Ähnlich wie Individuen neben ihrem psychischen und sozialen Selbst ein „materielles Selbst“ haben, verhält es sich mit Nationalstaaten.
Seit über einem Jahrhundert bemüht Deutschland dieses Gütesiegel als Zeichen nationaler Stärke und Tugend. Made in Germany war weit mehr als eine wirtschaftliche Marke: Im Zuge des Wirtschaftswunders der 1950er und 1960er Jahre speiste es eine Form des Ersatzpatriotismus, der den Menschen im Westen des geteilten Landes nach der NS-Zeit und der Niederlage ein Stück verlorener Selbstgewissheit zurückgab. Bosch, Siemens, Volkswagen, Mercedes-Benz – deutsche Markenartikel eroberten das Ausland. Der Krieg war verloren, aber deutsche Wertarbeit lebte fort. Man war wieder wer, man zählte wieder. Die neuen Sorgen um den Standort Deutschland, die nach der Wiedervereinigung 1990 laut wurden, verflogen mit der Erschließung des sich öffnenden chinesischen Marktes. Jetzt war man wieder, wie schon Mitte der 1980er Jahre, Exportweltmeister.
Nach Jahren wirtschaftlicher Stagnation und der längsten Schwächephase in der Geschichte der Bundesrepublik stellt sich heute die Frage, ob Made in Germany sein Verfallsdatum möglicherweise erreicht beziehungsweise schon überschritten hat. Diese Frage ist mehr als eine rein wirtschaftliche Angelegenheit und geht weit über den Umgang mit chinesischer Konkurrenz und US-amerikanischen Zöllen hinaus. Wenn Volkswagen im Dezember 2025 sein Werk in Dresden schließt und Bosch sowie andere Firmen Stellenabbau ankündigen, betrifft dies mehr als das Firmensaldo und einige Tausend Arbeitnehmer. Der Abbau trifft ins Herz des nationalen Selbstverständnisses. Denn Made in Germany ist nicht irgendein Warenlabel. Es betont und fördert eine bestimmte Form der Arbeit, des Wirtschaftens und der gesellschaftlichen Werteordnung. Die anhaltende Flaute ist ein geeigneter Zeitpunkt, um das deutsche Modell unter die Lupe zu nehmen und seine Schwächen und Stärken zu beleuchten – sowohl gesellschaftlich als auch global.
Exportgetriebenes Wachstum
Der Aufstieg von Made in Germany ist schnell erzählt. Das Label wurde ursprünglich 1887 von Großbritannien eingeführt, um britische Verbraucher vor Dumping und vermeintlich minderwertigen Waren wie Messern, Spielzeug und Textilien zu warnen. Da das Vereinigte Königreich fest dem Freihandel verschrieben war, kamen Zölle nicht infrage. Stattdessen wurde der sogenannte Merchandise Marks Act verabschiedet, der vorschrieb, Produkte mit ihrem Herkunftsland zu kennzeichnen. Dies entpuppte sich als klassisches Beispiel dafür, wie leicht quasi-protektionistische Maßnahmen ins Gegenteil umschlagen können. Statt als Warnsignal diente „Made in Germany“ fortan als Gütesiegel und wurde zur kostenlosen Werbung für deutsche Waren.
Die Eroberung neuer Märkte durch deutsche Qualität, die Präzision und Ästhetik sowie traditionelle Handwerkskunst mit industrieller Moderne verband, war Teil der wilhelminischen „Weltpolitik“ und wurde vom 1907 gegründeten Deutschen Werkbund tatkräftig unterstützt. Zu seinen Mitgliedern zählten Siemens, BASF und Mercedes-Benz ebenso wie mittelständische Unternehmen, Architekten und Designer.
