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Bedrohung im Wandel: Globale Entwicklungslinien des islamistischen Terrorismus seit „9/11“

/ 18 Minuten zu lesen

25 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September („9/11“) hat sich die sunnitisch-dschihadistische Bewegung deutlich verändert. Al-Qaida und der „Islamische Staat“ konkurrieren um Einfluss, sind jedoch beide zunehmend auf ihre regionalen Ableger angewiesen. Gleichzeitig fehlt es der Szene derzeit an charismatischen Führungspersönlichkeiten, die über einzelne Organisationen hinaus mobilisieren könnten. Zudem hat sich der geografische Schwerpunkt der Gewalt in den vergangenen Jahren nach Subsahara-Afrika verlagert. Vor diesem Hintergrund analysiert Tricia Bacon, wie sich Struktur, Führung und regionale Dynamiken der Bewegung seit „9/11“ entwickelt haben und welche Trends für ihre zukünftige Entwicklung relevant sein könnten.

Am ehemaligen Standort des World Trade Centers erinnert das 9/11 Memorial an die Anschläge vom 11. September 2001. (© Amy Dreher | Courtesy of the 9/11 Memorial & Museum)

Transparenzhinweis

Der Text von Tricia Bacon wurde im Original auf Englisch verfasst und veröffentlicht: Interner Link: A Changing Threat: Global Trajectories of Islamist Terrorism since „9/11“. Die vorliegende Fassung wurde mit der Software DeepL übersetzt und redaktionell bearbeitet.

In den 25 Jahren seit „9/11“ hat sich die sunnitisch-dschihadistische Bewegung weder statisch verhalten noch ist sie einem einzigen, geradlinigen Weg gefolgt. Vielmehr hat sie eine Reihe miteinander verknüpfter Wandlungsprozesse durchlaufen, die ihre Struktur, ihre Führung und ihre Schwerpunkte ebenso neu geformt haben wie ihr Verhältnis zu Staaten, die ihr einst unversöhnlich gegenüberstanden. Diese Veränderungen verlaufen ungleichmäßig und mitunter widersprüchlich: Sie umfassen sowohl Rückschläge für zentrale Organisationen als auch unerwartete Erfolge, die unmittelbar nach „9/11“ undenkbar gewesen wären. Zusammen betrachtet haben sie eine Bewegung hervorgebracht, die in mancher Hinsicht geschwächt, in anderer jedoch tiefer verwurzelt ist als je zuvor – mit Konsequenzen dafür, wie ihre künftige Entwicklung zu verstehen ist.

Die sunnitisch-dschihadistische Bewegung hat sich seit „9/11“ in vielerlei Hinsicht entwickelt. Vier Entwicklungslinien haben ihren globalen Kurs besonders geprägt. Nach mehr als zwei Jahrzehnten unter Druck und nach erheblichen Verlusten, sieht al-Qaida sich erstens auf seine Ableger angewiesen, um den eigenen Führungsanspruch innerhalb der Bewegung zu behaupten. Zudem sieht sie sich einem Rivalen konfrontiert, dem „Islamischen Staat“ (IS). Doch auch der ebenfalls geschwächte „Islamische Staat“ ist auf seine Ableger angewiesen, um mit al-Qaida zu konkurrieren und seine Relevanz zu halten.

Zweitens erlebt die Bewegung insgesamt erstmals einen anhaltenden Mangel an charismatischen Führungspersönlichkeiten, die neue Anhänger gewinnen und bestehende mobilisieren könnten – trotz des hohen Mobilisierungspotenzials des Kriegs in Gaza. Das liegt auch daran, dass weder al-Qaida noch der „Islamische Staat“ über solche Figuren an ihrer jeweiligen Spitze verfügen.

Die dritte große Veränderung ist die geografische Verschiebung in afrikanische Länder südlich der Subsahara. Über die gesamte Geschichte der Bewegung hinweg lagen die Aktivitätsschwerpunkte häufig in Südasien und im Nahen Osten. Doch seit 2019 haben die Ableger von al-Qaida und dem „Islamischen Staat“ in Subsahara-Afrika ein beispielloses Ausmaß an Gewalt entfaltet und Rekordzahlen an Todesopfern verursacht – und dies bei gleichzeitiger Ausweitung, die immer mehr Länder der Region destabilisiert. Damit sind diese Ableger inzwischen wohl die bedeutendsten Vertreter sowohl von al-Qaida als auch des „Islamischen Staats“. Derzeit deutet nichts darauf hin, dass diese alarmierende Entwicklung in Subsahara-Afrika abflacht.

