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Hamas und Hisbollah: Warum man sie nicht „wegbomben“ kann Ein Essay über die Grenzen militärischen Drucks und Implikationen für die Radikalisierungsprävention

Dennis Walkenhorst

/ 13 Minuten zu lesen

Der militärische Druck auf Hamas und Hisbollah hat beide erheblich geschwächt. Dennoch bestehen ihre Strukturen fort. Der Beitrag untersucht, warum sich islamistische Bewegungen nicht militärisch zerschlagen lassen, und analysiert ihre Funktionen als Identitätsstifter, Sozialdienstleister und alternative Ordnungsstrukturen. Daraus entwickelt er Schlussfolgerungen für die Extremismusprävention und plädiert für eine stärkere Gewichtung gemeinwesenorientierter und pädagogischer Ansätze gegenüber einer einseitig sicherheitspolitischen Perspektive.

Bomben können Strukturen zerstören, nicht aber zwangsläufig die politischen und gesellschaftlichen Ursachen militanter Bewegungen. Luftaufnahme eines zerstörten Gebäudes im Gazastreifen 2021. (© Abdallah ElHajj/Getty Images)

Seit dem Interner Link: Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und über 200 als Geiseln verschleppt wurden, hat sich die geopolitische Lage im Nahen Osten grundlegend geändert. In dem darauffolgenden Krieg hat das israelische Militär die Führungsebene der Interner Link: libanesischen Hisbollah weitgehend ausgeschaltet. Im Gazastreifen sind durch israelische Angriffe bis zum Sommer 2026 mehrere Zehntausend Menschen ums Leben gekommen, überwiegend Zivilistinnen und Zivilisten, große Teile des Gebiets sind zerstört. Militärisch sind Hamas und Hisbollah so geschwächt wie nie zuvor. Verschwunden sind sie aber nicht.

Daraus ergibt sich eine Frage, die auch für die Radikalisierungsprävention bedeutsam ist: Warum lassen sich extremistische Akteure nicht einfach „wegbomben“? Warum führen militärischer Druck und Gewalt langfristig möglicherweise sogar zu ihrer Stärkung?

Drei Säulen tragen Hamas und Hisbollah

Eine gängige Antwort auf die offensichtliche Widerstandsfähigkeit von Hamas und Hisbollah lautet, sie seien „resilient“. Das etikettiert das Problem aber nur neu. Wer sagt, Hamas und Hisbollah seien resilient, hat damit noch nicht erklärt, warum sie es sind. Die hier vorgestellte Perspektive setzt deshalb anders an. Sie analysiert beide in ihrer gesellschaftlichen Funktion als soziale Bewegungen im soziologischen Sinn, die über inzwischen knapp vier Jahrzehnte eine spezifische „Drei-Säulen-Architektur “errichtet haben, deren innere Logik die internationale Sicherheitspolitik bis heute weitgehend übersieht.

Was islamistische soziale Bewegungen wie Hamas oder Hisbollah von Terrororganisationen, Milizen, politischen Parteien oder einer konventionellen Armee unterscheidet, ist weder die politische oder religiöse Ideologie noch die Bereitschaft zu Gewalt. Entscheidend ist, dass sie drei sehr unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen gleichzeitig erfüllen: Sie machen Identitätsangebote in einer von Identitätskrisen geprägten Region, sie organisieren soziale Versorgung dort, wo Staatlichkeit offensichtlich versagt, und sie errichten im Inneren eine „funktionierende Gegengesellschaft“, die gleichberechtigte Teilhabe verspricht (vgl. Walkenhorst 2018a).

Wie tragfähig diese Konstruktion ist, erschließt sich erst im Blick auf die einzelnen Säulen. Den Anfang macht jene, die die Hamas sogar in ihrem Namen trägt: Denn ihr arabischer Name Harakat al-Muqawama al-Islamiyya bedeutet nichts anderes als „Islamische Widerstandsbewegung“.

Erste Säule: Widerstand als Identitätsangebot

Die erste Säule lässt sich in einem Wort zusammenfassen: muqawama, arabisch für Widerstand. Wer sich den islamistischen Bewegungen im Sinne der muqawama zugehörig fühlt, erhält auch eine Antwort auf die Frage, warum das eigene Leben so aussieht, wie es aussieht, wer dafür verantwortlich ist (wahlweise Israel, „die“ Juden, „der“ Westen oder „der“ Zionismus), und, vor allem, was dagegen getan werden sollte: Widerstand leisten.

