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Liberaler Westen, imperialer Westen | Völkerrecht | bpb.de

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Liberaler Westen, imperialer Westen Multipolarität ist, was Staaten daraus machen

Daniel Marwecki

/ 17 Minuten zu lesen

Was bedeutet es für die Zukunft der Weltordnung, wenn der US-Anspruch auf liberale Hegemonie zugunsten einer imperialen Nostalgie und einer chaotischen Außenpolitik aufgegeben wird? Multipolarität und Völkerrechtsorientierung bieten Europa Chancen.

Seit der Wiederwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten fürchten in Deutschland viele das Ende des Westens. Der Westen, so der Titel eines Buches zur globalen Zeitenwende, „sind jetzt wir“. Die Idee, dass der Westen entweder „vorbei“ sei oder aber die USA ihn nicht mehr repräsentierten, dürfte in Trumps MAGA-Bewegung („Make America Great Again“) auf Widerspruch stoßen. Dort sieht man sich nicht nur als Teil des Westens, sondern als seinen wahren Kern – mit dem Unterschied, dass völkerrechtliche Normen nicht mehr zur Selbstdefinition gehören.

Dies demonstrierte etwa US-Außenminister Marco Rubio im Februar 2026 mit seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz: „Wir sind Teil einer Zivilisation – der westlichen Zivilisation. Wir sind durch die tiefsten Bande miteinander verkettet, die Nationen teilen können: geschmiedet durch Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte, des christlichen Glaubens, der Kultur, des Erbes, der Sprache, der Abstammung und der Opfer, die unsere Vorfahren zusammen für die gemeinsame Zivilisation brachten, deren Erben wir sind.“ Rubio erinnerte sein Publikum daran, was diese Zivilisation einst groß gemacht hatte: „Die fünf Jahrhunderte vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs war der Westen dabei, sich auszubreiten – seine Missionare, seine Pilger, seine Soldaten, seine Entdecker strömten von seinen Küsten aus, um Ozeane zu überqueren, neue Kontinente zu besiedeln, riesige Imperien zu bauen, die sich über den gesamten Globus erstreckten.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg aber, fuhr er fort, drohte der Abstieg. Damals hätten viele geglaubt, dass der Westen sich gegenüber dem Kommunismus und dem Antikolonialismus zurückziehen müsse: „Aber zusammen erkannten unsere Vorgänger, dass Abstieg eine Entscheidung war – und es war eine Entscheidung, die sie ablehnten.“

Heute stehe der Westen erneut vor einer solchen Entscheidung. Gibt er sich dem Abstieg hin oder wehrt er sich? Rubio lud sein europäisches Publikum ein, zusammen mit den USA für die von ihm beschriebene Zivilisation zu kämpfen und sich dafür auf ihre einstigen Stärken zu besinnen. Man dürfe, so sagte er in Deutschland, sich dabei nicht „von Schuldgefühlen und Scham fesseln“ lassen. Für seine Betonung der transatlantischen Verbundenheit, welche im Vorjahr am selben Ort von Vizepräsident JD Vance schon aufgekündigt schien, bekam Rubio stehenden Applaus. Die „Tagesschau“ berichtete, den imperialen Klang der Allianzbekräftigung überhörend, von einem „sanften Ton“ aus Washington.

Liberale versus imperiale Nostalgie

In ihrer selbstbewussten Formulierung eines globalen Gestaltungsanspruchs weist die Münchner Rede von Rubio gewisse Parallelen zum Selbstverständnis der vorherigen Präsidentschaft Joe Bidens auf. Jener hatte nach seinen ersten hundert Tagen im Amt verkündet, dass sich die USA mit China in einem „Wettbewerb um das 21. Jahrhundert“ befänden, den man zu gewinnen gedenke. Der Unterschied zwischen dem von Rubio formulierten MAGA-Ansatz und dem liberalen Internationalismus eines Joe Biden liegt in der Betonung verschiedener Inhalte, die sich aus der Dominanzgeschichte des Westens ziehen lassen. Während Rubio in München die imperiale Seite des Westens hochhielt, war die Biden-Regierung bemüht, ihren Jahrhundertwettbewerb als Auseinandersetzung zwischen Demokratien und Autokratien zu rahmen.

