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Von Dänemark lernen? | Berufsschule | bpb.de

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Von Dänemark lernen? Übergänge in den Beruf

Janine Leschke Günther Schmid

/ 15 Minuten zu lesen

Es ist an der Zeit, die zum Mythos stilisierte deutsche Berufsausbildung ins rechte Licht zu rücken. Gerade in Bezug auf die Übergänge in den Beruf kann das deutsche duale System von Dänemark viel lernen – auch wenn nicht alles Gold ist, was dort glänzt.

Die duale Berufsausbildung galt in Deutschland lange Zeit als Erfolgsmodell mit internationaler Reputation. Ihre konfliktreiche Modernisierung in den 1960er und 1970er Jahren trug erheblich zur Leistungsstärke der Industrie bei und stützte die deutsche Vormachtstellung im Export. Vorderste Plätze im Ranking niedriger Jugendarbeitslosigkeit galten lange als Bestätigung für diese Auffassung, was wiederum die Aufwertung und Ausweitung der Lehrlingsausbildung zu einem zentralen Merkmal deutscher Bildungskultur förderte. Dieses Selbstverständnis geriet spätestens seit den 2010er Jahren angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels ins Wanken; auch Expertenteams äußern zunehmend Zweifel am dualen System.

In dieser Situation lohnt sich ein Blick nach außen, um den inzwischen normativ aufgeladenen Erfolgsmythos des deutschen dualen Systems produktiv zu irritieren und Ansatzpunkte zu finden, dieses komplexe Institutionengefüge gegebenenfalls neu zu justieren. Insbesondere das kleine „Nordlicht“ Dänemark könnte zum Lernen inspirieren, denn unser Nachbar im Norden organisiert den Übergang von der Schule in den Beruf – wie Deutschland, Österreich und die Schweiz – ebenfalls weitgehend nach dem dualen Ausbildungsprinzip. Im Gegensatz zu den genannten Ländern ist das dänische Übergangssystem jedoch stärker schulzentriert. Jugendliche, die sich für die duale Ausbildung entscheiden, absolvieren zunächst ein Jahr lang einen schulischen Grundkurs, der für Geringqualifizierte auch länger dauern kann. Erst das anschließende und in der Regel dreijährige Hauptprogramm basiert auf dem dualen Prinzip. Die Grundkurse und der schulische Teil der spezifisch beruflichen Erstausbildung werden von etwa 115 Berufsschulen angeboten, die überwiegend in technische und kaufmännische Zweige gegliedert sind. Diese Schulen unterstehen der Aufsicht des Unterrichtsministeriums, das für einen einheitlichen nationalen Rahmen der Ausbildungsgänge, die Zuweisung finanzieller Mittel und die Qualitätskontrolle zuständig ist. Der Inhalt der Ausbildungsgänge wird von den Sozialpartnern bestimmt, und die 98 dänischen Kommunen haben bei der Ausgestaltung der Berufsschulen, etwa bei Ausstattung und Personalbesetzung, ein Wort mitzureden.

Welche der dänischen Erfahrungen sollten in der deutschen Diskussion stärkere Berücksichtigung finden?

Kurz statt selten arbeitslos

2025 dokumentierte das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) für Deutschland eine Jugendarbeitslosenquote (Personen zwischen 15 und 24 Jahren) von 7,1 Prozent; in Dänemark lag die Quote bei 13,8 Prozent. Warum also sollte Deutschland von Dänemark lernen? Läge, wenn überhaupt, da nicht die Schweiz näher, deren duale Berufsausbildung international als Vorbild dient? In der Tat könnte Deutschland auch von der Schweiz lernen, doch Dänemark verdient einen genaueren Blick.