Diese Antwort ist deshalb so attraktiv, weil junge Menschen in Gaza oder im Süden des Libanons über (Soziale) Medien, Kulturprodukte und Migrationsgeschichten dieselben Versprechen moderner Individualität erleben wie Gleichaltrige in Berlin oder Paris: Du bist deines Glückes Schmied, du wählst deinen Beruf und deinen Lebensweg, du formst deine Identität selbst, der Individualismus verspricht Glück und Zufriedenheit. Zugleich stehen kollektive Identitäten über Religions- und Familienzugehörigkeit, blockierte Lebensläufe, hohe Jugendarbeitslosigkeit, Korruption, unüberwindbare Staatsgrenzen und schwache Institutionen diesem Versprechen entgegen. Aus dieser Paradoxie entsteht ein Druck, der nach Deutung verlangt. Die Widerstandsideologie liefert sie: Nicht die eigenen Entscheidungen erklären das individuelle Schicksal, sondern das Handeln mächtiger, böswilliger Akteure, von dem man betroffen ist, ohne sich dagegen wehren zu können. Durch die damit einhergehende kognitive Transformation von Entscheidern zu Betroffenen wandert die Verantwortung nach außen, was eine enorme psychische Entlastung ermöglicht (vgl. Walkenhorst 2018b).

Interner Link: Antisemitische Verschwörungserzählungen, wie sie beide Bewegungen systematisch verbreiten, nutzen genau diese Transformation der Wahrnehmung und gehen sogar noch darüber hinaus. Sie rechnen nahezu jedes als negativ markierte politische oder gesellschaftliche Ereignis allmächtigen externen Entscheidern zu. Die Interner Link: „zionistische Weltverschwörung“ fungiert so als Platzhalter und Negativpol jeder Erzählung über aktuelle Geschehnisse. Dabei kann eine konkrete Machtasymmetrie, etwa durch Besatzung oder Grenzregime, für Menschen in der Region reale Erfahrung sein. Die Widerstandsideologie überführt diese Erfahrung aber in eine totale, antisemitisch aufgeladene Weltverschwörung. Begünstigt wird das durch strukturelle Bedingungen wie relative Deprivation und schwache, kaum sichtbare oder als gelenkt erlebte staatliche Strukturen. Verbreitet werden die Erzählungen schon seit Jahrzehnten in den von Hamas und Hisbollah kontrollierten Erziehungseinrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Universitäten, in Alltagsgesprächen und Freizeitkontexten sowie über Massenmedien aller Art (vgl. Walkenhorst 2018a: 79ff.).

So absurd viele der Verschwörungserzählungen anmuten (so unterstellte zum Beispiel der Hisbollah-Sender al-Manar Israel im Jahr 2004, gezielt Aids in arabischen Ländern zu verbreiten, was in Frankreich zum Sendeverbot führte), sie sind deshalb so erfolgreich, weil sie ein hoch funktionales soziales Angebot machen: Sie reduzieren Komplexität, stiften Zugehörigkeit und machen das eigene Leben erklär- und erzählbar, ohne eigenes Handeln hinterfragen zu müssen. Gleichzeitig entfalten sie hohes Mobilisierungspotential für den „Kampf gegen die Zionisten“, der sich nicht nur in terroristischen oder militärischen Aktionen, sondern auch im Mitwirken in verschiedenen anderen Bereichen der Bewegungen zeigen kann.

Dass die antisemitischen Erzählungen einer empirischen Prüfung nicht standhalten, mindert ihre Funktion nicht. Denn wer den Glauben an die allgegenwärtige zionistische Verschwörung aufgibt, gibt nicht nur eine Perspektive auf, sondern den Halt, den diese Perspektive gegeben hat, gerade weil nationale Identitäten in der Region nie ausreichende Bindungskraft entfalten konnten. Für die Präventionsarbeit ist das schon seit längerem eine zentrale Einsicht: An Verschwörungserzählungen ist nicht primär eine kognitive Fehlfunktion oder ein Mangel an Faktenwissen zu bearbeiten, sondern eine soziale und/oder psychische Bedürfnislage.

