Warum haben Sie sich entschieden, Berufsschullehrer zu werden?
– Ich habe mich relativ spät dazu entschlossen, weil ich, wie die allermeisten Berufsschullehrer, zuerst eine einschlägige Ausbildung gemacht habe. Ich habe in der Industrie Mechatroniker gelernt und dort auch einige Jahre gearbeitet. Ich hatte Spaß an den technischen Prozessen, aber mit Ende 20 wollte ich stärker den Menschen für mich ins Zentrum stellen und nicht das Produkt. Ich habe mich dann entschlossen, noch mal grundständig Lehramt zu studieren für Elektrotechnik und Mathematik. Es gibt insgesamt sehr wenig Lehrer für berufsbildende Schulen und nochmal ganz speziell im Technikbereich. Das ist ein Riesenproblem. Daher buhlen die Berufsschulen frühzeitig um solche Studierenden und signalisieren einen Bedarf. So war es bei mir auch, und ich bin sehr glücklich, dass ich an meiner Schule bin.
Die Rolle der berufsbildenden Schulen, und vielleicht speziell der Berufsschule, wird in meiner Wahrnehmung immer ein bisschen unterschätzt. Denn ein ganz großer Teil der jungen Menschen entscheidet sich ja, nach der zehnten Klasse einen regulären Beruf zu lernen, und dazu gehört in Deutschland überwiegend der Besuch einer Berufsschule. Und die Schülerzahlen werden, trotz rückläufiger Geburtenzahlen, vermutlich über die nächsten zwei Jahrzehnte stabil bleiben, weil unsere Schülerschaft nicht nur aus den 16-jährigen Absolventen der Regelschulen besteht, sondern auch zum Beispiel aus etwas älteren Menschen, die eine Umschulung machen, oder aus Abiturienten, die vielleicht ein Studium begonnen und abgebrochen haben. Das ist sehr divers.
Was sind für Sie die größten Freuden im Alltag an der Berufsschule?
– Am besten gefällt mir die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern, vor allem, wenn die wirklich Spaß haben an dem, was man da macht. Wenn es vielleicht um einen komplizierten Sachverhalt technischer Natur geht – zum Beispiel in der Energietechnik um die Frage, wie ein Transformator in Betrieb genommen werden muss, damit ein fiktives Dorf mit elektrischer Energie versorgt wird – und man viel Zeit und Mühe in die Vorbereitung und in den Unterricht investiert und die Schüler da abzuholen versucht, wo sie stehen. Denn das ist ja auch das Schöne an der Berufsschule: Mit zunehmenden Lehrjahren bringen die Auszubildenden total interessante Erfahrungen mit, die ich teilweise selbst gar nicht habe. Und dann wird Unterricht zum Dialog, weil man sich mehr und mehr auf Augenhöhe begegnet. Da merkt man schon, wie sehr sich die Schülerinnen und Schüler entwickelt haben. Und das ist natürlich ein super Gefühl, wenn man ein gutes Zeugnis übergeben kann und weiß: Dieser Person habe ich jetzt wirklich was mitgegeben für ihre berufliche, aber auch private Zukunft.
Und was sind die größten Herausforderungen?
– Da ist zum einen ein enormer Verwaltungsaufwand. Die Abstimmung mit den Betrieben im dualen System ist ein Punkt – ein engmaschiger Austausch, um etwa individuell Förderpläne zu entwickeln, kann da im Alltag kaum stattfinden, sondern diese zwei Partner laufen eher parallel nebeneinander, außer wenn es wirklich Schwierigkeiten gibt mit einem Auszubildenden oder einer Auszubildenden. Dazu kommen dann noch die Industrie- und Handelskammer für Industrieberufe und die Handwerkskammer als weitere Institutionen, mit denen wir uns abstimmen, gerade im Rahmen von Prüfungsausschüssen.
Berufsschulklassen sind bei uns mit teils mehr als dreißig Schülerinnen und Schülern relativ groß. Denn es gibt einen sogenannten Schulnetzplan – wenn ein Betrieb jemanden einstellt, sind wir als Berufsschule auch verpflichtet, ihn oder sie anzunehmen. Die Betriebe haben natürlich auch Ansprüche an uns, zu Recht. Die wollen natürlich, dass erstmal Unterricht stattfindet. Das ist das Mindestmaß. Und man muss ehrlicherweise sagen, wenn man nicht genug Lehrer hat, ist das schon ein Problem. Es gibt an unserer Schule Klassen, die gar nicht durchweg fünf Tage unterrichtet werden, weil wir die Kollegen nicht haben. Und dann gehen die einen Tag in den Betrieb. Das ist eine krasse Ausnahme, aber es ist vorgekommen.
