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Globalisierung – Megatrend von gestern?

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Globalisierung – Megatrend von gestern?

Markus Sievers

/ 8 Minuten zu lesen

Das ständige Wachstum des Welthandels scheint vorerst gestoppt, parallel zu nationalistischeren Tendenzen in der Politik. Warum die Zukunft der Globalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer ungewisser erscheint, erläutert der Wirtschaftsjournalist Markus Sievers.

Container im Hafen von Long Beach, Kalifornien: Im September 2016 meldet die südkoreanische Reederei Hanjin, ein wichtiges Schifffahrtsunternehmen im Handel zwischen Asien und Europa sowie Asien und den USA, Insolvenz an. (© picture-alliance/AP)

Weltweit hat seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nichts das wirtschaftliche und soziale Leben so geprägt wie die Öffnung der Grenzen und die Verflechtung von Produktion und Wertschöpfungsketten zwischen Staaten und Erdteilen. "Die Globalisierung war die stärkste wirtschaftliche Kraft über zwei Jahrzehnte lang", sagt Michael O’Sullivan von der Schweizer Großbank Credit Suisse. Doch nun ist er nicht mehr sicher, dass sich dies so fortsetzt. Einer Studie zu dem Thema hat O’Sullivan den Titel "Das Ende der Globalisierung oder eine stärker multipolare Welt" gegeben. Von einer "Zeitenwende" spricht auch Thomas Straubhaar, Ökonom und langjähriger Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Und David Lipton, stellvertretender Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), fragt: "Kann die Globalisierung die Erwartungen noch erfüllen?"

Zunehmend erkennen Fachleute Anzeichen dafür, dass die Globalisierung ins Stocken gerät, zumindest aber ein anderes Gesicht bekommt. Als Konsens gilt: Die Globalisierung, wie wir sie kennen, setzt ihren Siegeszug nicht weiter ungebremst fort. Dafür sorgen tiefgreifende ökonomische Veränderungen wie ein nachlassender Schwung im internationalen Güterhandel und eine Renaissance regional geprägter Wertschöpfungsketten. Hinzu kommen politische Faktoren, die die Globalisierung bremsen. So bemühen sich Regierungen seit Jahrzehnten vergeblich um eine weitere weltweite Handelsliberalisierung, weil Industrie- und Schwellenländer ihre Interessenskonflikte nicht überwinden können. Erst recht seit dem Amtsantritt von Donald Trump als US-Präsident sind viele Bemühungen, weltweit Zölle abzubauen und Märkte zu öffnen, zum Scheitern verurteilt.

Der Internationale Währungsfonds befasste sich im Juli 2016 in einem Papier für die G20-Finanzminister mit dem ökonomischen Wandel. Darin führen die Expertinnen und Experten der Washingtoner Organisation die anhaltende Schwäche der Weltwirtschaft zu großen Teilen auf zwei Faktoren zurück: Einerseits belebe der internationale Warenaustausch die Weltwirtschaft nicht mehr so stark wie in den Jahrzehnten zuvor, andererseits erhöhe sich auch die Effizienz der Weltwirtschaft nur noch in einem geringen Maß. In der Analyse des IWF heißt es: "Die langfristige Abschwächung des Handels fällt zusammen mit einem schwächeren Wachstum der Produktivität, was eine wichtige Erklärung für die enttäuschende wirtschaftliche Entwicklung ist."

Die Dynamik des weltweiten Güteraustauschs lässt nach

In den 1990er Jahren expandierte das Volumen des Güteraustausches laut IWF noch doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft. Danach ließ die Dynamik nach. Von 2001 bis 2007 legte der Handel noch eineinhalbmal so schnell zu wie das globale Bruttoinlandsprodukt. Seit 2008 aber wächst er nur noch im selben Tempo wie die Wirtschaft insgesamt, fällt also als volkswirtschaftlicher Antreiber aus.

Nicht alles daran ist durch konjunkturelle und somit vorübergehende Effekte zu erklären. Auf mehrere strukturelle Faktoren wies der IWF bereits Anfang 2015 in einer gemeinsam mit der Weltbank verfassten Analyse hin. So seien die Wertschöpfungsketten in den 1990er Jahren durch den Wegfall von Handelsbarrieren, durch sinkende Transportkosten und den Siegeszug der Just-in-time-Produktion (um Lagerkosten zu sparen werden dabei Zuliefer- und Herstellungstermine aufeinander abgestimmt) stark internationalisiert worden. Es war die Blütezeit der Globalisierung, in der Konzerne globale Wertschöpfungsketten schufen und sich billige Vorprodukte aus Entwicklungs- und vor allem aus Schwellenländern wie China, Brasilien oder Indien einkauften.

