Die islamistischen Terroranschläge vom 11. September 2001 veränderten die Sicherheitsorientierung in Deutschland grundlegend. Seitdem hat sich eine eigenständige pädagogische Fachpraxis zur Prävention und Distanzierung von islamistischem Extremismus
Entwicklungslinien und Phasen der Praxisentwicklung
Die Entwicklung des Arbeitsfelds der Radikalisierungsprävention im Bereich des islamistischen Extremismus verlief nicht linear, sondern in verschiedenen Phasen. In diesen Phasen hat sich das Feld unterschiedlich schnell entwickelt und die sicherheitspolitischen und pädagogischen Logiken verschränkten sich jeweils unterschiedlich stark.
Erste Phase: punktuelle Pionierarbeit
Unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begannen Sicherheitsbehörden in Deutschland, das Thema islamistischer Extremismus im Rahmen außenpolitischer Gefahrenabwehr zu bearbeiten. Nach den Anschlägen von Madrid und London im Jahr 2004 bzw. 2005 entstand eine Diskussion um
Genau in dieser Zeit entstanden auch erste Initiativen einzelner vorwiegend zivilgesellschaftlicher Akteure, die sich das Thema aus ihrer bisherigen Arbeit zu Rechtsextremismus, Antisemitismus, politischer Bildung oder Migrationspädagogik erschlossen. In dieser frühen Phase gab es noch keine bundesweiten Förderstrukturen. Aber einzelne universalpräventive Angebote sensibilisierten vor allem an Schulen für islamistische Bewegungen oder Ideologien (Walkenhorst/Nordbruch 2025). Andere Angebote arbeiteten mit jungen gewaltorientierten Menschen und hinterfragten deren ideologische Rechtfertigungen.
Zweite Phase: Institutionalisierung und punktuelle Verschränkung von unterschiedlichen Handlungslogiken
Ab 2010 institutionalisierte sich das zivilgesellschaftliche Praxisfeld. Einen wesentlichen Anstoß gab das Bundesprogramm „Initiative Demokratie Stärken“, in dem erstmals Modellprojekte in ganz Deutschland für ihre Arbeit gegen islamistischen Extremismus gefördert wurden. Die Angebote adressierten Radikalisierung primär jugendpädagogisch. Die umsetzenden Träger und Akteure förderten sowohl kritisches Denken als auch Ambiguitätstoleranz und bezogen gleichzeitig Erfahrungen von antimuslimischem Rassismus
Zeitgleich starteten staatliche Beratungsangebote. 2010 setzte das Bundesamt für Verfassungsschutz mit dem Programm „Heraus aus Terrorismus und islamistischem Fanatismus“ (HATIF) ein Angebot für potenzielle Aussteigerinnen und Aussteiger auf. Die Ansprache dieser Menschen gelang aber kaum. Deshalb baute das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 2012 die Beratungsstelle Radikalisierung auf, die sich vor allem an das soziale Umfeld von radikalisierten Jugendlichen richtete. Dabei übernahmen zivilgesellschaftliche Träger die klientenorientierte Arbeit, während die staatlichen Stellen die Strukturen koordinierten (Figlestahler/Schau 2021). Parallel dazu entstand auf europäischer Ebene das
Dritte Phase: Ausweitung, Ausdifferenzierung und Professionalisierung der Strukturen
Ab circa 2014 weitete sich die Praxislandschaft deutlich aus. Dies war unter anderem eine Reaktion auf die jugendkulturelle Anwerbung durch Gruppen wie den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). Diese Gruppen überzeugten hunderte Jugendliche, in das syrisch-irakische Kriegsgebiet auszureisen. Daraufhin bauten viele Bundesländer eigenständige Programme und Netzwerke wie das Wegweiser-Programm in Nordrhein-Westfalen auf.
