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Made in GDR | Made in Germany | bpb.de

Made in Germany Editorial Made in Germany. Vom Wirtschaftswunder zur Wirtschaftswunde? - Essay Made in Germany: Eine Bestandsaufnahme Warnung, Werbung, Wunschdenken? Made in Germany und die deutsche Exportwirtschaft Made in GDR. Industrieentwicklung in der späten DDR Wer wird denn gleich in die Luft gehen?! Arbeit und Arbeitswut als Fixpunkte deutscher Nachkriegsidentität Donald Trump und der politische Angriff auf Made in Germany Deutschlands Schlüsselindustrien und der China-Schock

Made in GDR Industrieentwicklung in der späten DDR

André Steiner

/ 15 Minuten zu lesen

Die Entwicklung der DDR-Industrie von den Modernisierungsversuchen in den späten 1960er Jahren bis zu ihrem Niedergang zeigt, wie Fehlplanungen und mangelnde Anreize die wirtschaftlichen Spielräume einschränkten und schließlich zum Kollaps führten.

In der DDR produzierte Waren im Export mit „Made in GDR“ zu kennzeichnen, wurde erst 1970 durch die Regierung verpflichtend gefordert. In der entsprechenden Verordnung hieß es: „Die für den Export bestimmten Waren haben zusätzlich die Bezeichnung ‚Hergestellt in der Deutschen Demokratischen Republik‘ oder ‚DDR‘ in der für den Export erforderlichen Handelssprache zu tragen.“ Lange Zeit hatte man am traditionellen „Made in Germany“ festgehalten, weil die SED-Spitze zumindest formal weiterhin auf die deutsche Einheit (freilich zu ihren Bedingungen) setzte. Aber auch, weil man damit das mit diesem Siegel verbundene Qualitätsversprechen für sich beanspruchen wollte. Schließlich hatte der damalige DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl 1954 in einer Rede vor Arbeitern dezidiert gefordert, die mit den Fabrikaten „Made in Germany“ verbundene „deutsche Wertarbeit wieder zum Inbegriff der Qualität zu machen“.

Gleichwohl wurde die Bezeichnung „Made in GDR“ für ostdeutsche Produkte bereits in den 1960er Jahren gelegentlich verwendet. Vor allem auf Industriemessen und anderen Ausstellungen, beispielsweise in Ägypten oder Finnland, trat man unter diesem Motto an. Weshalb die Bezeichnung „Made in GDR“ ab 1970 verpflichtend wurde, begründete die Regierung in ihrem Beschluss nicht. Es lässt sich aber vermuten, dass es zum einen mit der beginnenden Welle diplomatischer Anerkennungen der DDR durch andere Staaten außerhalb des Ostblocks zusammenhing und man daher eine eigene Kennzeichnung für erforderlich hielt. Zum anderen kann es auch als Zeichen eines wachsenden Selbstbewusstseins gelesen werden.

Ausdruck dessen war auch das von Erich Honecker im Oktober 1967 verkündete Diktum, „dass unsere Republik heute zu den zehn größten Industrieländern der Erde zählt“, das in den 1960er und 1970er Jahren zu den Topoi der SED-Propaganda gehörte. Aus heutiger Sicht erscheint das unglaubwürdig bis absurd, aber damals waren diese Angaben nicht vollkommen unplausibel. Sie wurden sogar von westlichen Medien übernommen, wie beispielsweise in einem durchaus kritischen Artikel des „Spiegel“ zum 25. Gründungstag der DDR am 7. Oktober 1974. In den 1960er und frühen 1970er Jahren zollten auch in der Bundesrepublik nicht wenige den inzwischen in der DDR erreichten Wirtschaftsleistungen Respekt und sprachen mitunter vom „roten Wirtschaftswunder“. Der Mythos von der DDR als einer der zehn größten Industriemächte beruhte auf fragwürdigen Interpretationen einer UN-Statistik und war wohl im SED-Propagandaapparat entstanden. In der staatlichen DDR-Statistikbehörde betrachtete man diese Angabe mit großem Misstrauen, da sie nicht plausibel erschien und man selbst bis dahin keine solchen Berechnungen angestellt hatte. Man ging von einer „krassen Überbewertung der Industrieproduktion der DDR“ aus. Als man schließlich selbst nachrechnete, kam man für das Ende der 1960er Jahre aber dennoch auf den 9. beziehungsweise 10. Platz.