Inzwischen setzten viele Unternehmen andere Prioritäten. Dies machen IWF und Weltbank vor allem an den sich wandelnden Wirtschaftsbeziehungen zwischen den ökonomischen Giganten USA und China fest. Die Volksrepublik stelle seine Wirtschaft sukzessive um auf ein Geschäftsmodell, in dem die heimische Fertigung über die ganze Produktionskette hinweg eine größere Rolle spiele. Der Anteil der importierten Vorprodukte an den eigenen Exporten sei seit Mitte der 1990er Jahre von 60 Prozent auf derzeit etwa 35 Prozent gefallen. Umgekehrt hätten die Vereinigten Staaten ihre Nachfrage nach Waren aus Asien in den 1990er Jahren enorm gesteigert, danach aber in deutlich geringerem Ausmaß. Zudem wandelt sich laut der Studie die Struktur der Nachfrage. Wichtiger werde der Konsum. An Bedeutung verlören Investitionen, bei denen der Importanteil besonders hoch liegt, zum Beispiel für Solarmodule.

(© Privat)

Abschwächung des Handels als "neue Normalität" umstritten

Einig ist sich die Fachwelt, dass die Dynamik im weltweiten Austausch von Gütern und Dienstleistungen nachlässt. Umstritten ist, inwieweit dieser Befund weitreichende Schlussfolgerungen für das Auslaufen der alten Globalisierung zulässt. "Was ist los mit dem Welthandel?", fragt Patrick Franke in einer Studie für die Hessische Landesbank. Nach seinem Befund ist die Abschwächung eine "neue Normalität". Der Analyst und Volkswirt sagt: "Es wäre ein Fehler, die heutige Situation am Maß der 1990er/2000er Jahre zu messen". Damals hätten die Integration der asiatischen Schwellenländer in die Weltwirtschaft und die Öffnung der ehemals kommunistischen Staaten des Warschauer Paktes eine "dramatische Internationalisierung der Zulieferer- und Wertschöpfungsketten" eingeleitet.

Wurden zuvor bestenfalls einzelne Komponenten in ein Land eingeführt, dort zusammengesetzt, verpackt und als fertige Waren exportiert, so überschritten ab Mitte der 1990er Jahre Produkte zunehmend sogar mehrfach in einzelnen Fertigungsschritten Staatsgrenzen. Dieser Internationalisierungsschub sei mit der Finanzkrise 2008 offenbar vorerst ausgelaufen.

Die Unternehmensberatung McKinsey warnt jedoch davor, das Ende der Globalisierung auszurufen. Richard Dobbs, Direktor des McKinsey Global Institute, meint: "Das Netz der globalen wirtschaftlichen Verbindung wird tiefer, breiter und stärker." Im 21. Jahrhundert aber würden nicht mehr der Güterhandel und Kapitalströme die Weltwirtschaft zusammenhalten, sondern überschreitende Datentransfers. Diese seien, gemessen an der dafür benutzten Bandbreite, seit 2005 mit dem Faktor 45 gewachsen, heißt es in einer Studie der Gesellschaft von Februar 2016. Und: Das Volumen werde demnach zwischen 2016 und 2021 noch einmal um das Neunfache expandieren.

Die digitalen Ströme für den Handel, für Information und Recherche, für Filme, Kommunikation und für den Datenverkehr innerhalb von Konzernen werden laut dieser Prognose weiter boomen. Aus dieser Sicht hat sich die Globalisierung tatsächlich nicht verlangsamt, sondern nur gewandelt. McKinsey nennt das die neue Ära der digitalen Globalisierung. Sie sei gekennzeichnet durch den weltweiten Siegeszug von Konzernen wie eBay, Amazon, Facebook oder der chinesischen Online-Handelsplattform Alibaba.

Politischer Rückhalt für freie Märkte schwindet

Fast alle Start-ups sind laut McKinsey dank der Digitalisierung grenzüberschreitend aktiv, ebenso zahlreiche Verbraucherinnen und Verbraucher. 900 Millionen Menschen nutzen nach diesen Angaben internationale Verbindungen in den sozialen Netzwerken. 360 Millionen beteiligen sich sogar am grenzüberschreitenden Handel.

Gleichwohl ist unübersehbar, dass der politische Rückhalt für weltweit freie Märkte schwindet. Die Universität St. Gallen registriert einen stetigen Anstieg von Handelshürden. Sie zählte für ihren 2015 erschienenen Bericht Global Trade Alert seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2009 über 3500 Maßnahmen zur Abwehr ausländischer Konkurrenten durch die G 20-Staaten.

