30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

19.3.2009 | Von:
Rainer Eckert

Das historische Jahr 1990

Freiheitstradition und friedliche Revolution

Heute wird die Situation in Ostdeutschland vor allem dadurch erschwert, dass ein sich selbst tragender Aufschwung der Wirtschaft ausgeblieben ist und die ostdeutschen Länder weiter am Finanztropf des Westens hängen.Das hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bereits 2001 dazu veranlasst, die wirtschaftliche und soziale Lage in Ostdeutschland als "auf der Kippe" befindlich einzuschätzen.[39] Die Kritik ist berechtigt und hat nichts mit "Ostalgie" zu tun. Es ist zu überlegen, wie die Einheit von Freiheit und materieller Sicherheit erreicht wird, da Freiheit nur umfassend wahrgenommen werden kann, wenn dies auf einer ungefährdeten Lebensgrundlage geschieht.

Zu bedenken ist dabei der nicht nur im Osten ausgeprägte Sinn für Gerechtigkeit und Gleichheit, wobei in den neuen Bundesländern eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Einkommen weitaus stärker als im Westen als positiv empfunden wird. Es kann weder darum gehen, Unterschiede einzuebnen noch ausschließlich auf das freie Spiel der Kräfte zu setzen. Dass die Ostdeutschen Eigenverantwortung wirklich als Bürde empfinden und gesellschaftliche Freiheiten nur als Freiheit von Not und Risiken verstehen,[40] erscheint auch auf der Grundlage statistischen Materials fragwürdig. Ob das Vertrauen in die Wirtschaftsordnung und das politische System der Bundesrepublik weiter sinken wird, hängt wesentlich von der Reformpolitik der kommenden Jahre ab.

Wenn es in Zukunft darum geht, das Ziel der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Ost und West nicht aus den Augen zu verlieren, kann dies nicht heißen, dass alle Deutschen gleichermaßen gut oder schlecht leben, sondern dass die durch die lange staatliche Teilung bedingten Unterschiede in den Lebensverhältnisse überwunden werden. Dies wird jedoch noch ein langer Weg sein, auf dem es um Modernisierung in der gesamten Bundesrepublik geht. Auch der Westen muss seine Reformunwilligkeit überwinden und kann dabei durchaus von den Reformerfahrungen des Ostens profitieren. Entscheidend ist nicht die nachholende Entwicklung, sondern die Gewinnung der Zukunft. Zu Recht weist Thierse immer wieder darauf hin, dass es nicht vorrangig um den Abbau von Zuwendungen, um die Erhaltung eines Niedriglohngebietes und die Rückführung des Engagements des Staates und öffentlicher Einrichtungen gehen kann.[41] Der richtige Weg könnte in einer gesamtdeutschen, aktiven, binnenmarktorientierten Wirtschaftspolitik liegen, die zu verstärkten Investitionen vor allem in Wissenschaft und Forschung führt. Dies ist ein langfristiger Prozess. Die Erinnerung an die friedliche Revolution und das Glück der Wiedervereinigung könnten hier Zuversicht und Hoffnung vermitteln und verdeutlichen, dass sich östlich der Elbe kein Jammertal und auch kein Milliardengrab auftun. Stattdessen hat der Osten durchaus Reformpotenzial - es reicht von der Veränderung der Einstellung zur Berufstätigkeit von Frauen bis zur Flexibilisierung der Arbeitszeit - in die Bundesrepublik eingebracht.[42]

Um das Erbe von 1989/90 produktiv zu machen, ist auch die Rückgewinnung des Revolutionsbegriffs gegen die belanglose, ja diffamierende (von Egon Krenz stammende) Bezeichnung "Wende" nötig. Weiterhin sind für die Entwicklung der Zivilgesellschaft und die Westbindung der christliche Aspekt der Bürgerbewegung und die Ausrichtung ihrer Konzepte auf den europäischen Einigungsprozess bedeutsam. Bemerkenswert bleibt darüber hinaus der friedliche Charakter der demokratischen Revolution von 1989, die herausragende Bedeutung von Volksbewegungen und die Bestätigung westlichen politischen Denkens und der Tradition der europäischen Aufklärung.

Die grundlegende Bedeutung von Widerstand und Opposition gegen Diktaturen für das politische Bewusstsein der Deutschen liegt darin, ein Gefühl für die permanente Gefährdung des Rechtsstaates zu entwickeln und zu erkennen, dass jedes Volk bei der Verletzung elementarer Menschenrechte zum Widerstand aufgerufen ist. International könnte die Tradition der friedlichen Revolutionen als "republikanische Revolution" (Richard von Weizsäcker) bei der Erweiterung der Europäischen Union einen Teil des historischen Fundamentes bilden und eine Brücke zwischen Mittelosteuropa und dem Westen bilden.[43] Demokratie und Niederlage dürfen nie wieder gleichgesetzt werden,[44] und die Ideen der Bürgerbewegung, die Kraft der Zivilcourage und das Engagements "von unten" sollten auch künftig bei der Lösung von Konflikten berücksichtigt werden. International ist mit den demokratischen Revolutionen in Ostmitteleuropa die Hoffnung verbunden, dass der bisher als unauflösbar geltende Zusammenhang von Gewalt und Gegengewalt, von Mord und Massenmord, durchbrochen werden konnte.[45] Die Bürgerrechtler in der DDR und in anderen Ländern Mittelosteuropas haben das Repertoire revolutionären Handelns im vergangenen Jahrhundert deutlich erweitert.

