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Neue Bildungsallianzen Berufliche und akademische Bildung in Zeiten des Fachkräftemangels und Künstlicher Intelligenz

Silvia Annen

/ 13 Minuten zu lesen

Lange galten akademische Abschlüsse als Maßstab für gesellschaftlichen Erfolg. Im Kontext von Digitalisierung, demografischem Wandel und generativer KI verliert diese Hierarchie an Bedeutung, und Verbindungen zwischen Bildungswegen werden wichtiger.

Während in Deutschland immer mehr junge Menschen ein Studium aufnehmen, verschärft sich der Fachkräftemangel in zahlreichen Berufen. Gleichzeitig verändert die rasante Entwicklung generativer Künstlicher Intelligenz (KI) die Arbeitswelt grundlegend. Diese Entwicklungen stellen die Annahme infrage, dass ein akademischer Abschluss zukunftssicherer ist als eine berufliche Ausbildung. Die Zukunftsfähigkeit des deutschen Bildungssystems hängt daher von einem produktiven Zusammenspiel beruflicher und akademischer Bildung ab.

Ein Hochschulstudium gilt oft als bevorzugter Weg zu sozialem Aufstieg, höherem Einkommen und gesellschaftlichem Prestige, während die berufliche Bildung trotz ihrer zentralen Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft häufig als nachrangige Alternative wahrgenommen wurde. Dies hat den Aufwuchs akademischer Bildung politisch und gesellschaftlich wesentlich begünstigt. Angesichts tiefgreifender wirtschaftlicher und technologischer Transformationsprozesse verliert dieses Deutungsmuster jedoch zunehmend an Erklärungskraft.

Demografischer Wandel, Digitalisierung, Dekarbonisierung und der Einsatz generativer KI verändern die Anforderungen an nahezu alle Tätigkeiten. Gleichzeitig verschärfen sich Fachkräfteengpässe in zahlreichen Berufsgruppen. Die Frage lautet daher nicht mehr, welcher der bessere Bildungsweg ist, sondern welche Kompetenzen Individuen und Gesellschaft benötigen, um wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformationen erfolgreich gestalten zu können. Gerade diese Perspektivverschiebung macht deutlich, dass die traditionelle Konkurrenz zwischen Studium und Ausbildung an Bedeutung verliert.

Die zentrale These dieses Beitrags lautet daher: Die Zukunftsfähigkeit des deutschen Bildungssystems entscheidet sich nicht im Wettbewerb zwischen akademischer und beruflicher Bildung, sondern vielmehr darin, wie beide Bildungsbereiche stärker miteinander verzahnt werden können. Moderne Arbeitsmärkte benötigen wissenschaftliche Analysefähigkeit ebenso wie berufliche Handlungskompetenz, praktische Problemlösungsfähigkeit und die Fähigkeit, technologische Innovationen verantwortungsvoll anzuwenden. Berufliche und akademische Bildung entwickeln unterschiedliche, aber komplementäre Kompetenzprofile. Die bildungspolitische Herausforderung besteht darin, institutionelle Übergänge zu erleichtern und lebenslange Bildungsbiografien zu ermöglichen.

Zwischen Akademisierung und Fachkräftemangel

Kaum ein bildungspolitisches Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie der Fachkräftemangel. Während öffentliche Debatten häufig die Zahl der Hochschulabsolventinnen und -absolventen sowie den internationalen Wettbewerb um akademische Spitzenkräfte in den Mittelpunkt stellen, zeigen Arbeitsmarktdaten Fachkräfteengpässe in Berufen, die überwiegend über eine duale Ausbildung oder berufliche Fortbildung erschlossen werden. Dazu gehören Berufe wie Altenpfleger, Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik sowie Berufskraftfahrer. In diesen Berufen bestehen seit Jahren erhebliche Rekrutierungsprobleme. Die berufliche Bildung bleibt von zentraler Bedeutung für die Fachkräftesicherung und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands.

Es greift jedoch zu kurz, die gegenwärtigen Fachkräfteengpässe ausschließlich als Folge einer übermäßigen Akademisierung zu interpretieren. Der Ausbau akademischer Bildung hat nämlich wesentlich dazu beigetragen, Bildungsbeteiligung und soziale Aufstiegschancen zu erweitern. Die Herausforderung besteht daher nicht in einer veränderten Gewichtung zwischen akademischer und beruflicher Bildung, sondern in der Verbesserung der Passung zwischen Qualifikationsangebot und Qualifikationsnachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Insbesondere in den für die ökologische und digitale Transformation zentralen Berufen, wie beispielsweise Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Mechatronik, IT und Automatisierungstechnik, übersteigt die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften das verfügbare Angebot inzwischen deutlich.