Die exportgetriebene Wachstumspolitik der 1950er und 1960er Jahre setzte diese Linie fort – allerdings ohne weltpolitische Ambitionen. Nach den nationalsozialistischen Verbrechen war die erneute Wertschätzung deutscher Waren keineswegs garantiert. So löste der westdeutsche Beitrag zur großen New Yorker Ausstellung zur Wohnkultur 1949 bei nicht wenigen Besuchern und Beobachtern Kopfschütteln und Empörung aus. Die schweren Sessel und die reich verzierten Mahagoni-Schränke riefen Erinnerungen an Nazi-Kitsch und die pompöse Gründerzeit wach. Während die Welt das Bauhaus bewunderte, schien es im Herkunftsland in Vergessenheit geraten zu sein. Designer und Hersteller begannen daraufhin, ihr Sortiment auf Funktionalität und klare Linien umzustellen. Mit ihrem Versprechen von Langlebigkeit setzten sich deutsche Produkte von US-amerikanischen Waren und Produktionsmethoden ab, die auf schnellen Produktwechsel und kürzere Nutzungszyklen ausgerichtet waren. So machten Handwerk und Mittelstand aus einer Schwäche – weniger Kapital und ein geringerer Grad an Mechanisierung – eine Stärke. Für die DDR war die Gestaltung eines postfaschistischen nationalen Designs nicht minder wichtig.
In der jungen Bundesrepublik gelang, was der Weimarer Republik verwehrt geblieben war: Made in Germany schaffte Wirtschaftswachstum bei gleichzeitigem sozialen Frieden. Der Exporterfolg war hierfür ein wichtiger Faktor. Das Wirtschaftswunder wurde schnell moralisiert und als gebührender Lohn für die eigene harte Arbeit betrachtet. Diese Sichtweise unterschlägt jedoch die äußerst günstigen Voraussetzungen, von denen die Bundesrepublik und ihre Bürger in diesen Jahren profitierten: den Marshallplan, den internationalen wirtschaftlichen Aufschwung und den enormen Schuldenerlass von 1953, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ohne diesen hätten die nötigen Kredite für Investitionen und neue Maschinen kaum gewährt werden können, denn der ursprüngliche Schuldenberg entsprach dem Zehnfachen des westdeutschen Bruttosozialprodukts und hätte den neuen Staat erdrückt.
Der empfundene Stolz auf deutsche Wertarbeit ist dennoch verständlich. 1961 trugen Exporte ein Viertel zum westdeutschen Bruttosozialprodukt bei, die Industrie als Ganzes mehr als die Hälfte. Die Bundesrepublik war eine Industrienation. Deutsche Waren wurden nicht nur in aller Welt verkauft. Die Hälfte der Beschäftigten war direkt oder indirekt an ihrer Herstellung beteiligt – 12,5 Millionen Menschen arbeiteten in Industrie, Bergbau und Baugewerbe.
Deutsche Wertarbeit diente der DDR ebenso als Markenzeichen, wenn auch häufig mit regionalem Ausrufezeichen. Ruhla-Uhren konnten auf eine Thüringer Unternehmenstradition seit den 1860er Jahren zurückgreifen. Die VEB Chemische Werke Buna warben für „Plaste und Elaste aus Schkopau“ (Sachsen-Anhalt). Stern-Radio und Robotron (EDV) waren wichtige Elemente des von Walter Ulbricht eingeleiteten Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung. Dieses sollte die DDR zum Innovations- und Exportgiganten im Ostblock machen. Seit 1963 verlieh die Leipziger Messe Goldmedaillen für herausragende Produkte. Ein wichtiger Unterschied zur BRD war die hohe Frauenquote in der Industrie der DDR, wenngleich Frauen durchweg auf unterer Ebene beschäftigt waren.
Was nun genau unter „Germany“ zu verstehen war, war im geteilten Deutschland umstritten. 1963 verfügte der Vorsitzende des Ministerrats der DDR, dass alle Exportwaren mit dem Hinweis „Made in Germany“ zu kennzeichnen waren. Bei den Verbrauchern führte dies zu Verwirrung: Hatten sie nun Waren aus dem Westen oder Osten erstanden? 1970 entschied der Ministerrat, dass ostdeutsche Waren zusätzlich einen eindeutigen geografischen Hinweis wie „Hergestellt in der Deutschen Demokratischen Republik“ oder „DDR“ tragen sollten. Dies hielt westdeutsche Händler jedoch nicht davon ab, elektrische Weckuhren mit einem Uhr- und Signalwerk aus der DDR innerhalb der Bundesrepublik mit dem Label „Germany“ anzubieten. Ein Hamburger Gericht befand dies 1973 als rechtswidrig und gab der Klage eines Konkurrenten statt. Der Bundesgerichtshof revidierte das Urteil allerdings. Eine Weckuhr durfte demnach mit „Germany“ vertrieben werden, auch wenn die meisten Teile aus der „Zone“ stammten.