In Zukunft ist es notwendig, dass sich die Ostdeutschen durch eigene Arbeit ihren Wohlstand in Freiheit selbst erarbeiten können. Dazu ist eine wettbewerbs- und zukunftsfähige Wirtschaft unabdingbar, die Ostdeutschland zu einer europäischen Verbindungsregion mit eigenständigem Profil werden lässt.[46] Dabei muss der gesamtdeutschen Öffentlichkeit bewusst bleiben, dass sich die Menschen in der DDR vor 15 Jahren ihre Freiheit selbst erkämpften und diese nicht von "großen Männern" oder einem gnädigen Schicksal geschenkt bekamen. Diese friedliche Revolution gehört zur Tradition der deutschen Demokratie, die sich ja nicht auf allzu viele gelungene Beispiele von Widerstand und Opposition gegen Diktatur und Fremdherrschaft stützen kann. Umso besser, dass es gerade hier seit 1989/90 mehr Positives zu erinnern gibt.

Auszug aus: Aus Politik und Zeitgeschichte 40/2005

Fußnoten

39.
W. Thierse (Anm. 26), S. 8.
40.
Vgl. Renate Köcher, Freiheit und Gleichheit - Wertewandel im Vergleich, in: Hermann Schäfer (Hrsg.), Ploetz: 50 Jahre Deutschland. Ereignisse und Entwicklungen, Freiburg 1999, S. 77 - 82.
41.
Zur theoretischen Begründung des Weges der Bundesrepublik als "Hochlohngebiet" vgl. W. Engler (Anm. 35).
42.
Vgl. Stephan-Andreas Casdorff, Vergesst die Ostdeutschen nicht, in: Der Tagesspiegel vom 28.6. 2005.
43.
Ausgeführt in: H. A. Winkler (Anm. 6)
44.
"Nationalismus ist die Pest". Joschka Fischer und Heinrich August Winkler über die Last der Nazi-Vergangenheit, gemeinsame Werte in der Europäischen Union und das Unbehagen an der Osterweiterung, in: Der Spiegel, (2005) 18, S. 36.
45.
Vgl. Rainer Eckert, Revolution, Zusammenbruch oder "Wende". Das Ende der zweiten Diktatur auf deutschem Boden im Meinungsstreit, in: Heiner Timmermann (Hrsg.), Die DDR zwischen Mauerbau und Mauerfall, Münster u.a. 2003, S. 444.
46.
Vgl. W. Thierse (Anm. 26), S. 13.

Als Kanzler prägte und verkörperte Helmut Kohl die lethargische, konservative Bonner Republik der 1980er Jahre. Erst ganz am Ende des Jahrzehnts gab er seiner Karriere und der deutschen Geschichte eine entscheidende Wendung.

Mehr lesen

DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, Überwachungsmonitore
Dossier

Stasi

In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Am 15. Januar 1990 entmachteten sie endgültig das "Werkzeug" zur Machterhaltung der damals totalitär regierenden Sozialistischen Einheitspartei SED.

Mehr lesen

Mit Menschenketten, Demonstrationen und einer Kundgebung im Bonner Hofgarten demonstrierten ca. 400.000 Menschen aus allen Teilen des Bundesgebietes und vielen politischen Richtungen gegen die Nachrüstung vor ca. 30 Jahren.
Sammel-Dossier

Der Kalte Krieg

Der Kalte Krieg gilt als Bezeichnung für die spannungsreiche Konfrontation der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zwischen 1945 und 1989. Beide Staatenbünde versuchten weltweit Einflusssphären auszubauen, bedrohten sich durch atomare Hochrüstung und führten lokale Stellvertreterkriege.

Mehr lesen

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Themenseite

Zwischenbilanz der Deutschen Einheit

Seit dem 5. Februar 2018 ist die Mauer länger nicht mehr existent, als sie faktisch Berlin und symbolisch Deutschland und Europa teilte: 28 Jahre, drei Monate und 26 Tage lang. Diese Themenseite beleuchtet Facetten des Einheitsprozesses: Was geschah am 3. Oktober 1990? Wie hat sich das wiedervereinigte Deutschland seitdem entwickelt und was denken Bürger des Landes mittlerweile über den Fortgang der Deutschen Einheit?

Mehr lesen

Online-Angebot

Chronik der Mauer

28 Jahre war die Berliner Mauer Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. In zeitlicher Abfolge werden Ursachen, Verlauf und Folgen von Mauerbau und Mauerfall durch Texte, Film- und Tonmaterial, Fotos und Zeitzeugeninterviews dargestellt.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart: Wirklichkeit wird geschönt, Kritik unterdrückt, Oppositionelle werden verfolgt und gebrochen.

Mehr lesen

Sammel-Dossier

Der Kalte Krieg

Mehr über die historischen Hintergründe der deutschen Teilung - eingebettet in den Kalten Krieg der Supermächte nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mehr lesen

Online-Angebot

Jugendopposition in der DDR

Ausgezeichnet mit Grimme Online Award: Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Videos, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

www.wir-waren-so-frei.de

Internetarchiv mit fast 7.000 privaten Filmen und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitenden Erinnerungstexten. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Am 31. August 1990 unterzeichneten Bundesinnenminister Schäuble und DDR-Staatssekretär Krause den Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands. Auf rund 1.000 Seiten regelt der Einigungsvertrag die rechtlichen Grundlagen für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland.

Mehr lesen

Go West! Von Ost-Berlin nach New York und dann Richtung San Francisco – die Geschichte einer abenteuerlichen Reise im Jahr 1989. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de