Dänische Jugendliche sind zwar häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als deutsche, bleiben jedoch meist deutlich kürzer ohne Beschäftigung. 2025 waren 44,3 Prozent der dänischen Jugendlichen weniger als einen Monat arbeitslos, in Deutschland traf das nur auf 23 Prozent zu. Während dieser meist kurzen Arbeitslosigkeitsphasen sind sie zudem finanziell vergleichsweise gut abgesichert. Darüber hinaus ist der prekäre Übergangssektor, in dem junge Menschen ohne Ausbildungsplatz durch schulische und staatliche Maßnahmen auf eine Ausbildung vorbereitet werden sollen, in Deutschland wesentlich größer als in Dänemark. Er bietet häufig keine verlässliche Brücke in eine reguläre Ausbildung und verzögert teils sogar den Eintritt in qualifizierende Ausbildung. In Dänemark ist auch ein höherer Anteil der 25- bis 34-Jährigen akademisch gebildet. Im Gegenzug verfügen zwar mehr deutsche als dänische Jugendliche über eine formale (berufliche) Ausbildung, gleichzeitig wächst jedoch in Deutschland der Anteil junger Erwachsener ohne Berufsabschluss: 2024 betraf dies 2,76 Millionen Personen (18,8 Prozent), wobei Männer (20,9 Prozent) und insbesondere Ausländerinnen und Ausländer (37,2 Prozent) überdurchschnittlich betroffen waren. All das bedeutet, dass der Übergang von der Schule in den Beruf bei einem nicht unerheblichen Teil der Jugendlichen in Deutschland Narben hinterlässt, die dem Erwerb einer nachhaltigen Beschäftigungsfähigkeit, also beruflicher Souveränität, im erwachsenen Alter im Wege stehen.

Deutschland verzeichnet im europäischen Vergleich zudem einen überdurchschnittlichen Fachkräftemangel. Die wirtschaftliche Rezession und Stagnation der vergangenen Jahre hat diesen vor allem im Industriesektor zwar etwas gemildert; im Dienstleistungssektor bleibt er jedoch weiterhin stark ausgeprägt, während er im Nachbarland Dänemark deutlich geringer ist. Und schließlich sinken auch die Zahlen von Bewerberinnen und Bewerbern für die Ausbildungsstellen, vor allem aus demografischen Gründen: Der Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung – und damit das künftige Arbeitskräftepotenzial – ist in Deutschland mit 10 Prozent auf einem historischen Tiefstand (vor 40 Jahren waren es noch 16,7 Prozent). Dänemark liegt mit 12 Prozent über dem EU-Durchschnitt von 10,7 Prozent – nicht zuletzt dank einer konsequent kinderfreundlichen Familienpolitik mit flächendeckender Vollzeit-Kinderbetreuung und wirksamen und familienfreundlichen betrieblichen Maßnahmen. Dies alles trägt dazu bei, dass Frauen in Dänemark nach ihrer Ausbildung häufiger in Vollzeit arbeiten, Bildungsinvestitionen sowohl individuell als auch gesellschaftlich besser genutzt werden und die Erwerbsbeteiligung bis ins höhere Alter stabil bleibt. Bei den 65- bis 69-Jährigen weist Dänemark mit 32,6 Prozent eine der höchsten Erwerbsquoten in der EU auf, während sie in Deutschland bei etwa 23,2 Prozent verharrt. Der Fachkräftemangel kann in Dänemark so etwas gemildert werden.

Dass die Bundesregierung seit 2023/24 die Zuwanderung von Fachkräften durch erleichterte Regelungen zu Einreise und Aufenthalt sowie durch ein modernisiertes Staatsangehörigkeitsrecht fördert, ist zu begrüßen; der Reformkurs wird auch von der derzeitigen Bundesregierung fortgeführt. Damit lässt sich das Paradox gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit und eines Mangels an Fachkräften jedoch nicht auflösen, zumal Fachkräftewanderung schnell zu einem Nullsummenspiel werden kann: Was das eine Land gewinnt, verliert das andere. Das Kernproblem ist vielmehr struktureller Art: Neben der demografischen Komponente klaffen vor allem Berufswünsche und Qualifikationsanforderungen auseinander.

Die dänische Kombination von dualer und schulischer Berufsbildung bietet hier einen anregenden Kontrast zum in Deutschland noch immer dominanten dualen Berufsbildungssystem – und könnte auch aus theoretischer Perspektive neue Impulse für die Reformdiskussion geben.