Überhöhung industrieller Arbeit
Die industrielle Blütezeit ist längst vorbei. Bereits ein Jahr vor der ersten Ölkrise im Jahr 1973 übertraf in Westdeutschland die Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungssektor die der Arbeiter im produzierenden Gewerbe. Immer mehr Menschen tauschten den Blaumann gegen ein weißes Hemd. Sie wurden Verkäufer, EDV-Sachbearbeiter, Sozialarbeiter, Reiseberater, Lehrer, Werber und vieles mehr. Mit der Abwicklung der überwiegend maroden DDR-Industrie durchlief Ostdeutschland nach 1990 die Deindustrialisierung im Eiltempo. Diese fundamentale Veränderung setzt sich bis heute fort. 2025 waren drei Viertel aller Arbeitnehmer in der Bundesrepublik im sogenannten tertiären Sektor beschäftigt. Lediglich ein Viertel arbeitete noch im produzierenden Gewerbe.
Das wirtschaftspolitische Gewicht von Made in Germany steht somit in zunehmender Spannung zur bundesdeutschen Gesellschaft und Wirtschaft – und das auf mehreren Ebenen: Es gibt eine zunehmende Kluft zwischen Made in Germany und der Arbeitswelt der Mehrheit. Dies verstärkt die Überhöhung industrieller Arbeit gegenüber anderen, weniger dingfesten Leistungen. Das betrifft alle Beschäftigten, benachteiligt jedoch insbesondere Frauen. Made in Germany steht letztlich für Männerarbeit. Heute wie damals machen Frauen nur einen verschwindend geringen Teil im produzierenden Gewerbe aus. Im Maschinenbau waren 2018 lediglich 12 Prozent aller Beschäftigten weiblich. Der Frauenanteil bei VW lag 2020 bei 17 Prozent, der europäische Durchschnitt erreichte immerhin 24 Prozent. Die Textilverarbeitung bildet mit 69 Prozent eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Im Gegenzug dominieren Frauen in der Altenpflege (84 Prozent), in medizinischen Berufen (82 Prozent), im Reinigungsgewerbe (75 Prozent) und im Marketing (53 Prozent). Made in Germany steht außerdem für gute, tarifgebundene Jobs – zumindest noch. Frauen sind dagegen 50 Prozent häufiger als Männer in Mindestlohnjobs zu finden.
Alle wohlhabenden Gesellschaften leiden unter Geschlechterungleichheit – Deutschland jedoch ganz besonders. Das zeigt sich in der hohen Teilzeitquote bei Frauen, unterbrochenen Ausbildungen und Karrieren, großem Pflegeeinsatz und hoher Armut im Alter. Es wäre unsinnig, all dies dem Label „Made in Germany“ anzulasten, aber es wäre ebenso unklug, dessen Beitrag zur ungleichen Wertschätzung von Arbeit und Geschlechterrollen zu ignorieren – von den Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima ganz zu schweigen.
Kurzsichtig
Mit dem Ende des Kalten Krieges, der Öffnung Osteuropas und schließlich Chinas ab 2001 erreichten deutsche Waren einen beispiellosen Höchststand an globaler Nachfrage. Der Anstieg der Ausfuhren war so phänomenal, dass man sich heute die Augen reibt. 1990 machten Exporte 23 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus, 2005 waren es bereits 36 Prozent und 2019 satte 43 Prozent. Seit 2022 sind sie nun zum dritten Mal in Folge rückläufig.
Womit haben wir es zu tun? Mit einem moderaten Rückgang von einem einmalig hohen Niveau – „what goes up, must come down“ – oder mit der ersten Phase eines freien Falls? Die unmittelbaren Aussichten sind nicht rosig. US-Präsident Donald Trumps Protektionismus trifft den ehemaligen Exportweltmeister Deutschland wesentlich härter als Länder wie Frankreich, denn der US-amerikanische Markt ist dreimal so wichtig für Deutschland wie für Frankreich. Zudem erobern chinesische Autos einen immer größeren Teil des dortigen Marktes. Deutsche Firmen und Verbände klagen über Bürokratie und hohe Energiekosten.
