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E Pluribus Unum? | 250 Jahre USA | bpb.de

250 Jahre USA Editorial Wie revolutionär war die Unabhängigkeitserklärung? Über die Demokratie in Amerika, 250 Jahre später Kampf um die amerikanische Verfassung. Die Federalist Papers als Gründungsdokument einer inzwischen gefährdeten Demokratie Leben im Überfluss. Vom Streben nach Glück in der amerikanischen Demokratie E Pluribus Unum? Anmerkungen zur Frage nach der amerikanischen Identität Politik des Semiquincentennial. Trumps Kulturkampf um die Geschichte Von der Monroe- zur „Donroe“-Doktrin? Souveränismus in der US-amerikanischen Außenpolitik

E Pluribus Unum? Anmerkungen zur Frage nach der amerikanischen Identität

Silke Hackenesch

/ 16 Minuten zu lesen

Die Identität der USA ist geprägt vom Spannungsverhältnis zwischen den universalistischen Idealen von Freiheit und Gleichheit und den historischen wie gegenwärtigen Formen von Diskriminierung und Ungleichheit. Gemeinsamkeit herzustellen, bleibt eine fortwährende Aufgabe.

E Pluribus Unum“ – „Out of Many, One“ – so lautet seit 1782 das erste offizielle Motto der Vereinigten Staaten von Amerika, nachdem die Gründerväter John Adams, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson den Wahlspruch am 4. Juli 1776, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung, für das Great Seal, das offizielle Hoheitszeichen und Wappen des neuen Staates, vorgeschlagen hatten. Das Siegel zeigt einen Weißkopfseeadler, der in seinen Krallen jeweils dreizehn Pfeile und dreizehn Olivenzweige hält. In seinem Schnabel befindet sich ein Band mit den Worten „E Pluribus Unum“. Der Schriftzug findet sich noch heute auf allen Münzen und der Ein-Dollar-Note. Ursprünglich bezog sich „Out of Many, One“ auf die Tatsache, dass die dreizehn Kolonien, die unter anderem von Engländern, Schotten und Walisern, aber auch von Niederländern, Deutschen und Schweden aus ganz unterschiedlichen religiösen, politischen und ökonomischen Motiven besiedelt und besetzt worden waren, gemeinsam die Unabhängigkeit von Großbritannien erkämpften und eine neue Nation gründeten. Dieser Unabhängigkeitskrieg dauerte acht Jahre und war flankiert von politischen Auseinandersetzungen darüber, wie sich die junge Republik politisch organisieren könnte. 1789 trat schließlich die amerikanische Verfassung in Kraft – die älteste noch gültige der Welt.

Ideengeschichtlich beschreibt „Out of Many, One“ für viele Amerikaner:innen eine Vision für die USA beziehungsweise einen Auftrag an die von ihnen in politische Ämter gewählten Menschen, die Vereinigten Staaten fortlaufend zu einer „more perfect union“ zu machen. Was aber macht – angesichts einer Geschichte von kolonialer Eroberung und Ausbeutung, Sklaverei und Rassismus, diverser ethnischer Einwanderung, aber auch religiösem Pluralismus, Liberalismus und progressiven Reformbewegungen – die nationale Identität der USA aus? Für wen ist diese Identität ein zentrales politisches Projekt? Die Antworten auf diese Fragen fallen unterschiedlich aus.

Sklaverei und Gründung der USA

Die Historikerin Jill Lepore hat diese grundlegende Ambivalenz prägnant auf den Punkt gebracht:

„Dies ist eine Nation, die auf unveräußerlichen Rechten, der Souveränität des Volkes und der Zustimmung der Regierten gründet. Und es ist zugleich eine Nation, die auf der Leugnung all dieser Dinge beruht. (…) Es ist eine Nation, die auf Land errichtet wurde, das Menschen entrissen wurde, die sich als dessen souveräne Eigner verstanden. Der Aufbau des Landes war mit der erzwungenen Ausbeutung von Arbeitskräften verbunden, denen ihre natürlichen Rechte verwehrt wurden.“