Prinzipielle Lehren: Balancierte Machtverteilung und faire Risikoteilung

Die Theorie der Übergangsarbeitsmärkte schlägt zwei übergreifende Prinzipien guter Regierungsführung vor: eine ausgewogene Machtverteilung und eine faire Risikoteilung. Diese Prinzipien abstrahieren vom Einzelfall und sind daher verallgemeinerbar. Provokant zugespitzt: Der gängige Einwand, man könne das Vorgehen anderer Länder nicht kopieren, ist eher Ausdruck pathologischen Lernens als kluger Reformpolitik.

Entscheidend ist vielmehr, unter welchen institutionellen Bedingungen Reformen stattfinden. So macht es zum Beispiel einen Unterschied, ob in einem politischen System starke institutionelle Vetospieler vorhanden sind, die notwendige Reformen blockieren können. Dänemarks Modell der kooperativen Adaption folgt hier dem ersten übergreifenden Prinzip einer ausgewogeneren Machtverteilung, während im deutschen Föderalismus die 16 Bundesländer, einschließlich ihrer wirtschaftlichen und sozialen Interessenvertretungen, Reformen nicht selten als Vetospieler blockieren. Insbesondere in der beruflichen Bildung zeigt sich eine ausgeprägte Verflechtung, sowohl strukturell (horizontal und vertikal) als auch prozessual (in den Verhandlungsprozessen). Das führt schnell in die „Politikverflechtungsfalle“: Reformen kommen dann nur in kleinen Schritten voran, stoßen in der Umsetzung auf Widerstände oder bleiben ganz stecken.

Anders als in Deutschland spielen die gut organisierten dänischen Sozialpartner eine führende Rolle im arbeitsmarkt- und berufsbildungspolitischen Entscheidungsprozess, während im Umsetzungsprozess – ebenfalls im Gegensatz zu Deutschland – die 98 dänischen Kommunen ein starkes Gewicht haben. Die kooperative Entscheidungskultur spiegelt sich in Form drittelparitätischer Vereinbarungen wider, also in Pakten zwischen Staat und Sozialpartnern, die zwar landesweit verbindlich sind, aber lokal Spielraum für Lernprozesse lassen. Der deutsche Föderalismus lässt sich nicht abschaffen – und sollte auch nicht abgeschafft werden. Die dänischen Erfahrungen regen jedoch dazu an, in der Fachkräftepolitik verbindlichere und kooperativere Arbeitsstrukturen, adäquatere Finanzierungsformen und gemeinsame Qualitätsstandards zu schaffen, die länderübergreifend und über Legislaturperioden hinaus wirken.

Das zweite übergreifende Prinzip, die faire Risikoteilung, meint nicht nur die gerechte Verteilung von Lasten, sondern auch die von Chancen. Die Absicherung von Risiken birgt nicht nur die Gefahr möglicher Ausnutzung sozialer Sicherungssysteme („moral hazard“), sondern schafft zugleich Vertrauen in Solidarität („moral assurance“). Entscheidend ist, wie Akteure Risiken wahrnehmen – und wie sie die Fairness oder Gerechtigkeit der Ergebnisse bewerten, wenn sie solche Risiken eingehen, etwa bei einem Arbeitsplatzwechsel, der Teilnahme an einer Fortbildung oder dem Schritt in die Selbstständigkeit. Wenn Risikobereitschaft nicht auf Solidarität im Falle des unverschuldeten Scheiterns bauen kann, bleiben Menschen risikoscheu. Vor allem junge Menschen neigen dazu, bei ihren Entscheidungen Risiken zu vermeiden, da sie in der Regel noch von ihren Eltern abhängig sind und/oder über keine oder nur begrenzte Ersparnisse verfügen. Ein System aktiver Sicherheiten kann ihnen helfen, diese Situation zu überwinden. Ein gutes Beispiel dafür sind die universellen – also einkommensunabhängigen – staatlichen Bildungsstipendien (SU) in Dänemark. Obwohl diese durch Reformen der vergangenen Jahrzehnte etwas eingeschränkt und stärker mit Auflagen verbunden wurden – etwa durch eine Verkürzung der Bezugsdauer, die Anreize für einen schnelleren Studienabschluss setzt und Studienwechsel weniger attraktiv macht –, bieten sie immer noch eine solidere Grundlage für individuelle Souveränität junger Menschen als das magere und einkommensabhängige BAföG in Deutschland, das teilweise sogar zurückzuzahlen ist. SU wird nicht nur an Studierende, sondern auch an Auszubildende gezahlt.

