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Waffenstillstand für eine homogene Welt? | Politische Bildung | bpb.de

Politische Bildung Editorial Vom fachdidaktischen Leitsatz zum politischen Kampfbegriff Waffenstillstand für eine homogene Welt? Kontroversität ohne Beliebigkeit Emotionen als Störquelle? Linksextremismusprävention und politische Bildung Staat und politische Bildung Messbare politische Verantwortung

Waffenstillstand für eine homogene Welt? Zur Historisierung von „Beutelsbach“

Tim Schanetzky

/ 15 Minuten zu lesen

Obwohl der Konsens von Beutelsbach zentral für die Bildungspraxis ist, mangelt es an Informationen über sein Zustandekommen. Die Initiatoren versuchten, die Konsensbemühungen aus den damaligen politischen Auseinandersetzungen herauszulösen.

Beim Blick auf all die Texte, Vorträge und Veranstaltungen, die derzeit Bezug nehmen auf den 50. Jahrestag der Konferenz von Beutelsbach, stechen zwei Charakteristika hervor: Zunächst wird über die Tauglichkeit des damaligen methodologischen Minimalkonsenses für die Gegenwart der politischen Bildung nachgedacht. Diese Form der Selbstbefragung hat inzwischen ihre ganz eigene Tradition, die in den mittleren 1980er Jahren einsetzte und seither einen kaum noch zu überschauenden Literaturkorpus hervorbrachte. Selbst den existenziellen Ton in der gegenwärtigen Debatte, der demokratiepolitische Bedrohungswahrnehmungen ebenso spiegelt wie politische Angriffe auf Inhalte, Formate und Akteure der politischen Bildung, wird man nach einem Jahrzehnt des ungebrochenen Zulaufs zum Rechtspopulismus nicht mehr neu nennen können.

Was aber die heutige Beutelsbach-Debatte von ihren Vorläufern unterscheidet, ist die Überzeugung, in besonders krisenhaften Zeiten zu leben, und daraus die Notwendigkeit einer Neubestimmung abzuleiten. Das Argument fasste Thomas Thiemeyer in einem Bericht über die Jubiläumskonferenz der Stuttgarter Landeszentrale für politische Bildung im April 2026 bündig zusammen: 1976 sei es darum gegangen, einen „Minimalkonsens über grundlegende Regeln des fairen Umgangs miteinander“ zu etablieren, damals in einer „gefestigten Demokratie“. Heute hingegen sei die „Demokratie selbst als Gesellschaftsmodell und Fundamentalnorm zu verteidigen“. Noch deutlicher wurde Thomas Krüger: Auf einer Jubiläumstagung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nannte er den Beutelsbacher Konsens eine „verstaubte Protokollnotiz“, die einen „pragmatischen Waffenstillstand in der ‚Goldenen Ära‘ der Bundesrepublik“ eingeleitet habe. Der frühere Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung sprach von den 1970er Jahren als einer „Hochphase der nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ und zeichnete so das Bild einer „relativ homogenen Welt“, deren Kontroversen „überschaubar und in aller Regel binär organisiert“ gewesen seien. Thiemeyer bekräftigte das: Schon Hans-Georg Wehling habe herausgestellt, dass der Konsens von Beutelsbach nur deshalb möglich gewesen sei, weil „demokratiefeindliche Extrempositionen“ damals „keine Rolle spielten“.

Dagegen ließen sich viele Einwände erheben. Der folgende Beitrag zielt indes weniger auf eine Korrektur solcher Einschätzungen. Vielmehr geht es um die Frage, inwiefern in diesen Fehlwahrnehmungen von Beutelsbach womöglich ein über Jahrzehnte eingeübter Umgang mit den Entstehungsbedingungen der Konferenz kulminiert. Dazu erinnere ich erstens an den zeithistorischen Forschungsstand über den Zäsurcharakter der 1970er Jahre; zweitens formuliere ich eine Reihe von Forschungsfragen, denen mit Blick auf Beutelsbach empirisch nachzugehen wäre; abschließend ist zu fragen, was diese Befunde für die Gegenwart bedeuten.