Lepore beschreibt treffend den Umstand, dass bereits die Gründung der Vereinigten Staaten und die Betonung demokratischer Prinzipien im krassen Widerspruch zur politischen Praxis in den britischen Kolonien beziehungsweise der jungen Republik standen. Der Historiker Robert Parkinson argumentiert gar, dass rassistisch motivierte Vorurteile von den Gründervätern als eine Art „common cause“ der unterschiedlichen europäischen Siedler:innen bewusst mobilisiert worden seien. Als die Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärten, machten die 450.000 bis 500.000 versklavten Menschen rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung aus. 90 Prozent der Versklavten lebten in den Südstaaten mit ihren großen Plantagen und bildeten dort teilweise die Mehrheit der Bevölkerung (die sogenannte Black majority). Zugleich existierte eine deutlich kleinere, aber politisch relevante Gruppe freier Afroamerikaner:innen, die vor allem in den nördlichen Staaten lebten und bereits früh gleiche Rechte sowie die Abschaffung der Sklaverei einforderten. Weder freie noch versklavte African Americans werden in der Verfassung explizit benannt; ihre Anwesenheit stellte die Founding Fathers und ihre Zeitgenossen dennoch vor politische Herausforderungen.

Die Unabhängigkeitserklärung der USA beginnt mit den Worten: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ „These men“ waren in der Praxis vor allem weiße, über Besitz verfügende Männer beziehungsweise europäische Immigranten. Das hier artikulierte Selbstverständnis der USA stand somit im eklatanten Widerspruch zu den gewaltvollen Praktiken der europäischen Siedlerkolonialisten: zur Vertreibung und Vernichtung der Indigenen Bevölkerung, der massenhaften Verschleppung und Versklavung afrikanischstämmiger Menschen sowie der Ausbeutung von Schuldknechten (indentured servants). Der Tod Indigener Menschen wurde als „von Gott gewollt“, tragisch, aber unvermeidbar, legitimiert. Die Ausbeutung und Versklavung Schwarzer Menschen und die Aberkennung von Freiheit, Eigentum, dem Recht auf Leben und der freien Entfaltung wurde durch Theorien des „wissenschaftlichen Rassismus“ begründet. Diese wurden unter anderem von den Philosophen David Hume, Immanuel Kant oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel verbreitet, die suggerierten, dass Versklavung für Schwarze ein natürlicher Zustand sei, da diese unfähig seien, selbstbestimmt zu leben.

In diesem Spannungsfeld bewegte sich auch der Gründervater Thomas Jefferson selbst. Als zentraler Verfasser der Unabhängigkeitserklärung verkörperte er wie kaum ein anderer die ideellen Ansprüche der jungen Nation – zugleich war er als Sklavenbesitzer direkt in das System der Sklaverei eingebunden. Auf seiner Plantage Monticello im Bundesstaat Virginia lebten mehr als 400 versklavte Menschen, und Jefferson hatte eine langjährige Beziehung mit seiner Sklavin Sally Hemings, aus der mehrere Kinder hervorgingen. Die Forschung zu diesem Thema ist auch nach 200 Jahren noch kontrovers, die Debatten werden hoch emotional geführt. In Kapitel 15 seiner 1781 verfassten „Notes on the State of Virginia“ adressiert Jefferson die Forderung der Abolitionist:innen, die Sklaverei nach und nach in allen Staaten der USA abzuschaffen. Im Anschluss an ihre Emanzipation, so eine der Vorstellungen, würden freie Schwarze nach Afrika „zurückkehren“, um dort die Kolonie Liberia zu gründen. Zur Frage, ob emanzipierte Schwarze in den USA verbleiben sollten, schrieb Jefferson:

„Vielleicht wird man fragen: Warum behält man die Schwarzen nicht im Staat und integriert sie, um so die Kosten zu sparen, die entstehen, wenn man die von ihnen hinterlassenen Lücken durch die Einwanderung weißer Siedler füllen muss? Tief verwurzelte Vorurteile der Weißen; zehntausend Erinnerungen der Schwarzen an das Unrecht, das ihnen zugefügt wurde; neue Provokationen; die tatsächlichen Unterschiede, die die Natur geschaffen hat; und viele andere Umstände werden uns in Lager spalten und Unruhen hervorrufen, die wahrscheinlich niemals enden werden, außer mit der Auslöschung der einen oder der anderen Rasse.“

Jefferson fürchtete offenbar Vergeltungsmaßnahmen für das Unrecht, das Menschen afrikanischer Herkunft seit ihrer Verschleppung nach Nordamerika 1619 angetan worden war. Es lag jenseits seiner Vorstellungskraft, wie weiße und Schwarze Amerikaner:innen zu einer Nation zusammenfinden und emanzipierte Schwarze Teil der US-amerikanischen Gesellschaft werden könnten. Zeitgenossen, die seine Einschätzung teilten, hielten Emigration nach Liberia daher für eine geeignete Option. Obgleich diese Idee später auch unter Afroamerikaner:innen Anklang fand, entschied sich die überwältigende Mehrheit von ihnen nach der endgültigen Abschaffung der Sklaverei am Ende des Bürgerkrieges 1865, in ihrer Heimat, den USA, zu bleiben und sich für gleiche Teilhabe und volle Bürgerrechte einzusetzen. Es sollte ein langer Weg werden.

Die Frage, wer Teil der amerikanischen Nation sein konnte und wer von ihr ausgeschlossen war, blieb im 19. Jahrhundert hoch umstritten. Besonders Afroamerikaner:innen setzten sich intensiv mit der Diskrepanz zwischen dem proklamierten Selbstverständnis der USA und der Realität von Diskriminierung und Unfreiheit auseinander. Dies bringt der Abolitionist Frederick Douglass in seiner berühmten Rede „What to the Slave is the Fourth of July?“ deutlich zum Ausdruck. Douglass, selbst in die Sklaverei geboren, war von der Rochester Ladies’ Anti-Slavery Society eingeladen worden, eine Rede zur Feier des Amerikanischen Unabhängigkeitstages 1852 zu halten, die zu einem rhetorischen Meisterwerk wurde. Nachdem er zunächst die Gründerväter für ihre Ideale gelobt hatte, führte er seiner Zuhörerschaft im Folgenden die Heuchelei vor Augen, im Angesicht von Versklavung und Unterdrückung die eigene Freiheit zu zelebrieren. Er erinnerte die Abolitionistinnen in New York daran, dass ihr Selbstverständnis als Amerikanerinnen in einer freien, demokratischen Republik im Kontrast zur Unfreiheit der meisten Schwarzen Menschen im Lande stand:

„Gelten die großen Grundsätze der politischen Freiheit und der natürlichen Gerechtigkeit, die in dieser Unabhängigkeitserklärung verankert sind, auch für uns? (…) Das reiche Erbe an Gerechtigkeit, Freiheit, Wohlstand und Unabhängigkeit, das euch eure Väter hinterlassen haben, gehört euch, nicht mir. Das Sonnenlicht, das euch Leben und Heilung gebracht hat, hat mir Peitschenhiebe und den Tod gebracht. Dieser 4. Juli gehört euch, nicht mir. Ihr dürft euch freuen, ich muss trauern.“

Douglass weist darauf hin, dass der Nationalfeiertag für Schwarze Amerikaner:innen ein Tag der Trauer sei, da sie „no justice, no liberty, no citizenship“ für sich in Anspruch nehmen könnten. Gleichzeitig glaubte er an das Potenzial der US-Verfassung als ein Dokument der Freiheit und mobilisierte seine Zuhörerschaft, gegen Unrecht und Unterdrückung anzukämpfen: „Ungeachtet des düsteren Bildes (…) vom Zustand der Nation verliere ich den Glauben an dieses Land nicht.“ Vor diesem historischen Hintergrund stellt sich die Frage nach nationaler Identität allerdings nicht nur entlang der Demarkationslinien von Freiheit und Unfreiheit, sondern auch in Bezug auf Migration und Zugehörigkeit.