Sie unterrichten an der Berufsschule Jugendliche und Erwachsene mit ganz unterschiedlichen Bildungserfahrungen. Was bedeutet das für Ihre pädagogische Arbeit?
– Der überwiegende Teil unserer Schülerschaft ist klassischerweise zwischen 16 und 19 Jahren. Dazu kommen ältere Schüler, die eine Umschulung machen; da sind Schüler dabei, die waren mehrere Jahre bei der Bundeswehr und machen jetzt ihre Wiedereingliederung. Solche älteren Schüler sind fast immer eine Bereicherung. Ganz einfach, weil die natürlich durch ihre Lebenserfahrung eine andere Motivation, aber auch Ruhe mitbringen, die sich positiv auf eine Klasse auswirken können.
Generell versuche ich, den Spagat zu schaffen zwischen fachlichen Anforderungen einerseits und der Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler andererseits. Es sind teils erwachsene Leute – wer bin ich, zu sagen, „du musst jetzt hier jedes Wort mitschreiben“? Man muss vielmehr authentisch sein und kompetent auf fachlicher Ebene.
Wenn ich im ersten Ausbildungsjahr Schüler habe, die vielleicht einen Hauptschul- oder Realschulabschluss haben und andere mit Abitur, dann sind die mit Abitur natürlich tendenziell mathematisch besser gebildet, einfach, weil sie länger zur Schule gegangen sind. Aber abholen muss ich am Ende trotzdem alle. Da steht den einen vielleicht schon ein bisschen der Schweiß auf der Stirn, während die anderen sich ein müdes Lächeln abringen. Aber diejenigen kann man dann auch mit ins Boot holen und bitten, anderen Schülern im Zwiegespräch weiterzuhelfen.
Spielen die Eltern der Schülerinnen und Schüler an der Berufsschule überhaupt eine Rolle?
– An der Berufsschule eigentlich nicht. Also wenn, dann ruft der Betrieb an, und die Nummer, die ich im System habe, ist auch die vom Ausbilder und nicht die von den Eltern. Und das ist dann auch eher das Argument, das zieht. „Ich rufe Mutti an“ ist jetzt vielleicht nicht mehr so das Ding, aber wenn ich sage, „ich rufe den Ausbilder mal an, irgendwas funktioniert hier nicht“, dann ist das tendenziell schon eher was. Man bemerkt da schon eine neue Art der Sozialisierung, das werden jetzt wirklich junge Erwachsene. Meiner Empfindung nach ist dieser Erwachsenwerdungsprozess in der Berufsschule stärker als an anderen Schulformen. Man verdient Geld, man ist Arbeitnehmer. Es werden Anforderungen vom Arbeitgeber an einen gestellt. Anders sieht es beim beruflichen Gymnasium aus, da spielen die Eltern eher noch eine Rolle. Man merkt da schon auch Unterschiede bei den Schülerinnen und Schülern. Berufsbildende Schule ist sehr vielfältig, ein riesiges Spektrum, und das macht die Sache auch so interessant.
An Berufsschulen lernen auch Auszubildende, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind. Wie gehen Sie mit Sprachbarrieren um?
– Meiner Erfahrung nach sind Sprachbarrieren an der Berufsschule schon ein großes Problem. Wenn über Integration gesprochen wird, ist ja in erster Linie die Sprache gemeint. Ich verstehe absolut, dass man sagt, da kommen Menschen in unser Land, die wollen arbeiten, also bringen wir die in Arbeit. Und ich kann mir vorstellen, dass das zum Beispiel in einem Baustellenbetrieb ganz gut funktionieren kann, mit Kollegen, die immer zusammenarbeiten, mit denen man relativ schnell eine Dynamik und eine Verständigung entwickelt. Wenn aber bei uns in der Schule, wo wir unsere Lerninhalte haben, überwiegend am Tisch sitzen, vielleicht mal in der Gruppe arbeiten, Notizen machen, rechnen und im Dialog Sachverhalte erarbeiten, die Sprache in umfangreichem Ausmaß fehlt, dann bin ich von Tag eins an aufgeschmissen. Es ist ja schon für deutsche Schüler schwierig, wenn wir über Kapazitäten, Induktivitäten oder Impedanzen sprechen, sich das Vokabular sicher anzueignen.
Seitens des Bildungsministeriums gibt es spezifische Ausgleichs- und Fördermaßnahmen, mit denen versucht wird, auf Sprachbarrieren zu reagieren. Aber da sind wir wieder bei der Bürokratie: Schüler müssen einen Antrag stellen und den rechtzeitig zum Schulamt schicken. Wie überwachen wir dann die regelmäßige Teilnahme am Deutsch-als-Zweitsprache-Unterricht, damit die Ausgleichsmaßnahme auch unterstützt werden kann? Über dreieinhalb Jahre Ausbildung bringt das sicherlich was, auch in Kombination mit der beruflichen Tätigkeit. Aber der Weg sorgt für die Schülerinnen und Schüler lange für eine Benachteiligung, die ich in meinem Unterricht nicht ausgleichen kann.