Ein Jahrzehnt als Zäsur

Die „Goldene Ära“ der alten Bundesrepublik umspannt jene zweieinhalb Jahrzehnte, die vom einsetzenden „Wirtschaftswunder“ bis zum „Strukturbruch“ der mittleren 1970er Jahre reichten. Was uns in der gegenwärtigen Debatte als Schauplatz für den angeblichen „Schönwetter-Diskurs der Bonner Republik“ entgegentritt, wird von der Zeitgeschichtsschreibung nicht nur als Krisenepoche geschildert, sondern auch als Endpunkt gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen, die mindestens bis in die Zwischenkriegszeit zurückreichen. Dass Mitte der 1970er Jahre eine Zeit „nach dem Boom“ eingesetzt habe, ist durch viele Spezialstudien untermauert worden. Auch Sachbücher popularisierten dieses Geschichtsbild, darunter zwei „Jahreszahlenbücher“, die breit rezipiert wurden. Zwischen den Ölkrisen von 1973 und 1979/80 verschärften sich die Verteilungskonflikte; Massenarbeitslosigkeit wurde schon ab 1975 wieder zum Thema, und hinzu traten Transformationsprozesse, die damals viele Industrienationen betrafen: Inflation, Staatsschuldenkrise, Deindustrialisierung und ein Wertewandel, der für zusätzliche Spannungen sorgte – etwa durch den Aktivismus der Neuen Sozialen Bewegungen, der sich keineswegs auf Westdeutschland beschränkte. Generell spitzte sich die politische Polarisierung vor dem Hintergrund des Kalten Krieges am Ende der 1970er Jahre wieder zu. Aber auch mit Blick auf neuere Arbeiten zur Migrations- und Rassismusgeschichte kann man nur konstatieren: Das harmonisierende Bild, das aktuell von der Entstehungszeit des Beutelsbacher Konsenses gezeichnet wird, ist derart verzerrt, dass es lediglich als rhetorische Figur einen Sinn ergibt, ganz nach dem Motto: Heute existenzielle Krise, damals relative Harmonie.

Eine Tendenz zur Harmonisierung findet sich allerdings schon bei den Akteuren von Beutelsbach selbst, wofür der von Thomas Thiemeyer verkürzt zitierte Satz von Hans-Georg Wehling aufschlussreich ist. In ganzer Länge formulierte der Publikationsreferent der Stuttgarter Landeszentrale nämlich wie folgt: „Ganz im Gegensatz etwa zu Italien fehlen im politischen Leben der Bundesrepublik die extremen Ränder als mitbestimmende Größe, und das spiegelt sich in der Politischen Bildung wider.“ Das spielte auf den sogenannten Eurokommunismus an, aber um eine zutreffende Gegenwartsdiagnose für die bundesdeutsche Lage vom Herbst 1977 handelte es sich keineswegs. Über die spezielle Situation der deutsch-deutschen Teilung ging Wehling nämlich ebenso hinweg wie über die im „roten Jahrzehnt“ (Gerd Koenen) jederzeit aktivierbare Unterwanderungsangst der Westdeutschen. Dass die DDR in ihre „Westarbeit“ mittlere zweistellige Millionenbeträge investierte (was den damaligen Jahresetat der Bundeszentrale für politische Bildung übertraf), zahlte darauf ebenso ein wie der von den „Achtundsechzigern“ angekündigte „Marsch durch die Institutionen“ und die demokratiepolitisch fahrlässigen Ungerechtigkeiten der Berufsverbote im Anschluss an den Radikalenbeschluss von 1972.