„Melting Pot“ USA?

Die Vorstellung von den USA als „Melting Pot“ geht auf das gleichnamige Theaterstück des britisch-jüdischen Schriftstellers Israel Zangwill zurück, das 1908 in Washington, D.C., Premiere feierte. Der damalige Präsident Theodore Roosevelt zeigte sich begeistert von der Metapher des Schmelztiegels, die suggerierte, dass die vielen verschiedenen Einwanderungsgruppen, die in die USA kamen, in der neuen Heimat miteinander verschmolzen – und dass daraus eine neue, amerikanische Identität entstehe. Neben dem Melting Pot sind die Vereinigten Staaten auch als „Salad Bowl“ oder „post-racial society“ bezeichnet worden. Die Metapher der Salatschüssel umschreibt im Gegensatz zum Schmelztiegel nicht die Verschmelzung verschiedener Kulturen zu einer neuen, homogenen amerikanischen Identität, sondern betont das Nebeneinander verschiedener Kulturen und Ethnien, die zwar zusammen leben, dabei aber ihre spezifischen kulturellen Identitäten beibehalten. Die Annahme, dass die USA eine „post-racial society“ geworden sein könnten, in der die Differenzkategorie race immer mehr an Bedeutung verliert, wurde bereits in den 1970er Jahren, also nach dem vermeintlich erfolgreichen Ende der Bürgerrechtsbewegung, formuliert. Im Zuge der Wahl Barack Obamas zum ersten Schwarzen Präsidenten der USA erfuhr der Begriff erneute Konjunktur, wurde aber auch 2008 nicht weniger kontrovers debattiert.

In der Tat ist es irreführend, die Vereinigten Staaten als Melting Pot, Salad Bowl oder post-rassistische Gesellschaft zu bezeichnen. Eher beschreiben die Begriffe hartnäckige Mythen. Anders, als die Metaphern suggerieren, hat die angelsächsische Mehrheitsgesellschaft keineswegs alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen transformiert, sondern sie hat von den unterschiedlichsten Immigrant:innen Assimilation und Integration eingefordert. Auch ist die Bezeichnung der USA als Einwanderungsland nur in Teilen zutreffend. Viele Amerikaner:innen sind nicht die Nachkommen von eingewanderten Vorfahren, sondern von Indigenen und Versklavten. Zudem werden Indigenous Americans und African Americans bei den Mythen des Melting Pot und der Salad Bowl gar nicht erst berücksichtigt. Zugleich sahen auch sie sich der oft gewaltvoll erzwungenen Assimilation in die angloamerikanische Kultur, Religion und Sprache ausgesetzt. Ein unrühmliches zeitgenössisches Beispiel hierfür ist das staatlich geförderte „Indian Adoption Program“ (1958–1967), in dessen Rahmen hunderte Kinder zwangsweise von ihren indigenen Familien und Gemeinschaften getrennt und von weißen, christlichen Eheleuten adoptiert worden sind.

Gleichzeitig ist es keineswegs unzutreffend, die USA als Einwanderungsland zu charakterisieren. Einwanderung vollzog sich jedoch in Schüben und unterlag stets bestimmten Kontrollen und Begrenzungen. Zwischen 1870 und 1900 kamen fast 12 Millionen Immigrant:innen in die Vereinigten Staaten. In den 1870er und 1880er Jahren stammte die überwiegende Mehrheit dieser Menschen aus Deutschland, Irland und England – den wichtigsten Herkunftsländern der Einwanderung bereits vor dem Bürgerkrieg. Allerdings wanderte mit dem Beginn des kalifornischen Goldrauschs 1849 auch eine relativ große Gruppe von Chines:innen in die Vereinigten Staaten ein. Mit dem Einsetzen der wirtschaftlichen Depression in den 1870er Jahren begannen europäische Immigrant:innen und Amerikaner:innen, um die Arbeitsplätze zu konkurrieren, die traditionell von Chines:innen übernommen worden waren. Der steigende wirtschaftliche Wettbewerb ging einher mit einem Anstieg von rassistisch motivierten Vorurteilen und Gewalt. Der politische Druck mündete 1882 schließlich im Chinese Exclusion Act, der erst 1943 formal aufgehoben wurde. Dieser ist historisch insofern bemerkenswert, als mit ihm Immigration explizit aufgrund ethnischer Identität beziehungsweise Nationalität untersagt wurde. Zugleich sah das Gesetz vor, dass bereits in den USA lebende Chines:innen nicht die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erlangen konnten.

