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Warnung, Werbung, Wunschdenken? | Made in Germany | bpb.de

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Warnung, Werbung, Wunschdenken? Made in Germany und die deutsche Exportwirtschaft

Jan-Otmar Hesse

/ 16 Minuten zu lesen

In bestimmten Abständen scheint die Öffentlichkeit in Deutschland den Drang zu verspüren, sich über die Qualität und den Erfolg der eigenen Exportprodukte auszutauschen. Die Diskussionen sind häufig mit weltwirtschaftlichen Krisenkonstellationen verknüpft.

Großbritannien war am Ende des 19. Jahrhunderts die unangefochtene industrielle Führungsmacht der Welt. Selten in der Geschichte hat ein einzelnes Land die Weltwirtschaft und den Handel in ähnlicher Weise dominiert. Ein Fünftel der weltweiten Industrieproduktion stammte damals aus Großbritannien und 40 Prozent der globalen Gewerbeexporte. Fast die Hälfte des gesamten Auslandsbesitzes gehörte britischen Staatsbürgern und Unternehmen. Die Hälfte aller Handelsschiffe fuhr unter britischer Flagge, und die Regierung unter Lord Salisbury hatte 1889 per Gesetz den „Zweimächtestandard“ etabliert. Demzufolge sollte die britische Flotte so groß sein wie die der beiden größten Seemächte nach ihr zusammen. Die Tonnage der Kriegsschiffe der Royal Navy überstieg zur Jahrhundertwende die Marke von einer Million, während Frankreich und Russland zusammen auf 880.000 Bruttoregistertonnen kamen. Die Kriegsschiffe des Deutschen Reiches zählten zusammen nur 285.000 Tonnen.

Und trotzdem fühlte sich die britische Weltmacht von dem aufstrebenden europäischen Nachbarn herausgefordert. Das bezog sich gar nicht so sehr auf die militärische Stärke Deutschlands. Der Rüstungswettlauf zwischen beiden Ländern und die diversen militärischen und politischen Provokationen und Konfrontationen standen noch bevor. Vielmehr sorgte sich die britische Oberschicht vor der ökonomischen Potenz des europäischen Rivalen. Während das Vereinigte Königreich nämlich im Luxus schwelgte und sich gerade in der Oberschicht eine gewisse Genügsamkeit eingestellt hatte – so so die zeitgenössische Selbstdeutung –, drängten deutsche Waren überall auf der Welt die britischen Produkte vom Markt. Selbst in Großbritannien war der Erfolg des deutschen Exports buchstäblich mit Händen greifbar:

„Schauen Sie sich in Ihrem Haushalt um“, hieß es 1896 in einer Artikelserie des Anwalts und Wirtschaftsjournalisten Ernest Edwin Williams, „und die schicksalhafte Bezeichnung ‚Made in Germany‘ wird Sie in jeder Ecke grüßen, vom Klavier im Salon bis zum Krug in Ihrem Küchenschrank. (…) Gehen Sie in den Keller und Sie werden dort Abwasserrohre aus Deutschland finden. Wenn Sie eine Büchersendung erhalten, dann stammt das Packpapier aus Deutschland und während Sie es in den Kamin stopfen stellen Sie fest, dass auch der Schürhaken in Ihrer Hand in Deutschland geschmiedet worden ist. Sollten Sie versehentlich ein Ornament vom Kaminsims schmeißen, wenn Sie sich danach vom Kaminvorleger erheben, werden Sie beim Aufheben der Einzelteile auf der Unterseite ‚Hergestellt in Deutschland‘ lesen. Und wenn Sie anschließend Ihre Beobachtungen niederschreiben wollen, stammt selbst der Bleistift aus Deutschland.“ „Made in Germany“ – wie der Journalist seine anschließend zu einem Buch zusammengefügten Zeitschriftenartikel betitelte – war kurz vor der Jahrhundertwende zu einem besorgniserregenden Schlagwort unter britischen Politikern und Intellektuellen geworden, ein Hinweis auf den drohenden Niedergang der britischen Vormachtstellung auf dem Weltmarkt.