Zweite Säule: Wohlfahrt als Daseinsvorsorge

In der deutschen Diskussion oft kaum besprochen: Hamas und Hisbollah sind auch und vor allem Sozialdienstleister. Sie betreiben (beziehungsweise betrieben) Schulen, Kliniken, Kindergärten, Ferienlager, Seniorenheime, vergeben Mikrokredite, Witwenrenten oder Stipendien. In weiten Teilen Gazas und des Südlibanon wäre ein großer Teil der Bevölkerung kaum in der Lage, das tägliche Überleben ohne die Leistungen der Islamisten zu sichern. Wo der Staat ausfällt (oder nie präsent war), treten die islamistischen Bewegungen an seine Stelle und vermitteln zwischen Inklusion und Exklusion. Wie dicht dieses Versorgungsnetz geknüpft ist, zeigt sich am deutlichsten an einzelnen Einrichtungen. So unterhält die Hisbollah ein eigenes Gesundheitswesen aus Krankenhäusern, Kliniken und Apotheken, ein Bildungswerk mit Schulen und Stipendien sowie mit den Imam-al-Mahdi-Pfadfindern eine Jugendorganisation, die über Jahre Hunderttausende Kinder und Jugendliche erreichte. Nach den Zerstörungen des Libanonkriegs von 2006 organisierte die bewegungseigene Wiederaufbauorganisation Dschihad al-Bina (sinngemäß: Aufbauwerk) die Instandsetzung tausender Wohnungen, vielerorts verlässlicher als die staatlichen Stellen, was der Hisbollah in der schiitischen Bevölkerung erhebliches Ansehen einbrachte (vgl. Walkenhorst 2018a: 143ff.).

Bei der Hamas reicht dieses Prinzip bis in ihre Entstehungsgeschichte zurück. Aus dem 1973 von Scheich Ahmed Jassin in Gaza gegründeten Verbund al-Mudschamma al-Islami (etwa: Islamische Gemeinschaft), einem Netz aus Moscheen, Kliniken, Kindergärten, Jugendklubs und Nahrungsmittelhilfen, ging jenes soziale Fundament hervor, auf dem die 1987 gegründete Hamas aufbauen konnte. Getragen wurde es vor allem über die Zakat, die islamische Pflichtabgabe, die über lokale Komitees an bedürftige Familien verteilt wurde, ergänzt um Waisenpatenschaften, Sommerlager und mit der 1978 gegründeten Islamischen Universität Gaza auch eine akademische Ausbildungsstätte. Weil die Palästinensische Autonomiebehörde diese Aufgaben nicht oder nur unzureichend erfüllte, wurde die soziale Infrastruktur der Hamas zu einer wesentlichen Grundlage ihres Wahlerfolgs von 2006. Nach der Übernahme des Gazastreifens im Jahr 2007 verschmolz sie mit der Verwaltung (vgl. ebd.).

Dabei müssen zwei Elemente unterschieden werden, die in der öffentlichen Debatte häufig zusammenfallen: die Bearbeitung von Exklusionsfolgen und der Umgang mit Inklusionsbarrieren. Im ersten Fall geht es um akute Hilfe, etwa nach Naturkatastrophen oder Kriegsschäden (die Hisbollah betreibt zum Beispiel einen eigenen Katastrophenschutz). Im zweiten Fall geht es darum, gerade jungen Menschen jene Zugänge zu öffnen, die ihnen sonst verschlossen bleiben, vor allem zu Bildung, zu einer Familiengründung und zu einem Auskommen jenseits korrupter Beziehungsnetzwerke der dominanten Wasta-Kultur. Gerade Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene geraten so in den Fokus der Islamisten, also jene, deren Lebensweg noch offen ist.

Ein zweiter Punkt ist für die Bindungskraft entscheidend: Die Leistungen stehen, zumindest dem Anspruch nach, allen offen, unabhängig von politischer, religiöser oder familiärer Zugehörigkeit. Daraus ziehen die Bewegungen das Bild moralischer Authentizität. Die konkurrierenden internationalen, staatlichen und klientelistischen Strukturen markieren sie zugleich (und aus guten Gründen) als korrupt, ausgrenzend und ineffektiv. Wer hilft, ohne nach der Herkunft zu fragen, gewinnt Vertrauen (vgl. Walkenhorst 2018a: 143ff.).

