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"Sich einfach etwas nehmen"

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"Sich einfach etwas nehmen" Interview mit Djan Ivson Silva

Djan Ivson Silva

/ 3 Minuten zu lesen

Pixação prägt mit teils riesigen Schriftzügen das Bild brasilianischer Städte. Ein Gespräch mit einem Sprecher der Szene, Djan Ivson Silva.

Ein Graffiti im Stil des Pixacao von den Künstler-Brüdern Gemeos (© Andre Carvalho)

Renata Ribeiro da Silva: Die Pixos, die Schrifzüge der Pixadores, erinnern an die Graffiti, die man in vielen Großstädten findet, haben jedoch eine besondere grafische Ästhetik. Wo kommt sie her?

Djan Ivson Silva: Die ersten Pixadores waren Punks und übernahmen die Logos und die Schrift von Rockbands wie Metallica und Kiss. Erst später stellten wir fest, dass diese Bands das Runenalphabet benutzten. Allerdings verändern sich die Zeichen je nach dem Stil, der in der jeweiligen Stadt gerade angesagt ist, und jeder Pixador muss eine eigene, unverwechselbare Identität entwickeln. Deshalb erfindet auch jeder ein eigenes Alphabet, in dem er seinen Namen oder den Namen seiner Gruppe schreibt.

Worin unterscheiden sich die Stile in den verschiedenen Städten?

In São Paulo haben wir den Pixoreto. Der heißt so, weil wir Farbe und Farbwalzen verwenden und gerade Linien bevorzugen. Der Stil in Rio wird "xarpi" genannt und ist selbst von dortigen Künstlern manchmal nur schwer zu entziffern. In Salvador da Bahia dagegen ist die Schrift wellenförmig.

Was ist Pixação für dich: Kunst, politische Bewegung oder Freizeitbeschäftigung?

Ein bisschen von allem. Pixação entstand in den Vorstädten von São Paulo und Rio de Janeiro. Ab Ende der 1980er-Jahre breitete es sich allmählich im ganzen Land aus.

Sind die Szenen unabhängig voneinander entstanden oder haben sie sich von Bundesstaat zu Bundesstaat verbreitet?

Viele der ersten Pixadores in anderen Städten waren Fußballfans. Sie sind zu Spielen nach São Paulo und Rio angereist, haben dabei die Pixos im Stadtbild bemerkt und sie in ihren Bundesstaaten nachgeahmt.

Wie ist das Verhältnis zwischen Pixadores und Graffiti-Sprayern?

In Brasilien arbeiten viele Graffitikünstler in letzter Zeit legal, eine rein dekorative Angelegenheit. In São Paulo wird Graffiti inzwischen als Gegenmittel gegen die Pixação eingesetzt. Gesellschaft und Behörden gehen davon aus: Wo Graffiti ist, bringt keiner mehr ein Pixo an. Dadurch ist es zu Konflikten gekommen, weil die Sprayer mit den Hausbesitzern zusammenarbeiten und unsere Pixos übermalen. Unter den Pixadores wird nur respektiert, wer etwas Verbotenes tut. Es liegt eine gewisse Macht darin, sich einfach etwas zu nehmen.

Was bewegt euch dazu, die Pixos teilweise unter Lebensgefahr in schwindelnder Höhe anzubringen?

Der Pixador betrachtet sich als Künstler, er will nichts zerstören, sondern einen bleibenden Eindruck im Gedächtnis der Stadt hinterlassen. Natürlich spielt auch das Ego eine Rolle. Man konkurriert darum, wer sich am meisten traut, wer am frechsten und radikalsten ist. Pixação ist ein radikaler Wettkampf, ein Extremsport der Vorstädte. Die Pixadores setzen ihr Leben aufs Spiel, ohne dabei etwas zu verdienen. Und sie haben keinerlei Unterstützer.

In den letzten Jahren wurde viel darüber diskutiert, ob Pixação nicht auch eine Kunstform ist anstatt reiner Vandalismus. Wie ist es zu dieser neuen Wahrnehmung gekommen?

Einer von uns, Rafael PixoBomB, bekam ein Stipendium für die Kunstakademie São Paulo. Nachdem er 2008 seine Abschlussarbeit abgegeben hatte, lud er uns ein, das Unigebäude zu verzieren. Das Ende vom Lied war, dass er von der Uni flog und seine Arbeit nicht angenommen wurde. Da beschlossen wir, uns zu organisieren, und ich wurde Sprecher unserer Clique.

Das Interview führte Renata Ribeiro da Silva

Aus dem Portugiesischen von Kirsten Brandt

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wurde 1984 in
São Paulo geboren. Schon als Kind verzierte er die Wände seiner Schule mit Schriftzügen. Später machte er sich als Cripta Djan einen Namen in der Pixação-Szene. 2004 tauschte Silva die Spraydose gegen die Filmkamera und begann, die Bewegung zu dokumentieren. Als ihr Sprecher war er bei der Biennale von São Paulo, der Straßenkunstausstellung der Cartier- Stiftung in Paris und der Berliner Biennale zu Gast. Djan Ivson Silva lebt in São Paulo.