Andere US-Bürger:innen wiederum sind Nachfahren von Mexikaner:innen, die nach der Annexion New Mexicos 1848 zu Amerikaner:innen gemacht worden waren. Im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert folgten dann Immigrant:innen aus Griechenland und Italien sowie jüdische Immigrant:innen und Einwanderer aus osteuropäischen Staaten, deren Immigration 1924 durch den Johnson-Reed Act beschränkt wurde. Im Kontext des Kalten Krieges wurde 1965 dann der Immigration and Nationality Act verabschiedet, der einen Wendepunkt in der US-Einwanderungspolitik markiert: Er schaffte das bestehende diskriminierende System der nationalen Herkunftsquoten ab und regulierte Einwanderung auf Basis eines Präferenzsystems, das die Familienzusammenführung und die beruflichen Qualifikationen in den Vordergrund stellte. In der Folge nahm die Einwanderung aus Mexiko und anderen Teilen Lateinamerikas deutlich zu, insbesondere in Form von Arbeitsmigration für die großen Farmen im Westen und Südwesten des Landes. Hinzu kamen diverse asiatische Einwanderungsgruppen, die in besonderem Maße von Xenophobie und Diskriminierung betroffen waren.

Obwohl wissenschaftlich intensiv diskutiert und kritisiert, bleiben die Narrative des Schmelztiegels und der Salatschüssel zentrale Mythen und Symbole der amerikanischen nationalen Identität. Sie haben zur Legitimierung der Einwanderungspolitik beigetragen und finden in breiten gesellschaftlichen Diskursen Anklang, da sie sowohl die amerikanische Einwanderungsgeschichte als auch die Diskurse um nationale Einheit aufgreifen. Die Mythen stellen somit attraktive Identifikationsangebote dar. Zugleich erweisen sie sich jedoch als verkürzt: Sie basieren primär auf kulturellen Deutungen und blenden strukturelle Ungleichheiten sowie historische Gewaltverhältnisse weitgehend aus. Damit stehen sie exemplarisch für die anhaltende Spannung zwischen normativem Anspruch und historischer Realität – einer Spannung, die die Frage nach der amerikanischen Identität bis in die Gegenwart prägt.

Happy Birthday, USA?

250 Jahre nach ihrer Gründung scheinen die Vereinigten Staaten von Amerika ein tief in sich vermeintlich unversöhnlich gegenüberstehende politische Lager gespaltenes Land zu sein. Auch heute drehen sich kontroverse Debatten (wieder) um Immigration, ihre Regulierung und die Deportation von Menschen. Ein weiterer neuralgischer Punkt ist der Umgang mit der Geschichte des Landes, vor allem die Vertreibung und Vernichtung der Indigenen Bevölkerung, die Sklaverei und – nach ihrer Abschaffung – die Segregation, der institutionelle Rassismus, racial bias in der Rechtsprechung, Polizeigewalt und Sexismus. Das Erinnern der Geschichte und ihr Verhandeln im kollektiven Gedächtnis ist auch zum 250. Geburtstag der USA zu einem Kulturkampfthema geworden. Dies artikuliert sich nicht zuletzt in der Executive Order „Restoring Truth and Sanity to American History“, die Präsident Donald Trump im März 2025 unterzeichnet hat. In dieser Order übt Trump heftige Kritik an Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur: „Im Rahmen dieser historischen Neubewertung wird das beispiellose Erbe unserer Nation, das sich durch die Förderung von Freiheit, individuellen Rechten und menschlichem Glück auszeichnet, als von Natur aus rassistisch, sexistisch, repressiv oder auf andere Weise unüberwindbar fehlerhaft dargestellt.“ Dies sei der Grund für gesellschaftliche Spaltung und mache es Amerikaner:innen unmöglich, sich voller Stolz mit ihrem Land zu identifizieren.

Die Konsequenzen der Order sind weitreichend: Sie versteht Geschichte als Fortschrittsnarrativ und sieht die nationalen Museen in der Pflicht, Amerikaner:innen an ihr „außergewöhnliches Erbe, die stetigen Fortschritte auf dem Weg zu einer perfekteren Union und die beispiellose Erfolgsbilanz bei der Förderung von Freiheit, Wohlstand und menschlicher Entfaltung“ zu erinnern. Besondere Kritik erfahren dabei Museen und die National Historical Parks, die die Geschichte von Rassismus und sozialer Ungleichheit oder die Erfahrungen marginalisierter Personen (aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer Sexualität) abbilden. Die weltweit größte Fachgesellschaft, die sich der Erforschung und Vermittlung der US-amerikanischen Geschichte widmet, die Organization of American Historians (OAH), reagierte bestürzt auf die Order: „Das ist keine Rückkehr zur Vernunft. Vielmehr dient es dazu, die Wahrheit zu verschleiern und zu zerstören.“ Die Auseinandersetzungen um Erinnerungskultur verweisen damit auf einen tieferliegenden Konflikt: auf die Frage, wer zur amerikanischen Nation gehört, wessen Geschichte erzählt wird und welche Erfahrungen als Teil der nationalen Identität anerkannt werden.

Genau an diesem Punkt setzt auch die gegenwärtige Debatte um Identitätspolitik an: Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama argumentiert, dass identity politics zur Zersplitterung einer Gesellschaft beitragen und der Herausbildung einer nationalen Identität im Wege stehen könnte. Tatsächlich empfinden viele marginalisierte Gruppen in den USA jedoch, dass sie gerade aufgrund ihrer Identität benachteiligt werden – und historische wie gegenwärtige Beispiele legen nahe, dass diese Wahrnehmung keineswegs unbegründet ist. Die Juristin und Politikerin Stacey Abrams etwa kommentiert: „Die Grundlage für nachhaltigen Fortschritt sind rechtliche Schutzmaßnahmen, die auf dem Bewusstsein beruhen, wie Identität dazu genutzt wurde, Chancen zu verwehren.“ Gleichzeitig ist der Glaube an eine weiße Vormachtstellung ebenso eine Form von Identitätspolitik: „Wenn der Kampf für die Bürgerrechte der Afroamerikaner von Identitätspolitik angetrieben wurde, dann galt dies ebenso für den Kampf um die Etablierung und Sicherung der Vorherrschaft der Weißen durch Sklaverei und Jim-Crow-Gesetze. Mit anderen Worten: Identitätspolitik steht nicht nur hinter den Bemühungen marginalisierter Gruppen um Wiedergutmachung, sondern treibt auch die Bemühungen dominanter Gruppen an, andere zu marginalisieren.“ Identitätspolitik hat also immer schon darüber mitbestimmt, wer Teil der US-amerikanischen Mehrheitsgesellschaft war, wer mit Bürgerrechten ausgestattet wurde und Zugang zu Bildung, gut entlohnter Arbeit und Gesundheitsversorgung hatte. So bleibt die Frage nach der nationalen Identität in den USA so lange brüchig, wie Menschen aufgrund ihrer racial identity, ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Identität herabgewürdigt und diskriminiert werden beziehungsweise in der Erinnerungskultur (erneut) unsichtbar gemacht werden.

Hinzu kommt eine Verschiebung des politischen Diskurses selbst: Nicht nur politische Positionen verändern sich, sondern auch die Grenzen dessen, was öffentlich sagbar, politisch durchsetzbar und gesellschaftlich mehrheitsfähig erscheint. Gerade im Umgang mit Migration, race, Geschlechterrollen oder sexueller Identität haben sich die gesellschaftlichen Konfliktlinien in den vergangenen Jahren sichtbar verschärft.

„E Pluribus Unum“ bleibt damit weniger eine Beschreibung der politischen Realität der Vereinigten Staaten als vielmehr eine fortwährende Aufgabe und ein Versprechen an zukünftige Generationen, um dessen Realisierung immer wieder gerungen wird. Ursprünglich bezeichnete das Motto den Zusammenschluss der dreizehn Kolonien zu einem gemeinsamen Staat. Heute lässt es sich darüber hinaus als die Herausforderung verstehen, aus einer Gesellschaft mit unterschiedlichen ethnischen Zugehörigkeiten, racial identities, Religionen und sozialen Hintergründen ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl hervorzubringen. Die Geschichte der USA zeigt, dass dieses Versprechen nie gleichermaßen für alle galt. Die nationale Identität war stets umkämpft und wurde immer wieder darüber definiert, wer als vollwertiger Teil der Nation anerkannt wurde – und wer nicht.

Gerade deshalb bleibt die amerikanische Identität bis heute von einem Spannungsverhältnis geprägt: zwischen universalistischen Idealen von Freiheit und Gleichheit einerseits und historischen wie gegenwärtigen Formen von Ausschluss und Ungleichheit andererseits. Vielleicht liegt die Besonderheit der Vereinigten Staaten gerade darin, dass nationale Identität dort nicht trotz gesellschaftlicher Diversität entsteht, sondern immer wieder aus ihr hervorgehen muss. „E Pluribus Unum“ wäre dann der Versuch, Differenzen nicht aufzuheben, sondern sie in ein gemeinsames demokratisches Selbstverständnis zu überführen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Während des Kalten Krieges (1956) hat „In God We Trust“ „E Pluribus Unum“ als offizielles Motto der Vereinigten Staaten abgelöst.

  2. Eine Abbildung des Original-Siegels findet sich hier: Externer Link: https://www.archives.gov/milestone-documents/original-design-of-the-great-seal-of-the-united-states.

  3. So heißt es in der Präambel der US-Verfassung: „We the People of the United States, in Order to form a more perfect Union, establish Justice, insure domestic Tranquility, provide for the common defense, promote the general Welfare, and secure the Blessings of Liberty to ourselves and our Posterity, do ordain and establish this Constitution for the United States of America.“

  4. Constitution 101 With Jill Lepore, 16.4.2021, Externer Link: https://constitutioncenter.org/news-debate/podcasts/constitution-101-with-jill-lepore (eigene Übersetzung); siehe auch Jill Lepore, These Truths. A History of the United States, New York 2018.

  5. Vgl. Robert G. Parkinson, The Common Cause. Creating Race and Nation in the American Revolution, Chapel Hill 2019.

  6. Vgl. Gary B. Nash, Race and Revolution, Madison 1990; siehe auch American Battlefield Trust, 10 Facts: Black Patriots in the American Revolution, 20.7.2021, Externer Link: https://www.battlefields.org/learn/articles/10-facts-black-patriots-american-revolution.

  7. Vgl. Ira Berlin, Coming to Terms with Slavery in Twenty-First-Century America, in: James Oliver Horton/Lois E. Horton (Hrsg.), Slavery and Public History: The Tough Stuff of American Memory, New York 2006, S. 1–17; Peter Wood, Black Majority. Negroes in Colonial South Carolina from 1670 Through the Stono Rebellion, New York 1974.

  8. In der Verfassung wurden Versklavte in der „three-fifth clause“, einem politischen Kompromiss, berücksichtigt. Diese Drei-Fünftel-Klausel legte fest, dass bei der Volkszählung für die Sitzverteilung im Repräsentantenhaus und für direkte Steuern drei von fünf Sklaven als eine Person gezählt wurden. Sie stärkte somit den politischen Einfluss der Südstaaten erheblich, indem sie deren Bevölkerung künstlich erhöhte, ohne dass den versklavten Menschen dabei politische Rechte gewährt wurden. Vgl. Michael F. Conlin, The Constitutional Origins of the American Civil War, Cambridge 2019.

  9. Vgl. Roxanne Dunbar-Ortiz, An Indigenous Peoples’ History of the United States, Boston 2022; Pekka Hämäläinen, Indigenous Continent. The Epic Contest for North America, New York 2022.

  10. Vgl. Michelle M. Wright, Becoming Black. Creating Identity in the African Diaspora, Durham 2004.

  11. Die American Colonization Society (ACS) organisierte die Auswanderung von Afroamerikaner:innen nach Liberia ab den 1820er Jahren bis Ende des 19. Jahrhunderts. Vgl. Claude A. Clegg III, African Americans and the Making of Liberia, in: History Now 60/2021, Externer Link: https://www.gilderlehrman.org/history-resources/essays/african-americans-and-making-liberia; siehe auch Eric Burin, Slavery and the Peculiar Solution. A History of the American Colonization Society, Gainesville 2005.

  12. Eigene Übersetzung. Original unter Externer Link: https://press-pubs.uchicago.edu/founders/documents/v1ch15s28.html.

  13. Eigene Übersetzung. Original unter Externer Link: https://constitutioncenter.org/the-constitution/historic-document-library/detail/frederick-douglass-what-to-the-slave-is-the-fourth-of-july-1852.

  14. Vgl. Heike Paul, The Myths That Made America. An Introduction to American Studies, Bielefeld 2014, S. 268ff.

  15. Der Begriff der Salatschüssel wurde vom US-amerikanischen Historiker Carl Degler geprägt, der das Konzept des Melting Pot zur Beschreibung der Einwanderungserfahrungen als ungeeignet erachtete. Vgl. Carl N. Degler, Out of Our Past. The Forces That Shaped Modern America, New York 1959.

  16. Der Soziologe William Julius Wilson stellte seinerzeit die breit rezipierte These auf, dass fortan Klasse weit mehr als race der entscheidende Faktor für soziale Aufstiegschancen sei. Vgl. William Julius Wilson, The Declining Significance of Race. Blacks and Changing American Institutions, Chicago 1978.

  17. Vgl. Diana Muir Appelbaum, Liberalism and the National Question, in: American Affairs 4/2019, S. 173–184.

  18. Vgl. Margaret D. Jacobs, A Generation Removed. The Fostering and Adoption of Indigenous Children in the Postwar World, Lincoln 2014; Laura Briggs, Somebody’s Children. The Politics of Transracial and Transnational Adoption, Durham 2012 (insb. Kapitel 2).

  19. Vgl. Andrew Gyory, Closing the Gate. Race, Politics, and the Chinese Exclusion Act, Chapel Hill 1998; Erika Lee, At America’s Gates. Chinese Immigration During the Exclusion Era, 1882–1945, Chapel Hill 2003.

  20. Die meisten Immigrant:innen erreichten die USA durch die Einwanderungszentren Ellis Island in New York und Angel Island in San Francisco. Vgl. Erika Lee/Judy Yung, Angel Island. Immigrant Gateway to America, Oxford 2010; Anna Pegler-Gordon, Closing the Golden Door. Asian Migration and the Hidden History of Exclusion at Ellis Island, Chapel Hill 2021.

  21. Vgl. Externer Link: https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/03/restoring-truth-and-sanity-to-american-history (eigene Übersetzung).

  22. OAH, Statement, 31.3.2025, Externer Link: https://www.oah.org/2025/03/31/statement-on-executive-order-restoring-truth-and-sanity-to-american-history (eigene Übersetzung).

  23. Stacey Abrams, Identity Politics Strengthens Democracy, in: Foreign Affairs 2/2019, S. 162 (eigene Übersetzung).

  24. John Sides/Michael Tesler/Lynn Vavreck, Identity Politics Can Lead to Progress, in: Foreign Affairs 2/2019, S. 163.

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ist habilitierte Nordamerika-Historikerin und akademische Rätin am Historischen Institut der Universität zu Köln.