Viertens hat die sunnitisch-dschihadistische Bewegung zwei Siege errungen, die in der Phase kurz nach dem 11. September 2001 unvorstellbar gewesen wären. Die Taliban kehrten 2021 in Afghanistan an die Macht zurück und 2024 übernahm Hayʼat Tahrir al-Scham (HTS) die Macht in Syrien. Obwohl beide Regime Verbindungen zu den ausländischen Dschihadisten aufrechterhalten, die ihnen zur Macht verholfen haben, sind sie zugleich um internationale Anerkennung bemüht – und haben diese in gewissem Maße auch erlangt. Damit sind sie für manche Anhänger der Bewegung zur Inspiration und zum Vorbild geworden, obwohl andere ihren Ansatz ablehnen. In den kommenden Jahren könnten dschihadistische Gruppen insbesondere in Subsahara-Afrika weitere Erfolge erzielen.

Perspektivisch bieten diese vier Entwicklungslinien seit „9/11“ sowohl Anlass für Optimismus als auch Besorgnis. Jede dieser Entwicklungslinien wird in diesem Artikel näher untersucht.

Der Wettstreit zwischen al-Qaida und dem „Islamischen Staat“

Struktur und Organisation der sunnitisch-dschihadistischen Bewegung sowie ihre Beziehungen zueinander haben sich seit dem 11. September erheblich verändert. Wie schon für 2001 galt, bleibt al-Qaida eine der führenden Kräfte der Bewegung. Doch ihr Führungsanspruch stützt sich – anders als einst – nicht mehr auf einen charismatischen Führer, umfangreiche Ressourcen oder die Verantwortung für den größten Terroranschlag der Geschichte. Al-Qaidas Gründer Osama bin Laden ist tot, ebenso sein Nachfolger und langjähriger Stellvertreter Ayman al-Zawahiri (Obama 2011; The American Presidency Project 2022). Als bin Laden 2011 starb, war al-Qaida bereits auf finanzielle Unterstützung durch andere Organisationen angewiesen, statt wie zuvor selbst Gelder für andere bereitstellen zu können (Bruno 2010). Während al-Zawahiris Herrschaft hatte al-Qaida Schwierigkeiten, ihre Position innerhalb der Bewegung zu behaupten (Bacon/Arsenault 2019). Doch seit al-Zawahiris Tod im Jahr 2022 verkündete al-Qaida keinen neuen Anführer. Zudem gelang es der Gruppe seither nicht mehr, amerikanischen Boden anzugreifen, und seit dem letzten bedeutenden al-Qaida-nahen Anschlag in Europa ist bereits über ein Jahrzehnt vergangen.

Stattdessen hängt al-Qaidas fortbestehender Führungsanspruch innerhalb der sunnitisch-dschihadistischen Bewegung von ihren Ablegern ab. Diese Ableger-Beziehung selbst ist ein Produkt der Umstände nach dem 11. September. Zwar unterhielt al-Qaida bereits zuvor Bündnisse mit verwandten militanten Gruppen. Die heute selbstverständliche Praxis, dass der Anführer einer anderen Organisation dem Emir (Anführer) von al-Qaida die bay'a (einen religiös bindenden Treueeid) leistet, entstand erst infolge der US-Invasion im Irak 2003. Den Präzedenzfall schuf Abu Musab al-Zarqawi, als er Osama bin Laden die Treue schwor und seine Organisation in „al-Qaida im Zweistromland“ umbenannte – besser bekannt als „al-Qaida im Irak“ (AQI) (Byman 2014; Mendelsohn 2016). Über zwanzig Jahre später verfügt al-Qaida über Ableger in Ostafrika, der Sahelzone, dem Maghreb, auf der Arabischen Halbinsel, in Syrien und auf dem indischen Subkontinent. Zentral ist dabei, dass diese Ableger inzwischen weitgehend eigenständig sind und nicht mehr auf al-Qaida in Bezug auf Ressourcen, Fähigkeiten oder Anleitung angewiesen sind (Byman 2014; The United Nations Analytical Support and Sanctions Monitoring Team 2025). Stattdessen nutzt al-Qaida die Aktivitäten ihrer Ableger, um trotz erheblicher eigener Verluste fortbestehende Stärke zu demonstrieren (Clarke/Broekaert 2025).

Da al-Qaida jedoch über keinen offiziell ausgerufenen Anführer verfügt, fehlt ihr ein formaler Mechanismus, um den Fortbestand der Ableger-Bündnisse zu sichern. Stirbt der Anführer eines Ablegers, muss die bayʼa vom Nachfolger erneuert werden (Bacon 2023). Dazu kam es als al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) 2024 einen Verlust der Führungsspitze erfuhr, ohne dass eine öffentliche Erneuerung der Zugehörigkeit zum al-Qaida-Kern erfolgte (Al Jazeera 2024). Sollte der al-Qaida-Kern ohne Anführer bleiben, riskiert er damit, die Bindungen zu seinen Ablegern zu schwächen (Bacon 2023).

