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Dieser Text wurde ursprünglich im November 2022 veröffentlicht und am 27.03.2026 aktualisiert.
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Was ist über politische Präferenzen von Menschen mit Migrationshintergrund bekannt? Gibt es gruppenspezifische Präferenzen und wie verändert sich die Wahl politischer Parteien im Zeitverlauf? Ein Überblick.
Dieser Text wurde ursprünglich im November 2022 veröffentlicht und am 27.03.2026 aktualisiert.
Menschen mit
Die ersten bundesweit repräsentativen Wahlstudien zu eingebürgerten Einwandererinnen und Einwanderern zeigten Anfang der 2000er Jahre zum einen, dass sich die Parteipräferenzen in der Summe kaum von denjenigen Deutscher ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Zum anderen ergaben sie, dass Wahlberechtige aus Aussiedlerländern mehrheitlich die Unionsparteien (
Nachfolgende Analysen politischer Präferenzen von Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund bestätigten diese Wahlmuster, auch wenn die klaren Präferenzen der Gruppen sich abschwächten und aufgrund geringer Fallzahlen nur Trendaussagen möglich waren.
Dass die Prägnanz der Wahlmuster schwindet, zeigte sich in einer erneut repräsentativen Studie zur Bundestagswahl 2017.
Im Rahmen der Deutschen Wahlstudie (GLES) wird seit 2009 ebenfalls der Migrationshintergrund erhoben. Die Anzahl der Befragten ermöglicht zumindest einen repräsentativen Blick auf die Parteipräferenzen der heterogenen Gruppe der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund insgesamt. Wie Abbildung 1 zeigt,
Die festgestellten Veränderungen spiegeln zum einen den allgemeinen Bedeutungsverlust der ehemaligen Volksparteien wider: Union und SPD erhielten noch bei der Bundestagswahl 2002 unter sämtlichen Wählerinnen und Wählern 77 Prozent aller
Auch jüngere Analysen der langfristigen Bindung an Parteien (2021) belegen Verschiebungen in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund, deren Zusammensetzung sich mittlerweile allerdings ebenfalls verändert hat. Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zeigen in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund zwischen 1984 und 2019 moderate Verluste für die CDU/CSU, starke Verluste für die SPD, starke Gewinne für Grüne und Linkspartei sowie moderate Gewinne für FDP und AfD.
Auch wenn langfristige Parteibindungen tradierte Muster spiegeln, haben sich inzwischen zumindest die kurzfristigen politischen Präferenzen der bedeutendsten Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund verschoben. Neueste Daten zu Wahlwahrscheinlichkeiten aus der Nachwahlbefragung zur Bundestagswahl 2025 (Abbildung 2)
Wahlwahrscheinlichkeiten der Parteienwahl bei der Bundestagswahl 2025 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Nun sind Wahlwahrscheinlichkeiten kein Wahlverhalten,
Es besteht eine Überlappung von Muslimen und Türkeistämmigen von rund der Hälfte der jeweiligen Gruppe; die andere Hälfte der Muslime ist nicht türkeistämmig und viele Türkeistämmige gehören keiner und manche einer anderen Religion an. Dennoch ähneln sich vor allem die bei der Bundestagswahl 2025 gemessenen Parteipräferenzen von Muslimen den Parteipräferenzen der Türkeistämmigen: Linke und SPD erhielten die meiste Unterstützung, gefolgt vom BSW (Muslime) bzw. der CDU/CSU (Türkeistämmige). Dass die Parteipräferenzen mitunter großen Fluktuationen unterliegen können, zeigt das Abstimmungsverhalten von Muslimen bei der Europawahl 2024. Schon hier hat das BSW sehr gut abgeschnitten, aber auch
Wie lassen sich Parteipräferenzen und die beobachteten Veränderungen erklären? Zunächst ist festzustellen, dass die gängigen Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens auch bei Menschen mit Migrationshintergrund greifen:
Erklärungen für Parteipräferenzen sind daher in der Beziehung der Wahlberechtigten zu verschiedenen Parteien zu suchen. Parteien machen Wahlberechtigten unterschiedliche inhaltliche und personelle Angebote und vertreten im Parlament und in Regierungsverantwortung die Interessen verschiedener Wählerinnen und Wähler unterschiedlich stark. Politisch linksgerichtete Parteien sind traditionell offener gegenüber Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion und fördern auch deren soziale Teilhabe und Gleichstellung stark: angefangen von Zuzugsmöglichkeiten, Integrationsangeboten und erleichterter Einbürgerung über Maßnahmen gegen Diskriminierung bis hin zu Nominierungen für Mandate und Ämter.