An all diesen Faktoren ist etwas dran, aber um die deutschen Probleme richtig einzuschätzen, braucht es eine etwas längere Perspektive. Die Deglobalisierung setzte nicht plötzlich mit Trumps „Liberation Day“ im April 2025 ein, sondern ist seit 2016 im Gange. Was die wachsende Arbeitsproduktivität betrifft, hinkt Deutschland den USA, China und vielen europäischen Nachbarn seit den 2000er Jahren hinterher. Die längst überfällige Umstellung auf E-Autos und die Digitalisierung wurden verschlafen und werden weiterhin blockiert. Viele der deutschen Probleme sind nicht externer Natur, sondern hausgemacht und resultieren aus einem veralteten Kapitalstock, also dem Bestand an Maschinen, Anlagen und Fabrikgebäuden, ebenso wie den maroden Schienen, Brücken und Straßen. Dieser Zustand zeichnete sich bereits rund um die Jahrtausendwende ab, also zwei Jahrzehnte vor dem rasanten Zuwachs von bürokratischen Regulierungen und dem Anstieg der Energiekosten infolge des Ukrainekriegs.
Kurz gesagt: Es wurde zu lange zu wenig investiert – nicht nur vom Staat, sondern vor allem von Unternehmen. Der Exportboom hat zu Kurzsichtigkeit geführt. Anstatt in die Zukunft zu investieren, ruhten sich viele auf ihren Lorbeeren aus.
Konturverwischung
Eine erfolgreiche Marke steht und fällt mit Vertrauen und einem klaren Profil. International hat sich Made in Germany als erstaunlich robust bewiesen. Ob die Sammelklagen in den 1990er Jahren gegen Traditionsunternehmen wegen NS-Zwangsarbeit und Ausbeutung, der Dieselskandal (2015), die neunjährige Verspätung bei der Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER (2020) oder das Chaos bei der Deutschen Bahn – all dies mag dem Image deutscher Qualitätsarbeit einen Dämpfer versetzt haben, zerstört hat es dieses jedoch nicht.
Eine Umfrage unter 20.000 internationalen Verbrauchern im Herbst 2025 ergab, dass Made in Germany nach wie vor das höchste Vertrauen genießt – wenn auch nur knapp vor Produkten aus der Schweiz und Japan. Gleichzeitig gab es jedoch auch einen Warnschuss: Made in Germany stand für die meisten Konsumenten für Verbrennungsmotoren und Haushaltsgeräte. Bei E-Autos, Elektronik oder Künstlicher Intelligenz vertrauten sie lieber auf Made in USA oder Made in Japan.
Zudem verliert das Profil „Made in Germany“ an Kontur. Zwar hat der Exportboom den allgemeinen Rückgang der Industriearbeit gebremst – umgekehrt hat er ihn jedoch nicht. Im Jahr 2000 arbeiteten 28 Prozent der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe; 2015 waren es 25 Prozent, und für 2025 wird ein Wert von 23 Prozent erwartet.
Der Fokus hat sich somit von der Herkunft zur Technik verschoben. Die Verwirrung, die das auslöst, zeigt sich in einer Reihe von Rechtsfällen. Bereits 1995 entschied das Oberlandesgericht Stuttgart, dass Produkte nur dann das Siegel „Made in Germany“ tragen dürfen, wenn die wesentlichen wertbildenden Leistungen auch in Deutschland erbracht wurden. Ähnlich urteilte 2003 das Landgericht Stuttgart: Stammt beispielsweise die Grafikkarte oder die Festplatte aus dem Ausland, darf ein PC das Gütesiegel nicht tragen, selbst wenn alle Bauteile in Deutschland zusammengefügt wurden. Wenige Jahre später entschied das Oberlandesgericht Düsseldorf gegen ein Besteckset, das mit Made in Germany warb: Die Messer wurden zwar mit deutschen Maschinen in China hergestellt, aber lediglich in Deutschland aufpoliert.
Es gibt kaum eine Messe oder einen Industrie- und Handelstag, bei dem Kanzler und Minister nicht Made in Germany als Beweis für deutsche Qualität, Leistungsfähigkeit und Exportstärke preisen. Doch selbst auf staatlicher Seite hat das Label an Kontur verloren. Am Vorabend der Fußballweltmeisterschaft 2006 startete das Auswärtige Amt eine Plakatkampagne, in der unter anderem Fotos der Allianz Arena in München für Made in Germany warben. Selbstverständlich ist auch der FC Bayern meist präzise im Abschluss. Mit materieller Herstellung hat diese Kunst jedoch recht wenig zu tun.