Doch obwohl al-Qaida weiterhin eine führende Kraft bleibt, nimmt sie keine Führungsrolle in der Bewegung mehr ein. Ihr Status wird seit über einem Jahrzehnt infrage gestellt. Ihr erster Ableger AQI entwickelte sich zu ihrem größten Rivalen, als AQI sich selbst als „Islamischer Staat“ neu erfand und dessen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi 2014 zum Kalifen erklärte (Hassan/Weiss 2015). Die Ideologien beider Gruppen ähneln sich, doch gerieten sie aufgrund unterschiedlicher Prioritäten, Zeithorizonte der angestrebten Veränderungen und sowie konkurrierender Führungsansprüche in einen offenen Konflikt miteinander (Bacon/Arsenault 2019). Das Bündnis zwischen al-Qaida und ihrem ersten Ableger war schon lange von Spannungen geprägt, war aber erst im Jahr zuvor endgültig zerbrochen (ebd.). Seitdem fordert der „Islamische Staat“ al-Qaida im Kampf um die Führungsrolle innerhalb der Bewegung direkt heraus. Von 2014 bis 2018 war sein Anspruch auf diese Position überzeugend. Zu den bedeutendsten Stärken des „Islamischen Staates“ zählten die territoriale Kontrolle über weite Teile Syriens und des Irak, die Errichtung eines De-facto-Regimes und die bislang beispiellose Mobilisierung Zehntausender ausländischer Kämpfer, ganz zu schweigen von der provokanten Ausrufung eines Kalifats (Wilson Center 2019). Zudem entwickelte die Organisation eine eigene Version von Ablegern, die sie im Sinne ihrer Kalifatserklärung als „Provinzen“ bezeichnete, unabhängig davon, ob sie diese Gebiete tatsächlich kontrollierten (Clayton 2025).

Doch auch der „Islamische Staat“ erlitt massive Verluste und ist nach seinem Höhepunkt rapide zerfallen. Seit 2019 kontrolliert er kein Territorium mehr; sein Regierungsapparat ist zusammengebrochen. Einige seiner Anhänger wurden getötet, andere sitzen weiterhin in Haftanstalten in Syrien (Wilson Center 2019). Die Gruppe hat nicht nur ihren sogenannten Kalifen verloren, sondern auch dessen drei Nachfolger inzwischen umgekommen (The Soufan Center 2023). Die Identität des derzeitigen Anführers der Gruppe, Abu Hafs al-Hashimi al-Qurashi, ist unbekannt oder zumindest unklar (The United Nations Analytical Support and Sanctions Monitoring Team 2025, S. 5).

Da auch sein Führungsanspruch innerhalb der Bewegung untergraben wird, stützt sich der „Islamische Staat“ ebenfalls auf seine „Provinzen“, um seinen Status zu behaupten. Während al-Qaida eine kleine Zahl fest etablierter und sorgfältig geprüfter Gruppen zu Ablegern ernannte, verfolgte der „Islamische Staat“ gegenüber seinen Provinzen einen eher liberalen und weniger kohärenten Ansatz. Einige seiner Provinzen waren ebenfalls gut etablierte Gruppen, andere jedoch klein, schlecht organisiert und teils nicht überlebensfähig. So erklärte er beispielsweise 2014 eine „zusammengewürfelte“ Splittergruppe von al-Qaida im islamischen Maghreb zu seiner Provinz in Algerien, die jedoch kurz darauf durch algerische Anti-Terror-Maßnahmen zerschlagen wurde (Warner 2021, S. 75–81). Während al-Qaida ihre Ableger üblicherweise als Vertreter für ganze Regionen bestimmte, war der „Islamische Staat“ uneinheitlicher organisiert. So ernannte er beispielsweise drei Ableger in Libyen und erklärte später zwei getrennt operierende Organisationen in Mosambik und der Demokratischen Republik Kongo zur gemeinsamen „Islamischer Staat“-Provinz Zentralafrika (Warner 2021, S. 33–66, 227–276).

