„Reparations / when you know what’s yours is ours“ – in ihrem Song „Reparations“ singt die afroamerikanische Künstlerin KIRBY davon, dass sie und ihre Leute keine Gefälligkeiten wollen, keine Almosen, keine langen Diskussionen, sondern eine angemessene Vergütung ihrer geleisteten Arbeit. Dass der Song 2025 erschien, zeigt, dass das Thema der Reparationen für in der Versklavung erlittenes Unrecht immer noch – oder erneut – sehr aktuell ist. Das Musikvideo zeigt die Künstlerin vor einer US-Flagge, während sie verkündet, dass der Staat Mississippi entschieden habe, den Nachkommen ehemals versklavter Menschen eine Entschädigung zu zahlen – was natürlich rein fiktiv ist. Der Song endet mit der mehrfach wiederholten Frage „Is this fair?“ und als letzte Einblendung mit einer Erklärung: „Reparations: The making of amends for a wrong one has done, by paying money to or by otherwise helping those who have been wronged.“
Diese knappe, aber durchaus zutreffende Definition wird in der politischen und juristischen Aufarbeitung der Sklaverei, die in den USA am 1. Januar 1863 von Präsident Abraham Lincoln per Dekret abgeschafft wurde, meist weiter ausdifferenziert: Unterschieden werden gemeinhin unterschiedliche Aspekte der Wiedergutmachung, die in der Bandbreite von Anerkennung des Unrechts und Leidens über eine offizielle Entschuldigung bis hin zu Ausgleichszahlungen und anderen Formen von finanziellem Schadensersatz reichen. Häufig spielt Letzteres die zentrale Rolle und ist auch besonders kontrovers. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang ebenfalls Reparationen für das Unrecht, das schwarze Amerikaner*innen nach der Abschaffung der Sklaverei erlitten haben – in den rassengetrennten Südstaaten mit der dort herrschenden Lynchjustiz und dem Terrorregime des Ku-Klux-Klans einerseits und durch anhaltende strukturelle Ungleichheit und systemische Benachteiligung andererseits, etwa beim Erwerb von Wohneigentum, im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie durch staatliche Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert. Die Diskriminierung hat bekanntlich nie aufgehört.
Die Vereinten Nationen haben in ihren 2005 verabschiedeten „Grundprinzipien und Leitlinien betreffend das Recht der Opfer von groben Verletzungen der internationalen Menschenrechtsnormen und schweren Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht auf Rechtsschutz und Wiedergutmachung“ fünf Kategorien für Reparationen benannt, die überwiegend auch auf den US-amerikanischen Kontext anwendbar sind: Restitution bezeichnet die Wiederherstellung eines früheren Zustands. Entschädigung bedeutet die Gewährung einer angemessenen Kompensation „für jeden wirtschaftlich messbaren Schaden“. Rehabilitierung umfasst medizinische, psychologische und juristische Unterstützung. Genugtuung sieht verschiedene Maßnahmen der Wiedergutmachung vor, darunter öffentliche Entschuldigungen, Gedenkfeiern und die Errichtung von Gedenkstätten. Und Garantien der Nichtwiederholung umfassen Reformen zur Verhinderung künftigen Missbrauchs und die allgemeine Förderung von Menschenrechtsstandards.
Restitution ist im Falle der versklavten Afroamerikaner*innen offensichtlich nicht möglich – alle anderen Maßnahmen jedoch schon, zumindest wenn man die Nachkommenschaft der Versklavten einbezieht, und vereinzelte Anstrengungen wurden auch bereits auf Bundesebene, von Bundesstaaten und Organisationen unternommen. Doch trotz der allgemeinen Prinzipien und Richtlinien gibt es viele offene Fragen und Streitpunkte, insbesondere bei den Maßnahmen, die über Symbolpolitik hinausgehen: Wie sollen Reparationen erfolgen? Soll es direkte Zahlungen an Einzelpersonen geben, oder soll das Geld in infrastrukturelle Maßnahmen für die Gemeinschaft und das Gemeinwohl investiert werden? Wer genau soll sie erhalten und über sie verfügen? Müssen Individuen nachweisen, dass ihre Vorfahren versklavt waren oder dass sie anderes Unrecht erlitten haben? Oder reicht es aus, sich als afroamerikanisch zu identifizieren? Wie soll die Verteilung der Entschädigungen organisiert werden? Und nicht zuletzt: Wie hoch sollen die Reparationen sein, und wer soll sie bezahlen? Die USA als Gesamtstaat, einzelne Bundesstaaten oder auch andere Institutionen? Die statistischen Erhebungen zu den Gesamtkosten variieren je nach Berechnungsgrundlage, doch ist ihnen gemeinsam, dass es sich um Summen handelt, die den jährlichen Etat der USA um ein Vielfaches übersteigen. All diese ungeklärten Fragen haben Reparationen zu einem der kontroversesten Themen in der amerikanischen Politik der vergangenen 150 Jahre gemacht.