Der Grundsatz der solidarischen Vergewisserung im Sinne der „moral assurance“ gilt auch für Unternehmen: Die Einstellung junger Menschen oder Auszubildender ist insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen mit hohen (finanziellen) Risiken verbunden. Solidarisch organisierte Beitragssysteme könnten dazu beitragen, die Risikoaversion von Unternehmen zu überwinden: Auch Betriebe, die nicht ausbilden können oder wollen, sollten sich an der Finanzierung beteiligen. Der dänische Ausbildungsfonds (den es seit 1997 gibt), in den alle Unternehmen einzahlen, sowie die Ausbildungsplatzumlage (seit 2016) zeigen, wie Unternehmen durch gezielte Anreize („Bonus-Malus-Systeme“) dabei unterstützt werden können, Auszubildenden eine Perspektive zu geben. Auf diese Weise könnten in Deutschland insbesondere in Berufen mit anhaltendem Fachkräftemangel attraktivere Ausbildungsangebote geschaffen werden, etwa für zahnmedizinische Fachangestellte, in Pflegeberufen sowie in der Bauelektrik, im Gleisbau und in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Darüber hinaus bieten solidarisch organisierte Aus- und Weiterbildungsfonds die Möglichkeit, Bonus-Malus-Systeme an die regional stark differenzierten Fachkräfteengpässe anzupassen.

Spezifische Lehren: Balance von Fördern und Fordern

In Deutschland wie in Dänemark investieren die Unternehmen, vor allem die Kleinbetriebe, weniger in die duale berufliche Bildung, als notwendig wäre. Zudem leidet die Berufsbildung im Vergleich zur vermeintlich „höheren“ akademischen Bildung unter einem schwächeren Image. Dänemark scheint hier jedoch besser positioniert: Während die Bundesregierung nur begrenzte Befugnisse in der Berufsbildung besitzt, hat der dänische Staat seine Kapazitäten ausgebaut und das Machtgleichgewicht innerhalb des Berufsbildungssystems zu seinen Gunsten verschoben.

Die stärkere staatliche Steuerung ging mit dem Ausbau umfangreicher und vielfältiger Bildungsangebote einher. Mit den 2009 eingerichteten Berufsakademien (Erhvervsakademier) wurden praxisnahe tertiäre Bildungswege geschaffen, die darauf abzielen, eng an den Arbeitsmarkt anzuschließen. Daneben kombiniert seit 2010 ein neuer sekundärer Schulzweig namens EUX (Erhvervsfaglig studentereksamen i forbindelse med erhvervsuddannelse, „Berufsreifeprüfung“) – seit 2010/11 pilotiert und ab 2014 ausgeweitet – betriebliche Ausbildung mit gymnasialen Fächern und vermittelt damit zugleich berufliche wie allgemeine Studienkompetenz. Der gymnasiale Teil kann dabei auch abgewählt werden, sodass der Weg flexibel als reguläre berufliche Ausbildung fortgeführt werden kann. Absolventen erwerben damit sowohl eine berufliche Qualifikation als auch einen gymnasialen Abschluss und erhalten direkten Zugang zu einer breiten Palette weiterführender Studiengänge.