Vereinfacht gesagt: al-Qaida wählte qualitativ hochwertige Ableger aus, während der „Islamische Staat“ auf Quantität setzte. Trotz dieser unterschiedlichen Herangehensweisen stützen sich sowohl al-Qaida als auch der „Islamische Staat“ inzwischen auf ihre Ableger, um ihren Führungsanspruch innerhalb der Bewegung aufrechtzuerhalten. Tatsächlich sind viele – wenn auch nicht alle – Gruppen der sunnitisch-dschihadistischen Bewegung entweder dem „Islamischen Staat“ oder al-Qaida zugehörig.

Für al-Qaida sind ihre Ableger in Afrika – insbesondere al-Shabaab in Somalia und Dschamaʼat Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM) in der Sahelzone – aufgrund ihrer Fähigkeiten und der Bedrohung, die sie innerhalb Afrikas darstellen, die wichtigsten Partner. Al-Qaida ernannte al-Schabaab um 2010 zunächst vertraulich zum Ableger und machte die Beziehung 2012 öffentlich (Bin Laden 2010; Roggio 2012). JNIM entstand 2017 als al-Qaida-Ableger, als Dachorganisation für vier Hauptgruppen, die in der Sahelzone operierten (National Counterterrorism Center 2022).

Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel war innerhalb des Netzwerks lange Zeit ein bedeutender Ableger. Nach ihrer Gründung 2009 spielte sie eine zentrale Rolle bei al-Qaidas Planungen gegen den Westen und ist für den einzigen erfolgreichen al-Qaida-nahen Anschlag innerhalb der Vereinigten Staaten seit 9/11 verantwortlich. Zwar besteht ihre Absicht fort, den Westen zu bekämpfen. Auch hat ihre entsprechende Rhetorik seit den Hamas-Angriffen vom 7. Oktober 2023 auf Israel und dem darauffolgenden Gaza-Krieg zugenommen, doch sind ihre Möglichkeiten, derartige Angriffe umzusetzen, begrenzt. Aktuell ist die Gruppe weitgehend auf den Jemen beschränkt (The United Nations Analytical Support and Sanctions Monitoring Team 2025, S. 5, 14).

Angesichts der Verluste im Nahen Osten haben auch die Ableger des „Islamischen Staates“ in Subsahara-Afrika – insbesondere der „Islamische Staat“ in der Provinz Westafrika und der Zweig der „Islamischer Staat“-Provinz Zentralafrika in der Demokratischen Republik Kongo – zunehmend an Bedeutung gewonnen (Clayton 2025; The United Nations Analytical Support and Sanctions Monitoring Team 2025, S. 5–6, 8). Der „Islamische Staat“ stellt in seiner Propaganda regelmäßig extreme Gewalt oder wahllose Angriffe zur Schau (Serwat et al. 2025). Die somalische Ablegerorganisation des „Islamischen Staates“ steht vor Ort im Schatten von al-Schabaab, spielt jedoch dennoch eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung und Logistik innerhalb des breiteren Netzwerks des „Islamischen Staates“ (Zelin 2024). Was die Projektion einer transnationalen Bedrohung betrifft, erfüllt der „Islamische Staat Khorasan“ (ISPK) diese Funktion – ähnlich wie al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel für al-Qaidas Netzwerk. Zusätzlich zur Verbreitung von Propaganda in mehreren Sprachen hat der ISPK grenzüberschreitende Anschläge außerhalb ihres geografischen Kerngebiets Afghanistan und Pakistan verübt, etwa im Iran, in der Türkei und in Russland sowie Anschläge in Europa und den USA geplant (Palmer et al. 2025, S. 20).

Daraus ergeben sich 25 Jahre nach „9/11“ zwei zentrale Unterschiede in der Struktur der sunnitisch-dschihadistischen Bewegung. Erstens hat al-Qaida einen echten Rivalen, der al-Qaida – zumindest von 2014 bis 2018 – sogar überschattet hat. Ihr Wettstreit prägt die Bewegung. Zweitens führt der al-Qaida-Kern die Bewegung nicht mehr über organisatorische Merkmale wie einen Anführer, Ressourcen oder die Fähigkeit, Gewalt auszuüben. Stattdessen ist er, ebenso wie der „Islamische Staat“, auf Ableger angewiesen, um die Stärke und Relevanz zu demonstrieren, über die er als Organisation selbst nicht mehr verfügt.

Der Mangel an überzeugenden Führungsfiguren

Während al-Qaida und der „Islamische Staat“ um die organisatorische Führung innerhalb der Bewegung kämpfen, herrscht ein auffälliger Mangel an charismatischen Führungspersönlichkeiten, die in der Lage wären, Anhänger zu mobilisieren. Seit dem Tod Abu Bakr al-Baghdadis fehlt es der sunnitisch-dschihadistischen Bewegung an Führungspersönlichkeiten, die in der Breite inspirieren, mobilisieren und radikalisieren können. Um es klarzustellen: Es gibt durchaus Anführer, die ihre Organisationen effektiv leiten (Bacon/Grimm 2022). Doch ihre Autorität und ihr Einfluss reichen nicht über ihre jeweiligen Gruppen hinaus.

