E Pluribus Unum“ – „Out of Many, One“ – so lautet seit 1782 das erste offizielle Motto der Vereinigten Staaten von Amerika, nachdem die Gründerväter John Adams, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson den Wahlspruch am 4. Juli 1776, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung, für das Great Seal, das offizielle Hoheitszeichen und Wappen des neuen Staates, vorgeschlagen hatten.
Ideengeschichtlich beschreibt „Out of Many, One“ für viele Amerikaner:innen eine Vision für die USA beziehungsweise einen Auftrag an die von ihnen in politische Ämter gewählten Menschen, die Vereinigten Staaten fortlaufend zu einer „more perfect union“ zu machen.
Sklaverei und Gründung der USA
Die Historikerin Jill Lepore hat diese grundlegende Ambivalenz prägnant auf den Punkt gebracht:
„Dies ist eine Nation, die auf unveräußerlichen Rechten, der Souveränität des Volkes und der Zustimmung der Regierten gründet. Und es ist zugleich eine Nation, die auf der Leugnung all dieser Dinge beruht. (…) Es ist eine Nation, die auf Land errichtet wurde, das Menschen entrissen wurde, die sich als dessen souveräne Eigner verstanden. Der Aufbau des Landes war mit der erzwungenen Ausbeutung von Arbeitskräften verbunden, denen ihre natürlichen Rechte verwehrt wurden.“
Lepore beschreibt treffend den Umstand, dass bereits die Gründung der Vereinigten Staaten und die Betonung demokratischer Prinzipien im krassen Widerspruch zur politischen Praxis in den britischen Kolonien beziehungsweise der jungen Republik standen. Der Historiker Robert Parkinson argumentiert gar, dass rassistisch motivierte Vorurteile von den Gründervätern als eine Art „common cause“ der unterschiedlichen europäischen Siedler:innen bewusst mobilisiert worden seien.
Die Unabhängigkeitserklärung der USA beginnt mit den Worten: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ „These men“ waren in der Praxis vor allem weiße, über Besitz verfügende Männer beziehungsweise europäische Immigranten. Das hier artikulierte Selbstverständnis der USA stand somit im eklatanten Widerspruch zu den gewaltvollen Praktiken der europäischen Siedlerkolonialisten: zur Vertreibung und Vernichtung der Indigenen Bevölkerung, der massenhaften Verschleppung und Versklavung afrikanischstämmiger Menschen sowie der Ausbeutung von Schuldknechten (indentured servants).
In diesem Spannungsfeld bewegte sich auch der Gründervater Thomas Jefferson selbst. Als zentraler Verfasser der Unabhängigkeitserklärung verkörperte er wie kaum ein anderer die ideellen Ansprüche der jungen Nation – zugleich war er als Sklavenbesitzer direkt in das System der Sklaverei eingebunden. Auf seiner Plantage Monticello im Bundesstaat Virginia lebten mehr als 400 versklavte Menschen, und Jefferson hatte eine langjährige Beziehung mit seiner Sklavin Sally Hemings, aus der mehrere Kinder hervorgingen. Die Forschung zu diesem Thema ist auch nach 200 Jahren noch kontrovers, die Debatten werden hoch emotional geführt. In Kapitel 15 seiner 1781 verfassten „Notes on the State of Virginia“ adressiert Jefferson die Forderung der Abolitionist:innen, die Sklaverei nach und nach in allen Staaten der USA abzuschaffen. Im Anschluss an ihre Emanzipation, so eine der Vorstellungen, würden freie Schwarze nach Afrika „zurückkehren“, um dort die Kolonie Liberia zu gründen.
„Vielleicht wird man fragen: Warum behält man die Schwarzen nicht im Staat und integriert sie, um so die Kosten zu sparen, die entstehen, wenn man die von ihnen hinterlassenen Lücken durch die Einwanderung weißer Siedler füllen muss? Tief verwurzelte Vorurteile der Weißen; zehntausend Erinnerungen der Schwarzen an das Unrecht, das ihnen zugefügt wurde; neue Provokationen; die tatsächlichen Unterschiede, die die Natur geschaffen hat; und viele andere Umstände werden uns in Lager spalten und Unruhen hervorrufen, die wahrscheinlich niemals enden werden, außer mit der Auslöschung der einen oder der anderen Rasse.“
Jefferson fürchtete offenbar Vergeltungsmaßnahmen für das Unrecht, das Menschen afrikanischer Herkunft seit ihrer Verschleppung nach Nordamerika 1619 angetan worden war. Es lag jenseits seiner Vorstellungskraft, wie weiße und Schwarze Amerikaner:innen zu einer Nation zusammenfinden und emanzipierte Schwarze Teil der US-amerikanischen Gesellschaft werden könnten. Zeitgenossen, die seine Einschätzung teilten, hielten Emigration nach Liberia daher für eine geeignete Option. Obgleich diese Idee später auch unter Afroamerikaner:innen Anklang fand, entschied sich die überwältigende Mehrheit von ihnen nach der endgültigen Abschaffung der Sklaverei am Ende des Bürgerkrieges 1865, in ihrer Heimat, den USA, zu bleiben und sich für gleiche Teilhabe und volle Bürgerrechte einzusetzen. Es sollte ein langer Weg werden.
Die Frage, wer Teil der amerikanischen Nation sein konnte und wer von ihr ausgeschlossen war, blieb im 19. Jahrhundert hoch umstritten. Besonders Afroamerikaner:innen setzten sich intensiv mit der Diskrepanz zwischen dem proklamierten Selbstverständnis der USA und der Realität von Diskriminierung und Unfreiheit auseinander. Dies bringt der Abolitionist Frederick Douglass in seiner berühmten Rede „What to the Slave is the Fourth of July?“ deutlich zum Ausdruck. Douglass, selbst in die Sklaverei geboren, war von der Rochester Ladies’ Anti-Slavery Society eingeladen worden, eine Rede zur Feier des Amerikanischen Unabhängigkeitstages 1852 zu halten, die zu einem rhetorischen Meisterwerk wurde. Nachdem er zunächst die Gründerväter für ihre Ideale gelobt hatte, führte er seiner Zuhörerschaft im Folgenden die Heuchelei vor Augen, im Angesicht von Versklavung und Unterdrückung die eigene Freiheit zu zelebrieren. Er erinnerte die Abolitionistinnen in New York daran, dass ihr Selbstverständnis als Amerikanerinnen in einer freien, demokratischen Republik im Kontrast zur Unfreiheit der meisten Schwarzen Menschen im Lande stand:
„Gelten die großen Grundsätze der politischen Freiheit und der natürlichen Gerechtigkeit, die in dieser Unabhängigkeitserklärung verankert sind, auch für uns? (…) Das reiche Erbe an Gerechtigkeit, Freiheit, Wohlstand und Unabhängigkeit, das euch eure Väter hinterlassen haben, gehört euch, nicht mir. Das Sonnenlicht, das euch Leben und Heilung gebracht hat, hat mir Peitschenhiebe und den Tod gebracht. Dieser 4. Juli gehört euch, nicht mir. Ihr dürft euch freuen, ich muss trauern.“
Douglass weist darauf hin, dass der Nationalfeiertag für Schwarze Amerikaner:innen ein Tag der Trauer sei, da sie „no justice, no liberty, no citizenship“ für sich in Anspruch nehmen könnten. Gleichzeitig glaubte er an das Potenzial der US-Verfassung als ein Dokument der Freiheit und mobilisierte seine Zuhörerschaft, gegen Unrecht und Unterdrückung anzukämpfen: „Ungeachtet des düsteren Bildes (…) vom Zustand der Nation verliere ich den Glauben an dieses Land nicht.“ Vor diesem historischen Hintergrund stellt sich die Frage nach nationaler Identität allerdings nicht nur entlang der Demarkationslinien von Freiheit und Unfreiheit, sondern auch in Bezug auf Migration und Zugehörigkeit.
„Melting Pot“ USA?
Die Vorstellung von den USA als „Melting Pot“ geht auf das gleichnamige Theaterstück des britisch-jüdischen Schriftstellers Israel Zangwill zurück, das 1908 in Washington, D.C., Premiere feierte. Der damalige Präsident Theodore Roosevelt zeigte sich begeistert von der Metapher des Schmelztiegels, die suggerierte, dass die vielen verschiedenen Einwanderungsgruppen, die in die USA kamen, in der neuen Heimat miteinander verschmolzen – und dass daraus eine neue, amerikanische Identität entstehe.
In der Tat ist es irreführend, die Vereinigten Staaten als Melting Pot, Salad Bowl oder post-rassistische Gesellschaft zu bezeichnen. Eher beschreiben die Begriffe hartnäckige Mythen. Anders, als die Metaphern suggerieren, hat die angelsächsische Mehrheitsgesellschaft keineswegs alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen transformiert, sondern sie hat von den unterschiedlichsten Immigrant:innen Assimilation und Integration eingefordert. Auch ist die Bezeichnung der USA als Einwanderungsland nur in Teilen zutreffend. Viele Amerikaner:innen sind nicht die Nachkommen von eingewanderten Vorfahren, sondern von Indigenen und Versklavten.
Gleichzeitig ist es keineswegs unzutreffend, die USA als Einwanderungsland zu charakterisieren. Einwanderung vollzog sich jedoch in Schüben und unterlag stets bestimmten Kontrollen und Begrenzungen. Zwischen 1870 und 1900 kamen fast 12 Millionen Immigrant:innen in die Vereinigten Staaten. In den 1870er und 1880er Jahren stammte die überwiegende Mehrheit dieser Menschen aus Deutschland, Irland und England – den wichtigsten Herkunftsländern der Einwanderung bereits vor dem Bürgerkrieg. Allerdings wanderte mit dem Beginn des kalifornischen Goldrauschs 1849 auch eine relativ große Gruppe von Chines:innen in die Vereinigten Staaten ein. Mit dem Einsetzen der wirtschaftlichen Depression in den 1870er Jahren begannen europäische Immigrant:innen und Amerikaner:innen, um die Arbeitsplätze zu konkurrieren, die traditionell von Chines:innen übernommen worden waren. Der steigende wirtschaftliche Wettbewerb ging einher mit einem Anstieg von rassistisch motivierten Vorurteilen und Gewalt. Der politische Druck mündete 1882 schließlich im Chinese Exclusion Act, der erst 1943 formal aufgehoben wurde. Dieser ist historisch insofern bemerkenswert, als mit ihm Immigration explizit aufgrund ethnischer Identität beziehungsweise Nationalität untersagt wurde. Zugleich sah das Gesetz vor, dass bereits in den USA lebende Chines:innen nicht die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erlangen konnten.
Andere US-Bürger:innen wiederum sind Nachfahren von Mexikaner:innen, die nach der Annexion New Mexicos 1848 zu Amerikaner:innen gemacht worden waren. Im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert folgten dann Immigrant:innen aus Griechenland und Italien sowie jüdische Immigrant:innen und Einwanderer aus osteuropäischen Staaten, deren Immigration 1924 durch den Johnson-Reed Act beschränkt wurde.
Obwohl wissenschaftlich intensiv diskutiert und kritisiert, bleiben die Narrative des Schmelztiegels und der Salatschüssel zentrale Mythen und Symbole der amerikanischen nationalen Identität. Sie haben zur Legitimierung der Einwanderungspolitik beigetragen und finden in breiten gesellschaftlichen Diskursen Anklang, da sie sowohl die amerikanische Einwanderungsgeschichte als auch die Diskurse um nationale Einheit aufgreifen. Die Mythen stellen somit attraktive Identifikationsangebote dar. Zugleich erweisen sie sich jedoch als verkürzt: Sie basieren primär auf kulturellen Deutungen und blenden strukturelle Ungleichheiten sowie historische Gewaltverhältnisse weitgehend aus. Damit stehen sie exemplarisch für die anhaltende Spannung zwischen normativem Anspruch und historischer Realität – einer Spannung, die die Frage nach der amerikanischen Identität bis in die Gegenwart prägt.
Happy Birthday, USA?
250 Jahre nach ihrer Gründung scheinen die Vereinigten Staaten von Amerika ein tief in sich vermeintlich unversöhnlich gegenüberstehende politische Lager gespaltenes Land zu sein. Auch heute drehen sich kontroverse Debatten (wieder) um Immigration, ihre Regulierung und die Deportation von Menschen. Ein weiterer neuralgischer Punkt ist der Umgang mit der Geschichte des Landes, vor allem die Vertreibung und Vernichtung der Indigenen Bevölkerung, die Sklaverei und – nach ihrer Abschaffung – die Segregation, der institutionelle Rassismus, racial bias in der Rechtsprechung, Polizeigewalt und Sexismus. Das Erinnern der Geschichte und ihr Verhandeln im kollektiven Gedächtnis ist auch zum 250. Geburtstag der USA zu einem Kulturkampfthema geworden. Dies artikuliert sich nicht zuletzt in der Executive Order „Restoring Truth and Sanity to American History“, die Präsident Donald Trump im März 2025 unterzeichnet hat. In dieser Order übt Trump heftige Kritik an Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur: „Im Rahmen dieser historischen Neubewertung wird das beispiellose Erbe unserer Nation, das sich durch die Förderung von Freiheit, individuellen Rechten und menschlichem Glück auszeichnet, als von Natur aus rassistisch, sexistisch, repressiv oder auf andere Weise unüberwindbar fehlerhaft dargestellt.“
Die Konsequenzen der Order sind weitreichend: Sie versteht Geschichte als Fortschrittsnarrativ und sieht die nationalen Museen in der Pflicht, Amerikaner:innen an ihr „außergewöhnliches Erbe, die stetigen Fortschritte auf dem Weg zu einer perfekteren Union und die beispiellose Erfolgsbilanz bei der Förderung von Freiheit, Wohlstand und menschlicher Entfaltung“ zu erinnern. Besondere Kritik erfahren dabei Museen und die National Historical Parks, die die Geschichte von Rassismus und sozialer Ungleichheit oder die Erfahrungen marginalisierter Personen (aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer Sexualität) abbilden. Die weltweit größte Fachgesellschaft, die sich der Erforschung und Vermittlung der US-amerikanischen Geschichte widmet, die Organization of American Historians (OAH), reagierte bestürzt auf die Order: „Das ist keine Rückkehr zur Vernunft. Vielmehr dient es dazu, die Wahrheit zu verschleiern und zu zerstören.“
Genau an diesem Punkt setzt auch die gegenwärtige Debatte um Identitätspolitik an: Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama argumentiert, dass identity politics zur Zersplitterung einer Gesellschaft beitragen und der Herausbildung einer nationalen Identität im Wege stehen könnte. Tatsächlich empfinden viele marginalisierte Gruppen in den USA jedoch, dass sie gerade aufgrund ihrer Identität benachteiligt werden – und historische wie gegenwärtige Beispiele legen nahe, dass diese Wahrnehmung keineswegs unbegründet ist. Die Juristin und Politikerin Stacey Abrams etwa kommentiert: „Die Grundlage für nachhaltigen Fortschritt sind rechtliche Schutzmaßnahmen, die auf dem Bewusstsein beruhen, wie Identität dazu genutzt wurde, Chancen zu verwehren.“
Hinzu kommt eine Verschiebung des politischen Diskurses selbst: Nicht nur politische Positionen verändern sich, sondern auch die Grenzen dessen, was öffentlich sagbar, politisch durchsetzbar und gesellschaftlich mehrheitsfähig erscheint. Gerade im Umgang mit Migration, race, Geschlechterrollen oder sexueller Identität haben sich die gesellschaftlichen Konfliktlinien in den vergangenen Jahren sichtbar verschärft.
„E Pluribus Unum“ bleibt damit weniger eine Beschreibung der politischen Realität der Vereinigten Staaten als vielmehr eine fortwährende Aufgabe und ein Versprechen an zukünftige Generationen, um dessen Realisierung immer wieder gerungen wird. Ursprünglich bezeichnete das Motto den Zusammenschluss der dreizehn Kolonien zu einem gemeinsamen Staat. Heute lässt es sich darüber hinaus als die Herausforderung verstehen, aus einer Gesellschaft mit unterschiedlichen ethnischen Zugehörigkeiten, racial identities, Religionen und sozialen Hintergründen ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl hervorzubringen. Die Geschichte der USA zeigt, dass dieses Versprechen nie gleichermaßen für alle galt. Die nationale Identität war stets umkämpft und wurde immer wieder darüber definiert, wer als vollwertiger Teil der Nation anerkannt wurde – und wer nicht.
Gerade deshalb bleibt die amerikanische Identität bis heute von einem Spannungsverhältnis geprägt: zwischen universalistischen Idealen von Freiheit und Gleichheit einerseits und historischen wie gegenwärtigen Formen von Ausschluss und Ungleichheit andererseits. Vielleicht liegt die Besonderheit der Vereinigten Staaten gerade darin, dass nationale Identität dort nicht trotz gesellschaftlicher Diversität entsteht, sondern immer wieder aus ihr hervorgehen muss. „E Pluribus Unum“ wäre dann der Versuch, Differenzen nicht aufzuheben, sondern sie in ein gemeinsames demokratisches Selbstverständnis zu überführen.