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Politische Präferenzen von Menschen mit Migrationshintergrund | Migration und politische Partizipation | bpb.de

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Politische Präferenzen von Menschen mit Migrationshintergrund

Andreas M. Wüst

/ 12 Minuten zu lesen

Was ist über politische Präferenzen von Menschen mit Migrationshintergrund bekannt? Gibt es gruppenspezifische Präferenzen und wie verändert sich die Wahl politischer Parteien im Zeitverlauf? Ein Überblick.

Einbürgerungsfest vor dem Sächsischen Landtag 2019. Mit der Einbürgerung erwerben Eingewanderte auch das Recht, sich in Deutschland an Wahlen zu beteiligen und damit die Politik von Bund und Ländern mitzugestalten. (© picture-alliance/dpa, dpa-Zentralbild | Robert Michael)

Hinweis

Dieser Text wurde ursprünglich im November 2022 veröffentlicht und am 27.03.2026 aktualisiert.

Menschen mit Migrationshintergrund präferieren eher Parteien links der Mitte, da diese traditionell offener für Einwanderinnen und Einwanderer sowie deren Anliegen waren und sind. Dieses generelle Muster zeigt sich in Deutschland auf den ersten Blick nicht, da Millionen Interner Link: Deutschstämmige aus ehemaligen Siedlungsgebieten auf der Grundlage von Artikel 116 des Grundgesetzes und des Bundesvertriebenengesetzes als „deutsche Volkszugehörige“ eingewandert sind. Bis in die 1980er Jahre hinein kamen Deutschstämmige vor allem aus Polen und Rumänien, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs überwiegend aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, vor allem Russland und Kasachstan. Diese aus ethnisch-kulturellen und historischen Gründen privilegierten Einwanderinnen und Einwanderer unterscheiden sich im Hinblick auf parteipolitischen Präferenzen von Menschen, die zur Arbeitsaufnahme oder als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

Die ersten bundesweit repräsentativen Wahlstudien zu eingebürgerten Einwandererinnen und Einwanderern zeigten Anfang der 2000er Jahre zum einen, dass sich die Parteipräferenzen in der Summe kaum von denjenigen Deutscher ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Zum anderen ergaben sie, dass Wahlberechtige aus Aussiedlerländern mehrheitlich die Unionsparteien (Interner Link: CDU und Interner Link: CSU) präferierten (Wahlberechtigte aus der ehemaligen Sowjetunion sogar mit über 70 Prozent), während über 60 Prozent der eingebürgerten Türkinnen und Türken die Interner Link: SPD unterstützen. Diese klaren Muster bestätigten sich auch in ersten Analysen langfristiger Parteibindungen.

Nachfolgende Analysen politischer Präferenzen von Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund bestätigten diese Wahlmuster, auch wenn die klaren Präferenzen der Gruppen sich abschwächten und aufgrund geringer Fallzahlen nur Trendaussagen möglich waren.

Dass die Prägnanz der Wahlmuster schwindet, zeigte sich in einer erneut repräsentativen Studie zur Bundestagswahl 2017. Hier kommt die CDU/CSU bei Interner Link: Russlanddeutschen auf nur noch 27 Prozent, die SPD bei Türkeistämmigen auf 35 Prozent. Schwerpunkte nach politischen Lagern bestehen fort, denn lediglich 26 Prozent der Türkeistämmigen wählten 2017 Mitte-Rechts-Parteien (CDU/CSU, Interner Link: FDP, Interner Link: AfD, ADD) und 41 Prozent der Russlanddeutschen Parteien links der Mitte (Interner Link: Linke, Interner Link: Grüne, SPD). Im Lichte früherer Befunde, dass jede Gruppe Parteien meidet, die sie als nicht unterstützend wahrnimmt, überraschen diese Ergebnisse kaum, obwohl einige Befragungen dieser Zeit stärkere Verschiebungen der Parteipräferenzen, insbesondere zugunsten der CDU/CSU, festgestellt haben.

Im Rahmen der Deutschen Wahlstudie (GLES) wird seit 2009 ebenfalls der Migrationshintergrund erhoben. Die Anzahl der Befragten ermöglicht zumindest einen repräsentativen Blick auf die Parteipräferenzen der heterogenen Gruppe der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund insgesamt. Wie Abbildung 1 zeigt, überwiegen – wie bei den Studien zuvor – die Parallelen der Präferenzen von Wahlberechtigten mit und ohne Migrationshintergrund. Mit Ausnahme der Bundestagswahl 2017 präferieren Befragte mit Migrationshintergrund etwas stärker Parteien links der Mitte. Bei der Bundestagswahl 2025 wurden die vergleichsweise größten Unterschiede der beiden Bevölkerungsgruppen sichtbar: Vor allem die Linkspartei, aber auch BSW und AfD schnitten unter Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund besser ab, und insbesondere die CDU/CSU schlechter.

Die festgestellten Veränderungen spiegeln zum einen den allgemeinen Bedeutungsverlust der ehemaligen Volksparteien wider: Union und SPD erhielten noch bei der Bundestagswahl 2002 unter sämtlichen Wählerinnen und Wählern 77 Prozent aller Interner Link: Zweitstimmen, vier Jahre später 53 Prozent und seit 2021 weniger als 50 Prozent. Unter den Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund konnten sich alle kleineren Parteien verbessern. Während Die Linke schon 2017 sowohl bei Türkeistämmigen als auch bei Russlanddeutschen auf zweistellige Ergebnisse kam, war die AfD damals ausschließlich bei den Russlanddeutschen erfolgreich: In dieser Gruppe erreichte sie Interner Link: überproportionale Anteile (15 Prozent) im Vergleich mit den Wahlberechtigten insgesamt, erfuhr aber weniger Zustimmung als die Linkspartei (21 Prozent).

Auch jüngere Analysen der langfristigen Bindung an Parteien (2021) belegen Verschiebungen in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund, deren Zusammensetzung sich mittlerweile allerdings ebenfalls verändert hat. Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zeigen in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund zwischen 1984 und 2019 moderate Verluste für die CDU/CSU, starke Verluste für die SPD, starke Gewinne für Grüne und Linkspartei sowie moderate Gewinne für FDP und AfD. Die Analysen der Autoren bestätigen damit die aus den langjährigen Beobachtungen der Wahlforschung bekannten Grundmuster: „Personen, die aus Osteuropa oder der ehemaligen UdSSR kommen, identifizieren sich überproportional häufig mit der CDU/CSU. Personen aus Anwerbeländern, beispielsweise der Türkei oder Südeuropa, identifizieren sich überproportional mit der SPD.“

Auch wenn langfristige Parteibindungen tradierte Muster spiegeln, haben sich inzwischen zumindest die kurzfristigen politischen Präferenzen der bedeutendsten Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund verschoben. Neueste Daten zu Wahlwahrscheinlichkeiten aus der Nachwahlbefragung zur Bundestagswahl 2025 (Abbildung 2) zeigen, dass gerade unter Russlanddeutschen die AfD inzwischen fast so hoch im Kurs steht wie CDU und CSU, während insbesondere die Grünen bei den Wahlwahrscheinlichkeiten weit dahinter liegen (blaue Linie). Dabei können sich die Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund (schwarze Linie) nach wie vor am häufigsten vorstellen, die SPD zu wählen, gefolgt von CDU und CSU. Bei den Türkeistämmigen steht dagegen die Linke hoch im Kurs (rote Linie), auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Wahl der SPD unter ihnen noch höher ausfällt. Und das BSW hielten 2025 sowohl Russlanddeutsche als auch türkeistämmige Deutsche für deutlich häufiger wählbar als die Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund (graue Linie) und mit einem anderen Migrationshintergrund.

Wahlwahrscheinlichkeiten der Parteienwahl bei der Bundestagswahl 2025 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Nun sind Wahlwahrscheinlichkeiten kein Wahlverhalten, aber sie zeigen doch, dass die Bereitschaft zur Wahl von Linken, BSW und AfD unter Menschen mit Migrationshintergrund bei der Bundestagswahl 2025 hoch war. Ergänzend zu den Befunden aus Umfragen, die um den Zeitpunkt der Bundestagswahl 2025 herum durchgeführt wurden, sind Befragungen von Wählerinnen und Wählern am Wahltag erwähnenswert. Diese Befragungen nutzen häufig einen sehr kurzen Fragebogen, so dass der Migrationshintergrund nicht abgebildet wird. Allerdings hat die Forschungsgruppe Wahlen in ihren Befragungen zur Europawahl 2024 und Bundestagswahl 2025 in ihren Fragenkatalog die Religionszugehörigkeit „muslimisch“ aufgenommen (Tabelle 1).

Es besteht eine Überlappung von Muslimen und Türkeistämmigen von rund der Hälfte der jeweiligen Gruppe; die andere Hälfte der Muslime ist nicht türkeistämmig und viele Türkeistämmige gehören keiner und manche einer anderen Religion an. Dennoch ähneln sich vor allem die bei der Bundestagswahl 2025 gemessenen Parteipräferenzen von Muslimen den Parteipräferenzen der Türkeistämmigen: Linke und SPD erhielten die meiste Unterstützung, gefolgt vom BSW (Muslime) bzw. der CDU/CSU (Türkeistämmige). Dass die Parteipräferenzen mitunter großen Fluktuationen unterliegen können, zeigt das Abstimmungsverhalten von Muslimen bei der Europawahl 2024. Schon hier hat das BSW sehr gut abgeschnitten, aber auch Interner Link: DAVA, eine Erdoğan-nahe muslimisch-radikale Partei, die bei der Europawahl 2024 erstmals bundesweit angetreten ist. Die Linke und die SPD schnitten hier merklich schlechter ab. Europawahlen eignen sich als sogenannte Nebenwahlen sehr gut für die Kandidatur kleinerer Parteien, da die Chance auf einen Sitzgewinn aufgrund fehlender Sperrklausel (5-Prozent-Hürde) hoch ist und die gewählten Parteien keine über die reine Interessensrepräsentation hinausgehende, regierungsbildende Funktion besitzen.

Erklärungsansätze zu Parteipräferenzen

Wie lassen sich Parteipräferenzen und die beobachteten Veränderungen erklären? Zunächst ist festzustellen, dass die gängigen Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens auch bei Menschen mit Migrationshintergrund greifen: Die Wahlentscheidung fällt auf der Grundlage langfristiger Parteibindungen, der Zuschreibung von Lösungskompetenzen an Parteien für die wichtigsten politischen Probleme, der Präferenz für Kandidatinnen oder Kandidaten und der Bewertung von Leistungen der amtierenden Regierung. Hinzu kommen Einflüsse einiger soziodemografischer Charakteristika wie Alter, Geschlecht, Bildung und Religion. Und dennoch bleiben Erklärungslücken. Dies hat zum einen damit zu tun, dass bei einer überproportionalen Zahl an Wählerinnen und Wähler mit Migrationshintergrund erklärungskräftige Partei- und Kandidatenorientierungen fehlen. Zum anderen kann die langfristige Parteibindung zwar Parteipräferenzen statistisch erklären, doch werden dadurch die Gründe für die Bindung der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund an einzelne Parteien kaum erhellt.

Erklärungen für Parteipräferenzen sind daher in der Beziehung der Wahlberechtigten zu verschiedenen Parteien zu suchen. Parteien machen Wahlberechtigten unterschiedliche inhaltliche und personelle Angebote und vertreten im Parlament und in Regierungsverantwortung die Interessen verschiedener Wählerinnen und Wähler unterschiedlich stark. Politisch linksgerichtete Parteien sind traditionell offener gegenüber Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion und fördern auch deren soziale Teilhabe und Gleichstellung stark: angefangen von Zuzugsmöglichkeiten, Integrationsangeboten und erleichterter Einbürgerung über Maßnahmen gegen Diskriminierung bis hin zu Nominierungen für Mandate und Ämter.

Grundlegende parteipolitische Positionen zu Migration und Integration reichen von der Vorstellung einer ethnisch homogenen (Mehrheits-)Gesellschaft mit einheitlicher Kultur bis hin zu einer multiethnischen sowie multikulturellen Gesellschaft mit starken Minderheitenrechten. Daher kann von einer mono-multikulturellen Konfliktlinie gesprochen werden, auf der sich die Parteien unterschiedlich positionieren. Entsprechend können migrationsspezifische Aspekte wie Diskriminierungserfahrungen zu einer stärkeren Wahrnehmung und Einfluss entsprechender Parteipositionen auf die Wahlentscheidung führen. So hat eine Studie des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) 2016 ergeben, dass die Präferenz für Parteien links der Mitte im Fall erlebter Diskriminierung um 14 Prozentpunkte anstieg, während im Gegenzug die Präferenz für die CDU/CSU um 16 Prozentpunkte sank (Abbildung 3).

(© bpb)

Die Unionsparteien befürworteten jahrzehntelang vor allem den Zuzug Deutschstämmiger aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion. Zumindest für die erste Generation der (Spät-)Aussiedlerinnen und Aussiedler spielte als Wahlmotiv die Dankbarkeit für den Einsatz der CDU/CSU und insbesondere des ehemaligen Bundeskanzlers Interner Link: Helmut Kohl, der die Aussiedlung nachdrücklich unterstützte, eine wichtige Rolle. Dazu passt, dass die Wertorientierungen und Gesellschaftsvorstellungen von (Spät-)Aussiedlerinnen und Aussiedlern der ersten Generation oft konservativ waren. Im Zuge der ‚Flüchtlingskrise‘ 2015 kam es allerdings vor allem in der zweiten Generation Russlanddeutscher zu einer größeren Distanz zur Interner Link: Flüchtlingspolitik der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel und damit auch zur CDU. Etliche (Spät-)Aussiedlerinnen und Spätaussiedler zeigten sich von nun an offen für eine Interner Link: Unterstützung der AfD, die eine sehr restriktive Flüchtlingspolitik vertritt.

Während einige Veränderungen der Parteipräferenzen der letzten Jahre den allgemeinen Trends zu nachlassenden Parteibindungen und in der Folge einer Fragmentierung des Parteiensystems geschuldet sind, bedarf die mittlerweile stärkere Unterstützung der Linkspartei, der AfD und des BSW unter Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund weiterer Erklärungen. Jüngere Erhebungen wie die Nachwahlbefragung zur Bundestagswahl 2025, die Studie MigRep, die 2022/23 durchgeführt wurde, und Analysen des ALLBUS 2014-18, liefern diesbezüglich Indizien. Blickt man auf die Zusammensetzung der Wahlberechtigten aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, dann hingen bis vor wenigen Jahren hohe Bildung und ein niedriger sozioökonomischer Status mit einer höheren Präferenz für die Linkspartei zusammen. In der gleichen Gruppe wurde die AfD demgegenüber eher von Niedriggebildeten und weit überwiegend von Männern präferiert.

Die Positionierung der türkei- und russlandstämmigen Deutschen zu zentralen Themen erhellt die veränderten Präferenzen. Wie die Daten der Wahlstudie 2025 zeigen, unterscheidet sich die sozialpolitische Orientierung kaum von derjenigen der Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund. Hinsichtlich einer Begrenzung von Zuwanderung nehmen Russlanddeutsche jedoch eine restriktive Haltung ein (Mittelwert 7,6 auf Skala von 1-11), und auch bei der Frage der Bekämpfung des Klimawandels sind Russlanddeutsche der Ansicht, dass im Zweifel die Wirtschaft Vorrang vor Klimaschutz haben sollte (Mittelwert 6,8). Türkeistämmige unterscheiden sich in ihrer Haltung zum Klimaschutz dagegen kaum von den Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund. Beim Thema Zuwanderung sprechen sich Türkeistämmige weniger deutlich für eine Begrenzung aus (Mittelwert: 6,6) als Russlanddeutsche und als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (Mittelwert: 7,4). Folglich weisen Russlanddeutsche ein in mehrfacher Hinsicht konservatives Profil auf, das durch Ethnozentrismus in Form einer ausgeprägt russlanddeutschen Identität komplementiert wird, während Türkeistämmige zumindest gesellschaftspolitisch eher progressive Haltungen einnehmen.

Die unterschiedlichen Positionierungen dieser beiden Gruppen zu den genannten zentralen Themen erklären aber nur zum Teil die Wahl von AfD, Linken und BSW. Zwei weitere Faktoren tragen zu einem noch besseren Verständnis der Parteipräferenzen bei: Zum einen die wahrgenommene Distanz zwischen Elite und Bevölkerung, zum anderen der Umgang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Wie den Daten der Nachwahlbefragung 2025 zu entnehmen ist, nehmen Türkeistämmige (60 Prozent) und in noch größerem Maße Russlanddeutsche (75 Prozent) eine größere Distanz zwischen politischer Elite und der Bevölkerung wahr als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (54 Prozent). Diese Ansicht befördert die Unterstützung nicht etablierter Parteien wie der AfD und des BSW, aber auch der Linkspartei, die angibt, vor allem die Interessen einfacher Leute zu vertreten. Die Unterstützung dieser drei Parteien hängt aber auch mit deren vergleichsweise russlandfreundlichen Positionen zusammen. Sowohl Sanktionen gegen Russland als auch Waffenlieferungen an die Ukraine im Lichte des russischen Kriegs gegen die Ukraine lehnen sowohl Türkeistämmige (78 Prozent) als auch Russlanddeutsche (64 Prozent) mehrheitlich ab, während unter den Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund nur eine Minderheit (31 Prozent) diese Meinung vertritt.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Karen Bird u.a. (Hrsg.) (2011): The Political Representation of Immigrants and Minorities. Voters, Parties and Parliaments in Liberal Democracies, London; Anthony Messina (2006): The Political Incorporation of Immigrants in Europe: Trends and implications, in: ders. und Gallya Lahav (Hrsg.): The Migration Reader. Exploring Politics and Policies, Boulder, 470-493.

  2. Andreas M. Wüst (2002): Wie wählen Neubürger?, Opladen, 166-181; ders. (2003): Das Wahlverhalten eingebürgerter Personen in Deutschland, Aus Politik und Zeitgeschichte B 52/2003, 36.

  3. Martin Kroh und Ingrid Tucci (2009): Parteibindungen von Migranten: Parteien brauchen erleichterte Einbürgerung nicht zu fürchten, DIW-Wochenbericht 47/2009, 821-827.

  4. Andreas M. Wüst (2011): Dauerhaft oder temporär? Zur Bedeutung des Migrationshintergrunds für Wahlbeteiligung und Parteiwahl bei der Bundestagswahl 2009, in: Politische Viertjahresschrift Sonderheft 45 (hrsg. von Rüdiger Schmitt-Beck), 157-178. In mehreren Studien des SVR wurde nicht die Wahlabsicht, sondern die Parteineigung erhoben, so dass hier zwar nicht die Fallzahlen, aber die abhängige Variable nicht vergleichbar ist.

  5. Achim Goerres u.a. (2018): Deutsche mit Migrationshintergrund bei der Bundestagswahl 2017: Erste Auswertungen der Immigrant German Election Study zu Deutschtürken und Russlanddeutschen, Duisburg, 6.

  6. Wüst (2003), Fn. 2, 36-37; Andreas M. Wüst (2011): Politische Repräsentation von Migranten im Vergleich: Die Rolle von Parteien, in: Bertelsmann Stiftung (Hg.): Wer gehört dazu? – Zugehörigkeit als Voraussetzung von Integration, Gütersloh, 117-135.

  7. Sabine Pokorny (2016): Was uns prägt. Was uns eint. Integration und Wahlverhalten von Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund und in Deutschland lebenden Ausländern, Berlin/Sankt Augustin; Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (2018): Parteipräferenzen von Zuwanderinnen und Zuwanderern: Abschied von alten Mustern, Berlin.

  8. Eigene Analysen der bei GESIS hinterlegten Datensätze ZA6802 (PIs: Roßteutscher, Schmitt-Beck, Schoen), ZA7702 (PIs: Roßteutscher, Debus, Faas) und ZA10100. Den vor 1950 Zugewanderten und ihren Kindern sowie im Ausland geborenen Kindern deutscher Staatsangehöriger wurde kein Migrationshintergrund zugeschrieben. Für 2025 konnte aufgrund fehlender Informationen zum Zuwanderungsjahr der Eltern nach 1949 Zugewanderten aus ehemals deutschen Ostgebieten kein Migrationshintergrund zugeschrieben werden.

  9. Vgl. hierzu auch Jannis Panagiotidis (2021): Postsowjetische Migration in Deutschland, Weinheim, 159-189.

  10. Jannes Jacobsen und Martin Kroh (2021): Eingewanderte bauen nur schrittweise Bindungen an Parteien in Deutschland auf, DIW-Wochenbericht 28/2021, 492-500.

  11. Jocobsen und Kroh, Fn. 10, 500.

  12. Eigene Analysen auf Grundlage von ZA10100; offene Angaben wurden nachverkodet.

  13. Diese Befunde spiegeln sich zum großen Teil auch in einer Studie des DeZIM: Fabio Best u.a. (2025): Welche Rolle spielte der Migrationshintergrund bei der Bundestagswahl 2025?, Berlin (Factsheet #16/25).

  14. Die Fallzahlen der Befragten einzelner Untergruppen sind in der GLES-Wahlstudie gering (zusammen rund 200 Befragte), so dass Prozentanteile für einzelne Parteien einer hohen Schwankungsbreite unterliegen. Den Daten zufolge schnitten Linke, SPD und CDU/CSU bei Türkeistämmigen am besten ab, bei Russischstämmigen AfD, CDU/CSU und BSW.

  15. Cees van der Eijk und Mark Franklin (Hrsg.) (1996): Choosing Europe?, The European Electorate and National Politics in the Face of Union, Ann Arbor.

  16. Wüst (2002; 2011), Fn. 2 und 4; Andreas M. Wüst (2003): Eingebürgerte als Wähler: Erkenntnisse aus der Bundesrepublik Deutschland, Wiener Hefte – Migration und Integration in Theorie und Praxis 1 (1), 113-126; Goerres u.a. (2022): A New Electorate? Explaining the Party Preferences of Immigrant-Origin Voters at the 2017 Bundestag Election, British Journal of Political Science 52 (3).

  17. Wüst (2002), Fn. 2; Goerres u.a. (2022), Fn. 16.

  18. Michael Jankowski u.a. (2022): Die Positionen der Parteien zur Bundestagswahl 2021: Ergebnisse des Open Expert Surveys, Politische Vierteljahresschrift 63, 53-72; Bergmann, Henning, Gözde Çelik und Andreas M. Wüst (2024): REPCHANCE – Bausteine einer chancengerechten politischen Repräsentation von Menschen mit Migrationsgeschichte, Stuttgart.

  19. Andreas M. Wüst (2004): Naturalised Citizens as Voters: Behaviour and Impact, German Politics 13 (2), 341-359.

  20. Goerres u.a. (2022), Fn. 16, 1047.

  21. Nils Friedrich und Johannes Graf (2022): Integration gelungen? Lebenswelten und gesellschaftliche Teilhabe von (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedlern (SVR-Studie 2022-1), Berlin, 83; Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Landesgruppe Nordrhein-Westfalen (o.D.): Die Deutschen aus Russland haben einen guten Freund verloren. Zum Gedenken an Altbundeskanzler Dr. Helmut Kohl. Externer Link: https://lmdr.de/zum-gedenken-an-altbundeskanzler-dr-helmut-kohl/ (Zugriff: 03.02.2026).

  22. Rainer Silbereisen u.a. (Hg.) (1999): Aussiedler in Deutschland: Akkulturation von Persönlichkeit und Verhalten, Opladen.

  23. Friedrich und Graf, Fn. 21, 84-88; Achim Goerres u.a. (2020): Immigrant voters against their will: a focus group analysis of identities, political issues and party allegiances among German resettlers during the 2017 Bundestag election campaign, Journal of Ethnic and Migration Studies 46 (7), 1205-1222.

  24. Marc Debus u.a. (2025): What do Germans of Russian and Turkish migration background think about sanctions against Russia?, Research & Politics 12(1) (Externer Link: https://doi.org/10.1177/20531680251325428).

  25. Panagiotidis, Fn. 9, 166-175.

  26. Panagiotidis, Fn. 9, 169-170.

  27. Eigene Analysen auf der Basis von ZA10100 (Nachwahl-Querschnitt 2025).

  28. Dennis C. Spiess, Sabrina J. Mayer und Achim Goerres (2023): Why do immigrants support an anti-immigrant party? Russian-Germans and the Alternative for Germany, West European Politics 46(2), 275-299.

  29. Panagiotidis, Fn. 9, 188-189.

  30. Debus u.a. (2025), Fn. 24; Analyse der Nachwahlbefragung zur Bundestagswahl 2025 (ZA10100).

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ist Professor für Politikwissenschaft, Hochschule München University of Applied Sciences. Seine Forschungsschwerpunkte sind die empirische Wahl- und Repräsentationsforschung.

Der in Deutschland gebräuchlichen Definition des Statistischen Bundesamtes zufolge hat eine Person dann einen Migrationshintergrund, "wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt".

Interner Link: Kompletten Eintrag "Migrationshintergrund" lesen

Aktualisiert und erweitert im August 2025. Hrsg. von Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS).

Der konservative britische Oppositionsführer Winston Churchill sagte in einer Rede am 5.3.1946 in Fulton, US-Bundesstaat Missouri, dass sich ein »eiserner Vorhang über den europäischen Kontinent gesenkt« habe –...

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aus: Große Hüttmann / Wehling, Das Europalexikon (3.Auflage), Bonn 2020, Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH. Autor des Artikels: G. Metzler

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