Bundesweit wurde das vom damaligen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) getragene Programm „Demokratie leben!“ zu einer zentralen Förderstruktur, die mehrfach aufgestockt wurde. Dabei differenzierten sich sowohl Träger, Orte und Ansätze der Arbeit zunehmend aus. So wurden im Programm verstärkt Träger mit muslimischem und postmigrantischem
Daneben entstanden viele weitere Angebote. So setzte das BMFSFJ mit den Jugendmigrationsdiensten 2018 bis 2024 das Programm „Respekt Coaches“ um, das Respekt und Zugehörigkeit in Schulen förderte. Die
In dem gewachsenen und ausdifferierten Feld entstanden neue fachliche Unterstützungsstrukturen wie die
Vierte Phase: Konsolidierung trotz veränderter Prioritäten
Ab 2019 konsolidierten sich die zahlreichen Bildungs- und Beratungsangebote unterschiedlicher Träger auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene. Mit dem
Fünfte Phase: Neuakzentuierungen
Seit dem Regierungswechsel 2025 finden Veränderungen statt, die die professionellen Strukturen umbauen und teilweise abbauen: Im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sollen ab 2027 die Projekte vieler zivilgesellschaftlicher Träger eingestellt und die Präventionsarbeit stärker an Schulen, Feuerwehr und Unternehmen delegiert werden (Stand: Juni 2026). Aus fachlicher Sicht ist es wichtig, dass über diese Neuausrichtung nicht die jahrelange Erfahrung der Zivilgesellschaft verloren geht. Viele Träger haben sich über Jahre hinweg auf den Umgang mit komplexen Herausforderungen spezialisiert und erreichen wirksam verschiedene Zielgruppen in der Präventionsarbeit.
Zugleich stellen rechtspopulistische Medien und parlamentarische Anfragen die zivilgesellschaftlichen Angebote zunehmend in Frage. Dies erzeugt zusätzliche Unsicherheit, ob sie mit ihren fachlichen Perspektiven in der präventiven Arbeit gefördert und anerkannt bleiben.
Systematik pädagogischer Ansätze
Inzwischen hat sich in der pädagogischen Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus eine komplexe und vielfältige Angebotslandschaft entwickelt (vgl. MAPEX-Forschungsverbund 2021). Diese adressiert unterschiedliche Zielgruppen wie Jugendliche, ihre Angehörigen sowie Fachkräfte und Institutionen. Die Charakterisierung des Arbeitsfeldes als pädagogisches Feld ist eine sprachliche Vereinfachung. In der Praxis werden die Auseinandersetzungen nicht nur durch pädagogische, sondern auch durch sozialarbeiterische und psychotherapeutische Ansätze geprägt. Entsprechend ist auch die Kategorie Bildung, die im nächsten Absatz genutzt wird, verkürzt und müsste durch sozialarbeiterische sowie psychotherapeutische Unterstützungsformen ergänzt werden.
Mit Blick auf das Feld lassen sich die Ansätze in drei pädagogische Arbeitsfelder systematisieren: Bildungs-, Präventions- und Distanzierungsarbeit. Die Unterscheidung folgt primär den Zielgruppen und ihren Problemlagen und nicht den Interventionszeitpunkten (in Anlehnung an die Präventionskonzeption von Gordon 1983).
Dabei ist die Dreiteilung bzw. die klare Unterteilung eher theoretisch. In der praktischen Präventionsarbeit wird selten klar zwischen universeller, selektiver und indizierter Prävention unterschieden – eine Einteilung der Strategien je nach Anfälligkeit der Zielgruppe für islamistische Narrative und Gemeinschaften (Walkenhorst/Nordbruch 2025). Besonders in der selektiven Prävention ist eine klare Einordnung von Zielgruppen angesichts komplexer Risiko- und Vulnerabilitätsannahmen und der Prozesshaftigkeit von Radikalisierung schwierig (Glaser/Müller/Taubert 2020). Zudem fördern auch Präventions- und Distanzierungsarbeit demokratische Kompetenzen – jedoch in Hinblick auf spezifische Radikalisierungsgefahren beziehungsweise ideologische Fragmente und konkrete antidemokratische Haltungen. Obwohl die Übergänge fließend sind, ist die Grundunterscheidung für die Konzeption und Umsetzung der Angebote nützlich. So gehen die Arbeitsbereiche zum Beispiel mit je spezifischen Herausforderungen und Kooperationsanforderungen (etwa hinsichtlich der Zusammenarbeit zivilgesellschaftlicher Träger und Sicherheitsbehörden) einher.