Im Schatten des Mutterlandes der Industrialisierung hatte die deutsche Wirtschaft aufgeholt. Zwei Jahrzehnte zuvor noch galten deutsche Produkte in England als von besonders schlechter Qualität. Zusammen mit anderen Billigprodukten waren sie einer Kennzeichnungspflicht unterworfen worden, weil immer wieder Fälschungen hochwertiger englischer Produkte in Umlauf gerieten, von denen offenbar viele aus Deutschland stammten. Mit dem Merchandise Marks Act war die Kennzeichnungspflicht 1887 verschärft worden. Doch bis zur Jahrhundertwende stieg die Zahl der deutschen Importe weiter. Die Herkunftsbezeichnung „Made in Germany“ hatte sich stillschweigend in ein Qualitätssiegel verwandelt.

Ernest Edwin Williams fühlte sich in dieser Situation veranlasst, einen Weckruf an die englische Oberschicht zu verfassen. Denn seiner Meinung nach ging die Verbreitung der deutschen Waren in England nicht etwa auf deren vermeintliche Qualität zurück, sondern auf unfaire Handels- und Wettbewerbsbedingungen. Das Deutsche Reich, so Williams, fördere seinen Export mit großzügigen Subventionen und nutze geschickt seine diplomatische Vertretung, um die Produkte seiner Wirtschaft zu vermarkten. Großbritannien sollte hier ebenfalls aktiver werden. Auch die Vernachlässigung der technischen und ingenieurwissenschaftlichen Bildung im Vereinigten Königreich sah der Wirtschaftsjournalist als ein großes Versäumnis der britischen Politik im internationalen Wettbewerb. Das Deutsche Reich sei den Briten in dieser Hinsicht meilenweit voraus.

Diese Debatte erscheint uns heute allzu vertraut, beinah schon beängstigend vertraut. Sie ist ein Lehrstück über das Zusammenspiel von weltwirtschaftlichem Wettbewerb und Nationalstolz, das die deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte seitdem zutiefst prägt. In Deutschland entstand hieraus eine deutliche Betonung des Güterexports, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer dominanter wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg die gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik überformte. Die Erzählung über die besondere Qualität und Wettbewerbsfähigkeit der Güter „Made in Germany“, die den deutschen Politikern dabei zur Jahrhundertwende aus England in den Schoß gefallen war, diente in diesem Zusammenhang immer wieder dazu, den Anteil der deutschen Politik der Exportförderung herunterzuspielen und die Überlegenheit der eigenen Exporte gegenüber der Konkurrenz in den Vordergrund zu stellen.

Exportoffensive Leo Caprivis

Der wirtschaftliche Aufschwung des Deutschen Reiches ab den 1890er Jahren gründete natürlich nicht auf dem Export von billigen Konsumprodukten, auf Schürhaken, Packpapier und Nippes, der auf den Kaminsimsen der englischen Oberschicht herumstand. Es waren vor allem Industrieprodukte – Eisen- und Stahlprodukte, Maschinen und Chemieerzeugnisse – mit denen Deutschland erfolgreich war, und das tatsächlich insbesondere auf dem britischen Absatzmarkt. Deutsche Unternehmen exportierten Eisenbahnschienen, Stahlröhren und Draht, Dünger und Farbstoffe, Druckmaschinen, Lokomotiven und Elektromotoren, aber auch große Mengen an Garnen und Textilien. Wohl die Hälfte der deutschen Exporte entfiel auf diese industriellen Vorprodukte. Daneben verkauften deutsche Händler in beachtlichen Mengen und einer beachtlichen Sortimentstiefe auch die von Williams angesprochenen Konsumgüter, von Papier bis Porzellan und anderen Ausstattungsgegenständen, Leder und Musikinstrumenten. Für die englischen Konsumenten mögen diese Produkte sichtbarer gewesen sein, für den wirtschaftlichen Aufschwung waren sie aber von nachgeordneter Bedeutung.

