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Wer wird denn gleich in die Luft gehen?! Arbeit und Arbeitswut als Fixpunkte deutscher Nachkriegsidentität

Harald Jähner

/ 17 Minuten zu lesen

Die Grundpfeiler deutscher Identität Arbeit und Fleiß erlebten nach ihrer Pervertierung durch den Nationalsozialismus eine Renaissance. Die meisten Deutschen arbeiteten in der Nachkriegszeit so besessen, dass sogar der Bundespräsident zu mehr Freizeit mahnte.

Je schlechter es den Deutschen geht, umso verbissener arbeiten sie. Dieses verbreitete Klischee bestätigte sich, kaum hatten sie den Tiefpunkt ihrer Geschichte hinter sich gelassen, als das Land nach zwölf Jahren Nazi-Herrschaft 1945 endlich kapitulierte. Am 9. November desselben Jahres kehrte der Schriftsteller Alfred Döblin aus dem Exil zurück und sah eine Heimat wieder, die keine mehr war. Fremd war sie ihm, weniger, weil sie in Trümmern lag, sondern weil die Menschen die Nachdenklichkeit, in die ihn der Anblick der ungeheuren Zerstörung versetzte, so gar nicht teilen wollten. Stattdessen herrschte wilde, fast fröhliche Geschäftigkeit: „Ein Haupteindruck im Lande“, schrieb er in dem 1949 veröffentlichten Bericht „Schicksalsreise“, „ist, dass die Menschen hier wie Ameisen in einem zerstörten Haufen hin und her rennen, erregt und arbeitswütig zwischen den Ruinen und ihr ehrlicher Kummer ist, dass sie nicht sofort zugreifen können, mangels Material, mangels Direktiven. Die Zerstörung wirkt auf sie nicht deprimierend, sondern als intensiver Reiz zur Arbeit. Ich bin überzeugt: Wenn sie die Mittel hätten, die ihnen fehlen, sie würden morgen jubeln, nur jubeln, dass man ihre alten, überalterten, schlecht angelegten Ortschaften niedergelegt hat und ihnen Gelegenheit gab, nun etwas Erstklassiges, ganz Zeitgemäßes hinzustellen.“

Döblin, der in den späten 1920er Jahren mit „Berlin Alexanderplatz“ den deutschen Großstadtroman geschrieben hatte, wanderte in einer französischen Uniform zwischen seinen verblüfften Landsleuten umher. Als Kontroll- und Verbindungsoffizier für das Pressewesen war er zurückgekehrt, als Teil des großen, vielgestaltigen Projekts der Entnazifizierung durch die Alliierten. Doch statt mit ihm über die Vergangenheit sprechen zu wollen, dachten die dem Krieg Entronnenen nur an die Zukunft. Zahlreiche zeitgenössische Aussagen und Dokumente teilten und bestätigten seinen Eindruck, umgeben zu sein von einer wahren Arbeitswut.

Wir fangen alle von vorne an

Viel Zeit für Trauer und Reue ließen Hunger und Chaos nicht. Stadtplaner wie Hans Scharoun, 1945 zum Berliner Baustadtrat für den Wiederaufbau ernannt, sah in den Kriegszerstörungen vor allem die gesparten Abrisskosten: „Die mechanische Auflockerung durch Bombenkrieg und Endkampf gibt uns jetzt die Möglichkeit einer groß angelegten, organischen und funktionellen Erneuerung“, frohlockte er. Die flächendeckende Zerstörung erkannten er und viele Berufskollegen als historisch einmalige Chance, keine Rücksicht auf bestehende Bauten und historische Straßenzüge nehmen zu müssen und von Grund auf neu planen zu können.

Auch Hannah Arendt, 1949 zu einem kurzen Arbeitsbesuch nach Deutschland gekommen, beobachtete befremdet eine manische, fieberhafte Geschäftigkeit, die über den rationalen Arbeitszweck hinausschoss: „Die alte Tugend, unabhängig von den Arbeitsbedingungen ein möglichst vortreffliches Endprodukt zu erzielen, hat einem blinden Zwang Platz gemacht, dauernd beschäftigt zu sein, einem gierigen Verlangen, den ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren.“ Sie interpretierte das rastlose Arbeiten als eine Strategie der Verdrängung, geeignet, jede Mußestunde zu vertreiben, die den lähmenden Gedanken an die jüngste Vergangenheit einen Platz böte.

Arbeit bot das zerstörte Land in großer Fülle. Wenn im Chaos der ersten Monate und Jahre auch noch viele der benötigten Ressourcen und Strukturen fehlten, an Aufgaben mangelte es nicht. Der Trümmerfilm „… und über uns der Himmel“ von 1947 mit Hans Albers endete in einer Apotheose der Aufbauarbeit. Auch Hans Albers spaziert nachdenklich durch das in Schutt gelegte Berlin, während mehr und mehr Szenen der Geschäftigkeit ins Bild kommen. Aus dem Off erklingt ein sich hymnisch steigernder Choral („Was soll denn werden? Es muss doch weitergehen!“), und man sieht dazu Frauen, die den zu Heizzwecken abgeholzten Stadtpark Tiergarten als eine Art Feld bestellen. Andere werfen sich in langer Menschenkette Trümmersteine zu, die anschließend mit bloßen Händen und primitiven Hämmern von altem Mörtel befreit werden. Spitzhacken schlagen in die übrig gebliebenen Mauerreste, umgekippte Laternen werden wieder aufgerichtet, Eisenträger neu zusammengeschraubt. „Wir fangen alle von vorne an“, singt es zu donnerndem Orgelgebraus, während man erschöpften, aber lächelnden Menschen beim Großreinemachen einer zugrunde gegangenen Welt zusieht. Derweil beten Kinder im benachbarten Schulhaus bezeichnenderweise das Vaterunser: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Licht an, Filmende.

Des faulen Hände sind des Teufels Werkstatt

Das gigantische Projekt des Wiederaufbaus gab den nach dem Zusammenbruch orientierungslosen Nachkriegsdeutschen erneut ein gemeinsames Ziel. Mit der feierlichen Beschwörung der Arbeit konnten sie auf einen Wert zurückgreifen, der als einer der wenigen Fixpunkte deutscher Identität nicht restlos vom Nationalsozialismus kontaminiert schien. Zwar hatte sich das NS-Regime in seiner ersten Phase nach Überwindung der Massenarbeitslosigkeit als Retter und Verteidiger der Arbeit inszeniert. Unter der Parole „Arbeit adelt“ betrieb es erfolgreich eine propagandistische Aufwertung der Lohnarbeit, obwohl es durch die Abschaffung der Gewerkschaften, aufoktroyierte Löhne und weitere Zwangsmaßnahmen de facto wenig arbeitnehmerfreundlich agierte. Propagandistisch allerdings funktionierte der neue Arbeitselan. Arbeit wurde als Dienst an der Gemeinschaft aufgefasst und bestätigte auf vielfache Weise Zugehörigkeitsgefühle. So zelebrierte der für alle jungen Männer, später auch für alle Frauen, verpflichtende sechsmonatige „Reichsarbeitsdienst“ ein egalitäres Gemeinschaftserlebnis mit häufig beglückenden Erschöpfungserlebnissen. Zur Anstachelung des Ehrgeizes wurden „Reichsberufswettkämpfe“ durchgeführt und im Amt „Schönheit der Arbeit“ wurden die täglichen Mühen ästhetisch bekränzt und durch ergonomische Forschungen erleichtert. Mit dem Krieg verwandelte sich jedoch das Arbeitsleben endgültig in ein Gewaltregime, das nunmehr Arbeitssklaven auspresste und auf der gewaltsamen Verschleppung von Zwangsarbeitern beruhte. Für die meisten „arischen“ Arbeiter hieß es hingegen, ihren Arbeitsplatz widerwillig mit der soldatischen Knochenmühle an der Front zu tauschen. Statt sich hinter dem zuvor besungenen deutschen Schöpfertum zu verstecken, offenbarte das nationalsozialistische Regime nun unverhüllt seine Fixierung auf die Destruktion: auf Krieg, Mord und Zerstörung.

Die kollektive Rückkehr zur schöpferischen Arbeit nach der Kapitulation konnte deshalb als Akt der Läuterung empfunden werden, durch den viele Deutsche ihr angestammtes Wesen wiederherzustellen und sich zu rehabilitieren glaubten. Der Fleiß nahm im deutschen Selbstbild traditionell eine herausragende Stellung ein. Nur hier kam man auf die Idee, bei der Suche nach einer geeigneten Partnerin den Arbeitswillen zum Hauptkriterium der Brautschau zu machen und in Heiratsannoncen das Attribut „fleißig“ an die erste Stelle zu setzen. Fleißig, sparsam und bescheiden sollte die Traumpartnerin sein. Fleiß bricht Eis, sagt das Sprichwort, aber offensichtlich auch Herzen. Die Reformation trug, wie man seit Max Webers berühmtem Buch „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ weiß, einen großen Anteil daran, dass hier Arbeit und Beruf für das Selbstwertgefühl eine noch größere Rolle spielen als in vielen anderen Kulturen. „Kein Volk innerhalb des deutschen Kulturkreises ist so willig zur Arbeit um der Arbeit willen wie wir“, behauptete gegen Ende des Kaiserreichs der Theologe, Kolonialbeamte, Schriftsteller und Imperialismus-Apologet Paul Rohrbach. In seinem Buch „Der deutsche Gedanke in der Welt“ zeigte er sich 1912 sicher, „dass in keinem Lande der Welt so viel, so pflichtgetreu und so exakt gearbeitet wird wie in Deutschland und wir können hinzufügen: nirgends sind die Anforderungen an die Gewissenhaftigkeit der Arbeitsleistung so hoch wie bei uns.“ Und wie der damals höchst einflussreiche Autor Rohrbach sah sich die große Mehrheit der Deutschen als Fleißweltmeister, herausgehoben aus den übrigen Nationen durch unbedingten Arbeitswillen.

„Wer treulich arbeitet, der betet zwiefältig“, hatte Luther geschrieben. Er fasste die tägliche Arbeit, fleißig genug verrichtet, als einen Gottesdienst auf, der mit dem routiniert absolvierten Kirchgang durchaus konkurrieren könne. Eine Magd, die pflichtschuldig den Hof fege, tue mehr für ihr Seelenheil als jemand, der seine Lebenszeit mit stundenlangen unproduktiven Gebeten verschwendet: „Daher kommt’s, dass eine fromme Magd, wenn sie nach ihrem Befehl hingeht und nach ihrem Amt den Hof kehrt oder Mist hinausbringt, oder ein Knecht, der in gleicher Meinung pflügt und führt, auf der richtigen Straße stracks auf den Himmel zugehen, während ein anderer, der nach Santiago wallfahrtet oder zur Kirche geht, aber sein Amt und Werk liegen lässt, stracks zur Hölle geht.“ Seit Luther schwingt im deutschen Wort „Beruf“ die Berufung durch Gott mit. Man verrichtet nicht nur einfach einen Job, sondern übt eine durch Gott beziehungsweise durch von Gott verliehene Talente bestimmte Berufung aus, der man durch Fleiß und Perfektion gerecht werden muss. Der Müßiggang dagegen, wie ihn etwa die kontemplativen Mönche pflegten, schien Luther wenig gottgefällig. Er wusste sich darin mit dem Volksmund einig, der vor den Nebenwirkungen des süßen Nichtstuns warnte: „Des Faulen Hände sind des Teufels Werkstatt“.

Samstags gehört Vati mir

Dass aber ihre fleißigen Hände schiere Wunder hervorbringen könnten, damit hatte nach Kriegsende wohl niemand gerechnet: 1950 hatte die Arbeitslosenquote in Westdeutschland noch elf Prozent betragen; elf Jahre später war sie auf ein Prozent gesunken. Binnen einer Dekade verdoppelte sich das Realeinkommen. Fuhren 1950 nur eine halbe Million Autos durchs Land, waren es 1965 schon über zwölf Millionen. Jährliche Wachstumsraten bis zu zwölf, im Durchschnitt 6,4 Prozent klingen auch heute unglaublich. Dass es allein ihr Fleiß war, der den Boom der 1950er und 1960er Jahre ermöglichte, glaubten die meisten Deutschen damals selbst nicht so ganz, weshalb sie staunend von einem „Wunder“ sprachen. Nie zuvor war eine Gesellschaft derart schnell so wohlhabend geworden wie die Bundesrepublik. Zwar erlebten andere europäische Länder in der Nachkriegszeit ebenfalls ihr Wirtschaftswunder – in Frankreich spricht man von den „Trente Glorieuses“, in Italien vom „miracolo economico italiano“, und auch die DDR setzte sich, wenn auch verspätet und auf niedrigerem Niveau, bald an die Spitze der Länder des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) –, aber nirgendwo fiel der Boom derart rasant aus wie im wenige Jahre zuvor noch am Boden liegenden Westdeutschland.

Bald nahmen die Industrie, der Wohnungsbau und auch der Handel eine derartige Fahrt auf, dass man nach Feierabend erschöpft auf die Couch sank. 50 Wochenarbeitsstunden verzeichnete die Statistik offiziell; in Wirklichkeit werden es noch mehr gewesen sein, weil unter der Hand geleistete noch hinzukamen. Die Unternehmen warben mit dem Versprechen um Arbeitskräfte, man könne bei ihnen so viele Überstunden machen, wie man nur wolle. Viel Arbeit war Ehrensache. Als der Deutsche Gewerkschaftsbund 1956 seine Kampagne für die 40-Stunden-Woche und die Einführung des arbeitsfreien Samstags begann, schickte er die Kinder vor, weil der deutsche Mann es mit seiner Arbeitsehre nicht vereinbaren konnte, für mehr Freizeit zu kämpfen. Ein kleiner Junge forderte auf einem berühmt gewordenen Plakat zum 1. Mai: „Samstags gehört Vati mir“. Das entpuppte sich freilich als Irrtum: Als es dann soweit war mit dem freien Samstag, verdrückten sich auffallend viele Männer auf den Fußballplatz oder in die Kneipe, statt sich mit den Kindern zu beschäftigen.

Die Bundesrepublik stürmte wirtschaftlich so rasch aufwärts, dass Arbeitskräfte schließlich importiert werden mussten. 1955, in dem Jahr, als Deutschland die Souveränität wiedererlangte, die Bundeswehr gegründet wurde, die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion zurückkehrten und erstmals wieder mehr Butter als Margarine verzehrt wurde, schloss die Bundesregierung das erste von etlichen Anwerbeabkommen, die noch folgen sollten. In Verona rekrutierte eine Außenstelle des Arbeitsamtes sogenannte Gastarbeiter und vermittelte sie noch in Italien an die nach Arbeitskräften hungernden Unternehmen. In Sonderzügen kamen sie in München am Gleis 11 an, nahe dem alten Luftschutzbunker, wo sie noch einmal „begutachtet“ und zur Weiterverteilung „sortiert“ wurden. Die Migranten kamen ausschließlich als vorübergehend unterzubringende Arbeitskräfte ins Land. Irgendwelche Formen der Integration waren nicht vorgesehen, Deutschkurse beschränkten sich auf das Erlernen des am Arbeitsplatz notwendigen Vokabulars: tenaglia – Beißzange, livella – Wasserwaage, pialletto – Hobel. Untergebracht in ungemütlichen Mehrbettzimmern verbrachten sie die freie Zeit oft am Bahnhof, da hier die fremde Stadt ein symbolisches Schlupfloch nach draußen aufwies und man sich der Heimat am nächsten fühlte. „Eine Reise in den Süden/Ist für andere schick und fein/Doch zwei kleine Italiener/Möchten gern zu Hause sein“, trällerte Conny Froboess und machte die Veränderungen im Stadtbild zu einem der bekanntesten Schlager dieser Jahre: „Zwei kleine Italiener/Am Bahnhof, da kennt man sie/Sie kommen jeden Abend/Zum D-Zug nach Napoli“.

Gastarbeiter führten in den Aufschwungsjahren eine Schattenexistenz in der deutschen Öffentlichkeit, weil sie ihr Privatleben zu Hause gelassen hatten und nur als Arbeitskraft vorhanden waren, die für ein Jahr bleiben und bei Bedarf durch wieder neue Kräfte ersetzt werden sollten. Ohne Familie und alte Freunde, ohne sinnvolle Freizeitmöglichkeiten sahen sie Deutschland so ausschließlich als Arbeitswelt an, dass sie jemanden auf der Straße, den sie um eine Auskunft bitten wollten, gerne mit „Capo“ (Chef) ansprachen. Fast sprichwörtlich wurde das „Kollega“ der türkischen Gastarbeiter, das jedermann, der so angeredet wurde, in die Sphäre der Arbeitswelt tauchte. Gastarbeiter waren als Puffer auf dem launischen Arbeitsmarkt vorgesehen, nicht als Mitbürger. Insofern war der Begriff „Gastarbeiter“ durchaus präzise; er wurde erst später, als die Migranten eine längere Bleibeperspektive entwickelten, zu Recht als diskriminierend empfunden. Die meisten der ersten Gastarbeiter wollten im Gastland nur möglichst viel arbeiten und dann schnell wieder heimreisen. Umso bitterer war für sie, dass manche Betriebsräte in ihren Unternehmen durchsetzten, dass Gastarbeitern die lukrativen Überstunden verwehrt wurden, dabei hätten gerade sie sie am ehesten gebraucht.

Doch auch die Gastarbeiter konnten den Arbeitskräftebedarf der Industrie nicht decken. Eine riesige Arbeitsmarktreserve bilden zu allen Zeiten der Geschichte die Frauen. Ihr Ansehen als Arbeitskraft steigt und fällt mit der Konjunktur. Wird Arbeit gebraucht, wird das Hohelied der selbstständigen berufstätigen Frau gesungen, ist der Arbeitsmarkt gesättigt, wird die Frau wieder als unverzichtbarer Wärmepol jeder Familie angesehen und wortreich das Schicksal der „Schlüsselkinder“ beklagt. Ende der 1940er Jahre wurden die zuvor unverzichtbaren „Trümmerfrauen“ wieder aus dem Arbeitsleben gedrängt, Anfang der 1960er Jahre wurden sie aufs Neue als fleißige Arbeitsbienen umworben. Statt als stolze Herrscherin im „Reich der Frau“, mit frisch gestärkter Schürze in der elektrisch motorisierten Küche durch die Werbung inszeniert, sah man sie in Zeitschriften und im Fernsehen nun wieder häufig als glücklich lächelnde Laborantin, Näherin oder Dreherin.

In der Galeere des Glücks

Der Anteil der berufstätigen Frauen verdoppelte sich zwischen Anfang der 1950er und Ende der 1960er Jahre auf rund 40 Prozent. Viele Frauen wollten endlich auch aktiv Anteil haben am Boom, von dem in den Medien allenthalben die Rede war. Ganztags zu Hause wurde es ihnen zu einsam, „die Decke fiel auf den Kopf“, wie es immer wieder hieß. Sie drängte es nach sozialen Kontakten außerhalb der Familie, und sie wollten ebenfalls zum finanziellen Auskommen der Familie beitragen. Oft reichte das Gehalt des Mannes nicht, um all den Verlockungen aus der neuen bunten Konsumwelt folgen zu können. Das ersehnte Auto musste endlich her, die erste Auslandsreise, eine größere Wohnung. Das Ratensystem blühte auf, die Kredite legten sich wie Mühlsteine um den Hals der Eheleute und wollten monatlich „bedient“ werden. So willkommen den Ehemännern der Zuverdienst war, so wenig war andererseits die Berufsarbeit ihrer Frauen mit dem traditionellen Selbstbild als Ernährer zu vereinen. Zum Selbstverständnis eines erfolgreichen Mannes gehörte es, die Familie allein finanziell durchzubringen und für alle Mitglieder umfassend sorgen zu können. Auf der exklusiv ausgeübten Berufsarbeit fußte seine Rolle als Familienvorstand, die in den 1950er Jahren noch weitgehend selbstverständlich war. Die Attacke auf sein Selbstwertgefühl konnte der Ehemann nur durch die Fiktion abwehren, seine Frau nehme die Berufsarbeit allein aus Gründen der Selbstverwirklichung auf. Folgerichtig sah er es auch gar nicht ein, ihr in irgendeiner Weise zu Hilfe zu kommen und ihr Arbeit abzunehmen. Wenn der Mann ihr schon erlaubte, zu arbeiten – was damals familienrechtlich durch ihn zu genehmigen war –, dann sollte sie die zusätzliche Belastung auch ganz alleine tragen. Weiterhin sollte das Essen abends pünktlich auf dem Tisch stehen, der Haushalt unter der Berufstätigkeit der Frau nicht leiden. Unfreiwillig demonstrierte ein Werbefilm der Firma Oetker 1954 das Elend der berufstätigen Hausfrau. Beinahe spöttisch amüsiert sich die Stimme aus dem Off über den Stress der Sekretärin zu Büroschluss („Jetzt noch schnell durchlesen, ob die Interpunktion auch sitzt“), verfolgt sie beim Sprint zur Straßenbahn („Jetzt aber Tempo, gleich wird Peter da sein mit einem Bärenhunger“), um dann bewundernd herauszustreichen, wie Oetker der Gehetzten mit seinen Schnellgerichten unter die Arme greift: „Einfach in die Milch hinein, in einer Minute fertig.“ Alles für Peter, von dem es aus dem Off heißt: „Es ist erstaunlich, was der Mann alles essen kann, wenn er verheiratet ist.“

Einen trügerischen Ausweg aus den Stressfolgen bot den Frauen ein angeblich gesundheitsförderndes „Herz- und Kreislauftonikum“ namens „Frauengold“, das seine Wirkung in Wahrheit ausschließlich aus dem Gehalt von 16 Prozent Alkohol bezog. Frauengold-Annoncen fanden sich in fast jeder Zeitschrift; sie versprachen, die übermüdete Frau wieder so in Form zu bringen, dass der Mann mit ihr zufrieden sein konnte: „Erschöpfte Frauen strahlen keine Vitalität aus. Ihnen fehlt jenes Fluidum, das Frauen so reizvoll macht. Beginnen Sie deshalb ein neues Leben mit Frauengold.“ Einzunehmen morgens, mittags und vor allem abends noch einmal mit einem besonders großen Schluck, um sich das Glück schön zu trinken, dass der Mann endlich heimkehrte.

Die Ehen der Doppelverdiener, bedrückt durch ständig neu inszenierte Bildwelten familiären Glücks, denen sie nicht entsprechen konnten, befanden sich in einer doppelten Schamfalle: Während die Männer sich schämten, weil ihr Einkommen nicht reichte, schämten die berufstätigen Frauen sich, weil sie sich den Familienbelangen nicht in dem Maß widmen konnten, wie es die „Nur“-Hausfrauen vermochten. Im Roman „Irrlicht und Feuer“ schilderte Max von der Grün 1963 die Ehe des Bergmanns Jürgen Fohrmann. Er wünscht sich ein Kind, seine Frau möchte lieber arbeiten, um den beiden endlich eine neue Waschmaschine, einen Fernseher und ein Auto zu ermöglichen. Die dadurch ins Wanken geratene klassische Arbeitsteilung verscheucht – zumindest für ihn – die Behaglichkeit aus der gemeinsamen Wohnung: „Seit einem halben Jahr verdienen wir beide. Aber sind wir reicher geworden? Wir haben viel gewonnen, gewiss, von den Raten abgesehen, geht es uns gut. Verloren haben wir nur die Zeit.“

Ein Wunsch zog den nächsten nach sich, die Ansprüche verfeinerten sich, und viele erkannten überrascht, dass eine Wohlstandsgesellschaft mehr Bedürfnisse entwickelt als eine arme. Technologische Beschleunigung, immer neue Konsumversprechen und damit verbundene Geldsorgen, Überschuldung, Hetzerei und Akkordarbeit waren die sich gegenseitig steigernden Elemente des großen Booms. Die Gemütlichkeit, die viele Filme der Zeit und vor allem die Werbung ausstrahlen, markieren keine Realität, sondern ihr nie erreichtes und deshalb umso verführerischeres Ideal. „Halt, mein Freund, wer wird denn gleich in die Luft gehen?“, sprach die freundliche HB-Stimme, und ein starker Arm zog das gestresste Männchen an den Beinen zurück auf den Boden. Und erst die beruhigende Stimme des Gemütsmenschen, der sich im TV-Spot genießerisch seinen Weinbrand eingoss, sich im Sessel zurücklehnte und voller Behaglichkeit dem nervösen Zuschauer Beispiele gelungener Muße vorführte, einen geduldig seine Briefmarken sortierenden Sammler etwa, und dazu mit samtenem Bariton geduldig reimte: „Wenn man ganz still sein Steckenpferdchen reitet, das einen aus der Alltagswelt geleitet, (…) wenn einem also Gutes widerfährt, das ist schon einen Asbach Uralt wert.“ Die samtweiche Stimme sprach besänftigend auf die empfänglichen Zuschauer ein, die solche Mußestunden schmerzlich vermissten und in Wahrheit den Schnaps meist hastig herunterkippen mussten.

Dämpfung eines überbordenden Optimismus

Wachstum und Arbeitsleben hatten ein derartiges Tempo erreicht, dass der Aufschwung sogar Wirtschaftsfachleute in Sorge um das Seelenheil ihrer Mitmenschen versetzte. Der Ökonom Wilhelm Röpke empfahl 1956: „Dämpfung eines überbordenden Optimismus“ nebst „Mäßigung, Besinnung auf die echten Werte und auf die rechten Proportionen der Dinge, Geduld und Disziplin in allen Schichten, Verantwortungssinn und Beherrschung des groben Appetits“. Glücklich die Zeit, die solche Sorgen hat, möchte man ausrufen angesichts der heute erneut gegen Null tendierenden Wachstumsraten. Auch Bundespräsident Heinrich Lübke hielt 1965 seine Bürger dazu an, es mit dem Ehrgeiz und der Arbeitswut nicht zu übertreiben: „Weder Berufsfreude noch Genugtuung über einen hohen Lebensstandard dürfen darüber hinwegtäuschen, dass alles dies mit dem Verlust innerer Werte bezahlt werden muss. Je besessener sich beide Eltern im Beruf abrackern, um reich zu werden, umso ärmer werden sie und ihre Kinder.“ Jetzt, wo das Nötigste vollbracht, die Nachkriegswohnungsnot beseitigt, die Straßen repariert und der zehnmillionste VW Käfer vom Band gerollt war, hielt der Präsident die Zeit für gekommen, zwei unterschiedliche Wohlstandsbegriffe ins Spiel zu bringen: äußeren und inneren Reichtum, die sich auseinanderentwickelt hätten. Arbeiteten wir weiter so emsig, drohe innere Verarmung. Weiter entfernt von der heutigen Situation, in der der Kanzler das Volk pauschal dazu aufruft, mehr zu arbeiten, kann eine Gesellschaft kaum sein.

Lübke kam allerdings mit seiner Mahnung reichlich spät, denn inzwischen hatten viele Deutsche durchaus gelernt, die Früchte ihrer Arbeit nicht nur hastig anzuhäufen, sondern sie auch in Ruhe zu genießen. Freizeit war zu einem kostbaren Gut geworden; sie wollte nicht nur erschöpft verdämmert, sondern aktiv und ausgeruht gestaltet werden. Immer mehr Menschen erkannten den Ausflug ins Grüne als sinnvoll genutzte Zeit wieder. Der Schaufensterbummel, die Ausfahrt mit dem Faltboot, der Campingurlaub wurden zu typischen Erscheinungen der fortschreitenden 1960er Jahre. Der Italienurlaub kam in Mode, und hier lernten viele Deutsche das dolce far niente so richtig kennen.

Vor allem aber drückte die Jugend auf die Pausetaste. Seit etwa 1964 schoben sich Jugendliche ins Blickfeld, die auf wirksamste Weise das Wirtschaftswachstum infrage stellten: Sie taten nichts, soweit das irgend möglich war. Die „Gammler“ versammelten sich an besonders prominenten Plätzen, legten sich auf die Wiese oder aufs Pflaster, kuschelten sich zusammen, spielten ein wenig Gitarre und rauchten. Am Münchener Monopteros und der Leopoldstraße, an der Frankfurter Hauptwache, an den Landungsbrücken in Hamburg oder dem Hannoveraner Kröpcke wurden sie zu einem dauerhaften Element des Stadtbilds, oft angefeindet von braven Bürgern, die sie voller Hass beschimpften. „Ab ins Arbeitslager!“, war eine häufige Parole, gerade erst der vergangenen NS-Zeit entlehnt. Das Regionalfernsehen versuchte, sich in vielen Features dem neuen Phänomen erklärend zu nähern, und unterschied sachkundig: „gebildete Protestgammler“, „Freizeitgammler“, „Suffgammler“, „Sturm-und-Drang-Gammler“ und „GammlerGigolos“, solche nämlich, in die sich regelmäßig brave Oberschülerinnen verliebten, sie mit Essen, Bier und ihrem Taschengeld versorgten und sie zum Duschen ins Haus ließen. Die Gammler bildeten die äußerste Speerspitze einer viele Schichten durchziehenden gesellschaftlichen Strömung, die sich, bis heute anhaltend, wenn auch mit geändertem Vokabular, auf das Ideal einer gelungenen „Work-Life-Balance“ konzentriert.

Binnen eineinhalb Dekaden war im Verlauf des großen Nachkriegsbooms aus einer konformistischen Mangelgesellschaft, die ganz auf die Arbeit konzentriert war, eine Überflussgesellschaft geworden, in der man sich möglichst voneinander zu unterscheiden und aufzufallen trachtete und die Arbeit als höchster Wert durch das Lebensziel der Selbstverwirklichung verdrängt wurde.

Die Boomer, Kinder außerordentlich fleißiger Eltern, lernten, das Leben in einer Breite und Intensität zu genießen, wie vermutlich keine deutsche Generation zuvor. An ihre Kinder wiederum gaben sie dieses Vermögen weiter, während zugleich die ökonomischen Spielräume kontinuierlich enger wurden. An die Einsicht, dass zwischen volkswirtschaftlichen Erträgen und staatlichen Ausgaben etwas aus der Balance geraten sein könnte, gewöhnen wir uns gerade. Das historisch in langsamen Bögen ausschlagende Pendel zwischen verdienter freier Zeit und verausgabter Arbeit weist im Moment stark in Richtung mehr Arbeit. Hoffen wir, dass, wenn die Einsicht ihm folgt, noch genügend Arbeitsplätze vorhanden sind.

ist Buchautor und Journalist. 2025 erschien von ihm das Buch „Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955–1967“.