Bemerkenswerterweise verfügen weder al-Qaida noch der „Islamische Staat“ über solche Führungsfiguren. Al-Qaidas De-facto-Anführer Sayf al-Adl hat versucht, diese Rolle auszufüllen, jedoch ohne formal zum Emir der Gruppe ernannt worden zu sein. Da es ihm offenbar am erforderlichen Charisma mangelt, sind seine Bemühungen ins Leere gelaufen. Tatsächlich spricht das United Nations Analytical Support and Sanctions Monitoring Team (2025, S. 5) sogar von „zunehmender Uneinigkeit und Unzufriedenheit hinsichtlich seiner Führung“. Auf ähnliche Weise kann auch der unbekannte Anführer des „Islamischen Staates“ eine solche Rolle nicht übernehmen. In der Vergangenheit brachten beide Gruppen Führungsfiguren hervor, die innerhalb der Bewegung eine breite Anhängerschaft fanden – insbesondere Osama bin Laden und Abu Bakr al-Baghdadi.

Auch al-Qaidas Ableger brachten in der Vergangenheit einige einflussreiche Persönlichkeiten hervor. Der Anführer von AQI, Abu Musab al-Zarqawi, mobilisierte Anhänger und Rekruten aus aller Welt durch seine rücksichtslose und brutale Gewalt (Jones 2012, S. 145). Später zog der AQAP-Ideologe Anwar al-Awlaki durch seine Predigten und Schriften, insbesondere auf Englisch, eine breite Anhängerschaft an, obwohl er nicht der formelle Anführer der Gruppe war (Meleagrou-Hitchens 2020).

Es gab auch Führungsfiguren außerhalb der Netzwerke von al-Qaida oder dem „Islamischen Staat“. Der Ägypter Sayyid Qutb (1906–1966) zählt zu den frühen Führungsfiguren der damals noch rudimentären und unorganisierten Bewegung. Seinen Einfluss verdankte er vor allem seinen Schriften, die auch lange nach seiner Hinrichtung in Ägypten nachwirkten (McGregor 2005; Manne 2016; The Soufan Center 2016). Abdullah Azzam (1941–1989), ein palästinensischer Geistlicher, war bereits vor der Gründung al-Qaidas eine zentrale Führungsfigur der Bewegung. Seinen Einfluss gewann er vor allem durch seine mobilisierende Rolle während des Anti-Sowjet-Kriegs in Afghanistan in den 1980er-Jahren, insbesondere durch seine Aufrufe an alle wehrfähigen Männer, sich dem Dschihad anzuschließen (Hegghammer 2020). In den 1990er-Jahren fungierte Mullah Omar (1959–2013) von den afghanischen Taliban als „Anführer der Gläubigen“ und leitete zugleich eine Organisation, die als Staat funktionierte und ausländische militante Gruppen aus aller Welt willkommen hieß (Dam 2019).

Nun herrscht ein Mangel an solchen Figuren. Dies hat die Bewegung daran gehindert, den fruchtbaren Nährboden für Radikalisierung zu nutzen, den der Krieg in Gaza bietet: eine Sache, für die sich die Bewegung ideologisch schon lange einsetzt, auf die sie jedoch in der Praxis nur wenig Einfluss nehmen und aus der sie kaum Kapital schöpfen kann (Bunzel 2023). Tatsächlich fehlt der Bewegung derzeit ein Konflikt, der die Anhänger mobilisiert und um den sie sich versammeln können. Solche Ereignisse brachten mehrere Führungsfiguren der Bewegung hervor, darunter Azzam, bin Laden, al-Zarqawi und al-Baghdadi. Zwar verfügt der Konflikt in Gaza über eine tiefe Resonanz innerhalb der dschihadistischen Bewegung, doch konnten die Anhänger nicht dorthin einreisen, um sich an Kampfhandlungen zu beteiligen, wie sie es zuvor in Afghanistan, im Irak und in Syrien getan hatten.

Insgesamt mangelt es der Bewegung fünfundzwanzig Jahre nach dem 11. September an überzeugenden Führungsfiguren. Zwar bieten Soziale Medien reichlich Kanäle zur Verbreitung von Ideologie und Propaganda. Doch keiner Figur ist es seit al-Baghdadi gelungen, diese erfolgreich zu nutzen, um eine Anhängerschaft zu gewinnen, die sich über die gesamte dschihadistische Bewegung erstreckt. Das Ergebnis ist eine stärker fragmentierte Bewegung, wodurch sich das Mobilisierungs- und Gefahrenpotential reduziert hat.