Mit zunehmender Industrialisierung war das Deutsche Reich zu einem wichtigen europäischen Exporteur von Gewerbeerzeugnissen im weitesten Sinne herangewachsen. Im Handel mit den meisten europäischen Nachbarländern hatte sich ein Exportüberschuss eingestellt. Dass die Handelsbilanz des Kaiserreiches insgesamt dennoch negativ blieb, lag an dem riesigen Einfuhrbedarf nicht zuletzt an Nahrungsmitteln, Baumwolle und anderen Rohstoffen für die rasch wachsende Bevölkerung. Hatte Reichskanzler Otto von Bismarck noch versucht, diese Einfuhr mit Schutzzöllen zu verteuern und zu bekämpfen, lenkte sein Nachfolger Leo Graf von Caprivi ab 1890 die Aufmerksamkeit auf die Exportwirtschaft.

Seine Überlegungen fasste Caprivi in einer langen Reichstagsrede zusammen, mit der er 1891 versuchte, die mächtige Agrarlobby von dem Kurs des reinen Protektionismus abzubringen. Neben dem Schutz der deutschen Landwirtschaft vor billigen Weizenimporten aus Russland und den USA müsse zugleich dafür gesorgt werden, dass für die immer größer werdende Bevölkerung genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Die Menschen würden sonst zwangsläufig auswandern. Solche Arbeitsplätze könne nur die Industriewirtschaft bieten. Da deren Produkte für die verarmte deutsche Bevölkerung jedoch zu teuer wären, müsse die Industriewirtschaft für das Ausland produzieren. „Wir müssen exportieren“, rief Caprivi im Reichstag aus, „entweder wir exportieren Waren, oder wir exportieren Menschen. Mit dieser steigenden Bevölkerung ohne eine gleichmäßig zunehmende Industrie sind wir nicht in der Lage, weiter zu leben.“

Die von Caprivi angesprochene Industrie war aber selbst hinsichtlich der Zollpolitik gespalten. Die Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets und des Saarlands stand den exportorientierten Ambitionen der Elektroindustrie, des Maschinenbaus, der Chemieindustrie und des Gewerbes skeptisch gegenüber. Daher blieben die Schutzzölle für landwirtschaftliche Einfuhren und Rohstoffe hoch, und eine direkte Subvention des Exports war vor dem Ersten Weltkrieg nicht durchsetzbar. Die Förderung beschränkte sich auf die politische Unterstützung eines ausgeprägten Netzes von Handelsattachés im diplomatischen Dienst, die Präsenz auf den großen Weltausstellungen sowie den Aufbau eines Netzes von Außenhandelskammern, von denen die erste 1894 in Brüssel eingerichtet wurde. Inwieweit solche Aktivitäten zur sichtbaren Verbreitung deutscher Produkte in England beitrugen, was Williams so sehr alarmierte, ist kaum einzuschätzen. Die von ihm beschriebene politische Förderung des Exports existierte damals aber tatsächlich bereits.

Exportkredit und Subventionen

Nach dem Ersten Weltkrieg ging es der deutschen Wirtschaft sehr viel schlechter. Das lag nicht so sehr an den Gebietsverlusten und den Reparationszahlungen, auch wenn konservative Kreise nicht müde wurden, sämtliche wirtschaftlichen Probleme darauf zu schieben. Eine wesentlich größere Bürde war, dass deutsche Produkte auf Auslandsmärkten nur langsam wieder Fuß fassen konnten. Zum Teil war ihre Einfuhr vollständig untersagt, zum Teil wurden hohe Handelsschranken und Zölle verhängt. Zugleich war der Bedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen nach dem Krieg gestiegen, sodass die deutsche Handelsbilanz noch stärker ins Defizit rutschte.