Zwischendurch sei die Zahl der neuen Eingriffe in den ungestörten Handel zwar wieder zurückgegangen. Doch in jüngerer Zeit beobachten Forscherinnen und Forscher erneut einen Anstieg. Im Jahr 2018 scheint die Lage zu eskalieren: Erst verhängten die USA Zölle auf Stahl- und Aluminiumprodukte aus der Europäischen Union – und auch aus mehreren anderen Ländern. Dann konterte die EU mit Vergeltungszöllen. Einen noch heftigeren Schlagabtausch liefern sich China und die USA, die beiden größten Mächte der Weltwirtschaft.

"Es gibt eine zunehmende Stimmung gegen den Freihandel", beobachtet auch Guntram Wolff, Direktor des Brüsseler Thinkthanks Bruegel. Zwar sei der ungestörte Austausch von Gütern und Dienstleistungen laut Bruegel unterm Strich positiv für Wirtschaft und Gesellschaft. Doch bei einem Teil der Bevölkerung stiegen die Löhne weniger stark, andere verlören gar ihre Jobs und würden dies unmittelbar mit Freihandelsmaßnahmen in Verbindung bringen. Das liberale britische Wirtschaftsmagazin The Economist urteilte in einem Leitartikel, dass die internationale Politik nicht genug getan habe, um den Verliererinnen und Verlierern der Globalisierung zu helfen. "Viele Fabrikarbeiter konnten nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes keine ordentlich bezahlte andere Stelle finden", so der Economist.

Misstrauen gegen die Globalisierung wächst

Viele Indikatoren sprechen für eine wachsende ökonomische Ungleichheit. So steigen die Löhne selbst in wirtschaftsstarken Nationen wie den USA oder Deutschland seit langem deutlich langsamer als früher und als die Gewinne der Unternehmen oder aus Kapitalerträgen. In der Folge wächst das Misstrauen gegen die Globalisierung, und der internationalen Politik fällt es zunehmend schwerer, die Märkte weiter zu öffnen. Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 startete die Doha-Runde, die den globalen Handel liberalisieren, Verzerrungen auf Agrarmärkten abbauen und Exportchancen der Entwicklungsländer verbessern sollte. Doch die WTO-Mitglieder brachten in eineinhalb Jahrzehnten keinen konsensfähigen Abschluss zustande.

"Natürlich bin ich frustriert", räumte WTO-Chef Pascal Lamy ein, als er 2013 nach acht Jahren im Amt ohne nennenswerte Fortschritte abtrat. Entnervt vom chronischen Misserfolg setzten die großen Wirtschaftsnationen zunächst auf regionale Handelsabkommen als Alternative zu globalen Vereinbarungen. Die USA zogen sich davon unter Trump aber wieder zurück und stiegen aus der bereits ausgehandelten Transpazifischen Partnerschaft (TTP) aus. Auch die aus den 1990er Jahren stammende Vereinbarung mit Kanada und Mexiko (Nafta) sieht die US-Regierung unter Trump als nachteilhaft für ihr Land an. Umso energischer beschreitet die EU diesen Weg. Mit Kanada schloss sie CETA, mit Japan ein weitreichendes Abkommen zum Wegfall fast aller Zölle zwischen den Wirtschaftsräumen ab. Weitere Abkommen mit dem lateinamerikanischen Handelsbündnis Mercosur oder mit Australien werden von der EU bereits ausgehandelt.

Keine Chance hat bis auf weiteres der Multilateralismus, die gemeinsame Verständigung aller großen Wirtschaftsregionen auf den Abbau von Zöllen und den Wegfall anderer Handelshemmnisse. Die G20, der Zusammenschluss der 20 wirtschaftlich stärksten Nationen der Welt, konnte sich mit Trump nicht einmal auf die üblichen Bekenntnisse einigen, dem Protektionismus eine Absage zu erteilen. Als Erfolg geht in diesen Zeiten schon eine allgemeine Formulierung zum Handel durch, auf die sich die G20-Staaten auf dem Gipfel in Hamburg 2017 verständigen konnten.

"Die Gegenbewegung zur Globalisierung begleitet uns seit 20 Jahren", schreibt Harold James, Geschichtsprofessor an der Universität Princeton. Nie aber schien sie so kraftvoll zu sein wie heute. Auch im Brexit-Votum sehen Beobachter eine Absage der Engländer und Waliser an den ungezügelten Handel und die Öffnung aller Grenzen. So gesehen haben die Briten auch gegen die Globalisierung gestimmt. Deren Zukunft erscheint zu Beginn des 21. Jahrhunderts viel ungewisser als noch zu Ende des 20. Jahrhunderts.

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Markus Sievers wurde 1965 in Bonn geboren. In Köln und Dublin studierte er Volkwirtschaft und Politik und besuchte die Kölner Journalistenschule. Nach einigen Jahren als freier Autor arbeitete er als Redakteur beim Weserkurier in Bremen und dann bei der Frankfurter Rundschau. Seit 2003 ist er Hauptstadtkorrespondent für mehrere Tageszeitungen in Berlin.