Das Epizentrum der dschihadistischen Bewegung

Der geografische Aktivitätsschwerpunkt der sunnitisch-dschihadistischen Bewegung hat sich im Laufe der Zeit verschoben. Bis 2018 lag er in Südasien, vor allem in Afghanistan, sowie im Nahen Osten, insbesondere im Irak und in Syrien. Doch seit 2019 ist die dschihadistische Bewegung in Subsahara-Afrika dramatisch gewachsen und hat sich ausgeweitet, während sie sich in Südasien und im Nahen Osten zurückgezogen hat. Folglich ist Subsahara-Afrika heute das Epizentrum der Bewegung.

Bereits in den 1990er-Jahren rangierte Subsahara-Afrika zu einem wichtigen Schauplatz der Bewegung. Anfang der 1990er-Jahre entsandte bin Laden Berater nach Somalia, um sich der internationalen Intervention zu widersetzen und eine somalische islamistische Organisation im Zuge des Staatszerfalls zu unterstützen (Watts et al. 2007). Sudan diente von 1992 bis 1996 unter dem Regime von Hassan al-Turabi als Basis für die Bewegung (Tawil 2010, S. 89–98). Anschließend führte al-Qaida ihre ersten Anschläge in Ostafrika durch – die gleichzeitig stattfindenden Selbstmordanschläge auf die US-Botschaften in Daressalam und Nairobi 1998 (Commission on Terrorist Attacks upon the United States, 2004, S. 115–121). Doch 2001 befand sich die Bewegung in der Region auf einem Tiefpunkt. Die verbliebene al-Qaida-Präsenz bestand im Wesentlichen aus einer Zelle ostafrikanischer al-Qaida-Operateure (Department of State 2007). Obwohl die Zelle relativ klein war, stellten ihre erfahrenen Operateure eine überproportionale Bedrohung dar, unter anderem durch einen Selbstmordanschlag auf ein Hotel in Mombasa (Kenia) und den fast gleichzeitigen Abschuss zweier Boden-Luft-Raketen vom Typ Strela 2 (SA-7) auf ein von Kenias Moi International Airport startendes Flugzeug im Jahr 2002 (Bryden/Bahra 2019).

Die Verhältnisse in der Region haben sich seither dramatisch verändert. Bis 2018 verzeichnete Subsahara-Afrika ebenso viele dschihadistische Anschläge wie der Nahe Osten und Südasien. Doch während die Gewalt in diesen beiden Regionen daraufhin zurückging, stiegen die Zahl der Anschläge und Todesfälle in Subsahara-Afrika weiter an (The Institute for Economics and Peace 2019; BBC 2020). Bedeutsam ist, dass die Gewalt nun einheimischen Ursprungs ist, statt in die Region exportiert zu werden. Zudem hat sie sich auf Teile des Subkontinents ausgeweitet, die 2001 noch nicht von solcher Gewalt betroffen waren. Dschihadistische Aktivitäten in Subsahara-Afrika betreffen mittlerweile Ostafrika, die Sahelzone, die Tschadseeregion, Zentralafrika und das südliche Afrika (The Africa Center for Strategic Studies 2025a). Sie greifen zudem zunehmend auf Teile des Küstengebiets Westafrikas über (The Soufan Center 2024b).

Praktisch alle dschihadistischen Gruppen in Subsahara-Afrika sind entweder al-Qaida oder dem „Islamischen Staat“ zugehörig. Der „Islamische Staat“ verfügt über fünf angeschlossene Organisationen in Subsahara-Afrika (Warner 2021). Al-Qaida zählt wiederum nur zwei Ableger, al-Schabaab in Somalia und JNIM in der Sahelzone, doch diese zählen zu den mächtigsten dschihadistischen Organisationen der Welt. Folglich war dschihadistische Gewalt in Somalia und der Sahelzone seit 2022 für den überwiegenden Teil der Todesopfer verantwortlich (The Africa Center for Strategic Studies 2025a).

Besonders besorgniserregend ist, dass es keine Anzeichen für ein Abflauen der Gewalt in der Region gibt. Tatsächlich erreichte sie 2025 neue Rekordwerte (The Africa Center for Strategic Studies 2025a). Gleichzeitig sind immer mehr Länder betroffen und die Stärke der afrikanischen dschihadistischen Organisationen nimmt weiter zu (The Africa Center for Strategic Studies 2025b).