Zugleich verändert sich die Bedeutung von Qualifikationen selbst. Erwerbsbiografien verlaufen heute wesentlich weniger linear als in der Vergangenheit. Berufliche Weiterbildung, Spezialisierungen und Wechsel zwischen beruflicher und akademischer Bildung gewinnen kontinuierlich an Bedeutung. Qualifikationen werden damit zunehmend zu Etappen lebenslanger Kompetenzentwicklung und verlieren ihren Charakter als einmaliger Abschluss einer Bildungsphase. Nicht der höchste formale Abschluss entscheidet künftig über beruflichen Erfolg, sondern die Fähigkeit, Wissen kontinuierlich weiterzuentwickeln und in neuen beruflichen Kontexten anzuwenden.

Gerade hierin liegt eine bislang häufig unterschätzte Stärke der beruflichen Bildung. Ihr spezifisches Profil besteht in der Vermittlung fachlicher Kenntnisse verbunden mit praktischer Erfahrung und reflektierter Problemlösung. Diese berufliche Handlungskompetenz gewinnt in einer Arbeitswelt an Bedeutung, die zunehmend durch Unsicherheit, technologische Dynamik und komplexe Entscheidungssituationen geprägt ist.

Kompetenzen statt Abschlüsse

Die Expansion akademischer Bildung wird häufig mit höheren individuellen Bildungsrenditen begründet. Tatsächlich erzielen Hochschulabsolventinnen und -absolventen im Durchschnitt höhere Einkommen und weisen geringere Arbeitslosigkeitsrisiken auf als Personen ohne tertiären Abschluss. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass akademische Bildung den beruflichen Bildungswegen grundsätzlich überlegen wäre. Bildungsrenditen spiegeln aggregierte Durchschnittswerte wider; sie sagen allerdings wenig darüber aus, welche Qualifikationen unter den Bedingungen des technologischen Wandels tatsächlich in Zukunft benötigt werden. Für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft kommt es nicht allein auf den Anteil akademischer Abschlüsse an, sondern auf eine Qualifikationsstruktur, die den Anforderungen des Arbeitsmarktes entspricht. Daher sind sowohl Hochschulen als auch das Berufsbildungssystem für Innovation, Fachkräftesicherung und gesellschaftliche Teilhabe unverzichtbar. Die Sicherstellung gleichwertiger Bildungsangebote über alle Lebensphasen hinweg ist eine (gesamt-)staatliche Kernaufgabe. Die traditionelle Gegenüberstellung von wissenschaftlichem Wissen und praktischem Können ist daher nicht mehr angemessen. Moderne Erwerbsarbeit verlangt beides: analytische Fähigkeiten und die Kompetenz, Wissen in konkreten Handlungssituationen anzuwenden.

Die Digitalisierung hat diese Entwicklung erheblich beschleunigt. Dabei ersetzt sie entgegen den verbreiteten Befürchtungen jedoch nur selten ganze Berufe, sondern verändert die Tätigkeitsprofile in nahezu allen Berufen: Insbesondere Routinetätigkeiten weisen ein hohes Automatisierungspotenzial auf, während Tätigkeiten mit Anforderungen an Kommunikation, Problemlösung, Kreativität oder komplexe Entscheidungen deutlich weniger ersetzbar sind. Da sich einzelne Tätigkeiten schneller verändern als ganze Berufe, steigt der Bedarf nach kontinuierlicher Weiterbildung sowie der Fähigkeit, neue Technologien fachlich einzuordnen und produktiv einzusetzen.

Auch in der internationalen Arbeitsmarktforschung wird bereits seit Längerem darauf hingewiesen, dass technischer Fortschritt Arbeitskräfte nicht einfach ersetzt, sondern vor allem Tätigkeiten neu organisiert. Entscheidend ist daher, welche Kompetenzen Beschäftigte im Zuge der Digitalisierung benötigen, um produktiv mit diesen Technologien zusammenzuarbeiten.