Die aus heutiger Sicht bemerkenswerteste Auslassung ist allerdings der mit keinem Wort erwähnte Terrorismus. Hans-Georg Wehling dürfte die Druckfahnen des Sammelbandes über das „Konsensproblem in der politischen Bildung“ im „Deutschen Herbst“ auf dem Tisch gehabt haben, nachdem die zweite Generation der Roten Armee Fraktion (RAF) bereits den Generalbundesanwalt und einen Großbankvorstandschef ermordet und nun den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt hatte, um inhaftierte RAF-Angehörige der ersten Generation freizupressen. Längst befand sich die Bundesrepublik in einer Art innerem Belagerungszustand: Vor öffentlichen Gebäuden nahmen Panzer Aufstellung, Maschinenpistolen wurden zur sichtbaren Standardausrüstung von Polizeibeamten, und der Fahndungsdruck war ebenso präsent wie eine in Politik, Literatur, Film und Medien emotional geführte Debatte über die Handlungsmöglichkeiten im Rechtsstaat. Nach der Geiselbefreiung von Mogadischu, der Ermordung Schleyers und dem Selbstmord der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe war diese existenzielle Krise nicht beendet. Der Beutelsbach-Band erschien im Spätherbst 1977 an ihrem Höhepunkt.

Das waren harte politische Auseinandersetzungen, mag man einwenden, aber standen nicht sämtliche Protagonisten auf dem Fundament der Demokratie? Ein solcher Einwand verkennt die existenzielle Dimension der damaligen Kontroverse. Symbol dafür war der Trennungsbeschluss, mit dem die CSU-Spitze am 19. November 1976 die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag aufkündigte – zufällig genau am gleichen Tag, als in Beutelsbach die Möglichkeiten einer Konsensbasis ausgelotet wurden. Im Flügelkampf zwischen Liberal- und Nationalkonservativen flogen noch bis in den Herbst 1980 die Fetzen, was sich im „Deutschen Herbst“ auch in Rache- und Hinrichtungsfantasien äußerte, die offen verfassungsfeindlich waren. Helmut Kohl begann, der sozialliberalen Regierung in der Terrorismuskrise mangelnde „moralische Führung“ anzulasten, und etablierte damit ein für beide Flügel der Union tragfähiges Narrativ, das gerade mit der Hoffnung auf eine baldige Rückabwicklung jener inneren Demokratisierung spielte, um die auch der Streit um die politische Bildung letztlich immer kreiste. Heute wären das AfD-Positionen.

Es kann also nicht das Ziel sein, Beutelsbach von den damaligen politischen Kämpfen zu isolieren. Vielmehr müssten die genauen Entstehungsbedingungen für den Konsens überhaupt erst einmal empirisch und quellengestützt rekonstruiert werden. Wehlings Formulierung von den „extremen Rändern“ dürfte jedenfalls vor allem darauf angelegt gewesen sein, die Erfolgsaussichten für den in der Stuttgarter Landeszentrale formulierten Konsens besonders günstig erscheinen zu lassen.

Historischer Ort von Beutelsbach

Bedenkt man, wie zentral der Beutelsbacher Konsens für die politische Bildung im deutschsprachigen Raum über die Jahrzehnte geworden ist, erstaunt das beinahe völlige Fehlen einer zeitgenössischen Überlieferung. Eine Akte der Stuttgarter Landeszentrale, die beispielsweise die Korrespondenz mit den Vortragsgästen oder dem Klett-Verlag enthielte und Rückschlüsse auf den genauen Ablauf der internen Entscheidungsfindung zuließe – sie existiert nicht oder ist nie in öffentliche Archive gelangt. Dies hat die Stuttgarter Landeszentrale gerade noch einmal bekräftigt, indem sie das im Staatsarchiv Ludwigsburg aufgespürte Konferenzprogramm vom November 1976 als auratisches Dokument präsentierte. Es mangelt aber nicht nur an Quellen, sondern auch an einer aktengestützten Forschung über die wichtigsten Akteure im damaligen politischen Feld. Ob Hans Filbinger, Lothar Späth als CDU-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg oder die damaligen Kultusminister aus den Unionsparteien (Wilhelm Hahn in Stuttgart, aber auch Hans Maier in München und Bernhard Vogel in Mainz) – über sie alle wurde noch nicht historisch-empirisch gearbeitet. Die bildungspolitischen Hintergründe des Konsensjahres 1976 immerhin sind in groben Zügen bekannt, aber Detailinformationen fehlen.

