Die duale Berufsausbildung galt in Deutschland lange Zeit als Erfolgsmodell mit internationaler Reputation. Ihre konfliktreiche Modernisierung in den 1960er und 1970er Jahren
In dieser Situation lohnt sich ein Blick nach außen, um den inzwischen normativ aufgeladenen Erfolgsmythos des deutschen dualen Systems produktiv zu irritieren und Ansatzpunkte zu finden, dieses komplexe Institutionengefüge gegebenenfalls neu zu justieren. Insbesondere das kleine „Nordlicht“ Dänemark könnte zum Lernen inspirieren, denn unser Nachbar im Norden organisiert den Übergang von der Schule in den Beruf – wie Deutschland, Österreich und die Schweiz – ebenfalls weitgehend nach dem dualen Ausbildungsprinzip. Im Gegensatz zu den genannten Ländern ist das dänische Übergangssystem jedoch stärker schulzentriert. Jugendliche, die sich für die duale Ausbildung entscheiden, absolvieren zunächst ein Jahr lang einen schulischen Grundkurs, der für Geringqualifizierte auch länger dauern kann. Erst das anschließende und in der Regel dreijährige Hauptprogramm basiert auf dem dualen Prinzip. Die Grundkurse und der schulische Teil der spezifisch beruflichen Erstausbildung werden von etwa 115 Berufsschulen angeboten, die überwiegend in technische und kaufmännische Zweige gegliedert sind. Diese Schulen unterstehen der Aufsicht des Unterrichtsministeriums, das für einen einheitlichen nationalen Rahmen der Ausbildungsgänge, die Zuweisung finanzieller Mittel und die Qualitätskontrolle zuständig ist. Der Inhalt der Ausbildungsgänge wird von den Sozialpartnern bestimmt, und die 98 dänischen Kommunen haben bei der Ausgestaltung der Berufsschulen, etwa bei Ausstattung und Personalbesetzung, ein Wort mitzureden.
Welche der dänischen Erfahrungen sollten in der deutschen Diskussion stärkere Berücksichtigung finden?
Kurz statt selten arbeitslos
2025 dokumentierte das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) für Deutschland eine Jugendarbeitslosenquote (Personen zwischen 15 und 24 Jahren) von 7,1 Prozent; in Dänemark lag die Quote bei 13,8 Prozent.
Dänische Jugendliche sind zwar häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als deutsche, bleiben jedoch meist deutlich kürzer ohne Beschäftigung. 2025 waren 44,3 Prozent der dänischen Jugendlichen weniger als einen Monat arbeitslos, in Deutschland traf das nur auf 23 Prozent zu.
Deutschland verzeichnet im europäischen Vergleich zudem einen überdurchschnittlichen Fachkräftemangel.
Dass die Bundesregierung seit 2023/24 die Zuwanderung von Fachkräften durch erleichterte Regelungen zu Einreise und Aufenthalt sowie durch ein modernisiertes Staatsangehörigkeitsrecht fördert, ist zu begrüßen;
Die dänische Kombination von dualer und schulischer Berufsbildung bietet hier einen anregenden Kontrast zum in Deutschland noch immer dominanten dualen Berufsbildungssystem – und könnte auch aus theoretischer Perspektive neue Impulse für die Reformdiskussion geben.
Prinzipielle Lehren: Balancierte Machtverteilung und faire Risikoteilung
Die Theorie der Übergangsarbeitsmärkte
Entscheidend ist vielmehr, unter welchen institutionellen Bedingungen Reformen stattfinden. So macht es zum Beispiel einen Unterschied, ob in einem politischen System starke institutionelle Vetospieler vorhanden sind, die notwendige Reformen blockieren können. Dänemarks Modell der kooperativen Adaption folgt hier dem ersten übergreifenden Prinzip einer ausgewogeneren Machtverteilung, während im deutschen Föderalismus die 16 Bundesländer, einschließlich ihrer wirtschaftlichen und sozialen Interessenvertretungen, Reformen nicht selten als Vetospieler blockieren. Insbesondere in der beruflichen Bildung zeigt sich eine ausgeprägte Verflechtung, sowohl strukturell (horizontal und vertikal) als auch prozessual (in den Verhandlungsprozessen). Das führt schnell in die „Politikverflechtungsfalle“: Reformen kommen dann nur in kleinen Schritten voran, stoßen in der Umsetzung auf Widerstände oder bleiben ganz stecken.
Anders als in Deutschland spielen die gut organisierten dänischen Sozialpartner eine führende Rolle im arbeitsmarkt- und berufsbildungspolitischen Entscheidungsprozess, während im Umsetzungsprozess – ebenfalls im Gegensatz zu Deutschland – die 98 dänischen Kommunen ein starkes Gewicht haben. Die kooperative Entscheidungskultur spiegelt sich in Form drittelparitätischer Vereinbarungen wider, also in Pakten zwischen Staat und Sozialpartnern, die zwar landesweit verbindlich sind, aber lokal Spielraum für Lernprozesse lassen. Der deutsche Föderalismus lässt sich nicht abschaffen – und sollte auch nicht abgeschafft werden. Die dänischen Erfahrungen regen jedoch dazu an, in der Fachkräftepolitik verbindlichere und kooperativere Arbeitsstrukturen, adäquatere Finanzierungsformen und gemeinsame Qualitätsstandards zu schaffen, die länderübergreifend und über Legislaturperioden hinaus wirken.
Das zweite übergreifende Prinzip, die faire Risikoteilung, meint nicht nur die gerechte Verteilung von Lasten, sondern auch die von Chancen. Die Absicherung von Risiken birgt nicht nur die Gefahr möglicher Ausnutzung sozialer Sicherungssysteme („moral hazard“), sondern schafft zugleich Vertrauen in Solidarität („moral assurance“). Entscheidend ist, wie Akteure Risiken wahrnehmen – und wie sie die Fairness oder Gerechtigkeit der Ergebnisse bewerten, wenn sie solche Risiken eingehen, etwa bei einem Arbeitsplatzwechsel, der Teilnahme an einer Fortbildung oder dem Schritt in die Selbstständigkeit. Wenn Risikobereitschaft nicht auf Solidarität im Falle des unverschuldeten Scheiterns bauen kann, bleiben Menschen risikoscheu. Vor allem junge Menschen neigen dazu, bei ihren Entscheidungen Risiken zu vermeiden, da sie in der Regel noch von ihren Eltern abhängig sind und/oder über keine oder nur begrenzte Ersparnisse verfügen. Ein System aktiver Sicherheiten kann ihnen helfen, diese Situation zu überwinden. Ein gutes Beispiel dafür sind die universellen – also einkommensunabhängigen – staatlichen Bildungsstipendien (SU) in Dänemark. Obwohl diese durch Reformen der vergangenen Jahrzehnte etwas eingeschränkt und stärker mit Auflagen verbunden wurden – etwa durch eine Verkürzung der Bezugsdauer, die Anreize für einen schnelleren Studienabschluss setzt und Studienwechsel weniger attraktiv macht –, bieten sie immer noch eine solidere Grundlage für individuelle Souveränität junger Menschen als das magere und einkommensabhängige BAföG in Deutschland, das teilweise sogar zurückzuzahlen ist.
Der Grundsatz der solidarischen Vergewisserung im Sinne der „moral assurance“ gilt auch für Unternehmen: Die Einstellung junger Menschen oder Auszubildender ist insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen mit hohen (finanziellen) Risiken verbunden. Solidarisch organisierte Beitragssysteme könnten dazu beitragen, die Risikoaversion von Unternehmen zu überwinden: Auch Betriebe, die nicht ausbilden können oder wollen, sollten sich an der Finanzierung beteiligen. Der dänische Ausbildungsfonds (den es seit 1997 gibt), in den alle Unternehmen einzahlen, sowie die Ausbildungsplatzumlage (seit 2016) zeigen, wie Unternehmen durch gezielte Anreize („Bonus-Malus-Systeme“) dabei unterstützt werden können, Auszubildenden eine Perspektive zu geben. Auf diese Weise könnten in Deutschland insbesondere in Berufen mit anhaltendem Fachkräftemangel attraktivere Ausbildungsangebote geschaffen werden, etwa für zahnmedizinische Fachangestellte, in Pflegeberufen sowie in der Bauelektrik, im Gleisbau und in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Darüber hinaus bieten solidarisch organisierte Aus- und Weiterbildungsfonds die Möglichkeit, Bonus-Malus-Systeme an die regional stark differenzierten Fachkräfteengpässe anzupassen.
Spezifische Lehren: Balance von Fördern und Fordern
In Deutschland wie in Dänemark investieren die Unternehmen, vor allem die Kleinbetriebe, weniger in die duale berufliche Bildung, als notwendig wäre. Zudem leidet die Berufsbildung im Vergleich zur vermeintlich „höheren“ akademischen Bildung unter einem schwächeren Image. Dänemark scheint hier jedoch besser positioniert: Während die Bundesregierung nur begrenzte Befugnisse in der Berufsbildung besitzt, hat der dänische Staat seine Kapazitäten ausgebaut und das Machtgleichgewicht innerhalb des Berufsbildungssystems zu seinen Gunsten verschoben.
Die stärkere staatliche Steuerung ging mit dem Ausbau umfangreicher und vielfältiger Bildungsangebote einher. Mit den 2009 eingerichteten Berufsakademien (Erhvervsakademier) wurden praxisnahe tertiäre Bildungswege geschaffen, die darauf abzielen, eng an den Arbeitsmarkt anzuschließen. Daneben kombiniert seit 2010 ein neuer sekundärer Schulzweig namens EUX (Erhvervsfaglig studentereksamen i forbindelse med erhvervsuddannelse, „Berufsreifeprüfung“) – seit 2010/11 pilotiert und ab 2014 ausgeweitet – betriebliche Ausbildung mit gymnasialen Fächern und vermittelt damit zugleich berufliche wie allgemeine Studienkompetenz.
Zugleich sind Jugendliche in ein System eingebettet, das Fördern und Fordern verbindet: Junge Arbeitslose sind vergleichsweise gut abgesichert, ihre Ansprüche sind jedoch zunehmend an die Teilnahme an Bildungs- und Ausbildungsangeboten geknüpft.
Weitere ergänzende Reformen sind notwendig, um den veränderten Anforderungen an Berufsbildung und Arbeitsmarkt gerecht zu werden. Dazu gehört die stärkere modulare Strukturierung von Berufsbildungsangeboten. Flexibel handhabbare Module, die in Dänemark weiter verbreitet sind als in Deutschland, erhöhen nicht nur die Transparenz und Akzeptanz für Auszubildende und Betriebe; sie verringern auch das Risiko falscher oder suboptimaler Berufs- und Ausbildungsentscheidungen, weil sie Entscheidungsspielräume öffnen und Anpassungen erleichtern. Sie sind auch für eine Berufsbildungspolitik unverzichtbar, die zunehmend die europäische Dimension (Europäischer Qualifikationsrahmen und Europäisches Kreditsystem) berücksichtigen muss. Es ist kein Zufall, dass die dänischen Ausbildungsreformen im Elektro- und Klempnerhandwerk zu einer verstärkten Modularisierung der Curricula und zu erhöhten Qualifikationsanforderungen geführt haben.
Viele deutsche Berufsexpertinnen und -experten, Teile der Industrie- und Handelskammern sowie der Handwerkskammern, aber auch Sozialpartner und Länder halten an einem umfassenden Berufsprofil fest und wehren sich gegen den Trend zur Modularisierung. Doch ist es an der Zeit, dieses historisch gewachsene Ideal zu hinterfragen, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt seiner statusschützenden oder gar exkludierenden Tendenzen. Stattdessen sollte sich die Berufsbildungspolitik stärker auf zertifizierte Fertigkeiten und Kompetenzen konzentrieren, deren Inhalte und Qualitätsstandards dann einfacher und schneller an technologische Entwicklungen und europäische Standards angepasst werden können. Überschaubare Lerneinheiten (Module) könnten auch den Zugang für Personen mit unterbrochenen Bildungsbiografien erleichtern, etwa für Migrantinnen und Migranten oder Geflüchtete. Eine modulare und flexible Berufsbildung erleichtert damit nicht nur den Einstieg, sondern auch die spätere Weiterbildung sowie Umstiege und berufliche Anpassungen und Neuorientierungen im Lebensverlauf. Im dänischen Fall trägt sie auch zum deutlich höheren Aktivitätsniveau im Bereich des lebenslangen Lernens bei.
Ein Blick auf die Weiterbildungsbeteiligung unterstreicht diesen Unterschied. In Deutschland haben im Jahr 2022 nur 83500 Beschäftigte erfolgreich eine Fortbildungsprüfung nach Berufsbildungsgesetz oder Handwerksordnung abgelegt, das sind etwa 0,2 Prozent aller Erwerbstätigen – ein Anteil, der weit von der angestrebten „Weiterbildungsrepublik“ entfernt ist. Auch insgesamt bleibt die Beteiligung am lebenslangen Lernen gering, wie eine Erhebung von Eurostat zeigt: Nur 9,4 Prozent der 25- bis 64-Jährigen Befragten nahmen 2026 an einer berufs- oder nicht berufsbezogenen Weiterbildung teil. Damit liegt Deutschland unter dem EU-Schnitt von 13,5 Prozent und weit hinter den 31,2 Prozent in Dänemark.
Vom „Nordlicht“ lernen
Nun ist gewiss auch in Dänemark nicht alles Gold, was glänzt, und das deutsche Berufsbildungssystem nur schwarz zu malen, wäre sicher verfehlt.
Gleichwohl ist es an der Zeit, die zum Mythos stilisierte deutsche Berufsbildung ins rechte Licht zu rücken. Der Blick auf Dänemark kann zu dieser Entzauberung beitragen und dazu anregen, von unserem Nachbarland zu lernen. Dieses kleine Nordlicht leuchtet vor allem deshalb so hell, weil es – neben einem seit Jahrzehnten nachhaltigen Reformeifer – über eine größere politische und institutionelle Beweglichkeit verfügt, die der wachsenden Komplexität des Arbeitsmarktes eher gerecht wird als das deutsche System.
Hervorzuheben ist, dass die dänische Berufsorientierung schon in der schulischen Ausbildung einen früheren und größeren Stellenwert erhält; dass die Berufsausbildung durch verknüpfbare und zertifizierte Module an die zunehmende Vielfalt des Arbeitskräftepotenzials angepasst wird; dass die solidarische Finanzierung auf eine breitere Basis gestellt wird, an der sich auch die nicht ausbildenden Betriebe beteiligen; dass alle Jugendlichen – unabhängig vom sozialen und ökonomischen Status der Eltern – großzügige materielle wie ideelle Unterstützung in der hochriskanten Übergangsphase von der Schule in den Beruf erhalten; dass die Kommunen größere Gestaltungsmacht haben; und dass die duale Berufsausbildung schließlich sowohl durch verbindlichere Qualitätsstandards als auch durch größere Durchlässigkeit zwischen den Qualifikationsstufen und Bildungsbereichen attraktiver gestaltet wird.