Welche Rolle spielt politische Bildung in Ihrem Schulalltag?
– Ich würde das in zwei Kategorien unterteilen. Wenn zum Beispiel Wahlen anstehen, dann fangen die Schülerinnen und Schüler manchmal von sich aus an, über Parteien zu diskutieren. Und dann mache ich das auch ein Stück weit zu meinem Thema, weil mir wichtig ist, dass sie sachlich ihre Meinung austauschen und die auch begründen können. Da versuche ich zumindest anzuregen, Positionen zu hinterfragen. Das gehört für mich auch dazu, wir alle sind ja Teil dieser Gesellschaft, und dann muss man sich auch die Zeit nehmen, darüber zu reden.
Manchmal lassen sich aber auch konkrete politische Entscheidungen im Fach Elektrotechnik diskutieren. Wenn ich etwa mit den Schülerinnen und Schülern über Mittelspannungs- oder Hochspannungsnetze spreche und darüber, dass es mehrere Trassen gibt, die in Deutschland von Nord nach Süd verlaufen, um sauber produzierten Strom aus dem Norden in den Süden zu bringen, dann müssen wir auch fragen: Wie kommt so eine Trasse zustande? Gibt es andere Möglichkeiten, auch im Sinne der erneuerbaren Energien, Photovoltaik und Windkraft? Was sind Probleme bei der dezentralen Energieerzeugung? Gibt es elektrotechnische Maßnahmen, um die Energieversorgung abzusichern? Oder wenn wir über elektronische Daten sprechen: Was ist überhaupt Datenschutz, was ist Datensicherheit? Die elektronische Patientenakte ist ein Paradebeispiel, um zu fragen: Habt ihr davon schon mal gehört? Ist das etwas, das euch beschäftigt? Und wie ist das bei den Onlineplattformen, die Daten sammeln und verkaufen? Das passt meiner Meinung nach super in so einen Unterricht.
Junge Wählerinnen und Wähler unterstützen in den vergangenen Jahren vermehrt die politischen Ränder. Wie gehen Sie mit schwierigen politischen Diskussionen um?
– Wir nehmen als Schule regelmäßig an den sogenannten Juniorwahlen teil. Dabei werden vor dem eigentlichen Wahltermin repräsentative Wahlen an Schulen durchgeführt, damit Schülerinnen und Schüler sich mit dem Thema auseinandersetzen. Und da merkt man schon, dass die Ränder tendenziell mehr gewählt werden und dass vor allem der rechte politische Rand in den letzten Jahren viel stärker geworden ist. Bei den Auszubildenden sind extreme Strömungen sogar noch mal stärker ausgeprägt als bei denen, die eine allgemeinbildende Schulform besuchen.
Grundsätzlich fühle ich mich gut darauf vorbereitet, mit den Schülerinnen und Schülern zu diskutieren, einfach, weil ich mich für Politik interessiere, auch wenn ein Sozialkundelehrer das vielleicht noch besser könnte. Hier in Thüringen wurde vor Kurzem die sogenannte Verfassungsviertelstunde eingeführt, was ja auch ein bisschen kritisiert wurde – was das dann bringen soll, wenn der Sportlehrer in seinem Unterricht politische Diskussionen anstößt. Der könne die ja gar nicht richtig moderieren. Aber ich würde sagen, ein erwachsener, gebildeter Mensch, der sich ansatzweise mit der aktuellen Politik und dem aktuellen Zeitgeschehen auseinandersetzt, hat schon mal gute Grundlagen, solche Gespräche zumindest ein bisschen zu strukturieren.
Und es ist mir auch wichtig, vor allem, wenn eine gewisse Grenze überschritten wird, das Gespräch zu suchen und eben zu fragen: Wie kommst du darauf? Wo hast du das her?
Das heißt, Sie sehen Demokratiebildung auch als Querschnittsaufgabe aller Lehrerinnen und Lehrer?
