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Von al-Qaida zum Einzeltäterterrorismus – wie sich der islamistische Terrorismus in Deutschland seit „9/11“ verändert hat

Dr. Guido Steinberg

/ 13 Minuten zu lesen

25 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zeichnet Guido Steinberg die Entwicklung des islamistischen Terrorismus in Deutschland nach: von den ersten kleinen Netzwerken in den 1990er-Jahren über al-Qaida-Strukturen und die Ausreisewelle zum „Islamischen Staat“ bis zum heutigen, stark digital geprägten Einzeltäterterrorismus. Der Beitrag zeigt, wie sich Rekrutierung, Radikalisierung und Anschlagsmuster verändert haben – und welche Herausforderungen daraus für die Sicherheitsbehörden entstehen.

Am ehemaligen Standort des World Trade Centers erinnert das 9/11 Memorial an die Anschläge vom 11. September 2001. (© Amy Dreher | Courtesy of the 9/11 Memorial & Museum)

Lange blieb das Ausmaß des islamistischen Terrorismus in Deutschland weit hinter dem in europäischen Nachbarländern zurück. Dies hatte vor allem damit zu tun, dass sich die dschihadistische Ideologie in der westlichen Welt nur schrittweise verbreitete. In den 1990er-Jahren war der Dschihadismus vor allem unter Arabern und Pakistanis bekannt, von denen in Deutschland nur wenige, in Frankreich und Großbritannien dafür aber umso mehr lebten. Erst als sich dieses Gedankengut ab der Jahrtausendwende auch unter anderen Migrantenpopulationen wie Türken und Kurden verbreitete und wenige Jahre später auch zu einem einheimischen Phänomen wurde, wuchs die dschihadistische Szene in Deutschland.

Die Frühzeit (bis 2004/2005)

Ab der ersten Hälfte der 1990er-Jahre verzeichnete Deutschland erste Ausreisen von Dschihadisten nach Afghanistan, wo verbliebene arabische Afghanistankämpfer der 1980er-Jahre Ausbildungslager für Freiwillige unterhielten. Gleichzeitig entstand in Deutschland erstmals eine kleine dschihadistische Szene in der Freiburger Ibad al-Rahman Moschee. Getragen wurde dieses Milieu von arabischen Studenten, die sich erst seit wenigen Jahren in Deutschland aufhielten. Die in der Frühzeit (zunächst in Freiburg) wichtigste Figur war der ägyptische Arzt und Prediger Yahia Yusuf (geboren 1958), der in den Folgejahren zum Gründervater des deutschen Dschihadismus aufsteigen sollte. Die jungen Männer begeisterten sich zunächst für den Dschihad in Bosnien, wo Interner Link: zwischen 1992 und 1995 ein Bürgerkrieg herrschte, in dem sich bosnische Muslime, Kroaten und Serben gegenüberstanden. Die Freiburger Gruppe unterstützte die meist arabischen ausländischen Freiwilligen, die am Bürgerkrieg teilnahmen, um den Muslimen im Land beizustehen. Der bekannteste Deutsche, der sich eine Zeitlang in Bosnien aufhielt und dort Propagandavideos erstellte, war der aus Ägypten stammende Reda Seyam (1960–2016), der später zum führenden Vertreter des deutschen Kontingents im „Islamischen Staat“ (IS) aufstieg (vgl. Sandberg 2008).

Erst ab 1997 reisten mehrere jüngere Männer aus Deutschland nach Afghanistan, um sich dort von al-Qaida ausbilden zu lassen. Die Organisation hatte sich gerade entschieden, den Kampf gegen die USA aufzunehmen und erste Planungen für die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington, D.C. begonnen. Die Rekruten aus Deutschland waren so wichtig, weil es al-Qaida zunächst an geeignetem Personal fehlte, das ohne Probleme in die USA einreisen konnte, ausreichend Englisch sprach und genügend technisches Verständnis mitbrachte, um sich an Flugschulen in den USA zu Piloten ausbilden zu lassen. Drei Mitglieder der „Hamburger Zelle“ – der Ägypter Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Libanese Ziad Jarrah – brachten diese Voraussetzungen mit. Alle drei studierten in Hamburg und waren Teil einer etwas größeren Gruppe von rund einem Dutzend Personen, die in der Hamburger al-Quds Moschee für al-Qaida gewonnen worden war. Wie das Beispiel der „Hamburger Zelle“ zeigte, war der Dschihadismus in Deutschland um die Jahrtausendwende noch ein eher ausländisches Phänomen. Die Studenten hatten einen Großteil ihres Lebens in ihren Heimatländern verbracht und waren erst seit wenigen Jahren in Deutschland.