In dieser aufgrund der innenpolitischen Krisen ohnehin äußerst schwierigen Situation knüpfte die Wirtschaftspolitik fast unisono an die handelspolitische Strategie Caprivis an. Von den sozialdemokratischen Wirtschafts- und Außenministern bis hin zum konservativen Liberalismus und zum Zentrum fand sich eine große Koalition von Befürwortern der staatlichen Unterstützung des Exports. Die Exportindustrie war sich ihrer Bedeutung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg schon früh bewusst. Die Exportwirtschaft sei ein „Schoßkind jeder Regierung“, schrieb der Chemiker Fritz Haber an Carl Duisberg, den Vorstandsvorsitzenden der Bayer AG. Philipp Scheidemann, der etwas später erster Reichskanzler der Weimarer Republik wurde, gab als Volksbeauftragter das Ziel aus, „den Export auf ein Höchstmaß zu steigern“.

Dabei rückte ein Instrument in den Blick, das schon im Krieg verschiedentlich diskutiert worden war: das Währungsdumping. Wenn der Wechselkurs der Mark gegenüber den jeweiligen Währungen der Absatzmärkte so verändert werden könnte, dass deutsche Waren im Ausland billiger würden, griffen die ausländischen Konsumenten irgendwann wieder zu deutschen Produkten. „Ich betrachte unsere schwer notleidende Währung als ein vortreffliches Mittel, den Hass, der gegenüber Deutschland im Ausland empfunden wird, zu vertreiben, und die Zurückhaltung unserer Feinde, mit uns Handel zu treiben, zu überwinden. Der Amerikaner, der nicht länger Güter im Gegenwert von 4,21 Mark für seinen Dollar von uns erhält, sondern im Wert von 6,20 Mark, wird seine Vorliebe für Deutschland wiederentdecken.“ Diese Worte schrieb Albert Ballin, der Vorstandsvorsitzende der Hapag, einer der größten Reedereien der Welt, im September 1917 an einen befreundeten Reeder.

Eine Hyperinflation in einem solchen Ausmaß, wie sie dann 1923 die Weimarer Republik heimsuchte, hatte Ballin natürlich nicht im Sinn, genauso wenig wie die Politiker des Landes. Es dürfte aber nicht zuletzt am Kalkül der währungspolitischen Exportförderung gelegen haben, dass sich viele Politiker und Unternehmer nicht nachhaltig und vor allem nicht rechtzeitig gegen den Währungsverfall gestemmt haben.

Mit der Währungsstabilisierung und dem Dawes-Plan von 1924 wurde diese Form der Exportförderung dauerhaft unterbunden. Zur Wiederherstellung der Kreditfähigkeit und zur Sicherung der Reparationszahlungen wurde das Deutsche Reich durch ein internationales Abkommen zum Goldstandard und damit zu einem unveränderlichen Wechselkurs gezwungen. Auf währungspolitischen Rückenwind konnte die deutsche Exportwirtschaft danach nicht mehr hoffen. Exportwirtschaft und Politik suchten daher nach anderen Förderinstrumenten und wurden im Bereich der Exportfinanzierung fündig – was im Übrigen in ganz ähnlicher Weise auch in England passierte.

Auf den Absatzmärkten der europäischen Nachbarstaaten, die die deutschen Unternehmen vor dem Krieg so erfolgreich bearbeitet hatten, waren nun US-amerikanische Großunternehmen als neue Konkurrenten aufgetaucht. Die deutschen Unternehmen sollten daher in die Lage versetzt werden, ihre Produkte auch auf den deutlich risikoreicheren Märkten in Südamerika und Osteuropa, insbesondere in der sozialistischen Sowjetunion, zu verkaufen. Die Leipziger Messe entwickelte sich zu einem Hotspot für Handelsbeziehungen mit Osteuropa. Diese Märkte waren jedoch durch zusätzliche Risiken gekennzeichnet, die für die deutschen Exporteure kaum abschätzbar waren – insbesondere die „politischen Risiken“ in der Sowjetunion. Um auf diesen Märkten präsent sein zu können, versuchte der Staat, den Exporteuren mit Bürgschaften und günstigen Krediten unter die Arme zu greifen. Ziel war es, zusätzliche Exporte von 10 bis 15 Prozent des bisherigen Exportvolumens zu generieren. Dieses Ziel wurde zwar nicht erreicht. Die sogenannten Hermes-Versicherungen und Hermes-Bürgschaften sind seitdem aber aus dem Instrumentenkasten der Exportförderung in Deutschland nicht mehr wegzudenken.