Zugleich sind Jugendliche in ein System eingebettet, das Fördern und Fordern verbindet: Junge Arbeitslose sind vergleichsweise gut abgesichert, ihre Ansprüche sind jedoch zunehmend an die Teilnahme an Bildungs- und Ausbildungsangeboten geknüpft. Die Vielfalt attraktiver Optionen ermöglicht es so, sowohl institutionell verlässliche Perspektiven, inklusive zweiter oder dritter Chancen, zu bieten als auch legitimen Druck zur Teilnahme auszuüben. Dies ist auch der Grund, weshalb der prekäre Übergangssektor in Dänemark wesentlich kleiner ist als in Deutschland – und die Dauer der Arbeitslosigkeit meist wesentlich kürzer. Darüber hinaus setzte der dänische Staat konsequent die Einhaltung veränderter Vorschriften durch die Unternehmen durch, etwa durch höhere Strafen für die Nichtbereitstellung von Ausbildungsplätzen oder durch sozialpartnerschaftliche Verhandlungen zur Erhöhung der Arbeitgeberbeiträge zu den Berufsbildungsfonds. Ähnliches ist in Deutschland in jüngster Zeit nur bei der Einführung eines Umlagesystems in der Pflege gelungen.

Weitere ergänzende Reformen sind notwendig, um den veränderten Anforderungen an Berufsbildung und Arbeitsmarkt gerecht zu werden. Dazu gehört die stärkere modulare Strukturierung von Berufsbildungsangeboten. Flexibel handhabbare Module, die in Dänemark weiter verbreitet sind als in Deutschland, erhöhen nicht nur die Transparenz und Akzeptanz für Auszubildende und Betriebe; sie verringern auch das Risiko falscher oder suboptimaler Berufs- und Ausbildungsentscheidungen, weil sie Entscheidungsspielräume öffnen und Anpassungen erleichtern. Sie sind auch für eine Berufsbildungspolitik unverzichtbar, die zunehmend die europäische Dimension (Europäischer Qualifikationsrahmen und Europäisches Kreditsystem) berücksichtigen muss. Es ist kein Zufall, dass die dänischen Ausbildungsreformen im Elektro- und Klempnerhandwerk zu einer verstärkten Modularisierung der Curricula und zu erhöhten Qualifikationsanforderungen geführt haben.

Viele deutsche Berufsexpertinnen und -experten, Teile der Industrie- und Handelskammern sowie der Handwerkskammern, aber auch Sozialpartner und Länder halten an einem umfassenden Berufsprofil fest und wehren sich gegen den Trend zur Modularisierung. Doch ist es an der Zeit, dieses historisch gewachsene Ideal zu hinterfragen, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt seiner statusschützenden oder gar exkludierenden Tendenzen. Stattdessen sollte sich die Berufsbildungspolitik stärker auf zertifizierte Fertigkeiten und Kompetenzen konzentrieren, deren Inhalte und Qualitätsstandards dann einfacher und schneller an technologische Entwicklungen und europäische Standards angepasst werden können. Überschaubare Lerneinheiten (Module) könnten auch den Zugang für Personen mit unterbrochenen Bildungsbiografien erleichtern, etwa für Migrantinnen und Migranten oder Geflüchtete. Eine modulare und flexible Berufsbildung erleichtert damit nicht nur den Einstieg, sondern auch die spätere Weiterbildung sowie Umstiege und berufliche Anpassungen und Neuorientierungen im Lebensverlauf. Im dänischen Fall trägt sie auch zum deutlich höheren Aktivitätsniveau im Bereich des lebenslangen Lernens bei.

Ein Blick auf die Weiterbildungsbeteiligung unterstreicht diesen Unterschied. In Deutschland haben im Jahr 2022 nur 83500 Beschäftigte erfolgreich eine Fortbildungsprüfung nach Berufsbildungsgesetz oder Handwerksordnung abgelegt, das sind etwa 0,2 Prozent aller Erwerbstätigen – ein Anteil, der weit von der angestrebten „Weiterbildungsrepublik“ entfernt ist. Auch insgesamt bleibt die Beteiligung am lebenslangen Lernen gering, wie eine Erhebung von Eurostat zeigt: Nur 9,4 Prozent der 25- bis 64-Jährigen Befragten nahmen 2026 an einer berufs- oder nicht berufsbezogenen Weiterbildung teil. Damit liegt Deutschland unter dem EU-Schnitt von 13,5 Prozent und weit hinter den 31,2 Prozent in Dänemark.