Fachliche Debatten und Herausforderungen
Tendenzen der Versicherheitlichung
Sicherheitspolitische Perspektiven prägten die Präventions- und Distanzierungsarbeit von Beginn an. So nutzte sie auch das BMFSFJ, um die Notwendigkeit der zivilgesellschaftlichen Angebote zu begründen und auch die zivilgesellschaftlichen Träger stützen ihre Legitimität teils auf sicherheitsbezogene Lageeinschätzungen. Anfangs entwickelten sich die zivilgesellschaftlichen und staatlichen Angebote weitgehend parallel. Später gab es aber teilweise sichtbare Spannungen zwischen pädagogischen Strategien und sicherheitspolitischem Denken (Figlestahler/Schau 2021). So suspendierte ein Landesinnenministerium 2017 beispielsweise vorübergehend zwei Mitarbeitende eines zivilgesellschaftlichen Angebots, weil Medien ihnen zuvor Kontakt zu extremistischen Personen und Gruppierungen unterstellt hatten. Nach wiederholter Sicherheitsüberprüfung wurden die Vorwürfe fallengelassen (Ceylan/Kiefer 2018, S. 80f.). Auch die fallbezogene Zusammenarbeit in der Distanzierungsarbeit hängt stark von lokalen Konstellationen ab und reicht vom unvereinbaren Kulturclash aufgrund unterschiedlicher Perspektiven, Präventionsverständnisse und Handlungslogiken bis zur vertrauensvollen Zusammenarbeit auf Augenhöhe. In der Zusammenarbeit fehlt teilweise die Klarheit, wer fallbezogen – auf Basis welcher Erkenntnisse – entscheidet.
Stigmatisierung von Musliminnen und Muslimen
Musliminnen und Muslime werden häufig unter Pauschalverdacht des islamistischen Extremismus gestellt und mit vermeintlichen Bedrohungen durch Islam und Zuwanderung gleichgesetzt (Pickel/Pickel 2019). Dies spiegelt sich auch in der pädagogischen Praxis, die insbesondere dort ansetzt, wo Musliminnen und Muslime sind oder vermutet werden (Amir-Moazami 2022, S. 46). Diese werden „weniger als Opfer islamistischer Gewalt gesehen, sondern auf diskriminierende Weise primär als potenzielle Täter*innen identifiziert“ (Unabhängiger Expertenkreis Muslimfeindlichkeit 2023, S. 166). Die pädagogische Praxis steht damit immer vor der Aufgabe, diese Problematisierungen nicht unhinterfragt auf die Jugendlichen zu übertragen. Ein Weg dafür ist,
Phänomenübergreifende und phänomenspezifische Ansätze
Schon früh fand in der Praxislandschaft eine Diskussion über phänomenübergreifendes und -spezifisches Arbeiten in der Extremismusprävention statt. Phänomenübergreifende Ansätze konzentrieren sich auf gemeinsame Merkmale der Radikalisierungsprozesse und extremistischer Ideologien, wie Feindbildkonstruktionen oder Abwertung sozialer Gruppen. Mit der breit anschlussfähigen Ansprache können sie zum Beispiel Stigmatisierung muslimischer Menschen vermeiden (
Verwobenheit mit transnationalen Diskursen
Islamistischer Extremismus nimmt als transnationales Phänomen häufig Bezug auf gesellschaftliche und politische Diskurse in anderen Ländern. Deutlich wird dies bei internationalen Konflikten wie dem Nahostkonflikt, die für Teile der Postmigrationsgesellschaft eine hohe emotionale Bedeutung haben und zugleich vereinfachend von islamistischen Akteurinnen und Akteuren aufgegriffen und instrumentalisiert werden. Vor allem in den Sozialen Medien schaffen sie ein solidarisches Gefühl einer Opfergemeinschaft und stellen Ereignisse bewusst einseitig dar. Eine pädagogische Praxis, die lebensweltlich ausgerichtet ist, muss hier die Verwobenheit transnationaler, nationaler und sozialräumlicher Öffentlichkeiten mitdenken und beispielsweise migrationssensibel beobachten, wie muslimisch geprägte Menschen gesellschaftliche Fragen wahrnehmen und wo sie sich zugehörig fühlen.