Mit der Verbreitung generativer KI erhält diese Entwicklung eine neue Dynamik. Anders als frühere Automatisierungswellen betrifft sie nicht mehr ausschließlich körperliche oder standardisierte Routinetätigkeiten, sondern zunehmend auch wissensintensive und kognitive Arbeitsprozesse. Texte, Programmcode, Übersetzungen, Analysen oder Zusammenfassungen können heute innerhalb weniger Sekunden mithilfe von KI erzeugt werden, was zu der Frage führt, welche Kompetenzen langfristig einen eigenständigen Wert besitzen.

Die bisherige Forschung spricht allerdings auch in dieser Entwicklung gegen einfache Substitutionsszenarien. Eine Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung auf Grundlage deutscher Online-Stellenanzeigen zeigt beispielsweise, dass KI-Kompetenzen zwar bislang nur in einem begrenzten Teil des Arbeitsmarktes explizit nachgefragt werden, ihre Bedeutung jedoch kontinuierlich zunimmt. Besonders gefragt sind Beschäftigte, die KI-Anwendungen mit fachlichem Wissen verbinden und die Ergebnisse kritisch bewerten können, wie beispielsweise Data Engineers.

Diese Entwicklung verändert zugleich den Stellenwert von Wissen selbst. Wenn Informationen jederzeit verfügbar und zahlreiche Routinetätigkeiten automatisierbar sind, gewinnt die Fähigkeit, Informationen zu bewerten, einzuordnen und verantwortungsvoll in konkreten Handlungssituationen anzuwenden, immer mehr an Bedeutung. Darin liegt eine zentrale Stärke beruflicher Bildung. Denn berufliche Handlungskompetenz umfasst nicht nur Fachwissen, sondern ebenso Erfahrungswissen, professionelle Urteilsfähigkeit und die Fähigkeit, auch unter Unsicherheit tragfähige Entscheidungen zu treffen.

Vor diesem Hintergrund erscheint die vermeintliche Konkurrenz zwischen akademischer und beruflicher Bildung anachronistisch. Die entscheidende Trennlinie verläuft vielmehr zwischen Qualifikationssystemen, die Menschen auf eine dynamische Arbeitswelt vorbereiten, und solchen, die weiterhin primär auf die Vermittlung statischen Wissens ausgerichtet sind. Erfolgreiche Bildungssysteme werden deshalb wissenschaftliche Analysefähigkeit, berufliche Handlungskompetenz und digitale Souveränität stärker miteinander verbinden müssen.

Im internationalen Kontext weist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ebenfalls darauf hin, dass KI die berufliche Bildung nicht entwertet, sondern ihre kontinuierliche Weiterentwicklung erforderlich macht. Berufliche Bildungssysteme müssen Qualifikationen künftig deutlich schneller an technologische Veränderungen anpassen und zugleich sicherstellen, dass KI fachlich reflektiert und verantwortungsvoll eingesetzt wird. Entscheidend bleibt dabei die Verbindung technologischer Möglichkeiten mit menschlichem Urteilsvermögen und der engen Kooperation zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und beruflicher Praxis.

Berufsschulen als Bildungsinstitutionen der Transformation

All diese Entwicklungen haben weitreichende Konsequenzen für die berufliche Bildung. Sie verändern nicht lediglich einzelne Ausbildungsinhalte, sondern stellen die grundlegende Frage, welche Kompetenzen Beschäftigte künftig benötigen und welche Institutionen diese Kompetenzen vermitteln können. Die duale Berufsausbildung verfügt hierfür über einen strukturellen Vorteil: Sie verbindet systematischen Kompetenzerwerb mit betrieblicher Erfahrung und ermöglicht damit die kontinuierliche Verknüpfung von theoretischem Wissen und beruflicher Handlungspraxis. Gerade unter den Bedingungen des beschleunigten technologischen Wandels wird diese Verbindung zu einer zentralen Ressource.