Vom „Nordlicht“ lernen

Nun ist gewiss auch in Dänemark nicht alles Gold, was glänzt, und das deutsche Berufsbildungssystem nur schwarz zu malen, wäre sicher verfehlt. Auch Dänemark hat mit Problemen zu kämpfen, wenn auch nicht immer im gleichen Maße wie Deutschland. So sehen sich auch die Dänen etwa mit erheblichen strukturellen Fachkräfteengpässen vor allem im Gesundheitssektor, in technischen Berufen und im Transportsektor konfrontiert. Während der MINT-Anteil (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) in der tertiären Bildung im Gegensatz zu Deutschland unter dem EU-Durchschnitt bleibt, liegt Dänemark in der beruflichen Bildung dieses Qualifizierungssektors klar über dem EU-Schnitt und bereits über dem Zielwert für 2030 von 45 Prozent. Auch der Anteil der Schulabbrecher liegt weiterhin leicht über dem EU-Durchschnitt. Und obwohl Dänemark eine sehr hohe Quote an Hochschulabschlüssen aufweist, zeigt sich hier ein ausgeprägtes Geschlechterungleichgewicht – freilich zuungunsten der Männer. Die dänische Regierung selbst ist der Auffassung, dass die schulische Autonomie, die Praxisorientierung der Ausbildung und die Arbeitsmarktrelevanz des Bildungswesens noch weiter verbessert und mehr für die Reputation betrieblicher Berufsausbildung getan werden muss.

Gleichwohl ist es an der Zeit, die zum Mythos stilisierte deutsche Berufsbildung ins rechte Licht zu rücken. Der Blick auf Dänemark kann zu dieser Entzauberung beitragen und dazu anregen, von unserem Nachbarland zu lernen. Dieses kleine Nordlicht leuchtet vor allem deshalb so hell, weil es – neben einem seit Jahrzehnten nachhaltigen Reformeifer – über eine größere politische und institutionelle Beweglichkeit verfügt, die der wachsenden Komplexität des Arbeitsmarktes eher gerecht wird als das deutsche System.

Hervorzuheben ist, dass die dänische Berufsorientierung schon in der schulischen Ausbildung einen früheren und größeren Stellenwert erhält; dass die Berufsausbildung durch verknüpfbare und zertifizierte Module an die zunehmende Vielfalt des Arbeitskräftepotenzials angepasst wird; dass die solidarische Finanzierung auf eine breitere Basis gestellt wird, an der sich auch die nicht ausbildenden Betriebe beteiligen; dass alle Jugendlichen – unabhängig vom sozialen und ökonomischen Status der Eltern – großzügige materielle wie ideelle Unterstützung in der hochriskanten Übergangsphase von der Schule in den Beruf erhalten; dass die Kommunen größere Gestaltungsmacht haben; und dass die duale Berufsausbildung schließlich sowohl durch verbindlichere Qualitätsstandards als auch durch größere Durchlässigkeit zwischen den Qualifikationsstufen und Bildungsbereichen attraktiver gestaltet wird.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. aus deutscher Sicht Claus Offe, Berufsbildungsreform. Eine Fallstudie über Reformpolitik, Frankfurt/M. 1975; aus internationaler Perspektive Paul Ryan, The Apprentice Movement in the Federal Republic of Germany. Aufstand der Stifte, 1968–75, Cham 2025.