Man kann, bei aller Verschiedenheit der politischen Ausgestaltung, auf beiden Seiten des US-Parteienspektrums und darüber hinaus eine Nostalgie nach vergangener Dominanz feststellen. Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke schrieb im Kontext der russischen Ukraine-Invasion: „Die imperial nostalgia, die man den russischen Machteliten nachsagt, trifft auf der Gegenseite auf eine eigene, ihrer selbst noch nicht vollständig bewusste Art von Nostalgie. Sie richtet sich auf die vergangene Zukunft des Liberalismus als Weltmodell und universale Doktrin.“ Koschorke hat hier den Geschichtserfolg des liberalen Modells über seinen sowjetischen Widersacher im Sinn. Doch auch die imperiale Nostalgie von Rubio kann sich auf Geschichte stützen. Der Politikwissenschaftler Samuel Huntington, Erfinder der These vom „Clash of Civilizations“, auf die der US-Außenminister sich implizit berief, schrieb in seinem gleichnamigen Buch, dass der Westen „die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen, seiner Werte oder seiner Religion“ erobert habe. Der Schlüssel zur westlichen Dominanz liege vielmehr in seiner „Überlegenheit in der Anwendung organisierter Gewalt. Menschen aus dem Westen vergessen das oft. Menschen außerhalb des Westens vergessen das nie.“

Dieser Grund für die langgehegte Dominanz des Westens wird gerade in Deutschland oft übersehen. Anders lässt sich die hier so häufig beobachtbare Gleichsetzung von „Westen“ und „Liberalismus“ nicht erklären. Der Westen war aber stets beides: imperial und liberal. Die Frage ist, ob das eine ohne das andere möglich ist und falls ja, für welche dieser beiden miteinander verwobenen Geschichtsstränge man sich in Zukunft entscheidet.

Trump, so der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger in einem seiner letzten Interviews, sei eine jener Figuren, die mit den Scheinheiligkeiten ihrer Epoche aufräumten, um ihr Ende zu markieren. Der Politikwissenschaftler Ivan Krastev sieht in Trump einen Revolutionär. Doch er ist ein Revolutionär, der nach dem Umsturz der alten Verhältnisse keine neue Ordnung errichten will; vielmehr ist er nur der Abbruchunternehmer der liberalen Ordnung. Auf das Wohlstandsversprechen der Globalisierung antwortet der US-Präsident mit Zöllen. Der oft kritisierten Scheinheiligkeit westlicher Außenpolitik begegnet er, indem er keine höheren Werte mehr für diese Politik formuliert. Um das Einhalten des Völkerrechts oder die Verbreitung der Demokratie geht es Trump nicht einmal mehr in der Absicht, darunterliegende Machtinteressen zu kaschieren. Er nimmt der westlichen Rolle in der Welt damit nicht nur den Schein wertebasierten Handelns, sondern auch den Anspruch darauf.

Mit anderen Worten: Die liberale Ordnung ist das, was die USA im Moment ihres gefühlten und realen Abstiegs preisgeben. Damit verschwinden allerdings auch die guten Argumente für die bisherige amerikanische Vormacht. Es erstaunt, mit welcher Eilfertigkeit und ohne Not sich dabei auch die loyalsten Juniorpartner, gerade in Europa, in die Eigenständigkeit treiben lassen. Man wird in der Geschichte lange suchen müssen, um ein Imperium zu finden, das sich selbst so bereitwillig schwächt.

Rezentrierung Asiens und neue Einsamkeit des Westens

Dass sich die MAGA-Bewegung um Statusverlust dreht, ist bereits am Namen erkennbar. Es muss nichts wieder großgemacht werden, was nicht zuvor (ungerechterweise) kleingemacht wurde, etwa die Position der USA im Welthandel oder der gesellschaftliche Status weißer Männlichkeit. Dabei scheint die Trump-Regierung sich außenpolitisch immer noch nicht im Klaren darüber zu sein, wie sie mit diesem Statusverlust umzugehen hat.