So bestimmt bei der Frage nach den Motivationen und Entstehungsbedingungen von Beutelsbach ganz überwiegend die Selbstdeutung der damaligen Akteure unser Bild. Es handelt sich um eine offenkundig über Jahrzehnte hinweg gepflegte Erzählung, die das Projekt der Konsenssuche ganz in den Mittelpunkt rückte. Der Politikdidaktiker Walter Gagel attestierte seiner eigenen Zunft sogar, durch den „massiven Eingriff politischer Akteure“ in die politischen Auseinandersetzungen passiv „hineingezogen“ worden zu sein. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Zeitzeugeninterview, in dem sich Siegfried Schiele gegenüber Kerstin Pohl und Hubertus Buchstein umfassend äußerte: Als frisch bestallter Direktor der Stuttgarter Landeszentrale habe er sich 1976 auf den Weg gemacht, um unterschiedliche Bildungsträger zu besuchen. „Durchschlagend“ sei vor allem das Erlebnis einer Konferenz der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in Wildbad Kreuth gewesen, wo ihm die ideologischen Verhärtungen im bildungspolitischen Kampf erstmals wirklich bewusst geworden seien; dort will Schiele die Idee zu einer auf Konsens zielenden Tagung erstmals mit dem früheren Leiter der Landeszentrale, Herbert Schneider, diskutiert haben. Dass die wichtigsten angefragten Politikdidaktiker ihre Teilnahme dann sofort zusagten, untermauerte die Deutung einer verbreiteten Konsensbereitschaft.

Liest man vor diesem Hintergrund noch einmal den Aufsatz von Hans-Georg Wehling und schaut auch auf seine Rahmung im Konsens-Band, fällt vor allem auf, dass Wehling seinen Deutungsvorschlag ausdrücklich unter Vorbehalt stellte. Auch das Vorwort der Herausgeber enthielt eine salvatorische Klausel: „Die Struktur einer Tagung erlaubt nur eine begrenzte Anzahl von Kurzreferaten.“ Der entsprechende Absatz antizipierte mögliche Kritik an der Zusammensetzung des Referentenkreises, der das politische Spektrum unter den Politikdidaktikern von rechts nach links abdecken sollte. Es reichte vom nationalkonservativen Klaus Hornung bis hin zum linksliberalen Rolf Schmiederer; doch die Linksaußenpositionen blieben unbesetzt. Jahre später, nach seinen Beweggründen gefragt, zog sich Schiele erneut auf die Zwänge der Zeitplanung zurück.

Anders gesagt: Die Beteiligten scheinen bereits mit dem Vorwurf gerechnet zu haben, den Konsens als liberalkonservatives Deutungsangebot zielstrebig orchestriert zu haben. Um das erwünschte Bild einer aus den politischen Kämpfen und Kontroversen erwachsenen Sehnsucht nach Konsens etablieren zu können, mussten sie die Ereignisse vom Amtsantritt Schieles bei der Landeszentrale im Frühjahr 1976 bis zum Erscheinen des Konsensbandes im Spätherbst 1977 also ihres politischen Kontextes entkleiden. Vor seiner Ernennung zum Direktor war der 37-jährige Schiele nämlich nicht nur als Lehrer und dann als Fachleiter bald auch in der Lehrkräfteausbildung tätig gewesen, sondern als Politiker hervorgetreten: Als studentischer Parteifunktionär und im Vorstand der Jungen Union hatte er die Aufmerksamkeit des nur zwei Jahre älteren Lothar Späth auf sich gezogen, der Schiele förderte. Zunächst holte er ihn als bildungspolitischen Referenten in den Stuttgarter Landtag, und gegen den energischen Widerstand des amtierenden Ministerpräsidenten Hans Filbinger verhalf er seinem Schützling dann auch zum Direktorenposten bei der Landeszentrale. Weil sich Späth und Schiele von Filbinger durch liberalere Positionen unterschieden, war der Generationswechsel zugleich ein programmatischer Modernisierungsprozess.