Dritte Säule: Die Gegengesellschaft

Die dritte Säule ist die am wenigsten sichtbare und zugleich die folgenreichste. Hamas und Hisbollah spiegeln im Inneren die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft, die sie umgibt. Sie unterhalten ein umfangreiches und dichtes Netz von ihnen nahestehenden Organisationen auch jenseits der beschriebenen Wohlfahrtseinrichtungen. In einer tiefergehenden Analyse lassen sich für Hamas und Hisbollah mehr oder weniger formalisierte Anschlüsse an alle relevanten Funktionssysteme nachweisen, sei es Wirtschaft, Politik, Religion, Recht, Medizin, Erziehung, Sport oder sogar Kunst (Walkenhorst 2018a: 160ff.).

Ein anschauliches Beispiel für diese innere Spiegelung ist das Finanzwesen. Mit der 1982 gegründeten al-Qard al-Hassan unterhält die Hisbollah eine Einrichtung, die als zinsloser Kreditgeber begann und sich zu einer faktischen Bank mit rund 30 Filialen entwickelt hat, die außerhalb des regulären Bankensystems arbeitet. Als das libanesische Bankwesen nach 2019 zusammenbrach und viele Menschen nicht mehr an ihre Ersparnisse kamen, wurde al-Qard al-Hasan für große Teile der schiitischen Bevölkerung zu einer der wichtigsten verbliebenen Anlaufstellen für Kredite und Überweisungen; nach vorliegenden, allerdings nicht unabhängig geprüften Angaben, nutzten mehrere Hunderttausend Menschen die Einrichtung (Chahuneau 2024). Dass das israelische Militär im Oktober 2024 rund 30 Filialen gezielt angriff, zeigt, wie sehr diese Strukturen inzwischen als Teil der Bewegung wahrgenommen werden (Human Rights Watch 2024).

Offenbar arbeiten die Hisbollah-Organisationen in ihrem jeweiligen Funktionskontext effektiver und zuverlässiger als ihre staatlichen, zivilgesellschaftlichen oder privatwirtschaftlichen Pendants. Möglich wird das durch einen Mechanismus, der als Schutz von Latenzzonen beschrieben werden kann: Innerhalb der Organisationen wird die strenge religiös-ideologische Norm in der Praxis in der Regel stillschweigend übergangen, wenn die Sache (also zum Beispiel in der Wirtschaft: Gewinne machen, in der Medizin: Heilen, im Sport: Gewinnen etc.) es erfordert. Diese Informalität macht die Strukturen leistungsfähig.

Daraus folgt eine überraschende, empirisch gestützte These: Über die langfristige Selbsterhaltung entscheidet weniger die Zahl der einschlagenden Raketen als der Umgang der Bewegung mit dieser inneren Informalität. Wo die ideologische Norm gewaltsam durchgesetzt wird, wie es zum Beispiel bei der Hamas nach ihrer Interner Link: Machtübernahme in Gaza im Jahr 2007 zu beobachten war, werden die Strukturen starrer und anfälliger. Wo der Latenzschutz erhalten bleibt, wie über lange Zeit bei der Hisbollah, bleiben sie viel robuster und operieren erfolgreich (Walkenhorst 2018a: 171ff.).

Der Stresstest von 2023 bis 2026

Die Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023 haben das Drei-Säulen-Modell nach Walkenhorst (2018a) auf eine Weise auf die Probe gestellt, die bei seiner Entwicklung kaum vorhersehbar war. Infolge des Massakers des 7. Oktobers sahen sich beide Bewegungen in einem bisher beispiellosen Ausmaß militärisch unter Druck gesetzt. Das Ergebnis ist noch unklar, eine Tendenz lässt sich aber an zwei Beobachtungen erkennen:

Die Hisbollah verlor binnen weniger Tage ihre Führung. Am 17. und 18. September 2024 brachte der israelische Auslandsgeheimdienst Tausende zuvor präparierte Pager und Funkgeräte zur Explosion, die die Hisbollah zur abhörsicheren Kommunikation nutzte. Ziel war es, Kommunikation und Führungsstruktur der Organisation zu zerschlagen. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums starben mindestens 37 Menschen, rund 3.000 wurden verletzt. Am 27. September 2024 wurde Generalsekretär Hassan Nasrallah bei einem Luftangriff in Beirut getötet, kurz darauf auch sein wahrscheinlicher Nachfolger. Seit dem 27. November 2024 gilt eine brüchige, immer wieder durch israelische Angriffe unterbrochene Waffenruhe; Anfang März 2026 eskalierte der Konflikt erneut. Die libanesische Regierung beauftragte die Armee mit einem mehrstufigen Entwaffnungsplan, dessen erste Phase südlich des Litani Anfang 2026 für weitgehend abgeschlossen erklärt wurde. Und doch bleibt die Hisbollah politisch und sozial der wichtigste Faktor im Libanon. Mehrere Beobachterinnen und Beobachter weisen darauf hin, dass jeder äußere Angriff das Widerstandsnarrativ eher genährt als entkräftet habe: Jeder Schlag ließ sich als Beleg dafür deuten, dass die Waffen (und damit der Widerstand) notwendig seien (International Crisis Group 2026).