Nach der Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er Jahre war es mit solchen eher verdeckten Formen der Exportförderung aber erst einmal vorbei. Der vollständige Zusammenbruch des Welthandels nach 1929 hatte bei allen Staaten, die am Welthandel beteiligt waren, eine „Rette sich, wer kann“-Mentalität ausgelöst. Alles war erlaubt. Die USA schraubten den Schutzzoll bis auf einen Durchschnittssatz von 60 Prozent hoch. Großbritannien, bis dahin ein Verfechter des Freihandels, wertete das Pfund um 30 Prozent ab und vereinbarte innerhalb des Commonwealth einen Schutzzoll, der alle Staaten außerhalb des Commonwealth diskriminierte.

Auch das Deutsche Reich verabschiedete sich noch vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten von einer freien Weltwirtschaft: Das erste Kabinett unter Heinrich Brüning sah sich im Juli 1931 gezwungen, zur Devisenbewirtschaftung überzugehen. Die Reichsmark war danach nicht mehr frei in andere Währungen umtauschbar. Deutsche Exporteure mussten ihre Deviseneinnahmen an eine deutsche Devisenstelle abführen und erhielten hierfür einen Gegenwert in Reichsmark, wobei der Wechselkurs von Produkt zu Produkt und Land zu Land variieren konnte. Nur durch erhebliche Preisnachlässe waren die deutschen Waren überhaupt noch absetzbar. Ausländische Konkurrenten, selbst aus dem befreundeten Österreich, beschwerten sich vehement, dass deutsche Produkte beispielsweise in China zu einem Bruchteil des Preises verkauft wurden, den deutsche Abnehmer im Inland für das gleiche Produkt zu zahlen hatten. Weil die Nationalsozialisten für ihre Aufrüstungspolitik dringend ausländische Währung oder Gold benötigten, um die notwendigen Rohstoffe und Materialien zu kaufen, wurde der deutsche Export Mitte der 1930er Jahre mit erheblichem Aufwand subventioniert: Jede Reichsmark, die im Export eingenommen wurde, war laut dem Historiker Michael Ebi mit 38 Pfennig staatlicher Subvention erkauft. Mit Produktqualität oder „Made in Germany“ hatte das nichts mehr zu tun. Das Preisgefüge in der Weltwirtschaft war in den 1930er Jahren aufgrund der zahlreichen staatlichen Eingriffe in allen Ländern so stark durcheinandergeraten, dass die Käufer sich abgewöhnt hatten, in diesen Kategorien zu denken.

Wirtschafts- und Exportwunder

Die Exportschlachten der 1930er Jahre waren die Referenzgröße, an der sich Unternehmer und Politiker nach dem Zweiten Weltkrieg orientierten. Die europäischen Märkte blieben weiterhin stark reguliert. Die meisten Länder verhängten nicht nur hohe Schutzzölle, sondern begrenzten die Einfuhrmengen bestimmter Güter. Die Währungen waren nicht konvertibel, und alle Länder und Unternehmen versuchten händeringend, in den Besitz von US-Dollar zu gelangen – der Währung aus dem einzigen Land, in dem nahezu alle Güter in beliebiger Menge und Qualität nach dem Krieg erhältlich waren. Die gewaltige „Dollarlücke“ war ein zentrales Problem der Weltwirtschaft in der Nachkriegszeit, weshalb der Außenhandel überall auf der Welt, und auch in Deutschland, hochgradig reguliert blieb.

Unter diesen Umständen war der Export ein äußerst mühseliges Geschäft, denn er war mit zahlreichen bürokratischen Anforderungen verbunden, der Kenntnis von Ein- und Ausfuhrregularien und der Beschaffung notwendiger Genehmigungen unterschiedlicher Stellen. Viele Unternehmen bevorzugten es, ihre Waren im Inland abzusetzen, sodass die Außenwirtschaftspolitik frühzeitig zu einer breit angelegten „Exportermunterung“ überging, wie es der Leiter der Außenwirtschaftsabteilung des Bundeswirtschaftsministeriums, Vollrath von Maltzan, nannte. Bereits 1949 wurden in Kooperation mit der Hermes-Versicherung wieder staatliche Ausfuhrbürgschaften vergeben. Hinzu kam die staatlich initiierte Gründung der Ausfuhrkredit Aktiengesellschaft (AKA), eines privatwirtschaftlichen Kreditpools zur Förderung der Exporte.

Diese Maßnahmen waren erfolgreich. In den folgenden Jahren wurden der Wiederaufbau und das gesamte „Wirtschaftswunder“ maßgeblich durch das Wachstum der Exportwirtschaft getragen. Hierzu steuerten die USA als tonangebende Besatzungsmacht entscheidend bei: Sie sorgten für die rasche Integration der Bundesrepublik in die neuen Institutionen der westlichen Weltwirtschaft, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) und den Internationalen Währungsfonds (IWF). Sie machten den westdeutschen Teilstaat zu einer Säule der europäischen Arbeitsteilung, indem sie die Marshallplanhilfe von der Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik im Rahmen der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) abhängig machten. Im Gegenzug übernahm die Bundesrepublik die Rolle des handelspolitischen Musterknaben und setzte sich wie kein anderes Land für den Abbau von Zöllen und Handelshindernissen ein.

Allerdings profitierte die Bundesrepublik auch wie kein anderes Land von dem Zollabbau und der Rücknahme von Einfuhrkontingenten in der westlichen Weltwirtschaft. Das lag zum einen daran, dass sie sich seit Jahrzehnten auf die Herstellung von Gütern spezialisiert hatte, die im europäischen Wiederaufbau reißenden Absatz fanden: Eisen- und Stahlprodukte (Schienen, Baustahl, Walzprodukte), Maschinen, Anlagen und Chemieprodukte (insbesondere Dünger). Zum anderen verfügte das Land durch die Zuwanderung von zwölf Millionen Flüchtlingen bis in die 1960er Jahre hinein über einen fast unschlagbaren Lohnkostenvorteil. In Kombination mit der raschen Rekonstruktion der Industrieproduktion war die Bundesrepublik in der Lage, den Rest Europas mit günstigen, aber gleichwohl qualitativ zufriedenstellenden Gewerbeprodukten zu überschwemmen. Die Handelsbilanz der Bundesrepublik wurde nur sieben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals positiv und blieb es bis heute mit ganz wenigen Ausnahmejahren. Ab 1960 exportierte die Bundesrepublik insgesamt mehr Güter als das Vereinigte Königreich mit seinem riesigen, noch immer geschützten Commonwealth-Markt. Nur die USA exportierten damals mehr Waren.

Ein nachgerade symbolisches Produkt dieses deutschen „Exportwunders“ war der VW Käfer, der im Ausland zeitweise sogar unter den Produktionskosten verkauft wurde, um wichtige Absatzmärkte zu erschließen. Die Konsumenten im Inland mussten hingegen nicht nur Abstriche bei Ausstattung und Preis machen, sondern hatten auch Lieferzeiten von sechs bis zwölf Monaten in Kauf zu nehmen. Insgesamt wurden mehr als 60 Prozent der in der Bundesrepublik in den 1960er Jahren gebauten Autos exportiert. Zwölf Prozent des Exportwertes über alle Güter wurden 1962 durch den Export von Straßenfahrzeugen generiert. Bis in die jüngste Zeit bildeten die Autoexporte das Rückgrat des deutschen Exports und sorgten im Alleingang für hohe, zum Teil riesige Überschüsse in der Handelsbilanz von bis zu acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes in den Jahren kurz vor der Corona-Pandemie.

