Die Beziehung zwischen jüdischen Gemeinschaften und dem türkischen Staat war über Jahrhunderte hinweg von einem Spannungsverhältnis zwischen Duldung und Ausgrenzung geprägt. Während das Osmanische Reich jüdischen Geflüchteten – insbesondere den sephardischen Jüdinnen und Juden nach der Vertreibung aus Spanien (Braude 2014, S. 37) – Schutz, wirtschaftliche Teilhabe und religiöse Autonomie gewährte (Hacker 2014, S. 99-100), markierte die Gründung der Republik Türkei im Jahr 1923 eine ideologische Zäsur. Mit dem Übergang zu einem laizistischen und nationalistischen Staatsmodell wurde der Anspruch auf kulturelle Homogenität zur tragenden Säule der neuen Identitätspolitik (Azak 2010, S.111). Nicht-muslimische Minderheiten gerieten zunehmend unter Assimilationsdruck. Jüdinnen und Juden wurden nun nicht mehr als geduldete, benachteiligte Gemeinschaft betrachtet, sondern zunehmend als potenzielle Gefahr für die Einheit und Sicherheit der Nation dargestellt (Azak 2010, S.18).
Eine besonders ausgeprägte Form des Antisemitismus entwickelte sich im Umfeld des türkischen Ultranationalismus. Einer der einflussreichsten Ideolog:innen der späten osmanischen und frühen republikanischen Zeit der Türkei war Nihal Atsız (1905-1975). Er verband ethnonationalistische Konzepte mit Verschwörungserzählungen über eine angebliche jüdische Einflussnahme auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Jüdische Menschen wurden in diesem Denken zum Feindbild stilisiert und als innere Bedrohung für die türkische Nation konstruiert. Dabei spielten sowohl europäische antisemitische Ideen als auch Elemente osmanischer Ordnungsvorstellungen eine Rolle (Uzer 2011, S. 124).
Dieser Text setzt sich mit den historischen Ursprüngen und ideologischen Fundamenten des Antisemitismus im türkischen Ultranationalismus und der Türkisch-Islamischen Synthese auseinander, die auch in Deutschland eine Rolle spielen – vor allem im Kontext der sogenannten Interner Link: Grauen Wölfe (Ülkücü-Bewegung).
Historische Wurzeln und europäische Einflüsse des Antisemitismus im türkischen (Ultra-)Nationalismus
Antisemitismus ist kein genuin türkisches Phänomen. Vielmehr ist es ein ideologisch übernommenes Konzept, das im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vor allem durch europäische Einflüsse aus dem zaristischen Russland, aus Frankreich sowie aus dem späteren nationalsozialistischen Deutschland in das osmanisch-türkische Denken gelangte. In der Folge schlug es sich im türkischen Ultranationalismus nieder (Baer 2013, S. 528; Bali 2023, S.230; Bozkurt 2016, S.614-615; Klevesath 2022, S. 30-31). Dieser ist eine rechtsextreme Ideologie, die auf der Vorstellung beruht, dass die türkischstämmigen Völker allen anderen Völkern überlegen seien, und die die Vision eines großtürkischen Reiches hegt (Bozay, Manigtay 2016, S. 13).