Bei der Hamas zeigt sich ein ähnliches Muster. Trotz der Zerstörung in Gaza und sinkender Siegeserwartungen ist ihre Zustimmung in der Bevölkerung nicht eingebrochen. Nach Umfragen des Palestinian Center for Policy and Survey Research stieg die Zustimmung zum Angriff vom 7. Oktober zwischen Mai und Oktober 2025 von 50 auf 53 Prozent; rund 70 Prozent der Befragten lehnten eine Entwaffnung der Hamas ab, und unter allen palästinensischen Fraktionen blieb die Hamas die mit dem größten Rückhalt (Palestinian Center for Policy and Survey Research 2025a; 2025b). Die militärische Niederlage hat die soziale Architektur und ihre Verankerung in den Köpfen und Herzen der Menschen der offenbar nicht ins Wanken gebracht.

Beides bestätigt die Grundaussage des Drei-Säulen-Modells. Militärische Schläge treffen die sichtbarste Schicht, die Fähigkeit zur Gewalt. Sie erreichen aber nicht die Funktionen, aus denen die Bindung der Menschen an die Bewegung entsteht, langfristig stärken sie diese sogar. Solange Widerstandsidentität, Versorgung und die innere Gegengesellschaft wirksam bleiben, lässt sich eine Bewegung zeitweise militärisch schwächen, aber nicht wegbomben.

Was das für die deutsche Präventionsarbeit bedeutet

Die Übertragung auf den deutschen Kontext ist keine Gleichsetzung. Weder die Lage in Gaza noch die im Libanon lässt sich mit der Situation in deutschen Städten und Regionen vergleichen. Übertragbar ist aber der funktionale Mechanismus: Wo ein Gemeinwesen es versäumt, Identität, Zugehörigkeit, verlässliche Daseinsvorsorge und Zukunftsperspektiven anzubieten, gewinnen jene Akteure an Boden, die überzeugende Ersatzangebote machen. Das gilt für islamistische ebenso wie für rechts- und linksextreme Milieus. Die Forschung zur Distanzierungsarbeit beschreibt genau dieses Prinzip, wenn sie für die Schaffung „funktionaler Äquivalente“ zu den Gewinnen plädiert, die Menschen aus einer extremistischen Einbindung ziehen (Möller 2018).

Daraus folgt ein zweiter, derzeit besonders relevanter Punkt: In der Sicherheits- und Präventionspolitik ist in den vergangenen Jahren eine stark zunehmende „Versicherheitlichung“ zu beobachten, also eine Verschiebung hin zu Bewertung, Kontrolle und Repression. Sichtbar wird das etwa am Bedeutungszuwachs sogenannter Risikobewertungsinstrumente, deren wissenschaftliche Fundierung in der Fachliteratur kritisch gesehen wird (Logvinov 2019). Diese Verschiebung ist nicht grundlos. Sicherheitsbehörden haben einen klaren und legitimen Auftrag: Gefahrenabwehr. Es stellt sich aber die Frage, was geschieht, wenn eine Gesellschaft beginnt, Prävention vor allem als Sicherheitsaufgabe zu verstehen.

Hier schließt sich der Kreis zur Ausgangsfrage. Wer im Inland fast ausschließlich auf Repression, Verdrängung und Druck setzt, wiederholt den Denkfehler, der sich im Nahen Osten in großem Maßstab beobachten lässt. Beide Logiken greifen die sichtbarste Schicht an, die Gewaltfähigkeit, und lassen genau die drei Funktionen unberührt, aus denen Bindung erst entsteht. Im Nahen Osten hat militärischer Druck das Widerstandsnarrativ nicht zerstört, sondern wiederholt befeuert: Jeder Angriff von außen ließ sich als Beweis lesen, dass die Waffen nötig seien. Die innenpolitische Entsprechung ist subtiler, folgt aber derselben Logik. Eine vorrangig kontrollierende Praxis kann eine Radikalisierung gerade erst auslösen, etwa wenn falsch-positive Einschätzungen Menschen stigmatisieren und damit in eine extremistische Szene zurückdrängen, die sie eigentlich verlassen sollen. Repression bekämpft, zugespitzt formuliert, das Symptom und riskiert, die Ursache zu stärken.