In Deutschland verursachten die Anschläge vom 11. September 2001 und die Rolle der „Hamburger Zelle“ große Bestürzung. Bundeskanzler Gerhard Schröder versprach den USA „uneingeschränkte Solidarität“ und schickte deutsches Militär zur Unterstützung des von den Amerikanern angeführten Interner Link: NATO-Einsatzes nach Afghanistan. Mounir al-Motassadeq, ein besonders wichtiger Helfer der „Hamburger Zelle“, wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die strafrechtliche Verfolgung von Terroristen wurde mit dem Interner Link: Paragraphen 129b Strafgesetzbuch auf eine neue Grundlage gestellt, denn erstmals standen ab 2002 auch die Mitgliedschaft in und die Unterstützung von ausländischen terroristischen Organisationen wie etwa al-Qaida unter Strafe. Die Strukturen dschihadistischer Gruppierungen in Deutschland blieben in den Folgejahren aber zunächst schwach. Nur im Frühjahr 2002 plante eine kleine Gruppe im Ruhrgebiet – die „Tauhid-Zelle“, die aus Anhängern des jordanischen Terroristen Abu Musab az-Zarqawi (1906–2016) bestand – einen Anschlag, wurde aber frühzeitig entdeckt.

Der Irak, Pakistan und Afghanistan (bis 2011/2012)

Erst in den Jahren nach 2001 entstand auch in Deutschland ein stärker lokal geprägtes dschihadistisches Milieu. Während der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2006 entging Deutschland nur knapp einem Anschlag. Am 31. Juli jenes Jahres wurden an Bord von zwei Regionalzügen in Nordrhein-Westfalen selbstgebastelte Bomben gefunden, die nur aufgrund eines kleinen technischen Fehlers nicht detoniert waren. Die beiden Attentäter aus dem Libanon, die beide erst als Erwachsene zum Studium nach Deutschland eingereist waren, wurden anschließend gefasst. Ihr Hauptmotiv dürften die erstmals im September 2005 in Dänemark veröffentlichten Mohammed-Karikaturen gewesen sein, die in den Folgejahren immer wieder als Begründung für dschihadistische Gewalt in Europa dienten (vgl. Nitschmann 2008).

Der als „Kofferbomber“-Attentat bekannt gewordene Anschlagsversuch bildete den Auftakt zu einer Reihe von Planungen, die meist von Afghanistan ausgingen, wohin ab 2004/2005 einige Dutzend deutsche Dschihadisten ausreisten. Ausgangspunkt dieser Entwicklung war das salafistische „Multikulturhaus“ in Neu-Ulm, wo Yahia Yusuf und andere Dschihadisten aus Freiburg um das Jahr 2000/2001 eine neue Wirkungsstätte fanden. Einige junge Besucher des Zentrums rund um den Konvertiten Fritz Gelowicz wollten ursprünglich in Tschetschenien kämpfen, schlossen sich dann aber – nach einigen Monaten des Suchens, die sie in die Türkei und nach Syrien führten – in Afghanistan der usbekischen Islamischen Dschihad Union (IJU) an, die eng mit al-Qaida verbündet war. 2006 und 2007 schickte die IJU die „Sauerland-Zelle“ nach Deutschland zurück, die während der Vorbereitungen für einen großen Anschlag in einem Ferienhaus im Sauerland gefasst wurde (vgl. Steinberg 2013: 59–76).