Die Ereignisse des Wahljahres spielen in der Beutelsbach-Rezeption generell keine Rolle. Nicht nur im Südwesten wurde 1976 gewählt, sondern im Herbst stand auch eine Bundestagswahl an. Mangels Quellen ist heute nicht bekannt, ob Schiele zur Beutelsbach-Tagung vor oder nach dem Bundestagswahlsonntag vom 3. Oktober 1976 einlud. Eine genaue Datierung ermöglichte aber Rückschlüsse auf seine Intention, da man sich in der Union durchaus Chancen auf die absolute Mehrheit ausrechnete. Für die durch Helmut Kohl personell und programmatisch erneuerte Partei hatte es schon im Februar 1976 einen Auftakt nach Maß gegeben, weil Ernst Albrecht eine Minderheitsregierung in Niedersachsen bildete und der Opposition so zur Bundesratsmehrheit verhalf. Die absolute Mehrheit im schwarzen Baden-Württemberg, wo am 4. April gewählt wurde, kam nicht überraschend. Dass die sozialliberalen Parteien dort 5,4 Prozentpunkte verloren, wurde in Bonn aber aufmerksam registriert. Bei der Bundestagswahl setzte sich dieser Trend jedoch nicht im gleichen Maße fort, sodass die CDU/CSU die absolute Mehrheit um 1,4 Prozentpunkte denkbar knapp verpasste.

Vieles spricht vor diesem Hintergrund dafür, die Konsensveranstaltung von Beutelsbach auch als Bestandteil jener konservativen Bemühungen um intellektuelle Deutungshoheit zu sehen, die bereits seit 1974 unter der Überschrift „Tendenzwende“ gestanden hatten. Bildungspolitische Streitfragen mobilisierten vielerorts, und entsprechend wichtig waren sie im Wahlkampf. Das ließ sich auch an der kleinen Broschüre ablesen, die ursprünglich von den Kultusministern Hans Maier (CSU) und Bernhard Vogel (CDU) angeregt und schließlich Ende März 1976, also unmittelbar vor der Wahl in Baden-Württemberg, von den übrigen Kultusministern der unionsgeführten Länder gemeinsam herausgebracht wurde. Mit „Politische Bildung. Grundlagen und Zielprojektionen für den Unterricht an Schulen“ formulierten Dieter Grosser, Manfred Hättich, Heinrich Oberreuter und Bernhard Sutor einen konservativen Konsens in Fragen der politischen Bildung. Auch die Minister hofften ausdrücklich auf „Versachlichung und Konsens“.

Dies stellte sich nicht ein, wie kritische Reaktionen auf das kleine Heft mit dem gelben Umschlag zeigten, das bald als „Gelbe Bibel“ attackiert wurde. Sutor selbst erkannte in der politischen Rahmung des Textes später einen schweren „politisch-taktischen Fehler“, und in der Literatur dient der Fall vor allem als Beleg für die damalige Polarisierung in Fragen der Bildungspolitik. Auffällig ist hingegen, wie konsequent Siegfried Schiele dieses Thema im Zeitzeugengespräch ausklammerte. Wäre es nicht denkbar, dass er das Scheitern des Wahlkampfvorstoßes seiner Kollegen genau wahrgenommen und nach seiner Ernennung zum Direktor der Landeszentrale vor allem darauf gezielt hatte, geschickter vorzugehen? Seine Gesprächspartner fragten zwar durchaus nach seinen politischen Motiven für die Ausrichtung der Tagung, aber Schiele verwies in seiner Antwort nur auf sein ausgleichendes Naturell und brachte ansonsten die Prägung durch die Pluralismustheorie ins Spiel.

Gegenwart

Die kritische Lektüre derartiger Selbstdeutungen sowie ihre Kontextualisierung deuten an, dass über die genauen Entstehungsbedingungen des Beutelsbacher Konsenses bemerkenswert wenig bekannt ist. Sein Entstehungskontext dürfte weitaus politischer gewesen sein, als es die Beteiligten später zugestehen wollten. Schiele, Schneider, Wehling und anderen Beteiligten ging es gewiss um eine belastbare Verständigungsbasis für die künftige Bildungspraxis. Das schließt einen als dezidiert politisch zu verstehenden Versuch, Deutungshoheit zu gewinnen, aber nicht aus. Wie genau sich die Bezugnahme auf Beutelsbach danach und besonders in der ersten Hälfte der Ära Kohl vollzog, ob es dabei womöglich einen Zusammenhang zu den bereits einsetzenden Kürzungen öffentlicher Mittel und den bald um sich greifenden Krisendiagnosen gab, müsste überhaupt erst einmal erforscht werden. Quellengestützte Untersuchungen über die zu dieser Zeit noch recht überwältigungsaffine Gedenkstättenpädagogik deuten immerhin an, dass der Methodenkonsens auch zehn Jahre später noch längst nicht überall bekannt gewesen sein dürfte.