„Überholen ohne einzuholen“

Die Platzierung konnte damals als schlüssig angesehen werden. Schließlich präsentierte die DDR-Industrie Ende der 1960er Jahre international beachtete Neuerungen wie die flexiblen Maschinensysteme Rota FZ 200 und Prisma 2, die trotz ihrer Probleme durchaus Anlass für Selbstbewusstsein gaben. Dies war in erster Linie ein Ergebnis der Politik des forcierten Strukturwandels, die von Walter Ulbricht in der Spätphase seiner Herrschaft im letzten Drittel der 1960er Jahre vorangetrieben wurde. Sie war Teil des Versuchs, die Anfang der 1960er Jahre nach dem Mauerbau in Angriff genommene Reform noch einmal so zu verändern, dass die Wirtschaft stärker dynamisiert würde. Die neuen Überlegungen zielten darauf, wenige, aber entscheidende Innovationen zentral zu lenken, wobei man sich auf die Bereiche konzentrieren wollte, die die strategische Basis für die sogenannte wissenschaftlich-technische Revolution bildeten: die modernen Sektoren der Chemie, des Maschinenbaus, der Elektronik und der EDV-Anlagen sowie die Automatisierung der Volkswirtschaft. Diese Prozesse sollten durch eine zentrale „strukturbestimmende Planung“ vorangetrieben und vorrangig mit Ressourcen und Finanzmitteln bedacht werden. Den anderen Teilen der Industrie sollte mit der Planung nur noch ein Rahmen gesetzt werden, in dem die Betriebe ihre wirtschaftliche Tätigkeit über marktähnliche Beziehungen, aber gemäß den zentralen Vorgaben selbst organisierten. Die Masse der Betriebe sollte also mehr Raum für Eigenständigkeit erhalten. Dies erschien zunächst systemkonform und in diesem Rahmen rational.

In diesem Setting waren viele nachgeordnete Wirtschaftseinheiten verständlicherweise daran interessiert, dass auch ihre Produkte und Investitionen bevorzugt behandelt würden. Diesem Druck konnten sich die übergeordneten Instanzen nicht entziehen – noch dazu, da sie selbst auch davon profitierten. Zur gleichen Zeit versuchte Ulbricht, mit der Formel „Überholen ohne einzuholen“ alle Beteiligten zu „Höchstleistungen“ im Systemwettstreit anzufeuern. Dadurch wurden die angestrebten Entwicklungsziele immer radikaler. Dies resultierte aus dem Erfolgsdruck, unter dem die SED stand, denn nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wollte sie der Sowjetspitze die Leistungsfähigkeit der DDR-Volkswirtschaft und das Funktionieren der DDR-Reformen vor Augen führen. Zudem schien es in den deutsch-deutschen Beziehungen Bewegung zu geben, weshalb man eine prosperierende Wirtschaft vorzuweisen haben wollte.

In der Folge nahmen die als wichtig erachteten Vorhaben immer weiter zu, was die volkswirtschaftlichen Möglichkeiten überforderte. Das beschränkte die Mittel für den „normalen“ Teil der Industrie, und die ausufernden zentralen Eingriffe widersprachen der Grundidee der Reform, was diese blockierte. Die in den Vorjahren in der Industrie erzielten hohen Zuwachsraten von Produktion und Produktivität gingen wieder leicht zurück. Andere Bereiche waren „planmäßig“ mit zu wenig Investitionen bedacht worden. Der besonders harte Winter 1969/70 tat sein Übriges, warf die Produktion zurück und störte den Verkehr sowie die Energieversorgung. Alles zusammen führte 1970/71 in eine Wirtschaftskrise.

Gleichwohl konnten mit dieser Politik nicht nur die bereits erwähnten Innovationen erzielt, sondern auch Wachstum und Produktivität in den gesamten 1960er Jahren gesteigert werden. Das war vor allem auf zunehmende Investitionen zurückzuführen, die zugleich einen höheren Ertrag erbrachten. Auch die Lebensverhältnisse der Bevölkerung hatten sich im Verlauf der 1960er Jahre grundlegend verbessert, wenngleich das Angebot an Konsumgütern dem Bedarf noch immer nicht gerecht wurde: Die Einkommen stiegen, die Ausstattung der Haushalte mit technischen Konsumgütern nahm rasch zu, und die Fünf-Tage-Woche wurde eingeführt. Dies und der mit der Wirtschaftsreform demonstrierte Veränderungswille der SED-Spitze waren wohl die Gründe dafür, dass die 1960er Jahre in der DDR eher positiv in Erinnerung geblieben sind.

Dabei stieg infolge der industriezentrierten Wirtschaftspolitik der SED der Anteil der Industrie am Gesamtprodukt in den 1960er Jahren weiter an, während er in der Bundesrepublik bereits rückläufig war. Innerhalb der Industrie gehörten die Investitionsgüterindustrien zu den dynamischen Branchen. Das ergab sich nicht zuletzt aus der Ideologie, der zufolge die Produktion von Produktionsmitteln stets schneller wachsen müsse als die von Konsumtionsmitteln. Daher blieben in der DDR die „Schornsteinindustrien“ strukturbestimmend, während man in den westlichen Ländern bereits begonnen hatte, sich von ihnen abzuwenden.

Die Honeckersche Wende

Ähnlich wie in anderen Ostblockländern entschloss sich die SED-Spitze nach den wenig erfolgreichen Reformen und den blutig niedergeschlagenen Arbeiterunruhen in Polen im Dezember 1970 zu einem Kurswechsel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Unter dem neuen SED-Chef Erich Honecker verfolgte die SED nun anstelle des Modernisierungskurses eine Beschwichtigungspolitik, um ihre Macht zu sichern: Die Arbeiter sollten mit besserer Versorgung zu stabilen Preisen und einer ausgeweiteten Sozialpolitik befriedet und dadurch zu höheren Leistungen motiviert werden, ohne dass entsprechende wirtschaftliche Anreize gesetzt wurden.

Zugleich wurde die Wirtschaft wieder stärker zentral gelenkt und die direkte Planung der Produktion und Verteilung einzelner Güter intensiver genutzt als zuvor. Durch die Zentralisierung der Lenkung verstärkte sich jedoch deren Inflexibilität. Ende der 1970er Jahre wurden außerdem die Industriebetriebe durchgängig in Kombinaten konzentriert. Das war teilweise sinnvoll, teils geschah dies jedoch auch rein technokratisch. Damit wurden bewusst Monopole geschaffen und der Wettbewerb oder die Konkurrenz zwischen den Kombinaten ausgeschaltet. Innovationen und die Qualität der Produkte blieben dabei auf der Strecke. In der Konsequenz entwickelten sich die Kombinate tendenziell zu autarken Wirtschaftseinheiten. Volkswirtschaftlich reduzierte dies den Grad der Arbeitsteilung und bedeutete einen erheblichen Effizienzverlust.

Die wirtschaftliche Lage konnte zwar im ersten Drittel der 1970er Jahre stabilisiert werden, aber schon dafür waren zusätzliche Importe erforderlich. Das nun in Gang gesetzte Programm der Konsum- und Sozialpolitik beanspruchte weitere umfangreiche Mittel und Einfuhren. Da DDR-Produkte auf den Weltmärkten jedoch nach wie vor ungenügend wettbewerbsfähig waren, konnten die Exporte nicht so gesteigert werden, dass ihre Erlöse diese Importe hätten finanzieren können. Vor der Diskrepanz zwischen den politischen Vorgaben und den ökonomischen Möglichkeiten warnten die Wirtschaftsverantwortlichen wiederholt, doch die SED-Spitze unter Honecker setzte sich darüber hinweg. Die ausgeweiteten konsumtiven Ausgaben beschränkten auch die Gelder, die für die Entwicklung von Wissenschaft und Technik bereitgestellt werden konnten. Der Abbruch einer Reihe innovativer Entwicklungen vergrößerte den ohnehin bestehenden technologischen Rückstand der eigenen Produkte gegenüber der internationalen Entwicklung. Die wachsenden Absatzprobleme im Export führten schließlich doch dazu, dass nach Wegen gesucht wurde, um technologische Lücken zum Westen zu schließen.

In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurde angesichts des – wenn auch nur beschränkt wirksamen – westlichen Technologieboykotts ein Programm zur forcierten Entwicklung der Mikroelektronik in Gang gesetzt. Es verschlang jedoch einen erheblichen Teil der Investitionsmittel, und die letztlich produzierten Speicherschaltkreise hinkten nicht nur zeitlich dem international erreichten Stand hinterher, sondern waren auch immens teuer gemessen an den Weltmarktpreisen. Solche Programme – zu erwähnen wären hier das Pkw-Programm der 1980er Jahre oder das eher sozialpolitisch motivierte und in seinen Ergebnissen ambivalente Wohnungsbauprogramm – benachteiligten andere Teilbereiche, was wiederum die Produktivitätsfortschritte begrenzte. Bereits diese binnenwirtschaftlichen Ziele – Ausweitung des Konsums und Modernisierung an ausgewählten Punkten – überforderten die volkswirtschaftlichen Möglichkeiten, was wiederum tendenziell die Verschuldung anheben musste.

In den 1970er Jahren änderten sich außerdem die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Auch die DDR war – wenn auch verzögert durch die Preisbildungsprinzipien des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) – von den auf den Weltmärkten explodierenden Rohstoffpreisen betroffen, wodurch sich die wirtschaftlichen Spielräume verengten. Da die steigenden Kosten für die Rohstoffe nicht an die Bürger weitergegeben werden sollten, trieb auch dies die Verschuldung weiter in die Höhe. Als Ende der 1970er Jahre die Zinsen weltweit stiegen und sich die Rohstoffpreise abermals vervielfachten, verschärfte sich dieses Problem. Zudem stand die Sowjetunion zunehmend wirtschaftlich und politisch unter Druck, sodass von ihr immer weniger ökonomische Unterstützung zu erwarten war. Als Polen zahlungsunfähig wurde, sich die West-Ost-Beziehungen wieder verschärften und der Westen de facto einen Kredit-Boykott gegen den Ostblock verhängte, holte die Realität auch die DDR ein: Sie fand sich in einer Verschuldungsfalle wieder. Mit einer solch dramatischen Entwicklung hatte man ein Jahrzehnt zuvor nicht gerechnet, obwohl es nicht an Warnungen vor den wirtschaftlichen Folgen der neuen Politik gefehlt hatte.

Strukturwandel

Zwar war der Anteil der Industrie am Gesamtprodukt in der DDR ab den 1970er Jahren relativ gesunken, doch stieg die absolute Beschäftigtenzahl bis Mitte der 1980er Jahre – eine Folge der bis 1988 zunehmenden Zahl der Erwerbstätigen. Bereinigt man die systemspezifischen Unterschiede bei der sektoralen Zuordnung von Berufen und Tätigkeiten zwischen der DDR und der Bundesrepublik, um beide vergleichbar zu machen, so zeigt sich: In Ostdeutschland hatte sich der Beschäftigtenanteil des Agrarsektors in den 1970er und 1980er Jahren nahezu halbiert, der der Industrie um fast 5 Prozentpunkte reduziert und der des Dienstleistungssektors um mehr als 10 Prozentpunkte auf 51,2 Prozent erhöht. Die Struktur der DDR-Wirtschaft entsprach somit Ende der 1980er Jahre derjenigen der Bundesrepublik im Jahr 1981. Wenn man einen hohen Dienstleistungsanteil als Kriterium für Modernität betrachtet, wie es in modernisierungstheoretisch geleiteten Untersuchungen der Fall war, dann hatte die DDR auf dem Weg zu einer Dienstleistungsgesellschaft gegenüber der Bundesrepublik einen Rückstand. Andererseits war die Entwicklung des Dienstleistungsbereichs jedoch weiter vorangeschritten als oft angenommen. Dieser Blick wurde allerdings verstellt, da viele Dienstleistungen einerseits wegen der Unsicherheiten von Plan- und Mangelwirtschaft und andererseits wegen der betriebszentrierten staatlichen Sozialpolitik in den Kombinaten und Betrieben der Industrie erbracht wurden.

Innerhalb der Industrie gewannen in den letzten beiden Jahrzehnten der Existenz der DDR die Energiewirtschaft, die Elektrotechnik, der Kohlebergbau, die Eisen- und Stahlindustrie sowie der Maschinenbau am meisten an Bedeutung. Die Beschäftigung ging dagegen in den Branchen Textil/Leder, Bekleidung, Papier/Druckereien, Uhren/Spielwaren, Steine/Erden, Eisen-, Blech- und Metallwaren sowie Kunststoffverarbeitung relativ stark zurück. Damit wurden die Tendenzen aus den 1950er und 1960er Jahren in Ostdeutschland im Wesentlichen fortgeführt. Die Intensität des intrasektoralen Strukturwandels war in der DDR jedoch deutlich geringer als in der Bundesrepublik.

Zudem wies er andere Charakteristika auf: Der Rückgang der Beschäftigung in der Textil- und Bekleidungsindustrie war nur halb so groß wie in der Bundesrepublik. Der Fahrzeugbau gehörte nicht zu den Gewinnern. Dafür wuchsen die Branchen Eisen und Stahl weiter, während sie in der Bundesrepublik zurückgingen. Ähnlich divergierende Entwicklungen waren in der Kunststoffverarbeitung zu beobachten: Sie zählte im Westen zu den Strukturgewinnern, im Osten jedoch zu den Verlierern, obwohl sie zumindest zeitweise zu den Begünstigten der SED-Wirtschaftspolitik gehörte. Insgesamt unterschieden sich die Beschäftigungsstrukturen des produzierenden Gewerbes zwischen den beiden Teilen Deutschlands somit nicht unerheblich. Zu den benachteiligten Bereichen der Volkswirtschaft zählte insbesondere die Konsumgüterindustrie. Dies führte zu einem eingeschränkten Konsumgüterangebot. Bei gleichzeitig schnell wachsenden Einkommen der Bevölkerung führte dies zu einem zunehmenden „Kaufkraftüberhang“. Auch das unzureichende Konsumangebot ließ den Unmut der Bevölkerung immer weiter wachsen.

Alles in allem hatte sich zu dieser Zeit in der DDR nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch ein Strukturkonservatismus durchgesetzt. In einer Analyse der DDR-Strukturentwicklung, die damals nicht veröffentlicht wurde und aus dem Ökonomischen Forschungsinstitut der Staatlichen Plankommission stammte, wurde dies kurz vor dem Zusammenbruch der DDR auch empirisch nachgewiesen. Die Analyse bezeichnet diesen Zustand als „Langzeitmonotonie“ der Strukturentwicklung. Der Autor kritisierte die Investitionspolitik der letzten Jahrzehnte in der DDR, da diese den erforderlichen Strukturwandel nicht gefördert habe. Letzterer setze auch die „Rückentwicklung“ bestimmter Branchen voraus, was in der DDR bis dahin aber die absolute Ausnahme gewesen sei.

Damit rührte er zumindest indirekt an einer „heiligen Kuh“ der ostdeutschen Strukturpolitik: Die Vollbeschäftigung durfte nicht infrage gestellt werden. Bei „Rückentwicklungen“ einzelner Produktionen war jedoch zumindest temporär Arbeitslosigkeit zu befürchten. Dafür wollte und konnte die SED-Spitze die ihr dann direkt zuzurechnende Verantwortung keinesfalls übernehmen. Auch deshalb führte die ostdeutsche Strukturpolitik in eine Sackgasse.

Niedergang

Zu wenige Innovationen und eine unzureichende Ausnutzung der eingesetzten Ressourcen führten zu sinkenden Wachstumsraten. Unter diesen Bedingungen traten drei Ausgabenpositionen stärker als zuvor in Konkurrenz: die erforderlichen Investitionen, die Aufwendungen für den Lebensstandard der Bevölkerung im weitesten Sinne sowie der Schuldendienst für die im Westen aufgenommenen Kredite. Um die (scheinbare) politische Stabilität der DDR nicht zu gefährden, durfte der Lebensstandard nicht sinken. Der Schuldendienst musste auf jeden Fall bedient werden, da nur so die weitere Kreditfähigkeit des Landes gewährleistet werden konnte. Deshalb mussten letztlich die Investitionen zurückgefahren werden – auch um den Preis, dass damit das zukünftige Wachstumspotenzial (weiter) geschmälert wurde. Zwischen 1982 und 1986 lagen die Investitionen sogar absolut unter dem Niveau von 1981, und die geringeren Mittel wurden auf bestimmte Bereiche konzentriert, um dort einen größeren Effekt zu erzielen. Während die erhofften Ergebnisse dort ausblieben, konnten andere Bereiche nicht einmal den Ersatz abgeschriebener Anlagen gewährleisten. So erhöhte sich der Verschleißgrad von Gebäuden und Maschinen in der Industrie bis 1988 auf fast die Hälfte. Der Anteil der voll abgeschriebenen – also buchhalterisch bereits wertlosen –, aber trotzdem in Gebrauch befindlichen Maschinen und Anlagen an den gesamten Maschinen und Anlagen lag in der Industrie bei knapp einem Fünftel.

Neben der inneren Verschuldung des Staates beim Kreditsystem belief sich die politisch relevante Verschuldung gegenüber dem westlichen Ausland in konvertiblen Devisen – also ohne Verrechnungseinheiten oder -währungen – auf 8,2 Milliarden US-Dollar. Dies entsprach 175 Prozent der 1989 in westliche Industrieländer (ohne innerdeutschen Handel) getätigten Exporte und etwa einem Fünftel des im gleichen Jahr erwirtschafteten BIP. Diese Größenordnung scheint quantitativ betrachtet durchaus beherrschbar gewesen zu sein. Insofern war die DDR im engeren Sinne (noch) nicht „pleite“. Gravierender war jedoch, dass es bereits in den vergangenen Jahren erhebliche Schwierigkeiten gegeben hatte, die erforderlichen Exporte in westliche Länder zu gewährleisten, da sich die internationale Konkurrenzfähigkeit der eigenen Produkte zunehmend verschlechtert hatte. Und noch gravierender war, dass abzusehen war, dass die Produktpalette der DDR auf westlichen Märkten in Zukunft weiter an Konkurrenzfähigkeit verlieren würde. Deshalb wäre es der DDR immer schwerer gefallen, die für den Schuldendienst erforderlichen Devisen zu erwirtschaften.

Zusammenbruch

Wegen der beibehaltenen, unflexiblen Systemstruktur einerseits und früher getroffener Entscheidungen andererseits hatten sich die Handlungspfade in der SED-Wirtschaftspolitik immer weiter verengt. So erreichte die Produktivität je Erwerbstätigen in Ostdeutschland 1989 schließlich nur etwa ein Drittel (möglicherweise auch etwas mehr) der Produktivität in Westdeutschland. Auch die Propaganda sprach in den 1980er Jahren nicht mehr von einem Platz unter den führenden Industrieländern. Selbst die internen Statistiken verwiesen die DDR inzwischen auf einen sich stetig verschlechternden 15. Platz, der jedoch ebenfalls bezweifelt werden kann. Die offensichtliche Diskrepanz in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und im Konsumniveau gegenüber dem Westen trug wesentlich zur Erosion der SED-Herrschaft bei. Die Auszehrung der wirtschaftlichen Substanz und die für die Bevölkerung offensichtlich gewordenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren mit ein Grund für die Massenausreise und den Aufbruch des Sommers/Herbstes 1989, die schließlich zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft führten. Nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 wurde aus der bis dahin eher geschlossenen Volkswirtschaft eine offene.

Der Mauerfall beschleunigte den Niedergang der DDR-Ökonomie. Infolge der nun noch einmal zunehmenden Flucht in den Westen sank die Zahl der Arbeitskräfte, es wurde mehr und mehr gestreikt, und auch die Materialversorgung konnte immer öfter nicht mehr gewährleistet werden. Zudem verlor die Planung für die Kombinate und Betriebe rapide an Steuerungskraft. Aufgrund dieser Faktoren brach die Produktion ein. Die sich vergrößernden Produktionslücken verschlechterten die Versorgungslage weiter, was wiederum die Abwanderung verstärkte. Zugleich vervielfachten Pendlereinkommen, Sozialtransfers und Ähnliches den D-Mark-Zufluss. Dieser ließ wiederum, vermittelt über die steigenden Schwarzmarktkurse, den Geldumlauf und die Nachfrage in der DDR erheblich ansteigen. Beide Entwicklungen vergrößerten die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage. Schließlich wurde damit ebenfalls das Vertrauen in die DDR-Währung mehr und mehr untergraben.

Um die anhaltende Flucht in den Westen zu stoppen und die Situation zu stabilisieren, bot die Bundesregierung der DDR Anfang Februar 1990 eine Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion an. Nach den ersten freien Wahlen zur DDR-Volkskammer handelte eine nichtkommunistische Regierung zügig den Staatsvertrag mit der Bundesrepublik über diese Union aus. Dieser trat zum 1. Juli 1990 in Kraft. Damit wurde nicht nur die D-Mark eingeführt, sondern auch die westdeutsche Wirtschaftsordnung der sozialen Marktwirtschaft mit freier Preisbildung auf die DDR übertragen. Damit war das Ende der DDR-Volkswirtschaft besiegelt und wirtschaftlich der entscheidende Schritt zur deutschen Wiedervereinigung getan, die am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde.

Erstaunlicherweise erfuhr das Signet „Made in GDR“ – gemessen an der Zahl seiner Nennungen in der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ – seine größte Bedeutung in den Jahren 1989/90. Zunächst bis ins beginnende Jahr 1990 kann dies als Versuch der Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung gesehen werden. Im Laufe des Jahres 1990 – spätestens mit der Währungsunion – wurde es aber mehr und mehr zum Makel. Auf diesen Abgesang von „Made in GDR“ folgte einige Jahre später allerdings ein bemerkenswertes Nachleben – aber das ist eine andere Geschichte.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Verordnung über die Kennzeichnung der Herkunft von Waren vom 7. Mai 1970, Gesetzblatt der DDR (Gbl.) 1970, T. II, S. 359f. Im Kern wurde das bestätigt in: Gesetz über Warenkennzeichen vom 30. November 1984, Gbl. 1984, T. I, S. 397f.

  2. Neues Deutschland, 21.9.1954, S. 4.

  3. Vgl. beispielsweise Neues Deutschland, 23.1.1962, S. 4; Berliner Zeitung, 6.9.1964, S. 3.

  4. Neues Deutschland, 11.11.1965, S. 6; Berliner Zeitung, 16.9.1966, S. 5.

  5. Vgl. Bundesarchiv (BArch), DC 20-I/3/788, Bl. 153–161.

  6. Neues Deutschland, 26.10.1967, S. 4.

  7. Vgl. Der Spiegel, 7.10.1974, S. 41.

  8. SZS, Abt. Industrie: Die Stellung der Industrieproduktion der DDR in der Welt und im Vergleich zu den wichtigsten Industrieländern, 24.8.1966, BArch DE2/21624.

  9. Vgl. André Steiner, Wie die DDR unter die zehn führenden Industrieländer der Welt geriet? Eine Spurensuche, in: Gerbergasse 18 – Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik 3/2017, S. 3–7.

  10. Vgl. Dieter Specht/René Haak, Der Beitrag des Werkzeugmaschinenbaus zur flexiblen Fertigungsautomatisierung in Deutschland, in: Johannes Bähr/Dietmar Petzina (Hrsg.), Vergleichende Studien zur wirtschaftlichen Entwicklung im geteilten Deutschland, Berlin 1996, S. 251–280, hier S. 267–271.

  11. Auch zum Folgenden André Steiner, Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre, Berlin 1999, S. 402–520.

  12. Vgl. ders., Abschied von der Industrie? Wirtschaftlicher Strukturwandel in West- und Ostdeutschland seit den 1960er Jahren, in: Werner Plumpe/André Steiner (Hrsg.), Der Mythos von der postindustriellen Welt, Göttingen 2016, S. 15–54.

  13. Vgl. Peter Hübner/Jürgen Danyel, Soziale Argumente im politischen Machtkampf: Prag, Warschau, Berlin 1968–1971, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 50/2002, S. 804–832.

  14. Zu den Details auch im Folgenden André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, Berlin 2007, S. 189–201.

  15. Zuletzt Fritz Bartel, The Triumph of Broken Promises, Cambridge 2022, S. 57f.

  16. Vgl. Johannes Bähr, Entwicklung und Blockaden des Planungssystems für Forschung und Technik, in: Dierk Hoffmann (Hrsg.), Die zentrale Wirtschaftsverwaltung in der SBZ/DDR, Berlin-Boston 2016, S. 363–422, hier S. 418.

  17. Zuletzt Falk Flade, Innovation und Planwirtschaft? Technologischer Wandel in zentral geplanten Ökonomien am Beispiel der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen, Berlin 2024, S. 66f.

  18. Vgl. André Steiner, „Common Sense Is Necessary.“ East German Reactions to the Oil Crises of the 1970s, in: Frank Bösch/Rüdiger Graf (Hrsg.), The Energy Crises of the 1970s. Anticipations and Reactions in the Industrialized World, Köln 2014, S. 231–250; Michael De Groot, Disruption: The Global Economic Shocks of the 1970s and the End of the Cold War, Ithaca–London 2024, S. 87–109.

  19. Vgl. Annegret Groebel, Strukturelle Entwicklungsmuster in Markt- und Planwirtschaften, Heidelberg 1997, S. 105–118.

  20. Daten bei Martin Gornig, Gesamtwirtschaftliche Leitsektoren und regionaler Strukturwandel, Berlin 2000, S. 78, S. 93.

  21. Vgl. Konrad Wetzker, Die Analyse der Struktur der Volkswirtschaft. Reproduktionstheoretische Ausgangspunkte, Analyseverfahren und ihre Anwendung in der zentralen staatlichen Planung, Dissertation, Universität Leipzig 1989, S. 45f., S. 50.

  22. Für alle Angaben vgl. Statistisches Amt der DDR (Hrsg.), Statistisches Jahrbuch der DDR 1990, Berlin (Ost) 1990, S. 110, S. 113, S. 120f.

  23. Berechnet nach Arnim Volze, Zur Devisenverschuldung der DDR - Entstehung, Bewältigung und Folgen, in: Eberhard Kuhrt (Hrsg.), Die Endzeit der DDR-Wirtschaft, Opladen 1999, S. 151–183, hier 181; Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Sonderreihe mit Beiträgen für das Gebiet der ehemaligen DDR, Entstehung und Verwendung des Bruttoinlandsprodukts 1970 bis 1989, Wiesbaden 2000, S. 89.

  24. Vgl. Udo Ludwig et al., Verflechtungsanalysen für die Volkswirtschaft der DDR am Vorabend der deutschen Vereinigung, Berlin 1996, S. 44; Gerhard Heske, Bruttoinlandsprodukt, Verbrauch und Erwerbstätigkeit in Ostdeutschland 1970–2000, Köln 2005, S. 69f.

  25. Vgl. Steiner (Anm. 9).

  26. Dies lässt sich anhand der digitalisierten Ausgabe im Zeitungsportal DDR-Presse der Staatsbibliothek zu Berlin nachvollziehen.

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ist Senior Fellow am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und außerplanmäßiger Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Potsdam.