Besonders hervorzuheben ist die Rezeption der antisemitischen Interner Link: Schrift Die Protokolle der Weisen von Zion, die einen vermeintlichen jüdischen Plan zur Weltherrschaft entlarven möchte. Diese Verschwörungserzählung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, fand auch in der Türkei Verbreitung, insbesondere in nationalistischen und islamisch-konservativen Kreisen (Baer 2013, S. 551). Das Misstrauen gegenüber Jüdinnen und Juden nahm gegen Ende des Osmanischen Reiches während der Herrschaft von Sultan Abdülhamit II. (1877–1909), der die Anfrage Theodor Herzls zur Gründung eines jüdischen Staates in Palästina ablehnte (Baer 2013, S.537), deutlich zu. Insbesondere die aufkommende zionistische Bewegung, die die Gründung eines jüdischen Staates auf osmanischem Boden im damaligen Palästina anstrebte, wurde von Teilen der osmanischen Elite als ernsthafte Bedrohung empfunden (Gedikli Berber 2012, S. 1781). Zugleich entwickelte sich in dieser Zeit die Gestalt der „Dönme“ (türk.: konvertieren) zu einem zentralen Bezugspunkt judenfeindlicher Vorstellungen im späten Osmanischen Reich. Damit waren Nachfahren jener Jüdinnen und Juden gemeint, die sich Ende des 17. Jahrhunderts gemeinsam mit ihrem als Messias verehrten Shabbatai Tsevi zum Islam bekehrt hatten. Mit der Jungtürkischen Revolution von 1908 und dem darauffolgenden politischen Machtgewinn des Komitees für Einheit und Fortschritt (CUP) setzte sich zunehmend die Vorstellung durch, dass führende Jungtürk:innen Mitglieder der sogenannten Dönme seien, also Nachfahren jener Konvertit:innen, die angeblich weiterhin heimlich ihrem jüdischen Glauben anhingen und im Verborgenen gegen die islamisch-osmanische Ordnung arbeiteten. In antisemitischen Deutungen galt diese Gruppe als geheime, von jüdischen Interessen geleitete Gemeinschaft, die politischen Einfluss ausübte und den moralischen und religiösen Zusammenhalt des Reiches zu untergraben suchte. Diese Verschwörungserzählung verband traditionelle religiöse Vorurteile mit modernen politischen Feindbildern und wurde zu einem zentralen Motiv antisemitischer Rhetorik im ausgehenden Osmanischen Reich (Baer 2013, S. 527-528).
Antisemitismus nach der Republik-Gründung 1923
Diese These fand nach der Gründung der Republik 1923 neue Nahrung, als Gegner:innen des säkularen Staates den Interner Link: ersten Präsidenten der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938), selbst zum Dönme erklärten und seine Reformpolitik als Ausdruck einer geheimen jüdisch-freimaurerischen Agenda interpretierten. Insbesondere wurde die Abschaffung des Kalifats innerhalb dieses Deutungsmusters als ein gezielter Angriff auf die islamische Identität interpretiert, der vermeintlich von jüdischen Akteur:innen gelenkt wurde (Baer 2013, S. 527-528).
Ein zentrales Narrativ des antisemitischen türkischen Ultranationalismus ist das Bild des „Juden als innerem Feind“. In rassistisch-biologistischer Logik wurde postuliert, dass ein Mensch jüdischer Abstammung, selbst bei formaler Konversion zum Islam, nie ein echter Türke oder eine echte Türkin sein könne. Besonders die Dönme galten als subversive Elemente, die aus dem Inneren heraus die nationale Einheit untergrüben. Diese Vorstellung diente der Konstruktion eines Feindbilds, das sich nicht durch politische Argumente, sondern durch vermeintlich naturgegebene Gegensätze legitimierte (Baer 2013, S. 528-529).
Der wohl prominenteste Vertreter dieses Denkens war der eingangs erwähnte Nihal Atsız, der eine Schlüsselposition im türkischen Ultranationalismus des 20. Jahrhunderts einnahm. In seinen Schriften entwarf er ein geschlossenes Weltbild, in dem Jüdinnen und Juden als illoyal, doppelgesichtig und staatsfeindlich erscheinen. Besonders deutlich wurde dies in seinem Werk Çanakkale’ye Yürüyüş – Türkçülüğe Karşı Haçlı Seferleri (Marsch nach Çanakkale – Kreuzzüge gegen den Turkismus), wo er „den Juden“ mit Begriffen wie „hinterhältig“, „feige“, „niederträchtig“ („sinsi“, „küstah“, „zelil“, „korkak“) und gleichzeitig auch gefährlich opportunistisch („fırsat düşkünü“) charakterisierte. Mit dem Zusammenführen von widersprüchlichen Charakterzügen wurde „der Jude“ als unberechenbares und schädliches Wesen dargestellt. Zudem wurde hier „der Jude“ nicht als Individuum wahrgenommen, sondern als kollektive Kategorie mit unveränderlichen Eigenschaften imaginiert. Dabei erschien „der Jude“ nicht als historisch oder sozial greifbares Subjekt, sondern als starres Feindbild, das als Gefahr für die Integrität der türkischen Nation konstruiert wurde (Bölükbaşı 2019, S. 303).