In den Jahren 2006 bis 2012 schlossen sich mehrere Deutsche in Pakistan und Afghanistan der IJU, al-Qaida, der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) und einer rein deutschen Propagandatruppe namens Deutsche Taliban Mujahideen an. Zur Gefahr für Deutschland wurde vor allem al-Qaida, die einige Deutsche und auch andere Europäer in den Jahren 2010 und 2011 in ihre Heimatländer zurückschickte, damit sie dort Anschläge verübten. Besonders bedrohlich war der Fall der „Düsseldorfer Zelle“, die aus vier Personen bestand, die im April 2011 verhaftet wurden. Sie wurde von dem Marokkaner Abdeladim El-Kebir (geboren 1982) angeführt, der kurz zuvor aus Pakistan zurückgekehrt war. Die Gruppenmitglieder zeichneten sich durch besondere technische Fähigkeiten und eine hohe ideologische Motivation aus, was zu einem verheerenden Attentat hätte führen können, wären sie nicht rechtzeitig entdeckt worden (vgl. Oberlandesgericht Düsseldorf 2014). Der einzige „erfolgreiche“ Anschlag dieser Jahre war jedoch der eines Einzeltäters: Am 2. März 2011 erschoss der junge Kosovare Arid Uka am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten. Er war stark beeinflusst von der Propaganda von Monir und Yassin Chouka, die damals der IBU angehörten und aus Pakistan Videos für die Organisation verbreiteten. Sie wurden zu frühen „Popstars“ der noch jungen und kleinen dschihadistischen Szene in Deutschland, bis sie 2014 auf der Reise von Pakistan nach Syrien im Iran starben beziehungsweise verhaftet wurden (vgl. Gude/Schmid 2015).

Die Deutschen in Syrien (2012 bis 2019)

In Deutschland war das dschihadistische Milieu seit 2005 erstarkt. Damals traten erstmals Prediger auf, die die salafistische und dschihadistische Lehre auch auf Deutsch verbreiteten. Vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings 2011 traten sie immer offensiver auf. Dschihadisten bildeten Organisationen, die Propaganda verbreiteten und für den bewaffneten Kampf in Nordafrika und im Nahen Osten rekrutierten. Die wichtigste Gruppe nannte sich Millatu Ibrahim und entstand im Herbst 2011 in Berlin. Ihr Anführer war der ägyptischstämmige Österreicher Mohamed Mahmoud (alias Abu Usama al-Gharib, getötet 2018), der 2011 nach Deutschland übersiedelte. Schon vor dem Verbot der Gruppe im Juni 2012 setzten sich Mahmoud und mehrere Gefolgsleute ab. Sie reisten über Ägypten, Libyen und über die Türkei nach Syrien. Die Mitglieder der Gruppe schlossen sich zunächst mehrheitlich der tschetschenischen Organisation Dschunud asch-Scham (zu dt.: „Soldaten Syriens“) an. Andere Deutsche heuerten bei der Nusra-Front (Dschabhat an-Nusra) und kleineren Gruppierungen an. Als im Frühjahr 2013 der „Islamische Staat im Irak und Syrien“ (ISIS, ab Juni 2014 IS) aus al-Qaida im Irak (AQI) beziehungsweise dem „Islamischen Staat im Irak“ (ISI) hervorging, liefen die meisten Deutschen nach einer Übergangszeit zu dieser Organisation über.