  2. Vgl. z.B. Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) (Hrsg.), Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung, Bonn 2026. Im Vorwort schreibt sein Präsident Friedrich Hubert Esser: „Die Ausrichtung auf ein berufsbildungspolitisches ‚Weiter so‘ trägt nicht mehr.“ Siehe auch Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland 2026. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft, Bonn 2026. Dort heißt es auf S. 190: „Fragmentierte Zuständigkeiten und unzureichende Koordination, aber auch fehlender Mut zu grundlegenden Ansätzen der Bearbeitung fortbestehender Probleme tragen zu einer insgesamt gemischten Leistungsbilanz bei.“

  3. Eurostat, Youth Unemployment Rate, Externer Link: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/tipslm80/default/table?lang=en.

  4. Vgl. Lutz Bellmann/Günther Schmid, Übergänge von der Schule in den Beruf: Kann Deutschland von der Schweiz lernen?, WZB Discussion Paper EME 2023-001, Berlin 2023, Externer Link: https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2023/eme23-001.pdf; Irene Kriesi et al., Spannungsfelder in der Berufsbildung international und in der Schweiz – Entwicklungen, Herausforderungen, Potenziale, Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung, OBS EHB Trendbericht 5, Zollikofen 2022.

  5. Vgl. auch die diesem Text zugrundeliegende Langfassung: Günther Schmid/Janine Leschke, Nachhaltige Übergänge von der Schule in den Beruf gestalten. Kann Deutschland von Dänemark lernen?, WZB Discussion Paper EME 2026-001, Berlin 2026, Externer Link: https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2026/eme26-001.pdf.

  6. Vgl. OECD Data Explorer, Incidence of Unemployment by Duration, 2.7.2026, Externer Link: https://data-explorer.oecd.org.

  7. Vgl. Janine Leschke/Mairéad Finn, Labor Market Flexibility and Income Security. Changes for European Youth During the Great Recession, in: Jacqueline O’Reilly et al. (Hrsg.), Youth Labor in Transition, Oxford 2019, S. 132–162.

  8. Vgl. BIBB (Anm. 2), S. 284f.

  9. Vgl. Achim Schmillen/Matthias Umkehrer, The Scars of Youth: Effects of Early-Career Unemployment on Future Unemployment Experience, in: International Labour Review 3–4/2017, S. 465–494.

  10. Vgl. Günther Schmid et al., Governing Sustainable School to Work Transitions. Lessons for the EU, Institute of Labour Economics, IZA Policy Paper No. 197, Bonn 2023, S. 15–20.

  11. Vgl. Andreas Peichl/Stefan Sauer/Klaus Wohlrabe, Arbeits- und Fachkräftemangel – aktuelle Lage und Projektionen im europäischen Vergleich, in: ifo Schnelldienst 3/2025, S. 51–57.

  12. Vgl. Statistisches Bundesamt, Anteil junger Menschen von 15 bis 24 Jahren bleibt mit 10,0 % auf historisch niedrigem Niveau, Externer Link: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2025/PD25_32_p002.html.

  13. Vgl. Trine P. Larsen/Caroline de la Porte, Early Childhood Education and Care in Denmark. A Social Investment Success, in: Caroline de la Porte et al. (Hrsg.), Successful Public Policy in the Nordic Countries: Cases, Lessons, Challenges, Oxford 2022, S. 66–87.

  14. Vgl. OECD Family Database, Indikatoren PF3.2 (Enrolment in Childcare and Pre-School) und LMF2.4 (Family-Friendly Workplace Practices), Externer Link: https://www.oecd.org/en/data/datasets/oecd-family-database.html.

  15. Vgl. Statistisches Bundesamt, Immer mehr ältere Menschen erwerbstätig, Externer Link: https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Arbeitsmarkt/Arbeiten_Rente.html.

  16. Vgl. Bundesministerium des Innern, Ein Jahr neues Fachkräfteeinwanderungsgesetz: Zahlen ausländischer Fachkräfte, Studierender und Auszubildender steigen deutlich, 17.11.2024, Externer Link: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2024/11/
    fachkraefteeinwanderung.html
    .

  17. Vgl. Bundesregierung, Kabinett beschließt Eckpunkte für Work-and-Stay-Agentur, 5.11.2025, Externer Link: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/kabinett-work-and-stay-agentur-2391978.