Atsız ging jedoch über diese antisemitischen Zuschreibungen auf der kulturell-politischen Ebene hinaus, indem er das Türkentum nicht durch kulturelle Zugehörigkeit oder Loyalität bestimmte, sondern ausschließlich über das „Blut“. Jüdinnen und Juden galten ihm daher, ungeachtet gemeinsamer Sprache oder Bildung, als grundsätzlich vom Türkentum ausgeschlossen. Diese biologistische Zuschreibung stellte eine deutliche Parallele zu nationalsozialistischen Rassentheorien dar. In einem besonders bezeichnenden Zitat heißt es bei Atsız (Atsız, 1934):
Diese extreme Form des Antisemitismus wurde bei Atsız zudem mit Verschwörungserzählungen verbunden. Jüdinnen und Juden hätten im Osmanischen Reich mit ausländischen Mächten paktiert, während der Gründung der Republik als Feinde des Türkentums agiert und seien später die Hauptverantwortlichen für den Marxismus in der Türkei. Gemeinsam mit dem Zionismus und der Freimaurerei stellte Atsız diese Ideologien als Bedrohungen dar, die durch ihre angeblich jüdische Wurzel gegen die nationale Ordnung wirken würden (Bölükbaşı 2019, S. 312; Atsız 1934). Seine Sympathien für den Nationalsozialismus, das NS-Regime und seine positiven Bezüge auf den Holocaust machen deutlich, wie tief sein antisemitisches Denken im faschistischen Gedankengut verankert war (Cagaptay 2006, S. 142).
Neben Atsız war auch Necip Fazıl Kısakürek (1904-1983) eine prägende Figur antisemitischen Denkens in der Türkei. Der islamisch-nationalistische Schriftsteller und Vordenker der religiösen Rechten vertrat offen antisemitische Positionen und beeinflusste maßgeblich islamisch-konservative Politiker, darunter auch Interner Link: den heutigen Präsidenten der Republik Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, der sich in späteren Jahren wiederholt auf ihn bezog (Yavuz 2021, S. 90; 300). In Kısaküreks Weltbild erscheint das Judentum in Verbindung mit Organisationen wie der Freimaurerei, dem Kommunismus und dem Kosmopolitismus als zentraler Feind der türkischen Nation. Er war der Überzeugung, dass diese Kräfte darauf abzielten, die moralische und nationale Integrität der Türkei zu zerstören, indem sie das historische Bewusstsein manipulierten und die Gesellschaft ideologisch zersetzten. Seine Sprache war dabei stark emotional aufgeladen und von bildhafter, verschwörungstheoretischer Rhetorik geprägt (Kısakürek 2017, S. 748).
Antisemitismus seit den 1970ern: die Türkisch-Islamische Synthese und die „Grauen Wölfe“
Aus dem rassistisch-nationalistischen Gedankengut von Atsız (Uzer 2011, S.124) sowie der ideologischen Verknüpfung islamischer und türkisch-nationalistischer Elemente, wie sie etwa vom Vordenker Ziya Gökalp (1876-1924) vertreten wurden, entwickelte sich eine Ideologie, die faschistische Züge aufwies und stark von nationalistisch-islamischem Denken geprägt war. Dabei war Gökalp selbst ein leidenschaftlicher Befürworter eines türkischen Nationalismus, ohne aber rassistische Vorstellungen zu unterstützen (Gökalp 2019, S. 21-24). Die Verschmelzung dieser unterschiedlichen ideologischen Versatzstücke wird als Türkisch-Islamische Synthese bezeichnet. Sie entstand in den 1970er-Jahren im intellektuellen Umfeld des Zirkels „Aydınlar Ocağı“ („Heim der Intellektuellen“), der eine Verbindung von sunnitischem Islam und türkischem Nationalismus formulierte, um eine kulturelle Gegenposition zu westlichem Liberalismus und marxistischer Ideologie zu schaffen. Interner Link: Nach dem Militärputsch von 1980 wurde die Türkisch-Islamische Synthese von der Militärregierung unter Kenan Evren zur staatlich geförderten Leitideologie erhoben (Yavuz 2020, S. 55-57). Eine zentrale Rolle bei ihrer Popularisierung spielte die im Jahr 1969 gegründete Partei der Nationalistischen Bewegung (Interner Link: Milliyetçi Hareket Partisi; kurz: MHP) unter der Führung von Alparslan Türkeş (1917–1997), die die religiös-nationalistische Rhetorik in den parteipolitischen Diskurs integrierte und über die Interner Link: „Ülkücü-Bewegung“ (wörtlich: Idealisten) – die sogenannten „Grauen Wölfe“ – tief in der Gesellschaft verankerte (Yavuz 2020, S. 55-57; Gökalp 2019, S. 95-96). Diese Strömung prägte insbesondere in den 1970er-Jahren das politische Klima in der Türkei nachhaltig (modus|zad; Bozay 2024, S. 7-8) und besteht in unterschiedlichen Formen bis heute fort.