Nach seiner Amtseinführung hatte Rubio in einem Interview davon gesprochen, dass die Zeit amerikanischer Alleinhegemonie vorbei sei und man sich mit einer multipolaren Welt arrangieren müsse. Gibt es also eine Wahl zwischen Anerkennung der Multipolarität und ihrer Abwehr? Man muss die Frage entgegen der Rede von Rubio spezifizieren: Der Westen steht nicht vor der Wahl, ob er absteigt oder nicht, sondern wie er es tut. Oder, positiver formuliert, wie er mit dem Aufstieg der anderen umgehen will. Abstieg ist hier ein relativer, kein absoluter Begriff. Denn wenngleich in der menschlichen Geschichte nur wenig unausweichlich erscheint, so ist die Rezentrierung der Weltwirtschaft gen Asien ein struktureller Prozess, mit dem man sich im Westen arrangieren muss.

Während das 19. Jahrhundert das der sich industrialisierenden europäischen Nationalstaaten war, ist das 21. Jahrhundert vom industriellen und technologischen Voranschreiten Chinas geprägt. Heute haben etwa 70 Prozent aller Länder China als primären Handelspartner. Mehr als die Hälfte aller Länder weltweit handelt doppelt so viel mit China wie mit den USA. China ist sowohl die Werkbank der Welt als auch eine Innovationsmacht. Das Land ist für etwa ein Drittel der globalen Industrieproduktion verantwortlich und global führend bei Patentanmeldungen. Der relative Abstieg des Westens liest sich als Bewegung zurück zu einer geschichtlichen Norm, in der der indische Subkontinent und China Zentren ökonomischer und politischer Machtverteilung waren.

Es wäre falsch, diesen Wiederaufstieg nur auf die größten Länder Asiens zu reduzieren. Vietnam ist ein kleiner Nachbar Chinas, aber mit über 100 Millionen Einwohnern bevölkerungsreicher als Deutschland. Im Gegensatz zur Bundesrepublik betrug das vietnamesische Wirtschaftswachstum in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich sechs Prozent, die kurzfristige Covid-Rezession hat das Land rasch überwunden. Und auch hier geht es schon lange nicht mehr nur um die Produktion von Turnschuhen oder T-Shirts für westliche Konsumenten; beispielsweise hat Vietnam eine eigene Elektromobilitätsindustrie aufgebaut.

Der Bedeutungsverlust des Westens lässt sich nicht nur an ökonomischen Eckdaten ablesen. Auch politisch ist es um den Westen einsamer geworden. Die Kriege der Gegenwart zeugen davon. So mussten die NATO-Mitglieder feststellen, dass die Sanktionierung Russlands im Gefolge der Ukraine-Invasion vor allem deswegen nicht den erwünschten Erfolg erzielen konnte, weil Russland in China, aber auch in Indien, Südafrika oder Brasilien Handelspartner hat, die dem Krieg eher neutral bis opportunistisch gegenüberstehen und die sich eröffnenden Marktchancen in Russland für sich genutzt haben. Vor zwanzig Jahren hätten die westlichen Sanktionen vermutlich noch ausgereicht, um Russland wirtschaftlich in die Knie zu zwingen.

Beinahe spiegelbildlich zum russischen Einmarsch in die Ukraine ordnen sich die globalen Positionen zum Krieg in Gaza. Nach dem entgrenzten Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 waren es vor allem die USA, gefolgt von der Bundesrepublik, die Israels Krieg durch Waffenlieferungen und diplomatischen Rückhalt unterstützten. Die ihrerseits entgrenzte Zerstörung Gazas und seiner Gesellschaft ist eine Wirklichkeit, der sich die deutsche Öffentlichkeit lange entzog, doch zu der die Bundesregierung das Ihre beigetragen hat. Seitdem spürt die deutsche Außenpolitik nicht nur im Nahen Osten, dass ihr Ruf als völkerrechtlich glaubhafter Akteur tiefen Schaden genommen hat. Das Scheitern der Bewerbung um einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat Anfang Juni 2026 ist dabei nur ein Beispiel.