Bedrohung und Chance
Hat Made in Germany noch eine Zukunft? Betrachtet man die Wirtschaftspolitik, steht Deutschland an einem schwierigen Scheideweg. Auf der einen Seite locken ausländische Märkte, auf denen die aufgebaute Exportstärke zum Tragen kommt. Dieser Pfad setzt auf den freien Handel und bedeutet den Versuch, gegen den protektionistischen Strom zu schwimmen. Auf der anderen Seite steht Europa mit seinen 450 Millionen Verbrauchern innerhalb der Europäischen Union und seinem Potenzial für eine gemeinsame Industrie- und Wirtschaftspolitik. Das würde einen kontinental ausgerichteten Handel und strategische Investitionen betonen – kurz: mehr „Buy Europe“ und „Made in Europe“.
Die Öffnung Chinas bot deutschen Herstellern eine historisch einmalige Chance, ihre Waren abzusetzen. Eine Wiederholung dieser Situation ist höchst zweifelhaft. In einer Zeit, in der Produktions- und Lieferketten immer weiter miteinander verflochten sind, ist die nationale Betonung des Herkunftslands nicht minder problematisch. Die meisten Produkte sind heute das Ergebnis komplexer, grenzüberschreitender Wertschöpfungsprozesse. Zwar ermöglichen deutsche Maschinen und Präzisionsinstrumente weiterhin die Herstellung vieler Produkte, jedoch immer seltener „in Germany“. Gleichzeitig wird die Reparatur hochkomplexer Teile und Geräte immer schwieriger.
So notwendig das Lösen der Schuldenbremse und das Ankurbeln der Rüstungsindustrie auch sind, sie reichen bei Weitem nicht aus, um die deutsche Wirtschaft neu zu justieren. Nicht jeder Autobauer wird in Zukunft Panzer produzieren. Das Handwerk mag vielleicht am wenigsten von Künstlicher Intelligenz bedroht sein, doch das ändert nichts daran, dass die eigentliche Wertschöpfung bei den neuen Technologien liegt. Der Scheideweg ist somit nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Chance für eine längst überfällige Neuorientierung: weg von den alten, korporatistisch organisierten Industrien der ersten Stunde, hin zu kreativen Start-ups und neuen Technologien. Dass fast alle der heute in Deutschland erfolgreichen großen Unternehmen aus der Zeit der zweiten industriellen Revolution herrühren, ist bezeichnend. Digitale Technologien sind keineswegs virtuell, und ihr Wasser- und Energiebedarf steigt. Ihre materielle Seite besteht jedoch nicht in der dingfesten Herstellung wie bei ihren industriellen Vorfahren.
Schluss
(© Julia Zaharova)
(© Julia Zaharova)
„Made in Germany?“ – unter diesem Titel kuratierten die Harvard Art Museums 2024 eine Sonderausstellung zu Kunst und Identität in einer „globalen Nation“. Mit ihrer Installation „Ostalgie“ stellte die Künstlerin Henrike Naumann (1984–2026) dort buchstäblich die deutschen Dinge auf den Kopf: An den Wänden hängen Stühle, Möbel und Teppiche – billige, massenproduzierte Versionen im postmodernen Stil, die nach dem Mauerfall sehr populär waren. Auf dem Bügel eines DDR-Telefons liegt ein Wikingerhorn.
Das Fragezeichen hinter dem Gütesiegel „Made in Germany“ sollte dazu einladen, die Diskussion um den Standort Deutschland wesentlich breiter als gewohnt zu führen. Denn der Blick auf die Wirtschaftspolitik allein greift zu kurz: Deutsche Produkte werden nicht nur hergestellt und verkauft, sondern sie verwandeln mit ihrem Gebrauch unseren Alltag, unsere Lebensweise und die Umwelt. In den drei Worten „Made in Germany“ steckt somit nicht nur Technik, sondern letztlich die entscheidende Frage: Wie wollen wir arbeiten und leben?