Türkeş trat offen antisemitisch auf. In seinem ideologischen Hauptwerk aus dem Jahr 1965 mit dem Titel Dokuz Işık („Neun Lichter“) plädierte er für ethnische Reinheit, kulturelle Homogenität und militärische Disziplin in Verbindung mit dem Islam, womit er – mit Ausnahme von letzterem – deutliche ideologische Parallelen zum europäischen Faschismus, insbesondere zum Nationalsozialismus, aufwies (Türkeş 2019, S. 51-59; 157-161; 211-216). Türkeş trug zuerst zur Entstehung des Panturkismus bei, später prägte er die Ülkücü-Bewegung mit (vgl. Aydin 2022, S. 18f.) Er und weitere Anhänger:innen dieser Ideologie, die sich am Nationalsozialismus orientieren (Bali 2023, S. 230-231; Landau 1995, S. 95-97), griffen auf Konzepte wie Abstammung und Blutreinheit zurück, die auch zentrale Elemente antisemitischer Propaganda darstellten (Bölükbaşı 2018, S. 46-50).
Innerhalb der Ülkücü-Bewegung fungiert der Antisemitismus als identitätsstiftendes und mobilisierendes Element, das ethnisch-nationalistische und religiös-kulturelle Deutungsmuster miteinander verbindet. In diesem Rahmen werden Jüdinnen und Juden, Zionist:innen oder der Staat Israel als übermächtige Gegner:innen einer vermeintlich bedrohten türkisch-islamischen Zivilisation konstruiert (Bozay 2016, S. 9-13; 43-47). Diese Deutungen greifen auf klassische antisemitische Narrative zurück, etwa auf die Vorstellung einer globalen jüdischen Verschwörung, die Kontrolle über Wirtschaft, Medien und internationale Politik ausübe. Die Bewegung verknüpft diesen Antisemitismus mit einer antiimperialistischen und antizionistischen Rhetorik, die das Eigenbild der Türkei beziehungsweise der muslimischen Welt als Opfer westlicher und zionistischer Mächte betont (Arslan 2009, S. 192). Entsprechend äußert sich der Antisemitismus der Grauen Wölfe häufig in israelfeindlichen Mobilisierungen, insbesondere während eskalierender Konflikte im Nahen Osten, sowie in konspirativen Narrativen über eine zionistische Weltordnung, die in den Sozialen Medien, in Reden und in Publikationen der Bewegung zirkulieren (Arslan 2009, S. 192; Bundesverband RIAS & IBSA 2021, S. 68-69).
Exkurs: Antisemitische Diskurse in islamisch-politischen Bewegungen – das Beispiel Milli Görüs
Der Antisemitismus innerhalb der Türkisch-Islamischen Synthese wurde nicht nur von panturkistischen Denkern wie Atsız vertreten. Auch islamistische Akteur:innen wie Necmettin Erbakan (1926-2011), der Gründer der Milli-Görüş-Bewegung („Nationale Sicht“), griffen diese Vorstellungen auf (Yavuz 2021, S. 214). Milli Görüş, eine religiös ausgerichtete Bewegung, entstand 1969 mit dem Ziel, die laizistische Staatsordnung der Türkei durch eine islamistische zu ersetzen, und ist heutzutage auch außerhalb der Türkei zu finden.
Erbakan verband laut Rifat N. Bali, antisemitische mit antizionistischen Positionen (Bali 1999, S.2), indem er eine „jüdisch markierte“ Elite beschuldigte, sich auf Kosten der verarmenden Mehrheit zu bereichern (Arpacı; Baharçiçek 2017, S. 118). Nach seiner Sichtweise waren Zionismus und westlicher Imperialismus verantwortlich für soziale Ungerechtigkeit, wirtschaftliche Ausbeutung und gesellschaftliche Instabilität. Die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 betrachtete er nicht nur als geopolitischen Einschnitt, sondern als ideologisches Symbol eines globalen Herrschaftsanspruchs. Durch die Bezugnahme auf Konzepte wie das „verheißene Land“ oder „Großisrael von Nil bis Euphrat“ stilisierte Erbakan den Zionismus zur Bedrohung der islamischen Welt und prägte damit eine antizionistische Stimmung, die über die staatliche Außenpolitik hinausging (Bali 1996, S. 32-36). In Erbakans Verständnis war der Zionismus nicht bloß eine politische Bewegung, sondern Ausdruck eines „rassistischen Imperialismus“, der das Prinzip der Macht über das des Rechts gestellt habe. Er verknüpfte diese Vorstellung mit dem Konzept einer „geheimen Weltregierung“ (Gizli Dünya Devleti), die Politik und Wirtschaft global dominiere und eine von Jüdinnen und Juden gelenkte Weltordnung anstrebe (Erbakan 2010, S. 26-27). Die Gründung Israels deutete er als Instrument dieser Unterdrückung. Nach seiner Auffassung handele es sich bei Israel um einen Staat, der „nichts von Recht und Gerechtigkeit“ verstehe („İsrail hak hukuktan anlamaz“) (el-Aziz 2014).
Zusammenfassend zeigt sich, dass die Türkisch-Islamische Synthese in ihrer ideologischen Ausrichtung eine machtvolle Verbindung aus ethnischem Nationalismus und religiösem Traditionalismus darstellte.
Antisemitische Kontinuitäten im 21. Jahrhundert
Die ideologischen Grundlagen dieser Bewegung prägen nicht nur ultranationalistische und islamistische Gruppierungen, sondern wirken auch nachhaltig auf das politische Denken in der Türkei bis in die Gegenwart hinein. In diesem Rahmen nimmt der Antisemitismus sowohl in seiner rassistisch geprägten als auch in seiner verschwörungstheoretischen Ausprägung auch im 21. Jahrhundert eine zentrale Stellung ein. Auch die Politik des aktuellen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der eine Vergangenheit in der Milli Görüş-Bewegung vorweist und als protegierter Ziehsohn Erbakans gilt, ist zunehmend von der Ideologie der Türkisch-Islamischen Synthese beeinflusst (Hamid 2004, S.113-118; Yavuz 2021, S. 97). In der von ihm geführten Regierung ist seit 2023 ein deutlicher Anstieg antisemitisch konnotierter Rhetorik sowie populistischer Diskursmuster zu beobachten, der im Kontext der völkerrechtlich umstrittenen militärischen Handlungen Israels im Gazastreifen steht und sich insbesondere in politischen und medialen Debatten zunehmend manifestiert. (Amnesty International 2025; Deutsche Welle 2021; Independent Türkçe 2023).
Die politische Führung greift auf das Konzept der Türkisch-Islamischen Synthese zurück, wie es bereits in ihrer ideologischen Ursprungsgestalt angelegt war, um durch die Verbindung von Nationalismus und Islam eine gesellschaftliche Mobilisierung zu erreichen und zugleich den Westen als feindliches und heuchlerisches Gegenbild zu inszenieren, wobei insbesondere Jüdinnen und Juden sowie der Staat Israel als zentrale Gegner:innen markiert werden (Kaliber & Kaliber 2019, S.1-3; Son Dakika 2023). Neben politischen Auftritten trägt auch die Filmindustrie zur Verbreitung dieser Sichtweise bei. Ein Beispiel hierfür sind die Serie und der Film Tal der Wölfe („Kurtlar Vadisi“), in denen antisemitische und antiwestliche Narrative dominieren. Dort werden Zionist:innen und die USA als Intrigant:innen gegen die Türkei dargestellt (Rochtus 2010, S. 68-69).