Schluss

Ob die besondere Qualität in Deutschland hergestellter Güter für die historische Exportstärke der Volkswirtschaft verantwortlich war, wie es die Interpretation von „Made in Germany“ als Qualitätssiegel nahelegt, ist wissenschaftlich nur schwer zu beantworten. Bei einigen Gütern gibt es diese überlegene Qualität gegenüber ausländischer Konkurrenz sicherlich, bei anderen Gütern, selbst solchen mit hohen Exportumsätzen, aber auch nicht. Letztlich lässt sich diese Frage immer nur im konkreten Einzelfall beantworten. Historisch wird die Antwort zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Aspekte berücksichtigen müssen. Umfragen unter den ausländischen Abnehmern deutscher Produkte brachten neben der Produktqualität auch die Zuverlässigkeit von Lieferbeziehungen, Reparatur- und Servicestrukturen, Planung und Logistik ins Spiel. Wissenschaftliche Studien nennen konkurrenzfähige Preise, aber eben auch die verschiedensten Formen der staatlichen Exportförderung als relevante Erklärungen.

Während der deutsche Exporterfolg im Grunde die gesamte deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg prägte, wurde das Qualitätssiegel „Made in Germany“ nur unregelmäßig zum Thema gemacht. Nach dem Krieg taugte es in vielen Ländern nur bedingt als Werbeslogan. Eine interessante Entwicklung nahm die Sache, als die Deutsche Demokratische Republik mit „Made in Germany“ zu werben begann. Daraufhin kam im bundesdeutschen Außenministerium die Idee auf, die eigenen Produkte künftig als „Made in West Germany“ zu bewerben – oder, noch besser, der DDR den Qualitätsanspruch ganz abzusprechen.

In den 1970er Jahren stand die deutsche Exportproduktion vor ganz besonderen Herausforderungen: Nach dem ersten Ölpreisschock und dem Verlust des Währungsschutzes schlug eine Hamburger Werbeagentur dem Bundeswirtschaftsministerium die Grundkonzeption einer internationalen Werbekampagne vor. Diese sollte das Qualitätssiegel „Made in Germany“ nutzen, um den Auslandsabsatz der deutschen Industrie insgesamt zu fördern. Realisiert wurde die Kampagne damals nicht. Doch schon das Angebot lässt erahnen, was eine Geschichte der Konjunkturen von „Made in Germany“ ans Licht bringen könnte: In regelmäßigen Abständen tendiert die Öffentlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland offenbar dazu, sich über die Qualität und den Erfolg der eigenen Exportprodukte auszutauschen. Häufig sind diese Diskussionen mit weltwirtschaftlichen Krisenkonstellationen verknüpft und haben den Charakter von Selbstvergewisserungsritualen. Insofern lässt sich auch eine Parallele zur Diskussion in der britischen Oberschicht ziehen, als „Made in Germany“ erstmals öffentlich als Bedrohung des eigenen Wohlstands in Erscheinung trat.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Martin Daunton, Wealth and Welfare: An Economic and Social History of Britain, 1851–1951, Oxford 2007, S. 220; Paul M. Kennedy, The Rise and Fall of the Great Powers, London 2017, S. 259.

  2. Vgl. Kennedy (Anm. 1), S. 261.

  3. Vgl. Walter E. Minchinton, E. E. Williams „Made in Germany“ and After, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 2/1975, S. 229–242, hier S. 233.

  4. Vgl. Wolf-Fabian Hungerland/Nikolaus Wolf, The Panopticum of Germany’s Foreign Trade, 1880–1913, in: European Review of Economic History 4/2022, S. 479–507.

  5. Vgl. Cornelius Torp, Die Herausforderung der Globalisierung, Göttingen 2005.

  6. Leo Graf von Caprivi, Reichstagsrede zur Handelspolitik, Reichstagsprotokolle, 137. Sitzung, 10.12.1891, S. 3301–3309, hier S. 3307.

  7. Vgl. Hans-Peter Ullmann, Staatliche Exportförderung und private Exportinitiative. Problem des Staatsinterventionismus im Deutschen Kaiserreich am Beispiel der staatlichen Außenhandelsförderung (1880–1919), in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 2/1978, S. 157–216.

