhegende, sondern als umsetzende Institution. „America First“ wird somit zur Projektionsfläche der Vorstellungen des Präsidenten, wie Trump selbst bereitwillig erklärte. Die damit einhergehende Elastizität, gar Beliebigkeit von „America First“, aber auch der „Donroe“-Doktrin, ist nicht nur Gegenstand vereinzelter Kritik aus Trumps eigenem Lager, sondern wird auch künftig die internationale Gemeinschaft im Unklaren darüber lassen, wie die Trump-Regierung kurz- und mittelfristig außenpolitisch agieren wird.

Dessen ungeachtet zeigt ein Blick in die Geschichte der US-Außenpolitik, dass der Souveränismus in der Trump-Regierung an eine lange Tradition anknüpft, sowohl mit Blick auf die Skepsis gegenüber internationalen Organisationen als auch den Anspruch, keinerlei Einschränkungen im auswärtigen Handeln zu tolerieren.

ist promovierter Politikwissenschaftler und zurzeit im Auswärtigen Amt tätig. Seine bisherige Forschung umfasst militärische Interventionen und US-Außenpolitik. 2021 erschien sein Buch „The Origins of Overthrow. How Emotional Frustration Shapes US Regime Change Interventions“ bei Oxford University Press.