Sicher ist, dass der Konsens von Beutelsbach nicht das Produkt einer homogenen Welt demokratiepolitischer Saturiertheit war. Im Gegenteil fand die Konferenz zu einer Zeit zugespitzter Konfrontation statt, die keineswegs nur vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts oder des damaligen Terrorismus zu sehen ist, sondern auch den Lagerkampf innerhalb der Unionsparteien umfasste. Ablesbar waren die Positionen am Ringen um die Wahlkampfslogans: Während die Sozialdemokraten im Sommer 1976 vom „Modell Deutschland“ sprachen, plakatierte die Union „Freiheit statt Sozialismus“; Hans Filbinger und der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß scherten mit dem stärker polarisierenden Slogan „Freiheit oder Sozialismus“ aus.

Beutelsbach ohne diesen zeitgenössischen Entstehungskontext zu betrachten, hat eine lange Tradition. Sie geht auf die Interessen der Autoren des Konsensvorschlages von 1977 zurück, und dessen Dekontextualisierung ist eine notwendige Bedingung dafür, um die heutige Krise im grellen Kontrast zur vermeintlich harmonischen Vergangenheit präsentieren zu können. Thomas Krüger leitet daraus die Forderung nach einer verstärkten Politisierung der gegenwärtigen politischen Bildung ab, während Thomas Thiemeyer beim „liberalen Skript“ und dessen „Wertefundament“ ansetzt.

Hier wie dort wird also ironischerweise für die Gegenwart genau das gefordert, was ursprünglich gerade zum politischen Entstehungskontext der Beutelsbacher Konferenz gezählt hatte. Schon in der „Gelben Bibel“ skizzierte Bernhard Sutor ein aus den Normen des Grundgesetzes und der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes abgeleitetes Fundament für die politische Bildung; der Anhang des Konsensbandes dokumentierte dies mit einer einschlägigen Quellenauswahl. Aus dem Blickwinkel der Machbarkeitsvorstellungen der vorangegangenen Reformära, die auf Emanzipation und auf die pädagogische Schaffung einer besseren Gesellschaft gezielt hatten, galt das damals vielen als formalistisch und unambitioniert. Heute hingegen ist die Sicherung der demokratischen Ordnung ganz ins Zentrum der Beutelsbach-Rezeption gerückt. Im 50. Jubiläumsjahr und vor dem Hintergrund eines politisch-instrumentell bewusst falsch verstandenen Kontroversitätsgebots („Neutralität“) wird nun wieder betont, dass politische Bildung zwar parteipolitisch neutral, dabei aber an das Wertefundament der Grund- und Menschenrechte gebunden und in diesem Sinne niemals ohne normativen Standpunkt sei.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Abseits der bekannten Lehr- und Handbücher hier nur exemplarisch Siegfried Schiele/Herbert Schneider (Hrsg.), Reicht der Beutelsbacher Konsens?, Schwalbach 1996; Siegfried Frech/Dagmar Richter (Hrsg.), Der Beutelsbacher Konsens. Bedeutung, Wirkung, Kontroversen, Schwalbach 2017; Hubertus Buchstein et al. (Hrsg.), Beutelsbacher Konsens und politische Kultur. Siegfried Schiele und die politische Bildung, Frankfurt/M. 2016.

  2. Auch hier nur exemplarisch Klaus Ahlheim, Beutelsbacher Konsens? Politische Bildung in Zeiten von AfD und Co., Ulm 2019; Siegfried Frech et al. (Hrsg.), Kontroversität in der politischen Bildung, Frankfurt/M. 2023.