Dschihadistische Erfolge

Seit dem 11. September haben zwei dschihadistische Gruppen sowohl militärisch als auch diplomatisch Siege errungen – nämlich in Afghanistan und Syrien. Die afghanischen Taliban gelangten 2021 wieder an die Macht, während HTS Ende 2024 die Macht in Syrien übernahm. Die Auswirkungen dieser Erfolge auf die Bewegung sind jedoch vielschichtig.

Die Erfolge der Taliban und von HTS wirkten moralisch stärkend, insbesondere für al-Qaida-nahe Gruppen. Tatsächlich verfolgte HTS die Machtübernahme der Taliban „aufmerksam“, und HTS-Anführer Ahmed al-Scharaa betrachtete die Rückkehr der Taliban an die Macht als Inspirationsquelle (International Crisis Group 2021; BBC 2024). Beide waren nach langen und mühsamen militärischen Auseinandersetzungen erfolgreich, was Gruppen in vergleichbarer Lage Hoffnung gab und Lob einbrachte (Critical Threats 2021; International Crisis Group 2021; Joscelyn 2021).

Beide Organisationen kontrollieren nicht nur Staaten, sondern haben auch ein gewisses Maß an internationaler Anerkennung erlangt. Dies ruft in Teilen der Bewegung Skepsis und bei dem „Islamischen Staat“ nahestehenden Akteuren offene Feindseligkeit hervor (Farooq o. J.). HTS erlangte vergleichsweise rasch internationale Anerkennung; teils aufgrund der „Charmeoffensive“ al-Scharaas, teils weil sie ihre Verbindung zu al-Qaida bereits Jahre vor der Machtübernahme beendet hatte (Lister 2018; The Soufan Center 2024a). Die Taliban hingegen waren nie bereit, sich von al-Qaida loszusagen. Dennoch unterhält auch ihr Regime diplomatische Beziehungen zu über vierzig Ländern und wurde formell von Russland anerkannt (Goldbaum 2024; Yawar 2024; Bahiss 2025; Shamim 2025; Thomas 2025).

Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide Regime weiterhin ausländische Kämpfer beherbergen, die während ihrer Aufstände an ihrer Seite gekämpft hatten. Gleichzeitig verfolgen sie keine Politik der offenen Tür für neue Kämpfer. Die Taliban verpflichteten sich, Anschläge zu verhindern, die von Afghanistan ausgehen, haben jedoch ein „durchlässiges Umfeld“ für al-Qaida und andere ausländische militante Gruppen unter ihrer Herrschaft zugelassen (U.S. Department of State 2020; The United Nations Analytical Support and Sanctions Monitoring Team 2025, S. 16). Insbesondere boten sie der pakistanischen Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) einen sicheren Rückzugsort, was der TTP eine erneute Offensive in Pakistan ermöglicht hat (Khan/Ahmed 2025). Zudem hat al-Qaida in Afghanistan Trainingslager errichtet und die Absicht beibehalten, im Zuge des Wiederaufbaus ihrer Fähigkeiten Anschläge im Westen zu verüben (Roggio 2024; Joint CT Assessment Team National Counterterrorism Center 2025; The United Nations Analytical Support and Sanctions Monitoring Team 2025, S. 17). Sowohl HTS als auch die Taliban haben zudem einige ausländische Kämpfer in ihre Sicherheitsapparate integriert (The United Nations Analytical Support and Sanctions Monitoring Team 2025, S. 12, 17).

Bemerkenswert ist, dass beide Gruppierungen auch einer Bedrohung durch den „Islamischen Staat“ ausgesetzt sind. Der „Islamische Staat“ war – und bleibt – ein erklärter Feind von HTS. HTS spaltete sich 2013 vom Islamischen Staat ab; ein Bruch, der bis heute tiefe Feindschaft nach sich zieht. Der „Islamische Staat“ agiert in Syrien heute weitgehend als Aufstandsbewegung und versucht, die HTS-Regierung sowie das Land insgesamt zu destabilisieren. Zwar ist die Organisation weit von ihrem früheren Hoch entfernt, dennoch ist sie weiterhin in der Lage, auch in Damaskus Anschläge zu verüben, etwa den Anschlag auf eine Kirche am Stadtrand im Juni 2025. Darüber hinaus richtet sie ihre Angriffe gegen die verbliebene US-Militärpräsenz, darunter die Tötung dreier US-Soldaten in Palmyra im Dezember 2025 (Drevon 2025; Hawach 2025). Schätzungsweise 9.000 Kämpfer und Unterstützer befinden sich derzeit in syrischen Haftanstalten. Zwar wurden einige von ihnen in den letzten Monaten in den Irak überstellt; weitere Überstellungen sind in den kommenden Monaten geplant. Dennoch verfügt die Gruppe über das Potenzial für ein rasches Wiedererstarken, sollten ihre Operationen zur Gefängnisbefreiung erfolgreich sein (Clayton 2025).