Anfänge der Debatte
Forderungen nach Reparationen als „Programm der Anerkennung, Wiedergutmachung und Aufarbeitung einer schwerwiegenden Ungerechtigkeit“
Einige Tage zuvor hatten sich Sherman und Lincolns Kriegsminister Edwin M. Stanton in Savannah, Georgia, mit 20 afroamerikanischen Anführern getroffen und dabei über die Ausgestaltung der neuen Freiheit ehemals Versklavter und ihrer zukünftigen Lebensgrundlage gesprochen. Die Meinung der afroamerikanischen Teilnehmer war einhellig: Landbesitz sei der Schlüssel für ihre ökonomisch unabhängige Zukunft. Shermans Order eröffnete der afroamerikanischen Bevölkerung im Süden des Landes die Perspektive auf ein neues, selbstbestimmtes Leben. Die Formel „40 acres and a mule“, die auch in der schwarzen Populärkultur zum geflügelten Wort wurde, hatte hier wohl ihren Ursprung.
Innerhalb der nächsten Monate wurden 40.000 Menschen in dem Küstenstreifen angesiedelt. Das am 3. März 1865 neu geschaffene Bureau of Refugees, Freedmen, and Abandoned Lands, kurz Freedmen’s Bureau, war befugt, den befreiten Sklaven das Eigentumsrecht an den 40-Acre-Grundstücken zu übertragen. Nach dem tödlichen Attentat auf Lincoln und der Amtsübernahme des bisherigen Vizepräsidenten Andrew Johnson im April 1865 wurde Shermans Order jedoch wieder aufgehoben. Johnson, selbst Südstaatler, sympathisierte mit den weißen Kriegsverlierern im Süden und sorgte dafür, dass sie das enteignete Land wieder zurückbekamen – die neuen schwarzen Siedler wurden vertrieben, und von Gleichstellung und Reparationen war keine Rede mehr.
Obwohl Shermans Order für die afroamerikanische Bevölkerung somit nur ein gebrochenes Versprechen blieb, nimmt auch die heutige Bewegung für Reparationen immer wieder darauf Bezug – als historisches Dokument der Anerkennung eines Anspruchs der Afroamerikaner*innen auf Entschädigung für die Versklavung.
Bürgerrechtsbewegungen
Die Politik der Reconstruction nach dem Bürgerkrieg muss hinsichtlich der Gleichstellung schwarzer Amerikaner*innen und ihrer Entschädigung für die jahrzehntelange brutale Versklavung als gescheitert gelten.
Freilich gab es auch davor immer wieder neue Initiativen mit ähnlichen Anliegen. Hervorzuheben sind insbesondere die Anstrengungen für Reparationen zweier Aktivistinnen, die im kulturellen Gedächtnis lange vergessen waren, obwohl ihr Wirken entscheidende Impulse für die moderne Reparationsbewegung gegeben hat: Callie House und Audley Moore.
Callie House (1861–1928) war Mitgründerin der National Ex-Slave Mutual Relief, Bounty and Pension Association, eine der ersten Organisationen, die sich für Reparationen einsetzte und – analog zu Versorgungszahlungen für Kriegsveteranen – Pensionen und die Möglichkeit zur Versicherung für die ehemals Versklavten einforderte.
Viele Mitglieder und Anhänger*innen blieben trotz der Einschüchterungsversuche politisch aktiv, unterstützten später den Panafrikanisten Marcus Garvey (1887–1940) und schließlich auch Audley Moore (1898–1997), die als weitere Galionsfigur des schwarzen Nationalismus und der Reparationsbewegung gilt.
In Fortführung der Graswurzelbewegungen von House und Moore erneuerten verschiedene Bürgerrechtsgruppen die Forderungen nach Schadensersatz für Versklavung und rassistische Gewalt in der amerikanischen Geschichte. So entwarf die Black Panther Party 1966 ein Parteiprogramm, verfasst von Huey P. Newton (1942–1989) und Bobby Seale (geb. 1936), in dem sie die Begleichung der „überfälligen Schulden“ forderte, die die Bundesregierung der afroamerikanischen Bevölkerung für deren unbezahlte Arbeit zu zahlen habe: „Wir sind der Überzeugung, dass diese rassistische Regierung uns beraubt hat, und nun fordern wir die fällige Schuld in Höhe von vierzig Morgen Land und zwei Maultieren ein. Vierzig Morgen Land und zwei Maultiere wurden vor 100 Jahren als Entschädigung für die Sklavenarbeit und den Massenmord an Schwarzen versprochen.“
Einige Jahre zuvor hatte der Bürgerrechtler Whitney Young (1921–1971) in Anlehnung an das internationale Wiederaufbauprojekt für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in weniger radikaler Rhetorik einen umfassenden „Domestic Marshall Plan“ für die afroamerikanische Bevölkerung ins Gespräch gebracht. Er forderte Investitionen in städtische Infrastruktur wie Schulen, Wohnungsbau und Gesundheitswesen im Umfang von 145 Milliarden US-Dollar über zehn Jahre, um die große soziale und ökonomische Kluft zwischen weißen und schwarzen Amerikaner*innen zu schließen.
In prononcierterer Wortwahl formulierte James Forman (1928–2005) 1969 das „Black Manifesto“, in dem er explizit von weißen Kirchen und Synagogen Reparationszahlungen in Höhe von 500 Millionen US-Dollar forderte, da diese an den Ungerechtigkeiten der Sklaverei und der Rassentrennung beteiligt gewesen seien. Die Resonanz war überaus kritisch und abweisend, das Spendenaufkommen spärlich. Formans Text zeigt, wie auch andere Dokumente der Zeit, die sukzessive Verknüpfung der Anliegen schwarzer Amerikaner*innen mit dem globalen Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus, der auch heute die Diskussionen um Reparationen prägt: „Seit Jahrhunderten sind wir gezwungen, als kolonisiertes Volk innerhalb der Vereinigten Staaten zu leben und sind Opfer des grausamsten, rassistischsten Systems der Welt. Wir haben dazu beigetragen, das am stärksten industrialisierte Land der Welt aufzubauen.“
Die religiöse Dimension der Reparationsdebatte hat unterschiedliche ideologische Stoßrichtungen, denn häufig war die (lokale) Kirche als primäre Institution afroamerikanischer Communitys der Ausgangspunkt für Protestbewegungen und Reparationsforderungen und weniger die Zielscheibe von Kritik. Die afroamerikanische Befreiungstheologie führte auch Martin Luther King Jr. (1929–1968) in seinem Engagement für Bürgerrechte immer wieder zu der Frage der Reparationen. Auf ausstehende Entschädigungen verwies er etwa in seiner berühmten Rede beim March on Washington am 28. August 1963: „In gewisser Weise sind wir in die Hauptstadt unseres Landes gekommen, um einen Scheck einzulösen.“ Amerika habe den Schwarzen in der Vergangenheit einen „ungedeckten Scheck“ gegeben – „aber wir weigern uns, zu glauben, dass die Bank der Gerechtigkeit pleite ist“.
Kings Worte verweisen deutlich auf die Reparationsdebatte. Doch die nach dem Bürgerkrieg formulierten und lange nachhallenden Forderungen nach Land für die befreiten Sklaven als Grundlage für ihre ökonomische Existenz hatten stets auch deutliche siedlerkolonialistische Anklänge. Ohne explizite Thematisierung des an der indigenen Bevölkerung begangenen Unrechts waren sie selbst durchaus problematisch – schließlich war schon die erste Landnahme ein Akt der gewaltsamen Enteignung gewesen, aus der sich allenfalls ein indigener Anspruch auf Landrückgabe ableiten ließ. So wurden im späten 20. und im 21. Jahrhundert die geforderten Reparationen in Form von Landbesitz nach und nach von Forderungen nach Geld und anderen Formen der Unterstützung abgelöst.
Präzedenzfälle
Die politischen Kampagnen für die Entschädigungen für die Sklaverei wurden und werden von einer Vielzahl an Organisationen und afroamerikanischen Aktivist*innen vorangetrieben; dabei wird sehr genau beobachtet, welche Präzedenzfälle es in vergleichbaren Sachverhalten gibt – und wie diese auf die eigene Situation übertragen werden könnten. Zwei Beispiele werden diesbezüglich besonders hervorgehoben: der Umgang mit dem Unrecht gegen japanischstämmige Amerikaner*innen sowie die Aufarbeitung des Unrechts gegen die indigene Bevölkerung.
Das Redress-Movement, angeführt von Organisationen wie der Japanese American Citizens League, forderte seit den 1970er Jahren Aufarbeitung und Wiedergutmachung der Internierung japanischstämmiger Amerikaner*innen in Lagern während des Zweiten Weltkriegs nach dem Angriff Japans auf Pearl Harbor. Nach langjähriger Lobbyarbeit im Kongress und der Bildung einer überparteilichen Koalition wurde zunächst 1980 eine parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt, die zum Ergebnis kam, dass die damals für die Internierung geltend gemachte militärische Notwendigkeit nicht zutreffend war und stattdessen Rassismus und politisches Versagen zu der Internierung geführt hätten. 1988 unterzeichnete Präsident Ronald Reagan den Civil Liberties Act, der den Überlebenden der Internierung eine Summe von jeweils 20.000 US-Dollar als Entschädigung und einen offiziellen Entschuldigungsbrief zusprach. Insgesamt erhielten 82.250 Personen eine Reparationszahlung. Die Übertragbarkeit dieses Falls ist allerdings dadurch begrenzt, dass die Empfängergruppe aus namentlich bekannten, unmittelbar persönlich Betroffenen bestand.
Im Kontext der Wiedergutmachung historischen Unrechts an der indigenen Bevölkerung wurde die Indian Claims Commission (ICC) eingesetzt, die von 1946 bis 1978 über 800 Millionen US-Dollar an 176 indigene Stämme und Nationen auszahlte.
Beschäftigt man sich mit der Frage nach Reparationen für Versklavung und Zwangsarbeit in den USA, so ist dies immer auch in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, schließlich war auch die Sklaverei ein globales System. Die Historikerin Ana Lucia Araujo hat aufgezeigt, dass nach der Abschaffung der Sklaverei in verschiedenen Ländern auf dem amerikanischen Doppelkontinent meist die ehemaligen Sklavenbesitzer kompensiert wurden, nicht aber die ehemals Versklavten.
Seit ihrer Wiederbelebung in den 1960er Jahren ist die Debatte um Reparationen für Sklaverei in den USA nicht wieder abgeklungen. Ein stetiger Strom von Veröffentlichungen zu dem Thema – von Boris I. Bittkers „The Case for Black Reparations“ (1973) bis zu Randall Robinsons „The Debt“ (2001)
Zwischen Umsetzung und Zurückweisung
Im Juni 2009 verabschiedete der US-Senat per Resolution eine offizielle Entschuldigung für die Versklavung der afroamerikanischen Bevölkerung und für die Rassentrennung – explizit ohne einen Anspruch auf Entschädigung einzuräumen.
Dabei wird vehement gegen die diversen Einwände argumentiert, die von Vertretern aus unterschiedlichsten politischen Lagern erhoben werden und deren kleinster gemeinsamer Nenner darin zu bestehen scheint, dass sie die Umsetzung als zu schwierig oder die Kosten als zu hoch erachten. Konservative und rechte Stimmen sehen dabei das Unrecht der Versklavung häufig als verjährt an – es gebe schließlich keine Überlebenden mehr, die wie im Fall der japanischstämmigen Amerikaner*innen entschädigt werden könnten, und Rassismus und Diskriminierung seien ohnehin längst überwunden. Auch wenden sie sich gegen Vorstellungen einer transgenerationalen Kollektivschuld. Eine Entschädigung der Nachkommen vormals versklavter Menschen sei vielmehr eine reverse discrimination, die andere, ebenfalls bedürftige Gruppen exkludiere. Und warum sollten ausgerechnet die USA sie leisten? Warum nicht England oder die afrikanischen Länder, die am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt waren? Zudem, so das Argument, hätten die Weißen in den USA für die Freiheit der Schwarzen bereits im 19. Jahrhundert im Bürgerkrieg Opfer gebracht beziehungsweise „bezahlt“, und Afroamerikaner*innen hätten seither schon Etliches an Kompensation erhalten: in Form von staatlicher Wohlfahrt, Affirmative-action-Programmen und anderen Unterstützungsmaßnahmen.
Progressive und linke Stimmen bezeichnen die Sklaverei hingegen als wichtiges Thema der amerikanischen Erinnerungskultur und betonen die anhaltende Diskriminierung und strukturelle Gewalt gegen Schwarze in den USA. Ihre Situationsbeschreibung – die Diagnose des Tatbestands, wenn man so will – unterscheidet sich damit diametral von derjenigen konservativer Stimmen. Aus linker Perspektive wird jedoch häufig auch die Klassenfrage einbezogen und eine allgemeine gesellschaftliche Umverteilung für wichtiger erachtet als eine gruppenspezifische Entschädigung der schwarzen Bevölkerung, die ja weder nach Klasse innerhalb der Gruppe differenziert, noch die Ausbeutungsproblematik im gesamtgesellschaftlichen Rahmen berücksichtigt. Im Sinne von Class-race-Konkurrenzen in Fragen sozialer Gerechtigkeit gelten manchen Reparationen als zu partikularistisch.
Der hier bereits mehrfach zitierte Artikel „The Case for Reparations“ von Ta-Nehisi Coates, der 2014 in der Zeitschrift „The Atlantic“ erschien, hat durch die große mediale Aufmerksamkeit wesentlich dazu beigetragen, dass das Thema im gesellschaftlichen Mainstream angekommen ist. Sein Plädoyer für Reparationszahlungen wiederholte er 2019 im Kongress vor dem Justizausschuss im Rahmen einer Anhörung zum Gesetzentwurf HR 40 (Commission to Study and Develop Reparation Proposals for African-Americans Act), der die Schaffung einer Kommission zur Vergabe von Reparationen vorsieht. Ähnlich wie die 2015 gegründete National African American Reparations Commission (NAARC) propagiert Coates Reparationszahlungen nicht nur als Wiedergutmachung für die historische Versklavung, sondern als Entschädigung für die alltägliche und systematische anti-blackness in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Der Gesetzentwurf wurde allerdings schon 1989 zum ersten Mal eingebracht und seither immer wieder abgelehnt, weshalb einzelne Bundesstaaten, Städte und Institutionen in dieser Frage eigenständig vorangehen.
Kalifornien etwa ist der erste Bundesstaat, der 2020 eine Reparations Task Force als beratendes Gremium eingerichtet hat. Im Juni 2023 legte die Taskforce einen 1.200 Seiten umfassenden Bericht vor, in dem 115 Maßnahmen vorgeschlagen werden, darunter Direktzahlungen an die Nachfahren der Versklavten, formelle Entschuldigungen des Staates sowie Reformen im Bildungswesen und im Strafrecht. Auch wenn der Prozess bis dahin langwierig und mitunter stockend verlief, führte er in der Sache zu einer Selbstverpflichtung zur Wiedergutmachung historischen Unrechts. Im Oktober 2025 unterzeichnete der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom die Senate Bill 518 zur Etablierung eines Bureau for Descendants of American Slavery. Kalifornien war zwar kein „Sklavenstaat“ wie Georgia, Louisiana oder Kentucky, aber auch hier lebten versklavte Menschen, die beispielsweise im Zuge des „Goldrauschs“ in den Westen gebracht wurden, und viele Nachfahren der in anderen Staaten Versklavten leben ebenfalls im heute finanzkräftigsten Bundesstaat der USA. Alameda County hat als erster kalifornischer Landkreis im Juni 2026 einen umfassenden Wiedergutmachungsplan für seine schwarzen Einwohner*innen verabschiedet.
Auch einige Universitäten setzen sich seit Längerem mit ihrer Geschichte und Komplizenschaft mit der Institution der Sklaverei auseinander. Darunter etwa die Georgetown University, eine Jesuiten-Gründung aus dem Jahr 1789, die 1838 über 270 Menschen verkaufte, um den Bankrott der Universität abzuwenden. Nach einer Abstimmung unter den Studierenden etablierte die Universität 2022 einen Versöhnungsfonds und eine Stiftung, die bis zu einer Milliarde US-Dollar für die Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur betroffener Communitys bereitstellen soll. Zudem erhalten Nachkommen der damals verkauften Menschen eine bevorzugte Berücksichtigung bei der Zulassung zum Studium.
All diese Beispiele zeigen: Es gibt in den USA vielleicht (noch) keine flächendeckende, nationale Strategie für Entschädigungen und Reparationen, aber die jahrzehntelange Debatte hat ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in dem das Ziel von materieller Wiedergutmachung nicht mehr abwegig oder unerreichbar erscheint – auch nicht angesichts eines seit 2016 deutlich spürbaren Rechtsrucks im Land. Letzterer führt zu juristischen Anfechtungen einiger dieser bereits ergriffenen Maßnahmen, nicht aber zu deren gesellschaftlicher Delegitimierung. Vielmehr zeigt sich, dass Forderungen nach Reparationen für die Sklaverei und ihre anhaltenden Folgen durchaus Rückhalt in der Zivilgesellschaft haben, trotz der vehementen Bemühungen der MAGA-Bewegung des aktuellen US-Präsidenten Donald Trump, die Erinnerungskultur von der Anerkennung weißer Schuld wieder zu „bereinigen“. Eine trockene Feststellung von Ta-Nehisi Coates steht derlei Bestrebungen mahnend entgegen: „In diesem Land waren wir länger versklavt, als wir frei waren.“