Radikalisierung und Rekrutierung

Die führenden Mitglieder von Millatu Ibrahim veröffentlichten von unterwegs Videos, in denen sie versuchten, neue Anhänger zu gewinnen und diese zur Ausreise nach Syrien sowie zum Anschluss an „ISIS“ bzw. den „IS“ zu bewegen. Neben Mahmoud war es vor allem der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert (alias Abu Talha al-Almani, getötet 2018), der weit über den deutschen Sprachraum hinaus bekannt wurde (vgl. Senatsverwaltung für Inneres und Sport 2014). In Deutschland wurde nach der Ausreise der meisten Millatu-Ibrahim-Mitglieder das Netzwerk von Interner Link: Die Wahre Religion zum wichtigsten Sammelbecken junger Dschihadisten. Die Gruppe wurde von dem palästinensischen Geschäftsmann und Prediger Ibrahim Abou-Nagie (geboren 1964) aus Bonn angeführt, der sie 2005 gegründet hatte. Von Millatu Ibrahim unterschied Die Wahre Religion vor allem, dass sie nicht so sehr auf den Irak und den „IS“ fixiert war (vgl. Kraetzer 2014: 167–170). Die Gruppe wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als sie Ende 2011 die „Lies!“-Kampagne begann. Mitglieder und Unterstützer verteilten in den Einkaufsstraßen vieler deutscher Städte kostenlose Übersetzungen des Koran. Die Aktion war ein PR-Meisterwerk, denn plötzlich erhielt die Organisation Zuspruch von jungen Islamisten, die sie bis dahin nicht erreicht hatte und motivierte sie zur Ausreise (Bundeskriminalamt 2016: 20, 22). Während Die Wahre Religion und das „Lies!“-Projekt vor allem ein Sammelbecken darstellten, spielte sich die Rekrutierung für dschihadistische Organisationen in den ersten Jahren meist im geschützten Umfeld von Moscheen ab, wo mehr oder weniger charismatische Prediger für den bewaffneten Kampf in Syrien warben und rekrutierten. Wichtige Rekrutierungszentren fanden sich in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Bonn, aber auch in Bremen, Bochum, Dortmund, Wuppertal und Wolfsburg. Besonders prominent wurde der irakisch-kurdische Prediger Abu Walaa (ursprünglich Ahmad A., geboren 1984), der bis zu seiner Verhaftung im November 2016 in Hildesheim predigte, aber eng mit Dschihadisten in Berlin, im Ruhrgebiet und anderen Orten verbunden war und als Gesicht des „IS“ in Deutschland galt. Zahlreiche Besucher seiner Vorträge reisten ab 2014 nach Syrien aus (Oberlandesgericht Celle 2021).

Ausreisen und Aufenthalt beim „IS“

Zwischen 2012 und 2025 reisten etwa 1.150 Dschihadisten und Dschihadistinnen aus Deutschland nach Syrien und den Irak aus (vgl. Woldin 2025). Obwohl genaue Zahlen nicht vorliegen, schloss sich die weit überwiegende Mehrheit von ungefähr 80 Prozent dieser Freiwilligen dem „IS“ an. Nach ersten Einzelfällen aus dem Jahr 2012 wuchs die Zahl im Jahr 2013 auf einige Dutzend an, bevor sie in der zweiten Jahreshälfte 2014 massiv anstieg. Als zentraler Auslöser erwies sich damals die Ausrufung des Kalifats durch den „IS“, der seine Anhänger und Anhängerinnen weltweit zur Auswanderung (Hidschra) in das Land des Islam (Dar al-Islam) verpflichtete. Einmal angekommen, wurden die Deutschen rasch in die entstehenden Strukturen des „IS“ eingebunden. So wurden sie verschiedenen Kampfgruppen (Kata’ib, im Singular Katiba) zugeordnet, mit denen sie an Kämpfen teilnahmen. Sehr viele Deutsche gehörten zur Anwar-al-Aulaqi-Katiba, in der englischsprachige Rekruten aus westlichen Ländern dominierten. Besonders loyale Kämpfer wurden in die starke Geheimpolizei (al-Amn) aufgenommen, die aufgrund ihrer Effektivität und Brutalität berüchtigt war. Andere sorgten in der Religionspolizei (al-Hisba) dafür, dass sich die Menschen im „IS“-Gebiet an die Verhaltens- und Kleiderregeln der Organisation hielten. Auch Frauen – die etwa 20 Prozent der Ausreisenden ausmachten – wurde es ermöglicht, für den „IS“ aktiv zu werden (vgl. Bundeskriminalamt 2016: 12). Sie übernahmen sogar bewaffnete Funktionen in der Religionspolizei, die ab 2014 weibliche Einheiten aufstellte, und in mindestens einer Kampfeinheit, die 2016 entstand und sich Katiba Nusaiba nannte. Trotzdem dominierten die Männer das Geschehen im deutschen Kontingent des „IS“. Mohamed Mahmoud spielte weiter eine Führungsrolle und machte sich einen Namen als Propagandist und Religionsgelehrter. Der höchstrangige deutsche Dschihadist aber war Reda Seyam, der zum „IS“-Erziehungsminister ernannt wurde (vgl. Joumah 2014).

Anschläge in Deutschland und Gegenmaßnahmen

Der Aufstieg des „IS“ wirkte sich ab 2015 deutlich sichtbar auf die Sicherheitslage in Deutschland aus. Nachdem die ersten „IS“-Anschläge 2014 und 2015 Zielen in Belgien und Frankreich galten, erschütterten im Jahr 2016 fünf Attentate die Bundesrepublik Deutschland, von denen die ersten vier noch keine unbeteiligten Todesopfer forderten. Ihren Höhepunkt fand diese Welle am 19. Dezember 2016, als der Tunesier Anis Amri einen LKW in einen Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz lenkte und 13 Menschen tötete. Amri und drei weitere Täter des Jahres 2016 waren vom IS „angeleitet“ worden. Zwar hatten sie allein gehandelt, doch standen sie über den Instant-Messaging-Dienst Telegram in Kontakt mit „IS“-Propagandisten und Anschlagsplanern in Syrien, die sie bis zur Tat virtuell begleiteten und bei der Wahl der Anschlagsziele und -mittel berieten.

Die deutsche Politik reagierte mit einem Zentralisierungsschub darauf, dass die Sicherheitsbehörden die Attentate nicht verhindern konnten. Die deutsche Sicherheitsarchitektur ist stark fragmentiert und besteht aus 39 Behörden, die für Terrorismusbekämpfung zuständig sind – davon allein 32 in den Bundesländern (die jeweiligen Landeskriminalämter und Landesämter für Verfassungsschutz). Eine erste Zentralisierung fand schon nach den Anschlägen des 11. September 2001 statt, als im Dezember 2004 das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) in Berlin-Treptow eröffnet wurde. Mit dem GTAZ wurde keine neue Behörde, sondern – so der Behördenjargon – „Kooperationsplattform“ geschaffen, wo sich unter Führung des Bundeskriminalamts Vertreterinnen und Vertreter aller mit der Terrorismusbekämpfung betrauten Behörden treffen, austauschen und koordinieren. Nach dem Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz 2016 erfolgte ein zweiter Zentralisierungsschub, als die Koordinationsfunktion des GTAZ durch die Gründung der AG Risikomanagement gestärkt wurde. Diese Untereinheit des GTAZ sollte die bekannten islamistischen „Gefährder“ auf Grundlage der von ihnen ausgehenden Gefahr kategorisieren, den Länderbehörden Maßnahmen empfehlen und – falls notwendig – eigenständig mit Telekommunikationsüberwachung und Observierung beginnen (vgl. Flade 2017).

Der neue Einzeltäterterrorismus (2019 bis 2026)

Schon ab 2017 ließ die Gefahr durch den „IS“ in Deutschland und Europa nach. Ein Grund war, dass der „IS“ in Syrien und im Irak unter starken Druck seiner Gegner geriet und auch die innenpolitischen Gegenmaßnahmen westlicher Regierungen Wirkung zeigten. Ab 2017 schienen die USA die Überwachung der Kommunikation zwischen islamistischen Terroristen wieder ungefähr auf den Stand gebracht zu haben, der vor 2014 Standard war. In Deutschland etwa hatten die wichtigsten Anschlagsplanungen – darunter die der „Sauerland-Zelle“ und der „Düsseldorfer Zelle“ – verhindert werden können, weil US-Behörden Kommunikation zwischen den Terroristen rechtzeitig abfingen. Dies war zwischen 2014 und 2016 aufgrund neuer, verschlüsselter Kommunikationsmittel wie vor allem Telegram oft nicht mehr der Fall, was die hohe Zahl großer Anschläge in Deutschland und Europa erklärte.

Ab 2019 nahm der islamistische Terrorismus in Deutschland eine neue Gestalt an. Statt großer organisierter Anschläge setzte der neue, fragmentierte „IS“ in der westlichen Welt auf „inspirierte“ und „angeleitete“ Einzeltäter und Kleingruppen. Die Interner Link: Radikalisierung und Rekrutierung fand fast nur noch in Interner Link: Sozialen Medien – die Radikalisierung auf verschiedenen Plattformen, die Rekrutierung aber fast ausschließlich auf Telegram – und nur noch sehr selten in Moscheen statt. Bei den inspirierten Anschlägen konsumierten die Terroristen Propaganda des „IS“ und ließen sich von den Aufrufen der Organisation überzeugen, in ihrem Namen Anschläge zu begehen. Sie waren nur schwer zu verhindern, weil sie nicht oder nur wenig über die bevorstehenden Taten kommunizierten und auf diese Weise nur wenige Spuren hinterließen. Noch gefährlicher waren die angeleiteten Täter, die über Telegram weiterhin von „IS“-Personal im Nahen Osten, häufig aber auch von Planern des „IS“-Ablegers in Afghanistan namens „IS Provinz Khorasan“ (ISPK) geführt wurden. Zwar wurden viele angeleitete Täter gefasst, fast immer, weil US-Behörden ihre deutschen Kollegen über verdächtige Kommunikation im Netz informierten. Doch kam es trotzdem zu zahlreichen Anschlägen, bei denen es oft schwierig ist, trennscharf zwischen inspirierten und angeleiteten Tätern zu unterscheiden. Bemerkenswert ist aber, dass die Attentate von Einzeltätern beider Kategorien ab 2020 – beginnend mit dem Messerangriff auf ein homosexuelles Paar in Dresden durch einen Syrer im November – oft tödlicher waren als die von Einzeltätern in der Vergangenheit. Dies sprach dafür, dass die Terroristen sich in vielen Fällen Anleitung durch Videos oder auch durch „Fachleute“ verschafft hatten.

Innerhalb der dschihadistischen Szene erwies sich der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg im Gazastreifen als wichtige Wegmarke. Der „IS“ rief seine Anhänger weltweit zu Anschlägen auf jüdische und israelische Ziele auf. In Deutschland war etwa der Anschlag von Solingen am 23. August 2024 mit drei Toten und acht Schwerverletzten eine Folge dieser Entwicklung. Die Attentäter waren oft, aber nicht immer, sehr jung und immer männlich. In besonders vielen Fällen – etwa bei Anschlägen in Solingen, Bielefeld und Berlin – handelte es sich um Flüchtlinge, die ab 2015 aus Syrien nach Deutschland gekommen waren. Deutsche Rückkehrer aus Syrien hingegen spielten keine Rolle. Der Grund für die geringe von Rückkehrern ausgehende Gefahr dürfte sein, dass zwischen 2014 und 2019 die meisten hoch ideologisierten „IS“-Anhänger im Irak und Syrien zu Tode kamen oder – allerdings in deutlich geringerer Zahl – dort in Gefangenschaft gerieten und bisher nicht zurückkehrten. Einige inhaftierte „IS“-Kämpfer könnten demnächst nach Deutschland kommen. Anfang des Jahres 2026 eroberten syrische Regierungstruppen den größten Teil des von der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) – des syrischen Ablegers der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) – beherrschten Ostsyrien. Dort waren zu diesem Zeitpunkt neben 7.000 Syrern und Irakern noch rund 2.000 ausländische „IS“-Kämpfer in mehr als 20 Gefängnissen und Haftzentren untergebracht, unter ihnen etwas mehr als zwei Dutzend aus Deutschland. Diese wurden vom US-Militär aufgrund der angespannten Sicherheitslage in Syrien fast alle in den Irak gebracht, wo die Regierung ankündigte, diejenigen, die im Irak Straftaten begangen hatten, vor Ort vor Gericht zu stellen. Bei zumindest einem deutschen Dschihadisten – Yunus Emre Sakarya aus Nordrhein-Westfalen – hat auch die amerikanische Regierung in der Vergangenheit Interesse bekundet, ihn in den USA vor Gericht zu stellen, weil er am Attentat auf das amerikanische Konsulat im libyschen Benghasi 2012 beteiligt gewesen sein soll. Sollte der Irak bei einigen der Deutschen auf die Strafverfolgung verzichten und eine Rückholung verlangen, müsste die Bundesrepublik die meisten von ihnen aufnehmen. Wer von ihnen nach der langen Haft (bei einigen schon seit 2017) in Syrien und im Irak – die möglicherweise angerechnet wird – auch in Deutschland noch mit einer Gefängnisstrafe rechnen muss, ist noch ungeklärt.

Weitere Inhalte

Dr. Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler und arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Er fungiert als Sachverständiger in zahlreichen Prozessen gegen islamistische Terroristen in Deutschland. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Zeitgeschichte und Politik des Nahen Ostens, Islamismus und islamistischer Terrorismus.