  3. Thomas Thiemeyer, Was Zustimmung bei SPD und CDU fand, nutzt heute der AfD, 22.4.2026, Externer Link: https://www.faz.net/200704763.html; Thomas Krüger, Beutelsbach brennt! Gegen die staatliche Kuratierung der Freiheit und die Geiselnahme unserer Grundrechte, unveröffentlichtes Vortragsmanuskript, gehalten am 24.4.2026 auf dem Symposium „Kulturelle und politische Bildung im Museum. Perspektiven auf den Beutelsbacher Konsens“ in Berlin.

  4. Vgl. Lutz Raphael, Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom, Berlin 2019; aus dem angloamerikanischen Blickwinkel Niall Ferguson et al. (Hrsg.), The Shock of the Global. The 1970s in Perspective, Cambridge MA 2010 sowie Aled Davies et al. (Hrsg.), The Neoliberal Age? Britain Since the 1970s, London 2021.

  5. Vgl. Frank Bösch, Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann, München 2019, aber auch Philipp Sarasin, 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart, Berlin 2021; Tim Schanetzky, Globalsteuerung, Strukturwandel und die Zäsur der 1970er Jahre. Zur Historisierung der „Problemgeschichte der Gegenwart“, in: Magnus Koch et al. (Hrsg.), Kanzlerwechsel 1974. Die Bundesrepublik zwischen Reformpolitik und Krisenmanagement, Frankfurt/M. 2026, S. 127–142 (i.E.).

  6. Vgl. Stephanie Zloch, Das Wissen der Einwanderungsgesellschaft. Migration und Bildung in Deutschland 1945–2000, Göttingen 2023; Olga Sparschuh, Fremde Heimat, fremde Ferne. Italienische Arbeitsmigration in Turin und München 1950–1975, Göttingen 2021; Maria Alexopoulou, Rassistisches Wissen in der Transformation der Bundesrepublik Deutschland in eine Einwanderungsgesellschaft 1940–1990, Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart, Göttingen 2024.

  7. Hans-Georg Wehling, Konsens à la Beutelsbach?, in: Siegfried Schiele/Herbert Schneider (Hrsg.), Das Konsensproblem in der politischen Bildung, Stuttgart 1977, S. 173–184, hier S. 181.

  8. Vgl. Thomas Kroll, Eurokommunismus und linke Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland. Eine transnationale Debatte (1975–1980), in: Axel Schildt (Hrsg.), Von draußen. Ausländische intellektuelle Einflüsse in der Bundesrepublik bis 1990, Göttingen 2016, S. 234–255.

  9. Vgl. Nikolai Wehrs, Protest der Professoren. Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ in den 1970er Jahren, Göttingen 2014; Alexandra Jaeger, Auf der Suche nach „Verfassungsfeinden“. Der Radikalenbeschluss in Hamburg 1971–1987, Göttingen 2019; Tim Schanetzky, Politik der politischen Bildung. Das Ringen um die Demokratisierung der Deutschen seit 1945, Göttingen 2025, S. 133–139. Der Radikalenbeschluss verpflichtete die Behörden, Bewerber für den öffentlichen Dienst – darunter zahlreiche Lehrkräfte – durch eine Anfrage beim Verfassungsschutz auf ihre Verfassungstreue zu überprüfen.

  10. Vgl. Schiele/Schneider (Anm. 7); Petra Terhoeven, Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt, München 2017.

  11. Vgl. Urs Bitterli, Golo Mann. Instanz und Außenseiter. Eine Biographie, Berlin 2004, S. 382–385.

  12. Deutscher Bundestag, Stenographische Berichte 53. Sitzung 8. Wahlperiode, S. 4097 (Dregger) oder 65. Sitzung 8. Wahlperiode, S. 4985f. (Kohl).

  13. Vgl. Sibylle Thelen, Warum der Beutelsbacher Konsens heute wichtiger denn je ist, Januar 2026, Externer Link: https://www.lpb-bw.de/beutelsbacher-konsens/jubilaeumsrede. Zur Gründungsgeschichte der Stuttgarter Landeszentrale und ihren politischen Hintergründen quellengestützt demnächst Jolin Diekmann, „Um das Abenteuer Demokratie zu bestehen“. Politische Bildung im deutschen Südwesten nach 1945, Berlin 2026 (i.E.).