Grundlegende parteipolitische Positionen zu Migration und Integration reichen von der Vorstellung einer ethnisch homogenen (Mehrheits-)Gesellschaft mit einheitlicher Kultur bis hin zu einer multiethnischen sowie multikulturellen Gesellschaft mit starken Minderheitenrechten. Daher kann von einer mono-multikulturellen Konfliktlinie gesprochen werden, auf der sich die Parteien unterschiedlich positionieren.
(© bpb)
Die Unionsparteien befürworteten jahrzehntelang vor allem den Zuzug Deutschstämmiger aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion. Zumindest für die erste Generation der (Spät-)Aussiedlerinnen und Aussiedler spielte als Wahlmotiv die Dankbarkeit für den Einsatz der CDU/CSU und insbesondere des ehemaligen Bundeskanzlers
Während einige Veränderungen der Parteipräferenzen der letzten Jahre den allgemeinen Trends zu nachlassenden Parteibindungen und in der Folge einer Fragmentierung des Parteiensystems geschuldet sind, bedarf die mittlerweile stärkere Unterstützung der Linkspartei, der AfD und des BSW unter Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund weiterer Erklärungen. Jüngere Erhebungen wie die Nachwahlbefragung zur Bundestagswahl 2025, die Studie MigRep, die 2022/23 durchgeführt wurde,
Die Positionierung der türkei- und russlandstämmigen Deutschen zu zentralen Themen erhellt die veränderten Präferenzen. Wie die Daten der Wahlstudie 2025 zeigen,
Die unterschiedlichen Positionierungen dieser beiden Gruppen zu den genannten zentralen Themen erklären aber nur zum Teil die Wahl von AfD, Linken und BSW. Zwei weitere Faktoren tragen zu einem noch besseren Verständnis der Parteipräferenzen bei: Zum einen die wahrgenommene Distanz zwischen Elite und Bevölkerung, zum anderen der Umgang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Wie den Daten der Nachwahlbefragung 2025 zu entnehmen ist, nehmen Türkeistämmige (60 Prozent) und in noch größerem Maße Russlanddeutsche (75 Prozent) eine größere Distanz zwischen politischer Elite und der Bevölkerung wahr als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (54 Prozent). Diese Ansicht befördert die Unterstützung nicht etablierter Parteien wie der AfD und des BSW, aber auch der Linkspartei, die angibt, vor allem die Interessen einfacher Leute zu vertreten. Die Unterstützung dieser drei Parteien hängt aber auch mit deren vergleichsweise russlandfreundlichen Positionen zusammen.
ist Professor für Politikwissenschaft, Hochschule München University of Applied Sciences. Seine Forschungsschwerpunkte sind die empirische Wahl- und Repräsentationsforschung.
Der in Deutschland gebräuchlichen Definition des Statistischen Bundesamtes zufolge hat eine Person dann einen Migrationshintergrund, "wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt".
Interner Link: Kompletten Eintrag "Migrationshintergrund" lesenAktualisiert und erweitert im August 2025. Hrsg. von Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS).
Der konservative britische Oppositionsführer Winston Churchill sagte in einer Rede am 5.3.1946 in Fulton, US-Bundesstaat Missouri, dass sich ein »eiserner Vorhang über den europäischen Kontinent gesenkt« habe –...
Interner Link: Kompletten Eintrag "Eiserner Vorhang" lesenaus: Große Hüttmann / Wehling, Das Europalexikon (3.Auflage), Bonn 2020, Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH. Autor des Artikels: G. Metzler
Der in Deutschland gebräuchlichen Definition des Statistischen Bundesamtes zufolge hat eine Person dann einen Migrationshintergrund, "wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt".
Interner Link: Kompletten Eintrag "Migrationshintergrund" lesenAktualisiert und erweitert im August 2025. Hrsg. von Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS).
Der konservative britische Oppositionsführer Winston Churchill sagte in einer Rede am 5.3.1946 in Fulton, US-Bundesstaat Missouri, dass sich ein »eiserner Vorhang über den europäischen Kontinent gesenkt« habe –...
Interner Link: Kompletten Eintrag "Eiserner Vorhang" lesenaus: Große Hüttmann / Wehling, Das Europalexikon (3.Auflage), Bonn 2020, Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH. Autor des Artikels: G. Metzler