Die Digitalisierung verändert Arbeitsprozesse in nahezu jedem Berufsfeld. Digitale Technologien verändern die Arbeitspraxis auch in konkreten Berufen: Eine Tischlerin nutzt heute beispielsweise CNC-gesteuerte Maschinen für eine präzisere Planung und Fertigung, während handwerkliches Erfahrungswissen für Anpassungen und Qualitätskontrollen unverzichtbar bleibt. Pflegekräfte arbeiten mit elektronischen Patientendokumentationen, die Informationen zwar schneller verfügbar machen, aber weiterhin eine fachliche Bewertung und Einordnung der Daten erfordern. Gemeinsam ist diesen Entwicklungen, dass digitale Technologien fachliches Wissen nicht ersetzen, sondern dessen Anwendung anspruchsvoller machen. Beschäftigte müssen Ergebnisse technischer Systeme bewerten, deren Grenzen erkennen und sie verantwortungsvoll in konkrete Arbeitsprozesse integrieren.

Damit verschiebt sich auch das Verständnis digitaler Kompetenz. Sie erschöpft sich nicht im sicheren Umgang mit Software oder einzelnen Anwendungen, sondern umfasst die Fähigkeit, technologische Systeme fachlich angemessen auszuwählen, kritisch zu reflektieren und in komplexen beruflichen Situationen verantwortungsvoll einzusetzen. Der europäische Kompetenzrahmen DigComp sowie die Empfehlungen der OECD betonen deshalb übereinstimmend, dass digitale Kompetenzen stets domänenspezifisch entwickelt werden müssen und nicht losgelöst von fachlichen Anforderungen vermittelt werden können. Für die berufliche Bildung bedeutet dies, dass Digitalisierung nicht als zusätzliches Unterrichtsfach verstanden werden darf, sondern als Querschnittsaufgabe in sämtlichen Ausbildungsberufen.

Hier kommt den Berufsschulen eine Schlüsselrolle zu. Bislang werden sie häufig vor allem als Lernorte innerhalb des dualen Systems wahrgenommen, deren Aufgabe in der Vermittlung fachspezifischen Wissens als Ergänzung betrieblicher Ausbildung besteht. Angesichts tiefgreifender Transformationsprozesse greift dieses Verständnis jedoch zu kurz. Berufsschulen sind Bildungsinstitutionen, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse, betriebliche Praxis und pädagogische Profession systematisch zusammengeführt werden. Gerade dadurch können sie technologische Veränderungen nicht nur nachvollziehen, sondern für Bildungsprozesse produktiv erschließen. Ob Berufsschulen diese Funktion tatsächlich erfüllen können, hängt allerdings von ihren institutionellen Rahmenbedingungen ab. Digitale Endgeräte sowie moderne Netzwerkinfrastruktur sind dabei nur die notwendigen Voraussetzungen. Entscheidend sind vielmehr professionelle Lehrkräfte, die technologische Entwicklungen fachlich beurteilen und didaktisch sinnvoll in Lernprozesse integrieren können. Internationale Vergleichsstudien zeigen, dass der Bildungserfolg digitaler Innovationen stärker von der pädagogischen Qualität ihrer Nutzung als von der bloßen technischen Ausstattung abhängt. Die Professionalisierung der Lehrkräfte wird damit zu einer zentralen Voraussetzung erfolgreicher Transformationsprozesse im Berufsbildungssystem.

Darüber hinaus eröffnet der demografische Wandel den Berufsschulen eine neue institutionelle Perspektive. Da in einer alternden Erwerbsbevölkerung weniger junge Fachkräfte nachrücken, gewinnt die Weiterentwicklung der Kompetenzen bereits beschäftigter Arbeitnehmer an Bedeutung. Gleichzeitig werden technologische Innovationszyklen immer kürzer, sodass berufliche Qualifizierung nicht mehr mit dem erfolgreichen Abschluss einer Erstausbildung endet, sondern während des gesamten Erwerbslebens kontinuierlich fortgeführt werden muss. Lebenslanges Lernen wandelt sich somit von einer bildungspolitischen Leitidee zu einer arbeitsmarktpolitischen Notwendigkeit.

Gerade in diesem Zusammenhang könnten Berufsschulen ihre traditionelle Funktion erheblich erweitern. Aufgrund ihrer engen Vernetzung mit regionalen Unternehmen, Kammern und Betrieben verfügen sie über besondere Voraussetzungen, sich zu regionalen Kompetenzzentren für berufliche Weiterbildung und Transformation zu entwickeln. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen verfügen häufig nicht über ausreichende Ressourcen, um technologische Veränderungen eigenständig durch betriebliche Weiterbildungsstrukturen zu begleiten. Regionale Berufsschulen könnten diese Lücke schließen, indem sie Qualifizierungsangebote für Beschäftigte entwickeln, Unternehmen bei der Einführung neuer Technologien unterstützen und Räume für den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und beruflicher Praxis schaffen. So könnte eine Berufsschule beispielsweise für einen Handwerksbetrieb kurze, praxisnahe Schulungen zur Nutzung digitaler Planungs- und Fertigungssysteme anbieten. Gemeinsam mit den Beschäftigten könnten konkrete Anwendungsmöglichkeiten erprobt werden. Für eine Pflegeeinrichtung könnte sie Workshops zur elektronischen Dokumentation oder zum Einsatz digitaler Assistenzsysteme durchführen und dabei den Erfahrungsaustausch zwischen Fachkräften und Technologieanbietern fördern. Die Berufsbildung würde dadurch nicht nur Fachkräfte hervorbringen, sondern selbst zu einem Motor regionaler Innovationsprozesse werden.

Eine solche Weiterentwicklung versteht Berufsbildungssysteme künftig stärker als lernende Innovationssysteme. Berufliche Schulen werden somit zu zentralen Institutionen regionaler Kompetenzentwicklung, die Erstqualifizierung, Weiterbildung und betriebliche Transformation miteinander verbinden.

Bildungspolitische Folgerungen

Bildungspolitik sollte die hier beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen sowie die immer weniger linear verlaufenden Erwerbsbiografien institutionell unterstützen, indem sie die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsbereichen weiter ausbaut, beruflich erworbene Kompetenzen stärker anerkennt und flexible Qualifizierungsangebote über den gesamten Lebensverlauf hinweg schafft. Damit verschiebt sich der Fokus weg von möglichst hohen Bildungsabschlüssen hin zu einer kontinuierlichen Entwicklung individueller Kompetenzen und der langfristigen Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit.

Eine bildungspolitische Debatte hinsichtlich des Vergleichs von akademischer und beruflicher Bildung wird den tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt nicht gerecht. Weder der Fachkräftemangel noch die ökologische Transformation oder der Einsatz generativer KI lassen sich durch eine einseitige Ausweitung akademischer Bildung oder eine bloße Stärkung der beruflichen Ausbildung bewältigen. Moderne Volkswirtschaften sind vielmehr auf unterschiedliche Formen von Expertise angewiesen, deren Leistungsfähigkeit erst im Zusammenspiel dieser beiden entsteht.

Die eigentliche bildungspolitische Herausforderung besteht folglich darin, institutionelle Voraussetzungen für ein enges Zusammenwirken beider Bildungswege zu schaffen. Dazu gehören die wechselseitige Anerkennung beruflich und akademisch erworbener Kompetenzen, flexible Übergänge zwischen Ausbildung, Fortbildung und Studium sowie eine Weiterbildungspolitik, die Menschen während ihres gesamten Erwerbslebens begleitet.

Hierin liegt eine besondere Chance für das Berufsbildungssystem, und Berufsschulen können weit mehr sein als Lernorte der dualen Ausbildung. In einer Arbeitswelt, deren Wissensbestände und Technologien sich immer schneller verändern, gewinnen Institutionen an Bedeutung, die wissenschaftliche Erkenntnisse, berufliche Praxis und lebenslanges Lernen miteinander verbinden. Berufsschulen könnten diese Funktion künftig deutlich stärker übernehmen.

Dies setzt allerdings erhebliche bildungspolitische Investitionen voraus. Neben einer modernen digitalen Infrastruktur benötigen berufliche Schulen ausreichend qualifizierte Lehrkräfte, verlässliche Kooperationsstrukturen mit Hochschulen und Unternehmen sowie institutionelle Freiräume für regionale Innovationsprozesse. Die Zukunftsfähigkeit beruflicher Bildung hängt somit nicht von der Modernisierung einzelner Ausbildungsordnungen ab, sondern von der Weiterentwicklung ihrer Bildungsorte und deren Fähigkeit, technologische sowie gesellschaftliche Veränderungen kontinuierlich in Bildungsprozesse zu übersetzen.

Die Diskussion über die Zukunft der Bildungswege erhält dadurch eine neue Perspektive. Über Jahrzehnte dominierte die Vorstellung einer hierarchischen Bildungsordnung, in der akademische Abschlüsse als Maßstab für gesellschaftlichen Erfolg galten. Im Kontext von Digitalisierung, demografischem Wandel und generativer KI verliert diese Hierarchie jedoch zunehmend an Bedeutung. Wissenschaftliche Analysefähigkeit, berufliche Handlungskompetenz und digitale Souveränität werden zu Voraussetzungen wirtschaftlicher Innovationsfähigkeit und gesellschaftlicher Resilienz. Nicht die Konkurrenz zwischen akademischer und beruflicher Bildung entscheidet daher über die Zukunft des deutschen Bildungssystems, sondern seine Fähigkeit, unterschiedliche Bildungswege sinnvoll miteinander zu verbinden.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Andreas Peichl et al., Fachkräftemangel in Deutschland und Europa – Historie, Status quo und was getan werden muss, in: ifo Schnelldienst 10/2022, S. 70–75.

  2. Vgl. Lars Adolph/Alina Tausch, Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt, in: Eva Bamberg et al. (Hrsg.), Digitale Arbeit gestalten. Herausforderungen der Digitalisierung für die Gestaltung gesunder Arbeit, Wiesbaden 2022, S. 33–47.

  3. Vgl. Dieter Euler, Gleichartig, aber nicht gleichwertig? Überlegungen zu einer Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Berufs- und Hochschulbildung, in: Dieter Münk/Marcel Walter (Hrsg.), Lebenslanges Lernen im sozialstrukturellen Wandel. Ambivalenzen der Gestaltung von Berufsbiografien in der Moderne, Wiesbaden 2017, S. 39–61.

  4. Vgl. Gero Kunath et al., Fachkräfteengpässe in West- und Ostdeutschland – ähnliche Probleme, unterschiedliche Lösungsansätze, KOFA Kompakt 6/2024.

  5. Vgl. Matthias Busold (Hrsg.), War for Talents. Erfolgsfaktoren im Kampf um die Besten, 2. Aufl., Berlin–Heidelberg 2018.

  6. Vgl. Kunath et al. (Anm. 4).

  7. Vgl. Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung, Bonn 2026.

  8. Vgl. Christina Benita Wilke, Arbeitsangebot und -nachfrage in Deutschland, in: Sabine Fichtner-Rosada et al. (Hrsg.), Kompetenzen für die Arbeitswelten der Zukunft. Impulse des European Year of Skills für Wirtschaft, Bildung und Personalwesen, Wiesbaden 2024, S. 3–18.

  9. Vgl. Katrin Winkler/Jasmin Fink, Personalentwicklung in der digitalisierten Arbeitswelt. Das individuelle, lebenslange Lernen im Mittelpunkt, in: Alexandra Cloots (Hrsg.), Hybride Arbeitsgestaltung. Herausforderungen und Chancen, Wiesbaden 2022, S. 61–85.

  10. Vgl. Carmela Aprea et al. (Hrsg.), Konnektivität und lernortintegrierte Kompetenzentwicklung in der beruflichen Bildung. Connectivity and Integrative Competence Development in Vocational and Professional Education and Training (VET/PET), Stuttgart 2020.

  11. Vgl. Jessica Ordemann/Friedhelm Pfeiffer, Die Akademisierung und die Evolution der Lohnstruktur nach Bildungsabschlüssen, ZEW Policy Brief 4/2024.

  12. Vgl. Werner Hölzl et al., Herausforderungen und Determinanten der Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten globaler Unsicherheit. Ergebnisse der WIFO-Industriebefragung 2025, in: WIFO-Monatsberichte 7/2025, S. 373–382.

  13. Vgl. Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland 2026. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft, Bielefeld 2026.

  14. Vgl. Katharina Dengler/Britta Matthes, Substituierbarkeitspotenziale von Berufen: Wenige Berufsbilder halten mit der Digitalisierung Schritt, IAB-Kurzbericht 4/2018.

  15. Vgl. David H. Autor, Why Are There Still So Many Jobs? The History and Future of Workplace Automation, in: Journal of Economic Perspectives 3/2015, S. 3–30; Carl Benedikt Frey/Michael A. Osborne, The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation?, in: Technological Forecasting and Social Change 114/2017, S. 254–280.

  16. Vgl. Sarah Kuhn/Holger Seibert, Digitalisierung der Arbeitswelt: Durch künstliche Intelligenz sind inzwischen auch viele Expertentätigkeiten ersetzbar, IAB-Regional Berlin-Brandenburg 1/2025.

  17. Vgl. Nikolas Hubel et al., Generative KI – Technologieszenarien und Auswirkungen auf Arbeit bis 2030, Berlin 2025.

  18. Vgl. Lennert Peede/Michael Stops, Artificial Intelligence Technologies, Skills Demand and Employment: Evidence from Linked Job Ads Data, IAB-Discussion Paper 15/2024.

  19. Vgl. Andreas Zopff/Stefanie Klix, Konzept der Handlungs- und Kompetenzorientierung, in: Georg Spöttl/Michael Tärre (Hrsg.), Didaktiken der beruflichen und akademischen Aus- und Weiterbildung. Rückblick, Bestandsaufnahme und Perspektiven, Wiesbaden 2024, S. 515–527.

  20. Vgl. OECD, Developing Vocational Education and Training with Artificial Intelligence, OECD Reviews of Vocational Education and Training, Paris 2026.

  21. Vgl. Karl-Heinz Gerholz/Michael Goller, Theorie-Praxis-Verzahnung in der Wirtschaftspädagogik: Potenziale und Grenzen des Lernortes Praxis, in: Carina Caruso et al. (Hrsg.), Theorie und Praxis in der Lehrerbildung. Verhältnisbestimmungen aus der Perspektive von Fachdidaktiken, Wiesbaden 2021, S. 393–419.

  22. Vgl. Marie-Christine Fregin et al., Künstliche Intelligenz in Unternehmen: Eine Synthese der Mikroevidenz zu Produktivität, Arbeit und Kompetenzen, ROA Policy Brief 002D/2026.

  23. Vgl. Riina Vuorikari et al., DigComp 2.2: The Digital Competence Framework for Citizens. With New Examples of Knowledge, Skills and Attitudes, Luxembourg 2022; OECD, Going Digital: Den digitalen Wandel gestalten, das Leben verbessern, Paris 2020.

  24. Vgl. Monika Hackel et al., Berufsschule im dualen System – Daten, Strukturen, Konzepte, Wissenschaftliche Diskussionspapiere des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) 185/2017.

  25. Vgl. Birgit Eickelmann et al. (Hrsg.), ICILS 2023 #Deutschland. Computer- und informationsbezogene Kompetenzen und Kompetenzen im Bereich Computational Thinking von Schülerinnen im internationalen Vergleich, Münster 2024; OECD, OECD Digital Education Outlook 2026. Exploring Effective Uses of Generative AI in Education, Paris 2026.

  26. Vgl. Henner Gimpel et al., Generative AI Competencies for Future-Proof Graduates. Inspiration for Higher Education Institutions, Stuttgart 2024.

  27. Vgl. Uschi Backes-Gellner/Patrick Lehnert, Innovationstreiber Berufsbildung, 7.10.2025, Externer Link: https://dievolkswirtschaft.ch/de/2025/10/innovationstreiber-berufsbildung; Stefan Nagel, Evolution in der Revolution – nachhaltigkeitsorientierte Facharbeit und das Greening industrieller Metallberufe, in: Sebastian Anselmann et al. (Hrsg.), Berufliche Arbeit und Berufsbildung zwischen Kontinuität und Innovation. Konferenzband zur 21. Tagung der Gewerblichen-Technischen Wissenschaften und ihren Didaktiken (GTW), Bielefeld 2022, S. 177–190.

  28. Vgl. Günter Kutscha, Durchlässigkeit, Integration und Gleichwertigkeit im segmentierten Bildungssystem – Fakten, Mythen, Perspektiven, in: Sandra Bohlinger et al. (Hrsg.), Berufsbildung, Beruf und Arbeit im gesellschaftlichen Wandel, Wiesbaden 2022, S. 167–183; Klaus Jenewein, Übergänge zwischen dem beruflichen und dem akademischen Bildungssystem, in: Georg Spöttl/Michael Tärre (Hrsg.), Didaktiken der beruflichen und akademischen Aus- und Weiterbildung. Rückblick, Bestandsaufnahme und Perspektiven, Wiesbaden 2024, S. 721–730.

  29. Vgl. Jürgen Seifried, Die Zukunft der Berufsschule. Zwischen Digitalisierung, Heterogenität und Lehrer:innenmangel, in: Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik 1/2023, S. 3–17.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Silvia Annen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Professorin für Wirtschaftspädagogik an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg.