In der Bundesrepublik der 1970er Jahre durchzogen tiefe Gräben die Zunft der Politikdidaktik. Studentenbewegung und sozialliberale Reformpolitik hatten den Anspruch hervorgebracht, Schule solle zu Emanzipation und kritischer Teilhabe an der Demokratie befähigen. Konservative Didaktiker hielten dagegen: Politische Bildung müsse sich vor allem an den bestehenden Werten, Normen und Institutionen der Verfassung orientieren, nicht an einem gesellschaftskritischen Programm. In dieser Gemengelage versammelte die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im Herbst 1976 Vertreter der verschiedenen Lager zu einer Tagung im schwäbischen Beutelsbach.
Zwar ließen sich die konkurrierenden Ansätze nicht versöhnen, doch aus dem Treffen ging ein Minimalkonsens hervor sowie darauf aufbauende Regeln für die Unterrichtspraxis: Dieser „Beutelsbacher Konsens“ wurde über die Jahre zum Referenzpunkt der politischen Bildung. Im Kern gelten drei Grundsätze: Erstens darf eine Lehrkraft Schülerinnen und Schüler nicht im Sinne einer gewünschten Meinung überwältigen und sie so an einer eigenständigen Urteilsbildung hindern. Zweitens muss, was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, auch im Unterricht kontrovers erscheinen. Drittens sollen Schülerinnen und Schüler befähigt werden, die politische Lage und die jeweils damit verknüpften Interessen zu analysieren und Einflussmöglichkeiten zu identifizieren. Heute finden diese Prinzipien im gesamten Bereich der politischen Bildung Anwendung.
Doch der Beutelsbacher Konsens steht seit einigen Jahren von mehreren Seiten unter Druck. So wird er bisweilen bemüht, um extremistische Positionen als eine legitime Meinung unter vielen im Unterricht zu platzieren. Zugleich wird aus ihm ein angebliches Neutralitätsgebot hergeleitet, das jede politische Positionierung im Unterricht unter Verdacht stellt und Lehrkräfte einschüchtern kann. In der politischen Bildung selbst wiederum mehren sich Zweifel, ob der Konsens den Anforderungen der Gegenwart noch genügt. Ein neuer Konsens scheint vorerst nicht in Sicht, doch die Debatten zu seinem 50. Geburtstag zeigen, worüber es sich zu streiten lohnt.