Fazit
Nach dem 11. September 2001 entwickelte sich das Präventionsfeld gegen islamistischen Extremismus dynamisch und nicht-linear. Es begann mit einzelnen Pionierprojekten und wuchs vor allem ab 2014 zu einer vielschichtigen und professionellen Angebotslandschaft. Zuletzt wurden die gefestigten zivilgesellschaftlichen Strukturen wieder stärker infrage gestellt und sollen ab 2027 partiell umgebaut werden.
Analytisch herausfordernd ist die Diversität des Feldes. Unterschiedliche Problemlagen und Handlungsansätze folgen unterschiedlichen Handlungslogiken wie Bildung, Prävention und Distanzierung. Die Zielgruppen und ihre grundsätzlich verschiedenen Lebenswelten verlangen eine differenzierte Betrachtung und jeweils eigene Zugänge, Kompetenzen und Kooperationen. Auch die verschiedenen Fachdisziplinen im Feld legen unterschiedliche Problemverständnisse und Vorgehensweisen nahe – das zeigt sich exemplarisch an der vereinfachten Beschreibung eines vermeintlich pädagogischen Feldes. Damit wird die Soziale Arbeit und die Psychologie als Bezugsdisziplin vernachlässigt. Diese Diversität erschwert es auch, Professionalität zu sichern und den trägerübergreifenden Austausch hinreichend kontextsensibel zu gestalten. Denn ein fruchtbarer Austausch benötigt eigene Klarheit über Zielsetzungen, Grundprinzipien und Haltungen und im zweiten Schritt viel Übersetzungs- und Differenzierungsfähigkeit. Aus diesem Grund ist weiterhin eine Professionalisierung des Feldes wichtig – Fachdiskurse, wissenschaftliche Evaluationen und die Überarbeitung von Standards bleiben für die fachliche Orientierung und Absicherung kontinuierlich notwendig. Gerade in der Vielfalt der Ansätze liegt dabei auch eine Chance, weil sie unterschiedliche Zugänge eröffnet und den Zielgruppen mehr Passung und Wahlfreiheit ermöglichen kann.
Wenn nun der 11. September 2001 ein wichtiger Ausgangspunkt für die Entwicklung des Praxisfeldes war, so beeinflussten auch andere Rahmenbedingungen kontinuierlich die Arbeit: die Phänomenentwicklungen rund um islamistischen Extremismus, politische Strategien sowie Förderentscheidungen und zivilgesellschaftliche Trägerpolitiken. Was ist dabei entstanden? Die pädagogischen Fachkräfte haben über die Jahre hinweg die konkrete Arbeit vor dem Hintergrund ihrer professionellen Erfahrungen und mit Blick auf die lokalen Kontexte entwickelt. Es ist davon auszugehen, dass sie die Kompetenz haben, auch mit kommenden Herausforderungen umzugehen. Aber die aktuellen Umbrüche des Feldes reduzieren ihre Bearbeitungskapazität und erschweren eine nachhaltige Präventionsarbeit. Dabei ist wichtig, dass die jahrelange Erfahrung der zivilgesellschaftlichen Angebote und ihr migrationssensibler Blick auf die Zielgruppen erhalten bleiben. Sie tragen durch ihre Arbeit auch gesellschaftlich dazu bei, den Umgang mit islambezogenen Konfliktthemen zu normalisieren und homogenisierende Perspektiven auf muslimische Jugendliche zurückzuweisen.