  18. Vgl. OECD/Europäische Kommission, Indicators of Immigrant Integration 2023, Paris 2023, Externer Link: https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2023/06/indicators-of-immigrant-integration-2023_70d202c4/1d5020a6-en.pdf.

  19. Vgl. Statistisches Bundesamt (Anm. 15).

  20. Vgl. Schmid/Leschke (Anm. 5), S. 7–10.

  21. Vgl. Günther Schmid, Übergänge am Arbeitsmarkt. Arbeit, nicht nur Arbeitslosigkeit versichern, Berlin 2011; ders., Europa in Arbeit. Plädoyer für eine neue Vollbeschäftigung durch inklusives Wachstum, Frankfurt/M. 2018.

  22. Vgl. Karl W. Deutsch, The Nerves of Government. Models of Political Communication and Control, New York–London 1966, S. 247.

  23. Vgl. Marius R. Busemeyer, Wandel trotz Reformstau. Die Politik der beruflichen Bildung seit 1970, Frankfurt/M. 2009; Fritz W. Scharpf/Bernd Reissert/Fritz Schnabel, Politikverflechtung. Theorie und Empirie des kooperativen Föderalismus in der Bundesrepublik, Kronberg/Ts. 1976.

  24. Vgl. Sven Rahner, Fachkräftemangel und falscher Fatalismus. Entwicklung und Perspektiven eines neuen Politikfeldes, Frankfurt/M. 2018, S. 233–235.

  25. Vgl. Schmid/Leschke (Anm. 5), S. 37.

  26. Vgl. Busemeyer (Anm. 23); Christian L. Ibsen/Kathleen Thelen, Arrangers and Orchestrators. The Diverging Role of the State in Danish and German Vocational Education and Training, in: Socio-Economic Review 4/2025, S. 1947–1973.

  27. Vgl. Schmid/Leschke (Anm. 5), S. 22f.

  28. Vgl. Martin B. Carstensen et al., Integrating Ecosocial Policies Through Polycentric Governance. A Study of the Green Transformation of Danish Vocational Education and Training, in: Regulation and Governance 2/2026, S. 419–437; Magnus P. Hansen, The Moral Economy of Activation. Ideas, Politics and Policies, Bristol 2020.

  29. Vgl. OECD Data Explorer (Anm. 6).

  30. Vgl. Carstensen et al. (Anm. 28).

  31. Vgl. Matthias Janson, Ist Weiterbildung in Deutschland weit verbreitet?, 11.2.2026, Externer Link: https://de.statista.com/infografik/35821. Erfasst wurden hierbei alle 25- bis 64-Jährigen, die innerhalb der vorangegangenen vier Wochen vor der Erhebung an einer Weiterbildungsmaßnahme teilnahmen.

  32. Zu einem differenzierten und insgesamt positiven Bild vgl. Paula Protsch/Heike Solga, Das berufliche Bildungssystem in Deutschland, in: Olaf Köller et al. (Hrsg.), Das Bildungswesen in Deutschland: Bestand und Potenziale, Bad Heilbrunn 2026, S. 565–594.

  33. Vgl. European Employment Services (EURES), Labour Market Information: Denmark, 24.2.2025, Externer Link: https://eures.europa.eu/living-and-working/labour-market-information/labour-market-information-denmark_en.

  34. Vgl. Europäische Kommission, Education and Training Monitor 2025: Denmark, Luxemburg 2025.

  35. Vgl. ebd., S. 15: „2024 hatten 59,1 Prozent der Frauen im Alter von 25 bis 34 Jahren einen akademischen Abschluss, verglichen mit 43,7 Prozent der Männer, also ein signifikanter ‚gender gap‘ von 15,4 Prozentpunkten (4,2 Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt)“ (eigene Übersetzung).

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ist Professorin für die politische Ökonomie der Arbeitsmärkte in der Abteilung Management, Society and Communication (MSC) an der Copenhagen Business School (CBS).

ist Professor a.D. für Ökonomische Theorie der Politik an der Freien Universität Berlin und Direktor Emeritus der Abteilung Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).