– Wenn man sich den Auftrag der Berufsschule ansieht, dann hat sie nicht nur den Zweck, fachliche Kompetenzen zu vermitteln, sondern eben auch Demokratiebildung. Die Berufsausbildung ist der erste Abschnitt im Leben eines jungen Menschen, wo er sich mal wirklich mit seinem Erwachsenwerden auseinandersetzt. Vorher bin ich im elterlichen Haushalt und in der Schule relativ behütet. Aber in dem Moment, in dem ich in den Ausbildungsbetrieb komme, treffe ich zum ersten Mal auf das „echte Leben“. Und da findet eine Auseinandersetzung mit meiner Umwelt in einem Bereich statt, den ich vorher überhaupt nicht gekannt habe. Jetzt lerne ich auf einmal erwachsene Menschen kennen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, die nicht meine Freunde, Lehrer oder Familie sind, und mit denen ich interagieren muss. Und so ein Unternehmen hängt ja unter anderem von politischen Entscheidungen ab, von wirtschaftlichen Bedingungen. Das heißt, da bin ich das erste Mal so richtig am Puls des Erwachsenenlebens. Und dann gehört das auch ein Stück weit in meinen Unterricht hinein, aus der reinen Fachlichkeit herauszugehen und zu sagen, wir müssen auch mal das größere Ganze anschauen.
Die deutsche Wirtschaft steht vor großen Umbrüchen. Wie blicken Ihre Schülerinnen und Schüler in ihre berufliche Zukunft?
– Vor Kurzem habe ich Schülerinnen und Schüler im vierten Ausbildungsjahr vor mir sitzen gehabt, im Industriebereich, also sogenannte Elektroniker für Betriebstechnik. Die stammen aus Industriebetrieben und aus Energieversorgerbetrieben. Die habe ich natürlich gefragt: So, Leute, wie sieht es denn aus? Werdet ihr übernommen? Die schreiben im Dezember ihre Abschlussprüfung und sind im Januar fertig. Und die allermeisten haben tatsächlich noch gar keine Aussage treffen können, weil es noch gar kein konkretes Gespräch gab. Aber wir alle wissen, dass die Babyboomer langsam in Rente gehen, das ist ein Großteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Gerade in Ostdeutschland ist das noch ein bisschen verschärft, weil die Nachwendegeneration eher in den Westen abgewandert ist. Das heißt, da gibt es eine riesige Lücke. Die Betriebe bilden ja teilweise schon gezielt auf Stellen aus. Bei uns in der Technik haben wir sehr stabile Schülerinnen- und Schülerzahlen, tendenziell in den letzten ein, zwei Jahren sogar etwas steigend, sodass sich mehr Schüler angemeldet haben, als wir eigentlich Plätze haben. Was darauf schließen lässt, dass die Firmen einen Sinn darin sehen, auszubilden.
Machen sich meine Schüler große Sorgen um ihre Zukunft? Ich bin manchmal ein bisschen irritiert, weil manche der Frage relativ gleichgültig gegenüberstehen: Weiß ich noch nicht, mal gucken. Manche sagen auch ganz klar: Ich mache danach was anderes. Oder ich mache danach erst mal was anderes. Teilweise ist ja die gesellschaftliche Erwartung an junge Leute: Ihr seid doch jetzt fertig mit der Ausbildung, jetzt könnt ihr doch vierzig Stunden die Woche arbeiten und richtig Geld verdienen. Was ist denn mit euch los, dass ihr jetzt keinen Bock darauf habt? Die Erwartungshaltung spüren die natürlich. Und sie merken: Es gibt wenige von euch, ihr werdet eigentlich alle gebraucht. Und selbst wenn ihr nicht den allerbesten Abschluss habt, wir nehmen euch schon.
Sie sagen, Sie arbeiten sehr gern als Berufsschullehrer. Was müsste passieren, damit das auch in zehn Jahren noch so ist?
– Was müsste besser werden? Mehr Kolleginnen und Kollegen, das wäre schön. Damit man deutlich geringere Ausfallzahlen hat und der Unterricht besser abgesichert ist. Natürlich wünsche ich mir motivierte Schüler, aber das ist überwiegend der Fall. Und ich würde mir tatsächlich wünschen, dass das Leistungsniveau der Schüler, wenn sie kommen, ein bisschen steigt. Bei vielen Schülerinnen und Schülern sehen wir heute noch die Auswirkungen der Corona-Pandemie, was meiner Meinung nach unterschätzt wird. Insbesondere bei mathematischen Kompetenzen – wenn die Bruchrechnung in der Unterstufe nicht richtig erlernt wurde, dann werden auch Bruchterme und Formeln bis heute nicht richtig verstanden. Ich habe die Hoffnung, dass sich das ausschleicht und das Niveau tendenziell wieder zunimmt.
Ansonsten ist ja oft die räumliche Ausstattung ein Thema, weil die Schulen von der Kommune finanziert werden, aber da kann ich mich gar nicht beschweren. Und zuletzt die gesellschaftliche Wahrnehmung der Berufsschule. Ich habe den Eindruck, dass die Berufsschule insgesamt unterschätzt wird. Und das ist für mich nicht wirklich nachvollziehbar, weil wir an so einer neuralgischen Stelle in der Lebensphase eines jungen Menschen ein wichtiger Teil sind.
Das Interview führte Julia Heinrich am 26.08.2026.