  8. Beides zit. nach Jan-Otmar Hesse, Exportweltmeister. Geschichte einer Deutschen Obsession, Berlin 2023, S. 82f.

  9. Zit. nach Niall Ferguson, The Balance of Payments Question: Versailles and After, in: Manfred F. Boemeke/Gerald D. Feldman/Elisabeth Glaser (Hrsg.), The Treaty of Versailles: A Reassessment after 75 Years, Cambridge 1998, S. 401–440, hier S. 406.

  10. Vgl. Stephen G. Gross, Export Empire: German Soft Power in Southeastern Europe, 1890–1945, Cambridge 2015.

  11. Vgl. Mark Jakob, Between Entrepreneurial Risk-Taking and the Reason of State: Export Credit Insurance in Germany and Britain During the Interwar Period, in: Christian Kleinschmidt/Mark Jakob/Nina Kleinöder (Hrsg.), Securities and Insecurities in Business History, Baden-Baden 2021, S. 71–110.

  12. Vgl. Barry J. Eichengreen/Douglas A. Irwin, The Slide to Protectionism in the Great Depression, in: Journal of Economic History 4/2010, S. 871–897; Ronald Findlay/Kevin H. O’Rourke, Power and Plenty: Trade, War, and the World Economy in the Second Millennium, Princeton 2009.

  13. Vgl. Willi A. Boelcke, Deutschland als Welthandelsmacht: 1930–1945, Stuttgart 1994, S. 46.

  14. Vgl. Michael Ebi, Export um jeden Preis. Die Deutsche Exportförderung von 1932–1938, Stuttgart 2004, S. 242.

  15. Vgl. Christoph Buchheim, Die Wiedereingliederung Westdeutschlands in die Weltwirtschaft 1945–1958, München 1990, insb. S. 23–47.

  16. Zit. nach Hesse (Anm. 8), S. 147.

  17. Vgl. ebd., S. 151–153; Hermann Habicht, 50 Jahre Hermes Kreditversicherungs-Aktiengesellschaft, Berlin 1967.

  18. Vgl. Jan-Otmar Hesse, Deutsches oder globales Wirtschaftswunder? Zur Ökonomie der Gründerjahre, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 3/2025, S. 335–358.

  19. Vgl. Helge Berger/Albrecht Ritschl, Die Rekonstruktion der Arbeitsteilung in Europa, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4/1995, S. 473–519; Werner Bührer, Westdeutschland in der OEEC: Eingliederung, Krise, Bewährung 1947–1961, München 1997.

  20. Vgl. Reinhard Neebe, Deutsche Weltmarktpolitik, Europa und Amerika in der Ära Ludwig Erhard, Köln 2004.

  21. Vgl. Ludger Lindlar, Das missverstandene Wirtschaftswunder, Tübingen 1997.

  22. Vgl. Hesse (Anm. 8), S. 31, S. 34.

  23. Vgl. Ingo Köhler, Auto-Identitäten: Marketing, Konsum und Produktbilder des Automobils nach dem Boom, Göttingen 2018, S. 53–56, S. 76.

  24. Vgl. Hesse (Anm. 8), S. 46.

  25. Vgl. ders., Wie die Deutschen das Auto lieben lernten, 14.11.2024, Externer Link: https://www.faz.net/110112850.html.

  26. Vgl. Linda von Delhaes-Guenther, Erfolgsfaktoren des westdeutschen Exports in den 1950er und 1960er Jahren, Dortmund 2003.

  27. Vgl. Bernhard Rieger, Volkswagen als bundesdeutscher Sympathieträger und Konfliktherd, in: Geschichte und Gesellschaft 4/2019, S. 551–579.

  28. Vgl. Memorandum: Verwendung der Herkunftsbezeichnung „Made in Western Germany“ v. 2.8.1958, in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Bestand B52-REF.400/IIIA1, Akte Nr. 194.

  29. Vgl. Aktenvermerk: Aktionsprogramm Made in Germany, 21.7.1975, in: Bundesarchiv Koblenz, Bestand Bundeswirtschaftsministerium, B102, Akte Nr. 226587.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jan-Otmar Hesse für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bayreuth.