Was folgt auf die liberale Ordnung?

Wenn der relative Abstieg des Westens der Trend ist und der US-amerikanische Anspruch auf liberale Hegemonie zumindest aktuell zugunsten einer imperialen Nostalgie und einer chaotischen Außenpolitik aufgegeben wird: Was bedeutet das für die Zukunft der Weltordnung? Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten.

Kurz nach dem Kalten Krieg warnte der bereits erwähnte Samuel Huntington vor einer Welt mit einem schwächeren Amerika: „Eine Welt ohne amerikanische Vorherrschaft wird eine Welt mit mehr Gewalt und Unordnung, mit weniger Demokratie und Wirtschaftswachstum werden als eine Welt, in der die USA mehr Einfluss als alle anderen Länder auf die globalen Verhältnisse haben.“ Zu Beginn des Irakkriegs 2003 schrieb im Gegenzug der marxistische Historiker Eric Hobsbawm, dass es nichts Gefährlicheres gibt als Imperien, die keine äußere Grenze kennen, sich aber selbst für wohltätig halten. In der Tat war das fundamental Neue an der Situation nach dem Kalten Krieg, dass der Westen, angeführt von den USA, kein Gegengewicht mehr kannte.

Aus deutscher Nachkriegssicht weiß man, dass ein den USA militärisch untergeordnetes Europa friedfertiger ist als ein Europa ohne eine äußere stabilisierende Macht. Vor 1914 war Europa ein multipolares Staatensystem. Das Scheitern dieses Systems führte in den Ersten Weltkrieg. Das ist der wesentliche Grund dafür, warum das Wort „Multipolarität“ in Europa wie eine Drohung klingt. An anderen Orten der Welt, die mit westlicher Dominanz andere Geschichts- und Gegenwartserfahrungen verbinden, ist das anders. Letzten Endes aber ist Multipolarität, zumindest im Sinne der Abwesenheit einer globalen Alleinhegemonie, der Normalzustand.

Dazu schreibt der Politikwissenschaftler Amitav Acharya aus einer postkolonialen Perspektive, dass es internationale Ordnungen lange vor der westlichen Dominanz gegeben habe und auch danach geben werde. Warum sollten nur westliche Länder dazu fähig sein, eine Ordnung aufrechtzuerhalten, zumal sie ihre eigenen Prinzipien selbst schon so oft unterlaufen haben? Zu diesem mit geschichtlichen Beispielen unterfütterten Argument Acharyas passt, dass das Versprechen der UN-Charta auf ein Mindestmaß an gemeinsamen Regeln des zwischenstaatlichen Umgangs nichts von seiner Relevanz eingebüßt zu haben scheint. Es ist zumindest erstaunlich, dass es die Vereinten Nationen überhaupt noch gibt, bedenkt man, wie oft sie seit ihrer Gründung bereits für tot erklärt worden sind.

Auch aus traditionell-realistischen Blickwinkeln lassen sich nicht nur pessimistische Antworten auf die Frage finden, wie eine Welt nach der westlichen Vormacht aussehen mag. So weist Marc Trachtenberg, einer der wichtigsten Historiker zur Geschichte des Kalten Krieges, in seiner umfassenden Analyse der liberalen Ordnung darauf hin, dass ihr Ende nicht zwingend der Beginn eines permanenten Kriegszustandes sein muss, sondern ebenso den Beginn eines mehr oder minder stabilen Miteinanders bedeuten könne. Er stützt diesen Gedanken auf eine einfache Annahme: „Staaten haben ein Interesse daran, so viele Freunde wie möglich und so wenig Feinde wie nötig zu haben. Das bedeutet, dass sie ein Interesse daran haben, zueinander in geschäftsähnliche Beziehungen zu treten – also die gegenseitigen Kerninteressen zu respektieren und sich in die jeweiligen inneren Angelegenheiten nicht einzumischen. Ein solcher Ansatz kann zu einem relativ stabilen internationalen System führen.“

Eine multipolare Welt kann eine schlechtere sein, muss es aber nicht. Auch sollte man nicht glauben, dass in einer weniger westlich dominierten Welt alle Anteile der liberalen Ordnung zwangsläufig verschwinden würden. Am offensichtlichsten betrifft das marktliberale Handelsprinzipien. So ist im Frühjahr 2026, getrieben von der US-amerikanischen Zollpolitik, nach jahrzehntelanger Verzögerung ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Handelsblock Mercosur vorläufig in Kraft getreten. Auch mit Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, hat die EU Anfang 2026 die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen abgeschlossen. Hier jedenfalls scheint die Antwort auf die Krise der liberalen Ordnung mehr Liberalismus zu sein. In Asien herrscht ohnehin ein Handels- und Entwicklungsprimat: Mit der 2022 ins Leben gerufenen „Regional Comprehensive Economic Partnership“ befindet sich dort die größte Freihandelszone der Welt.

Die Welt ist, wie wir handeln

In der akademischen Disziplin der Internationalen Beziehungen existiert eine weitere Denkrichtung, die für das Nachdenken über eine Welt nützlich ist, in der eine alte Hegemonie schwindet, ohne direkt durch eine neue ersetzt zu werden. Der aus der Soziologie entlehnte Theorieansatz des Konstruktivismus besagt, dass die Wirklichkeit durch die soziale Interaktion ihrer Teilnehmer immer wieder neu hergestellt, sprich, konstruiert wird. Ein wichtiger Artikel, der half, diese Denkweise in der Disziplin zu verankern, trägt sein Argument im Titel: „Anarchy is what states make of it“. Heruntergebrochen argumentiert darin der Politikwissenschaftler Alexander Wendt, dass Anarchie zwar ein Strukturmerkmal der internationalen Politik ist, da es einen Weltstaat nicht gibt. Wie aber mit dieser Anarchie umgegangen wird, ist eine Frage, die durch die Teilnehmer der Staatenwelt ausgehandelt wird. So sind laut Wendt mehrere „Kulturen“ der Anarchie möglich, je nachdem, nach welcher geteilten Identität Staaten ihr Handeln ausrichten. Eine „hobbesianische“ Wolfswelt ist genauso konstruierbar wie eine „kantianische“ Welt der Kooperation. Oder, wie es der Politikwissenschaftler Klaus Schlichte in einer lesenswerten Streitschrift formuliert: „Das Drama staatlicher Machtpolitik ist kein Schicksal.“ Weswegen die Behauptung oder unhinterfragte Annahme, dass dem so sei, ihrerseits schon als diskursiver Ausdruck von Machtpolitik zu lesen ist.

Man sollte den sozialkonstruktivistischen Gedanken jedoch nicht übertreiben. Es gibt in der internationalen Politik offene und weniger offene Hierarchien, die die Handlungsspielräume von Staaten bestimmen. Materielle Interessen lassen sich in einem global-kapitalistischen Wettbewerbssystem nicht wegtheoretisieren. Nichtsdestotrotz hat der konstruktivistische Ansatz etwas Befreiendes: Er verleiht Handlungsfähigkeit und eröffnet die Möglichkeit kollektiven Wandels in Richtung einer menschenwürdigeren Ordnung. Zum Beispiel, indem man die staatliche Interaktion auf Diplomatie und Kooperation hin ausrichtet, mit den Zielen Frieden, Recht oder Entwicklung. Das Völkerrecht und andere zivilisierende Normen des Zusammenlebens sind nicht gesetzt: Erst, wenn man nach ihnen handelt, werden sie zum Leben erweckt.

Solche Gedanken mögen einem in Zeiten wachsender Rüstungsausgaben, immer neuer Kriege und global abnehmender Demokratie als naiv erscheinen. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 etwa davon, dass die deutsche Außenpolitik „gemessen an ihren Machtmitteln“ in den vergangenen Jahrzehnten einen „normativen Überschuss“ gehabt habe. Doch die Menschheit ist nicht darauf festgelegt, immer wieder neue Kriege vorbereiten zu müssen – weder aufgrund der Natur des Menschen noch aufgrund der Geopolitik, des Kapitalismus, der Abwesenheit einer Weltregierung oder anderer Faktoren.

Ein möglicher europäischer Weg

In westlichen Ländern läuft bereits seit Längerem eine Debatte, die möglicherweise noch gar nicht als solche begriffen wird. Doch es werden aktuell schon Positionen über die Art und Weise verhandelt, wie man mit dem eigenen Abstieg umgehen soll. Die Bandbreite der Positionen bewegt sich dabei zwischen folgenden Polen: Auf der einen Seite findet sich die imperiale Nostalgie eines Marco Rubio, auf der anderen Seite lässt sich die Außenpolitik der spanischen Regierung unter Pedro Sánchez beispielhaft anführen. Im Gegensatz zur deutschen Regierung hat Spanien die israelische Kriegsführung in Gaza mit Verweis auf das Völkerrecht früh kritisiert. Dasselbe gilt für den Krieg Israels und der USA gegen Iran; Sánchez dazu: „Die spanische Position ist dieselbe wie in der Ukraine oder Gaza. Nein zum Zusammenbruch des internationalen Rechts, das uns alle schützt. Nein zur Konfliktlösung mit Bomben. Nein zum Krieg.“

Diese Völkerrechtsorientierung zahlt sich aus: Europäische Regierungen bewegten sich nach und nach in unterschiedlichem Tempo in Richtung der spanischen Position. Das Ausmaß der Zerstörung in Gaza ist auch für die deutsche Außenpolitik nicht völlig zu ignorieren. Ebenso verhält es sich mit dem Umstand, dass der Krieg gegen Iran das dortige repressive theokratische Regime nicht etwa geschwächt, sondern politisch gestärkt hat – was zeigt, dass das Völkerrecht eine realpolitische Dimension hat, von der es sich nicht einfach lösen lässt.

Stark materialistisch orientierte Sichtweisen der internationalen Politik, beispielsweise aus dem Realismus oder dem Marxismus, weisen der Rolle von Ideen oder Werten nur geringe Wichtigkeit zu, weswegen sie dazu tendieren, im Völkerrecht nur eine moralische Zierde oder ein diskursives Machtinstrument zu sehen. Das übersieht, dass das Völkerrecht selbst ein politisches Erfahrungsresultat ist, und zwar von Weltkriegen und Genozid. Gerade für Staaten wie Deutschland, deren Einfluss im weltweiten Vergleich schrumpft, sind gemeinsame Regeln kein Luxus, sondern werden immer stärker zur Notwendigkeit. Sie sind im außenpolitischen Interesse.

Multipolarität als Chance?

Der Begriff der Multipolarität, schreibt der Politikwissenschaftler Volker Perthes, ist „reichlich unbestimmt“. In Moskau hat er einen anderen Klang als in Neu-Delhi, die Interpretation in China ist nicht notwendigerweise dieselbe wie in Südafrika. So versucht beispielsweise die russische Regierung, die sich schwerlich dem „globalen Süden“ zurechnen kann, ihre Ukraine-Invasion als Krieg für eine multipolare Ordnung zu legitimieren. Die Tendenz zu einer weniger westlichen Welt geht jedoch über das Machtstreben eines Wladimir Putin weit hinaus. Es handelt sich um einen historischen Trend, den der russische Präsident lediglich für seine Zwecke auszunutzen weiß. So liegt in der Unbestimmtheit des Begriffs auch eine Chance: Er ist besetzbar. Eine europäische Neufassung des Begriffs müsste es schaffen, den relativen Abstieg des Westens nicht primär als eigenen Verlust oder Bedrohung erfahrbar zu machen. Besser erscheint ein Zweckoptimismus des Willens: Man sollte das Beste aus dem machen, was man nicht verändern kann.

Auch hier liefert die derzeitige spanische Regierung außenpolitische Denkanstöße. Im April 2026 hielt Pedro Sánchez an der Tsinghua-Universität in Beijing eine Rede, die sich wie eine Antwort auf Rubios Münchner Rede liest. Sánchez sagte vieles, was bei seinen Gastgebern auf offene Ohren gestoßen sein dürfte; er würdigte China als Großmacht und lobte das rhetorische Eintreten der chinesischen Regierung für eine regelbasierte und multilaterale Welt. Doch in das Lob eingebettet war auch eine Kritik an den chinesisch-europäischen Beziehungen, wie sie sich aus europäischer Sicht darstellen. Die europäische Sicht auf China wird von zwei Faktoren belastet. Der erste ist die chinesische Nähe zu Russland: Ohne chinesische Energieimporte aus und Industrieexporte nach Russland wäre der Krieg in der Ukraine kaum führbar. Der zweite betrifft das gigantische Handelsbilanzdefizit zwischen China und der EU. Sánchez sprach beide Probleme an, wobei er wachsende Kooperation im Bereich der Energiewende in Aussicht stellte. Am interessantesten für die Überlegungen dieses Aufsatzes waren jedoch die Ausführungen zum Thema Multipolarisierung: „Meiner Ansicht nach handelt es sich bei den heutigen Entwicklungen nicht um einen Machtwechsel. Es ist vielmehr eine Vervielfachung der Pole – nicht nur der Macht, sondern auch des Wohlstands. Und das sind wunderbare Nachrichten für Europa. Denn zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte keimt der Fortschritt an vielen Orten rund um den Globus gleichzeitig auf.“

Eine solche Interpretation von Multipolarität dreht das Bild um: Statt des eigenen Statusverlusts wird der Aufstieg der anderen betont. Aus einer nicht-nationalen, globalen Perspektive ist dieser Aufstieg nämlich zu begrüßen. Vielleicht findet sich in dieser Umkehrung des Begriffs politisches Potenzial. Dabei geht es nicht um die naive Forderung nach einer gemeinsam geteilten Welt, während sich zugleich die wirtschaftlichen Konkurrenzverhältnisse verschärfen und zunehmend auch kriegerisch ausdrücken. Vielmehr geht es um eine Auseinandersetzung darüber, wie man eine Welt benennt, die sich vom Westen ablöst, und welche Interpretation welcher Politik entspricht. Die Bundesrepublik Deutschland gibt aktuell am viertmeisten für Rüstung aus. Nur die USA, China und Russland investieren mehr. Zu einer solchen Politik passt ein Diskurs der Geopolitik, die den zitierten „normativen Überschuss“ abzubauen gedenkt. Umgekehrt könnte zu einem Diskurs von Multipolarität als Chance eine Politik passen, die von der Zukunft mehr erwartet als dauerhafte Unsicherheit und ständiges Katastrophenpotenzial.

Auch wenn sich der Bedeutungsverlust des Westens in ökonomischer, politischer und symbolischer Hinsicht fortschreibt, bedeutet dies nicht, dass der Westen aus der Geschichte verschwindet. Vielmehr stellt sich in Zeiten seines relativen Abstiegs die Frage nach seiner Neudefinition, die in Deutschland, anderen europäischen Ländern oder den USA nicht notwendigerweise gleich beantwortet werden muss. Aus der innerwestlichen Differenz zu dieser Frage lässt sich noch kein politisches Programm für eine Welt nach der westlichen Dominanz ableiten. Vielmehr ginge es darum, mögliche Optionen aufzuzeigen. Ist die Antwort auf den gefühlten und tatsächlichen Abstieg eine imperiale, die sich auf Kulturkampf und alte Überlegenheitsfantasien stützt? Oder soll die Antwort eine posthegemoniale, liberale und völkerrechtsorientierte sein? In Zeiten, da der künftige Geschichtsverlauf wieder offen erscheint, werden grundlegende Debatten notwendig. Multipolarität ist auch, was Staaten daraus machen.

ist promovierter Politikwissenschaftler und lehrt internationale Beziehungen an der University of Hong Kong. 2025 erschien sein Buch „Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert“ im Ch. Links Verlag.