In Afghanistan verfolgt der „ISPK“ eine ähnliche Mission gegen die Taliban. Dem Regime ist es aber gelungen, die Operationen des „IS“-Ablegers innerhalb Afghanistans zurückzudrängen. Die Gewalt des „ISPK“ nahm in dem Jahr, in dem die Taliban an die Macht kamen (2021), stark zu und blieb im Folgejahr hoch. Doch seit 2023 sind die Anschläge der Gruppe innerhalb Afghanistans deutlich zurückgegangen, während sie Gewalt andernorts exportiert und den Umfang sowie die Anzahl der verwendeten Sprachen ihrer Propaganda ausgeweitet hat (The Institute for Economics & Peace 2025, S. 5, 74, 77–80).

Der „Islamische Staat“ stellt in keinem der beiden Länder eine Bedrohung für den Fortbestand des jeweiligen Regimes dar, ist jedoch in der Lage, Schläge zu versetzen, die beide Regierungen bloßstellen und Zweifel an ihrer Fähigkeit wecken, die Zivilbevölkerung oder auch ihr eigenes Personal zu schützen. Zudem reichen die Ambitionen des „Islamischen Staates“ und seiner Ableger weit über Syrien und Afghanistan hinaus.

Prognose für die Bewegung

Angesichts des geschilderten Zustands der sunnitisch-dschihadistischen Bewegung fünfundzwanzig Jahre nach dem 11. September und ihrer Entwicklung im Zeitverlauf gibt es fünf zentrale Bereiche, die es künftig zu beobachten gilt:

  1. Der Wettstreit zwischen al-Qaida und dem „Islamischen Staat“ um die Führung der Bewegung. Beide Organisationen wurden erheblich geschwächt, streben jedoch aktiv einen Wiederaufbau an. Al-Qaida verfügt über einen sicheren Rückzugsort in Afghanistan und mächtige Ableger in Afrika. Der „Islamische Staat“ wartet auf günstige Gelegenheiten in Syrien, insbesondere Fehler der HTS oder erfolgreiche Gefängnisausbrüche, und verlässt sich auf seine Ableger, um Gewalt zu verüben, mit der er sich brüsten kann.

  2. Das Führungsvakuum. Das Auftreten einer charismatischen Führungspersönlichkeit, die innerhalb der Bewegung große Strahlkraft entfaltet, ist schwer vorherzusagen. Es lässt sich kein einheitliches Profil derer ausmachen, die diese Rolle in der Vergangenheit ausgefüllt haben. Doch eine solche Figur könnte transformativ wirken und die nächste Generation der Bewegung aktivieren.

  3. Das Entstehen eines mobilisierenden Konflikts. Die Kriege in Afghanistan, im Irak und in Syrien mobilisierten neue Generationen von Rekruten, boten Anhänger Foren zum Sammeln von Erfahrung und zum Knüpfen von Verbindungen untereinander, ermöglichten den Aufstieg charismatischer Führer und inspirierten Gewalt im Westen. Bislang haben dschihadistische Konflikte in Subsahara-Afrika keine breite ideologische Resonanz über die Region hinaus gefunden. Zwar stieß Gaza auf ausreichend Resonanz, doch es gab keinen gangbaren Weg zur Beteiligung, was seine mobilisierende Wirkung begrenzte.

  4. Die alarmierende Entwicklung in Subsahara-Afrika. Die Prognose für die Region ist düster – insbesondere für die Zivilbevölkerung. Derzeit sind keine Interventionen absehbar, die diese Entwicklung verändern könnten. Die Auswirkungen destabilisierter Regierungen und erstarkter Ablegerorganisationen dürften langfristig nicht auf Afrika beschränkt bleiben.

  5. Ein weiterer dschihadistischer Sieg? Ein weiterer dschihadistischer Sieg dürfte sich höchstwahrscheinlich in Afrika ereignen. Analysten haben bereits vor dieser Möglichkeit in Mali und Somalia gewarnt (Bryden 2025; Faucon 2025). In einem solchen Szenario könnte die siegreiche dschihadistische Gruppe entweder dem Weg von HTS oder dem gegenwärtigen Ansatz der Taliban folgen oder sie könnte dem internationalen System gegenüber feindseliger auftreten und der Bewegung damit neue Möglichkeiten eröffnen.

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