Autoritarismus ist in der politischen Linken nichts per se Neues, er wird aber seit Langem von linker Seite gerne ausgeblendet – von den sowjetischen Schauprozessen bis zu den Gulags, vom Massenmord an Gegnern kommunistischer Regime bis zur Verfolgung von Juden. Denn er kollidiert mit dem aufgeklärten Selbstbild einer progressiven und emanzipatorischen Bewegung, die sich auf der vermeintlich „richtigen“ Seite der Geschichte sieht. Dass (auch) linke Ideologien schon immer für autoritäre Weltbilder empfänglich waren, war in der Vergangenheit trotzdem immer wieder Anlass für eine kritische Auseinandersetzung innerhalb der Linken selbst.
Doch spätestens seit dem von der Hamas geführten Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 scheint eine neue autoritäre Linke zu entstehen.
Gegenrede gibt es innerhalb des Milieus kaum. Die wenigen linken Stimmen, die diese Entwicklung kritisieren, werden häufig selbst zum Feind erklärt, der bekämpft werden müsse. Sie werden zu Rechten, Konterrevolutionären oder vor allem „Zionisten“ deklariert – Begriffe, die „Vergeltung“ rechtfertigen, ob mit Boykotten, Drohungen oder Gewalt. Gleichzeitig werden islamistische, ja autoritäre Terrororganisationen wie die Hamas zu dekolonialen, antiimperialistischen Widerstandskämpfern verklärt. Diese ideologische Wende mündet in eine antiwestliche Haltung, die die liberale Demokratie selbst als Gegner imaginiert. Autokratische Staaten oder bewaffnete Gruppen, die die Demokratie bekämpfen, werden als Verbündete gesehen.
Der 7. Oktober stellt eine Zäsur für die globale Linke dar. Er ist zum politisierenden Moment einer Generation geworden, zum „Vietnam“ der „Gen Z“. Die Bilder des verheerenden Krieges in Gaza, in dem Zehntausende Zivilisten (wenn nicht mehr) ums Leben gekommen sind, darunter viele Frauen und Kinder, haben in den sozialen Medien eine stark emotionalisierende, ja radikalisierende Wirkung. Diese nutzen Fundamentalisten gekonnt aus – und propagieren eine manichäische Ideologie, die die Welt und auch die Linke selbst in Gut und Böse sortiert und klare Schuldige identifiziert, die bestraft werden sollen.
Dieses Freund-Feind-Schema wird sowohl intern als auch extern projiziert: intern, um vermeintliche „politische Feinde“ in den eigenen Reihen mit Aggressivität auszuschließen; extern, um diverse geopolitische Konflikte auf eine einfache Binarität herunterzubrechen: der Osten gegen den Westen, der Globale Süden gegen den Norden, die Kolonisierten gegen die Kolonialisten.
Was also zeichnet diese neue autoritäre Linke aus? Was ist wirklich „neu“ an ihr? Welche Rolle spielt der 7. Oktober? Und wie sollte eine liberaldemokratische Gesellschaft auf diese Entwicklung reagieren?
Das Massaker
Am 7. Oktober überfielen Kommandos der islamistischen Terrororganisation Hamas sowie anderer bewaffneter palästinensischer Gruppen wie der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), der Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP) und des Palästinensischen Islamischen Dschihads (PIJ) zahlreiche Kibbuzim im israelischen Süden sowie das Nova-Musikfestival. Sie ermordeten rund 1.200 Menschen, größtenteils Zivilisten, verschleppten 251 weitere nach Gaza und setzten systematisch sexualisierte Gewalt ein.
Schon am Tag des Massakers brach Jubel in Teilen der globalen Linken aus. Für viele war es ein revolutionärer Moment, der zelebriert werden musste. „Gaza schlägt zurück“, titelte die linke Tageszeitung „Junge Welt“ am Morgen des Angriffs.
Die trotzkistische Gruppe „Klasse gegen Klasse“ drückte am Tag des Massakers in einem Beitrag auf der Social-Media-Plattform X, der bis heute online ist, ihre „Solidarität mit dem Befreiungskampf“ aus.
Im Verlagsgebäude des „Neuen Deutschland“ in Berlin-Friedrichshain fand am Morgen des Angriffs der „Kommunismus Kongress 2023“ statt, bei dem ein Aktivist des einen Monat später vom Bundesinnenministerium verbotenen Netzwerks Samidoun, einer Tarnorganisation der palästinensischen Terrorgruppe PFLP, einen Vortrag über den „palästinensischen Widerstand“ hielt. In der Kongresspause wurden im Innenhof, noch während palästinensische Terroristen in israelischen Kibbuzim und Kleinstädten Zivilisten töteten, Palästinaflaggen geschwenkt. „Vollste Solidarität mit dem Widerstand“, schrieben die Veranstalter dazu in einer Story auf Instagram.
Drei Tage später sprach die marxistisch-leninistische Jugendgruppe „Young Struggle“ in einem Blogbeitrag auf ihrer Webseite von einem „Gefängnisausbruch“ und bezeichnete PFLP und DFLP als „fortschrittlich“ – und den „Befreiungsschlag“ als legitim.
Das sind nur einige von unzähligen Beispielen. In den Tagen, Wochen und Monaten danach gelang es einigen linken Aktivisten und Gruppierungen, das Massaker gegen Zivilisten samt Vergewaltigung und Entführung als Akt des legitimen Widerstands zu verkaufen. Der Angriff auf Israel diente als Katalysator für eine autoritäre Wende in erheblichen Teilen der globalen Linken.
Das Autoritäre
Der 7. Oktober stellt also ein Radikalisierungsmoment dar. Aber was ist autoritär daran?
Die neue autoritäre Linke findet ihr revolutionäres Subjekt nicht mehr in der hiesigen Arbeiterklasse, sondern in den bewaffneten Gruppen des sogenannten Globalen Südens. Diese Waffengewalt wird als authentischer Ausdruck des Widerstands gegen imperialistische Unterdrückung imaginiert. Doch während sich linksradikale Gruppen in Europa in den 1970er und 1980er Jahren mit säkularen palästinensischen Terrororganisationen wie der nationalistisch-marxistischen PFLP solidarisierten, zählt heute als Verbündete im Kampf gegen den westlichen Imperialismus vor allem die islamistische „Achse des Widerstands“, wie die Islamische Republik Iran die von ihr finanzierte und koordinierte Allianz bezeichnet. Zu dieser gehören neben der Hamas auch die Hisbollah im Libanon und die Huthis im Jemen.
Diese Organisationen sind schon an sich autoritär. Sie vertreten ein klerikalfaschistisches Weltbild, sind zutiefst reaktionär, antiemanzipatorisch, frauen- und queerfeindlich und unterdrücken Nichtgläubige, andere Minderheiten sowie Oppositionelle. Ihre fanatische Ideologie, die Antisemitismus, Antizionismus und Dschihadismus verbindet, setzen sie nicht mit Diplomatie durch, sondern mit Waffengewalt, die sich häufig gegen Zivilisten richtet.
Doch aus einer identitären linken Sichtweise ist es „paternalistisch“, solchen Akteuren vorzuschreiben, wie sie sich angesichts ihrer Unterdrückung zu wehren haben. Es ist bezeichnend, dass nach dem Waffenstillstand zwischen der Hamas und Israel im Oktober 2025 eine Entwaffnung der islamistischen Terrororganisation, die mit besagten Waffen auch die eigene Bevölkerung in Gaza unterdrückt, im Diskurs der neuen autoritären Linken kaum eine Rolle spielte. Ein Grund dafür ist, dass die Hamas der gerüstete Ausdruck eines fundamentalistischen Antizionismus ist, den diese Linke in Hörsälen, auf der Straße und in den sozialen Medien predigt. Die Hamas will Palästina „vom Fluss bis zum Meer“ befreien, wie es in ihrem Grundsatzdokument von 2017 heißt.
Die neue autoritäre Linke lässt sich also durch die folgenden Merkmale charakterisieren: Sie tritt mit Absolutheitsanspruch auf und lehnt Komplexität zugunsten eines eindeutigen Kampfs von „Licht gegen Dunkelheit“ beziehungsweise „Gut gegen Böse“ ab, der mit allen Mitteln entschlossen geführt werden muss; sie bewundert deshalb autokratische und totalitäre Regime sowie Terrororganisationen, die den liberalen Westen bekämpfen; sie verharmlost bis zur Verherrlichung bewaffnete Gewalt gegen Zivilisten als legitimen, antikolonialen Widerstand; sie lehnt die liberale Demokratie als rassistisches und kapitalistisches Unterdrückungssystem zugunsten autoritärer sozialistischer oder kommunistischer Staatsformen ab; und sie feindet linke und liberale Personen und Organisationen, die diese autoritären Tendenzen kritisieren, als primäre politische Gegner an, die es zu bekämpfen gilt und gegen die auch Gewalt gerechtfertigt ist.
Dass die Verherrlichung der Hamas unter manchen Linken nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Vernichtungsantisemitismus erfolgt, war in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem 7. Oktober deutlich zu erkennen. Auf Demonstrationsplakaten in mehreren Ländern war der Satz „Decolonization is not a metaphor“ zu lesen – Dekolonisierung sei keine Metapher.
Der amerikanische Autor Adam Kirsch beschreibt in seinem 2024 erschienenen Buch „On Settler Colonialism“ diese ideologische Entwicklung so: „Für viele Wissenschaftler und Aktivisten war die Beschreibung Israels als Siedlerkolonialstaat eine ausreichende Rechtfertigung für den Angriff der Hamas, da dieser Begriff für sie eine ganze Reihe ideologischer Überzeugungen umfasst – über Israel und Palästina, aber auch über Geschichte und viele soziale und politische Themen, von der Umwelt über Gender bis hin zum Kapitalismus.“
Nach dieser Logik sei Gewalt gegen israelische Zivilisten gerechtfertigt, weil diese eben „Siedler“ seien – eine Art Ursünde, die man erbt. So schrieb der Aktivist Ramsis Kilani am Tag nach dem Hamas-Massaker auf der Plattform X: „Siedler:innen sind, männlich & weiblich, seit der Jugend militärisch in der Armee ausgebildet & auf den Krieg gegen Palästinenser:innen geeicht. Meist sind sie bewaffnet, andernfalls Armee-Reservist:innen außer Dienst. Die Grenze zwischen kolonial Zivil & Militär ist uneindeutig.“
Im Kern ist diese politische Ideologie autoritär. Statt auf Diplomatie und Mäßigung zu setzen, wird Gewalt gegen Zivilisten als emanzipatorische Kraft der Befreiung gesehen – von Terroranschlägen über Entführungen bis hin zu Raketenangriffen auf eine Zivilbevölkerung. Akteure wie die Hamas, die autoritär gegen die eigene Bevölkerung in Gaza vorgeht und vermeintliche Kollaborateure sowie Homosexuelle und Dissidenten foltert und hinrichtet, werden zum revolutionären Subjekt stilisiert, das es zu unterstützen gilt.
Doch die autoritäre Radikalisierung der Linken beschränkt sich nicht nur auf eine Ablehnung des jüdischen Staates Israel, der als Stellvertreter oder Speerspitze des westlichen Imperialismus gilt. Sie richtet sich am Ende auch gegen die liberale Demokratie des Westens, die als imperialistisch, faschistisch und deshalb illegitim gesehen wird. Autokratische Staaten, die diesem Westen den Kampf ansagen, gelten als Verbündete. Das zeigte sich zuletzt am Beispiel des Iran-Kriegs Anfang 2026. Die Splittergruppe „Kommunistische Organisation“, die 2018 aus der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) hervorgegangen ist, verkündete ihre Solidarität mit der Islamischen Republik: „Nieder mit dem Imperialismus – es lebe der Widerstand der Völker!“
Die Propagandaplattformen
Dass es darüber hinaus wenig Berührungsängste mit dem Propagandanetzwerk des russischen Staates gibt, zeigt etwa der Fall von „Red Media“. Das linke Medienportal, das von Berlin aus agiert, gilt als Nachfolger des „Russia-Today“-Mediums „Redfish“ – einer Propagandaplattform Russlands. Redfish wurde nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022 aufgelöst, doch die zentralen Akteure machten unter neuem Namen weiter – nun jedoch offiziell mit Sitz in Istanbul, außerhalb der Reichweite der Europäischen Sanktionen gegen Russland (das Mutterunternehmen AFA Medya scheint lediglich eine Briefkastenfirma zu sein).
Über die Verbindungen von Red Media zum Medienapparat des Putin-Regimes ist bereits mehrfach berichtet worden.
Auffällig ist, dass Red Media kaum über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine oder die russische Politik berichtet, sondern überwiegend über Israel und den Gaza-Krieg. Zum ersten Jahrestag des Massakers veröffentlichte das Portal eine Gesprächsreihe mit Vertretern der Hamas, der PFLP, der Huthis, der Hisbollah und des Palästinensischen Islamischen Dschihads.
Eine kritische Distanzierung von Medien wie Red gibt es in Teilen der Linken nicht. Stattdessen solidarisiert man sich mit Portal und Gründer als vermeintlichen Märtyrern der Pressefreiheit.
Red Media ist nur ein Beispiel. Aktivisten der neuen autoritären Linken setzen auf Desinformationskanäle, Propagandaplattformen und die Sender autokratischer Staaten, um ihr Weltbild zu bestätigen und zu unterstützen. So ließen sich im Januar 2025 drei szenebekannte Medienaktivisten aus Berlin für eine Dokumentation mit dem Titel „Deutschlands blinde Unterstützung für Israel“ von TRT World interviewen – einem englischsprachigen Propagandasender des Erdoğan-Regimes.
Die Kehrseite dieses Trends ist eine wachsende Pressefeindlichkeit gegenüber Qualitätsmedien. Zeitungen und Journalisten werden von dieser Szene zu Gegnern erklärt und mitunter gar bedroht. Direkt nach dem 7. Oktober besprühten Aktivisten der militanten Gruppe Palestine Action, die in Großbritannien inzwischen verboten wurde (ein Rechtsverfahren dazu läuft noch), das Hauptgebäude der BBC in London mit roter Farbe, weil der Sender „Blut an seinen Händen“ habe.
In Deutschland trifft die Pressefeindlichkeit der neuen autoritären Linken etwa die ARD, das ZDF, die „FAZ“, den „Tagesspiegel“ oder die „taz“.
Das Neue
Von einer neuen autoritären Linken zu sprechen, schließt nicht aus, dass es auch schon eine alte gegeben hat; gewisse Kontinuitäten sind offensichtlich. Bereits die aus der 1968er-Bewegung entstandene „Neue Linke“ kippte selbst ins Autoritäre, obwohl sie mit dem Ziel gestartet war, nach dem Holocaust ein Gegengewicht zum Autoritarismus der Elterngeneration sowie jenem der Sowjetunion zu bilden. Gruppen wie die Revolutionären Zellen und die Rote Armee Fraktion (RAF) arbeiteten mit palästinensischen Terrororganisationen wie der PFLP zusammen.
Neu an der neuen autoritären Linken ist jedoch ihr Radikalisierungsmoment: Das Massaker vom 7. Oktober war eine Zäsur für die globale Linke. Es führte dazu, dass alte autoritäre Ideologien wie jener Antiimperialismus, der selektiv auf den Westen fokussiert, eine Renaissance erlebten. Der Terrorakt der Hamas und anderer Gruppen ermöglichte es linksautoritären Gruppen und Aktivisten, ihr Narrativ breiter zu streuen und damit neue Anhänger zu rekrutieren – weit über ihr klassisches Milieu hinaus.
Die bereits erwähnten Gruppen „Klasse gegen Klasse“, „Young Struggle“ oder „Kommunistische Organisation“ sind nur drei Beispiele. Es gibt unzählige andere „rote Gruppen“, die sich etwa „Rote Jugend“ oder „Revolution“ nennen. Hinzu kommen weitere Organisationen mit thematischem Bezug zum Nahostkonflikt, etwa die terrorverherrlichende Gruppe „Palästina Spricht“, die in einigen deutschen Städten aktiv ist. Viele dieser Gruppen sind erst in den vergangenen Jahren entstanden. Sie rekrutieren vor allem junge Anhänger, manche sind erst Teenager. Es handelt sich um eine neue Generation linksautoritärer Aktivisten, die so erfolgreich sind wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Für sich genommen ist die Mitgliederzahl jeder dieser Gruppen überschaubar, sie dürfte sich im zweistelligen bis höchstens niedrigen dreistelligen Bereich bewegen. Was sie trennt, sind meist nebensächliche theoretische Streitpunkte: Manche sind von Elementen des Stalinismus geprägt, andere eher vom Maoismus; selbst die Trotzkisten haben sich in unzählige Untergruppen gespalten. Was sie jedoch eint, ist eine autoritäre antiwestliche Haltung im Allgemeinen und ein aggressiver Antizionismus im Besonderen, der im jüdischen Staat Israel die Quelle allen Übels sieht.
Entstanden ist so ein mobilisierungsfähiges Netzwerk, das in der Lage ist, größere Demonstrationen zu organisieren. Viele der genannten Gruppen treten etwa im „Kufiya-Netzwerk“ sowie im „Internationalistischen Bündnis Berlin“ auf.
Gerade angesichts der globalen Erstarkung der extremen Rechten, der Gewaltbereitschaft und Vernetzung islamistischer Dschihadisten und der hybriden Kriegsführung autokratischer Staaten wie Russland kommt diese Entwicklung der Linken zur Unzeit. Eine demokratische, emanzipatorische Linke hat sich immer wieder als wichtiger Bestandteil eines liberalen Bündnisses im Kampf gegen vielfältige politische Bedrohungen erwiesen. Eine Linke, die jedoch selbst illiberal, antidemokratisch, tendenziell antisemitisch und autoritär agiert, wird selbst zur Gefahr.