So lässt sich festhalten, dass die Türkisch-Islamische Synthese ein ideologisches Fundament schuf, das antisemitische Vorstellungen fest in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs der Türkei integrierte. Die enge Verknüpfung von Nationalismus, religiösem Traditionalismus und der Konstruktion äußerer Feindbilder prägt das Denken vieler politischer Akteur:innen bis heute. Antisemitismus bleibt dabei ein zentrales Element nationalistischer Mobilisierungsstrategien, das sowohl in der politischen Rhetorik als auch in medialen Darstellungen weiterhin wirksam ist.
Fazit
Antisemitische Vorstellungen in der Türkei sind kein Randphänomen, sondern tief im ideologischen Fundament des Landes und unterschiedlicher religiös-politischer Bewegungen verankert. Antisemitismus tritt hier nicht nur als spezifische Judenfeindschaft auf, sondern ist Teil eines umfassenden Weltbildes, das auf ethnischer Homogenität, religiösem Konservatismus und autoritärem Ordnungsdenken beruht. Im Zentrum steht die Vorstellung einer kulturell und ethnisch reinen Nation, die sich nicht nur gegen Jüdinnen und Juden, sondern auch gegen andere Minderheiten wie beispielsweise Kurd:innen, Alevit:innen, Armenier:innen richtet. Diese Minderheiten werden als Bedrohung der nationalen Einheit konstruiert. Der türkische Ultranationalismus definiert sich wesentlich über Abgrenzung nach außen und Ausgrenzung nach innen. Das nationale Selbstbild stabilisiert sich durch die fortwährende Konstruktion feindlicher Gruppen. Dabei fungiert insbesondere das Judentum als Projektionsfläche für gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Unzufriedenheit und wird mit Begriffen wie Globalismus, Kapitalismus, Zionismus oder moralischer Dekadenz ideologisch überhöht und symbolisch aufgeladen.
Insbesondere im Kontext der aktuellen Gaza-Israel-Debatte erlebt der Antisemitismus innerhalb der Ülkücü-Bewegung eine erneute Belebung. Diese Dynamik wird durch die politische Allianz zwischen Erdoğans AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi; Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) und der ultranationalistischen MHP verstärkt, da viele Ülkücüler, ursprünglich Anhänger:innen der MHP, nun auch Erdoğan und der AKP folgen (Güsten 2021). Erdoğan repräsentiert gegenwärtig die Ideologie der Türkisch-Islamischen Synthese und nutzt in der Gaza-Israel-Debatte verstärkt antisemitische Rhetorik, die in der Ülkücü-Bewegung wiederum breite Zustimmung findet.
Im Vergleich zwischen der Türkei und der türkischen Diaspora im Ausland zeigt sich, dass sich der Antisemitismus der Ülkücü-Bewegung in der Türkei offener und stärker staatlich legitimiert äußert, während er in Deutschland meist codiert, kontextabhängig und sprachlich verschleiert auftritt (Bozay 2005, S. 45-53). Diese Unterschiede lassen sich durch rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie durch die Notwendigkeit zur Anpassung an lokale Diskurse erklären. Gleichwohl bestehen inhaltliche Kontinuitäten, vor allem in der Verbindung von antizionistischen Deutungsmustern, nationaler Opfersemantik und der Konstruktion jüdischer Machteliten.
Ein Vergleich des Antisemitismus im türkischen Ultranationalismus und im deutschen Rechtsextremismus zeigt strukturelle Übereinstimmungen in der Verwendung antisemitischer Verschwörungsnarrative, bei zugleich unterschiedlichen kulturellen Codierungen und historischen Referenzrahmen. Während im deutschen Kontext das Motiv der „jüdischen Weltverschwörung“ auf rassistische und säkularisierte Feindbilder trifft, verschränkt es sich im türkischen Fall mit islamisch-religiöser Symbolik und dem Erbe des osmanischen Antizionismus (Buğur 2024). Für die politische Bildung ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung. Einerseits müssen antisemitische Narrative im Kontext migrantisch-nationalistischer Milieus besser erkannt und differenziert von legitimer Kritik an israelischem Regierungshandeln unterschieden werden. Andererseits bedarf es sprach- und kultursensibler Ansätze, um wirksam gegen die Verbreitung antisemitischer Inhalte in transnationalen Netzwerken vorzugehen. Trotz bestehender Projekte im Bereich interkultureller Bildungsarbeit bestehen weiterhin erhebliche Leerstellen in Forschung, Prävention und Praxis (Buğur/Ohlenforst 2024).