Sozialarbeiterische und pädagogische Extremismusprävention verfolgt ein anderes Ziel als die sicherheitsbehördliche Gefahrenabwehr: nicht die bloße Unterbindung der Gewalt, sondern die habituelle und kognitive Distanzierung der betroffenen Personen und Gruppen, also die Ablösung vom Weltbild und der extremistischen Szene (Walkenhorst/Ruf 2018). Dieses Ziel erreicht man nicht durch Repression und Kontrolle, sondern durch tragfähige Beziehungen und durch glaubwürdige Alternativen zu dem, was die extremistische Einbindung an Identität, Zugehörigkeit und Anerkennung bietet (die angesprochenen „funktionalen Äquivalente“).

Beide Logiken, die sicherheitsbehördliche und die präventive, sind nötig zur Bewältigung des Problems. Verschiebt sich aber die Gewichtung, entsteht ein strukturelles Problem. Wer den Sicherheitsapparat ausbaut, zugleich aber bei Prävention und Sozialstaat spart, stärkt die kurzfristige Gefahrenabwehr, schwächt aber ausgerechnet jene Strukturen, die Radikalisierung langfristig vorbeugen. Funktional betrachtet ist das die innenpolitische Entsprechung des Versuchs, ein Problem allein militärisch zu lösen. Das mag in der politischen Logik nach Handlungsfähigkeit aussehen. Mittel- bis langfristig überlässt es das Feld aber extremistischen Akteuren, die überzeugende Ersatzangebote machen. Gemeinwesenorientierte Prävention ist in dieser Lesart keine nachgeordnete Begleitmaßnahme der Sicherheitspolitik, sondern deren eigentlicher Hebel.

Was Politik und Praxis daraus lernen können

Für Sicherheitspolitik und Präventionsarbeit lassen sich aus den Überlegungen einige Orientierungen ableiten:

  • Verschwörungserzählungen sind als Bedürfnis zu verstehen, nicht als Irrtum; wer sie allein faktisch widerlegt, erreicht die dahinterliegenden Vergemeinschaftungsprozesse, zum Beispiel eines kollektiven Misstrauens (El-Mafaalani 2025), nicht.

  • Die pädagogisch-sozialarbeiterische Logik der Extremismusprävention muss gegenüber der Sicherheitslogik eigenständig bleiben und mindestens gleichwertig gewichtet sein.

  • Identität, Zugehörigkeit und verlässliche soziale Angebote sind Kern der Prävention; kommunale Daseinsvorsorge wirkt selbst extremismushemmend.

  • Wirksame Prävention braucht Zeit und Verlässlichkeit; sie passt schlecht zur kurzen Taktung von Haushaltsjahren und Legislaturperioden. Wer hier kürzt, spart an der Stelle, an der die eigentliche Arbeit beginnt.

Die islamistischen Bewegungen im Nahen Osten zeigen paradoxerweise etwas über die Stärke offener Gesellschaften. Was Hamas und Hisbollah über vier Jahrzehnte aufgebaut haben, ist der funktionale Ersatz für einen Staat, der seine Aufgaben nicht erfüllt. Ein Gemeinwesen, das Identität, Teilhabe und Versorgung selbst verlässlich gewährleistet, entzieht extremistischen Angeboten den Boden, den sie zum Wachsen brauchen. Genau das ist die präventive Pointe einer Analyse, die mit einer Frage über den Nahen Osten beginnt und vor der eigenen Haustür endet.

Weitere Inhalte

Prof. Dr. Dennis Walkenhorst ist Soziologe und Professor für Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Leipzig. Er forscht zu Radikalisierungsprävention, Evaluationsmethodik und Professionalisierungsprozessen in der Sozialen Arbeit. Seine 2018 in Bielefeld abgeschlossene Dissertation in Soziologie untersucht die Persistenz von Hamas und Hisbollah systemtheoretisch.