  14. Hierzu vor allem Gerrit Mambour, Zwischen Politik und Pädagogik. Eine politische Geschichte der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland, Schwalbach 2007 und Phillip Wagner, Egalisierung der Teilhabe? Sozial-liberale Bildungsreformen und die Gesellschaftsgeschichte der Demokratie im Westdeutschland der 1960er bis 1980er Jahre, in: Archiv für Sozialgeschichte 62/2022, S. 265–296.

  15. Walter Gagel, Geschichte der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1989/90. Zwölf Lektionen, Opladen 1994, S. 215.

  16. Vgl. Buchstein et al. (Anm. 1), S. 109f. und S. 113f.; ein ähnlich detaillierter Zeitzeugenbericht ansonsten noch bei Bernhard Sutor, Politische Bildung als Politikum – ein unbewältigtes Problem. Rückblick und Ausblick eines Beteiligten nach zwanzig Jahren Streit, in: APuZ 12/1988, S. 13–27.

  17. Vgl. dazu auch den größtenteils identischen Autorenkreis in Kurt Gerhard Fischer (Hrsg.), Zum aktuellen Stand der Theorie und Didaktik der Politischen Bildung, Stuttgart 1975.

  18. Vgl. Wohin soll sich dieser Staat bewegen? Das Reizklima in der politischen Bildung und die Suche nach Gemeinsamkeiten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.6.1978.

  19. Vgl. Buchstein et al. (Anm. 1), S. 59, S. 96f.u.S. 106; zum Kontext Diekmann (Anm. 13).

  20. Auch eine empirische Studie über die CDU in der Opposition ist ein Desiderat; bisher v.a. parteinahe Darstellungen, etwa von Wolfgang Jäger, Helmut Kohl setzt sich durch, 1976–1982, in: Hans-Peter Schwarz (Hrsg.), Die Fraktion als Machtfaktor. CDU/CSU im Deutschen Bundestag 1949 bis heute, München 2009, S. 141–159; neben den Gesamtdarstellungen zur Geschichte der Bundesrepublik empirisch-quellengestützt v.a. Hans-Peter Schwarz, Helmut Kohl. Eine politische Biographie, München 2012, S. 206–213.

  21. Vgl. Dieter Grosser et al., Politische Bildung. Grundlagen und Zielprojektionen für den Unterricht an Schulen, Stuttgart 1976, Vorwort; Axel Schildt, „Die Kräfte der Gegenreform sind auf breiter Front angetreten“. Zur konservativen Tendenzwende in den Siebzigerjahren, in: Archiv für Sozialgeschichte 44/2004, S. 449–478.

  22. Sutor (Anm. 16), S. 18, dort auch viele Hinweise zur kritischen Rezeption.

  23. Vgl. Buchstein et al. (Anm. 1), S. 111f.

  24. Vgl. Ulrike Löffler, Überfrachtete Lernorte. Zur Pädagogik westdeutscher Gedenkstätten bis 1990, Göttingen 2026, S. 339; viele Hinweise auf die Bedeutung von „Betroffenheit“ als pädagogisches Instrument auch bei Fabian Schwanzar, Die Praxis der Erinnerung. Gedenkstättenbewegung und Geschichtspolitik in der Bundesrepublik, Dissertation, Friedrich-Schiller-Universität Jena 2021.

  25. Vgl. Bernhard Sutor, Verfassung und Minimalkonsens. Die Rolle des Grundgesetzes im Streit um die politische Bildung, in: Schiele/Schneider (Anm. 7), S. 152–171.

  26. Vgl. Thelen (Anm. 13); zum Kontext Christina Brüning, Wider den Missbrauch von Beutelsbach. Einwände aus historischer Perspektive und pragmatische Lösungen für den Geschichts- und Politikunterricht, in: Douglas Yacek et al. (Hrsg.), Dürfen Lehrer ihre Meinung sagen? Demokratische Bildung und die Kontroverse über die Kontroversitätsgebote, Stuttgart 2021, S. 173–187.

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vertritt die Professur für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg.