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Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

15.4.2009 | Von:

Leere Orte

Im mecklenburgischen Dorf Mestlin ist die DDR noch immer allgegenwärtig

Der Ort ist so stark verschuldet, dass sie nicht einmal einen kleinen Eigenanteil zahlen könnten, wenn doch irgendjemand Geld für die Sanierung des Kulturhauses bereitstellen würde. Vor ein paar Jahren wurde Mestlin auch noch der Status als ländlicher Zentralort aberkannt, was nicht nur weniger Prestige, sondern auch weniger Geld bedeutet hat. Der Bürgermeister sagt, er fühle sich im Stich gelassen von allen. Die Landespolitiker kämen nur noch vorbei, wenn Wahlkampf ist. Sie meiden Mestlin, weil es hier ohne großen Einsatz nichts zu gewinnen gibt. Das Dorf hat eine ansteckende Krankheit namens Erfolglosigkeit. In der für viel Geld sanierten Kita, in der es früher über Hundert Kinder gab, sind nur noch 18 untergebracht. Momentan überlegen die Mestliner, ob es überhaupt noch Sinn macht, weiterhin eine Grundschule zu betreiben. Dass Mestlin tot ist, oder zumindest stirbt, sagen sie einem hier an jeder Ecke. Und auch, dass man froh sein soll, im Winter da zu sein, weil man sonst auch noch die kaputten Straßen sehen würde. Ein paar Kinder haben sich hinter dem Marx- Engels-Platz ein kleines Iglu gebaut. "Was sollen wir denn hier noch machen?", fragen sie.

Schlägereien wegen 49 Cent

Im Jugendzentrum von Mestlin liegen die Tischtennisschläger fein säuberlich aufgereiht neben der Platte. Der Fernseher und der DVD-Player sind aus. Es gibt einen aus Pappe gebastelten Kummerkasten, in dem kein einziger Zettel steckt. Seit vergangenem Sommer sind die Räume geschlossen. Das Arbeitsamt genehmigt keinen Ein-Euro-Job für die Betreuung der Jugendlichen mehr. Es gibt noch die freiwillige Feuerwehr und den Fußballverein. Doch weil sie so wenige sind, bekommen sie keine Mannschaft mehr für die Jugendlichen zusammen.

Eine Art Ersatzjugendzentrum sind Parkplätze oder das Bushäuschen, das in Mecklenburg-Vorpommern liebevoll "die Busse" genannt wird. Ein nach Schnaps riechender Achtzehnjähriger grüßt vorbeifahrende Autos und Radfahrer mit Hitlergruß und murmelt "Heil". Obwohl, wie er sagt, das alles nur ein Spaß und er gar nicht so richtig rechts sei. Er erzählt von Hansa Rostock, von Schlägereien, bei denen sich zwei wegen einer 49 Cent teuren Bierflasche den Schädel einhauen, von seinem Plan, nicht mehr ins Gefängnis zu gehen und seinen Schulabschluss zu machen. Sein großer Traum: abhauen und das Leben auf die Reihe kriegen. Egal wen man fragt in Mestlin, sie alle hängen an den alten Tagen – als sie trotz fehlender Technik die Felder für die LPG bestellten, als sie alle zusammenhielten und im Kulturhaus feierten. Die Jugendlichen sagen, sie interssieren sich nicht für die Vergangenheit, sondern für die Gegenwart. Aber natürlich sei es besser gewesen in der DDR. So erzählen es ihnen ihre Eltern jedenfalls. Soll doch mal einer nach Mestlin kommen und ihnen beweisen, dass es anders gewesen ist.


Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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Zwischenbilanz der Deutschen Einheit

Seit dem 5. Februar 2018 ist die Mauer länger nicht mehr existent, als sie faktisch Berlin und symbolisch Deutschland und Europa teilte: 28 Jahre, drei Monate und 26 Tage lang. Diese Themenseite beleuchtet Facetten des Einheitsprozesses: Was geschah am 3. Oktober 1990? Wie hat sich das wiedervereinigte Deutschland seitdem entwickelt und was denken Bürger des Landes mittlerweile über den Fortgang der Deutschen Einheit?

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Chronik der Mauer

28 Jahre war die Berliner Mauer Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. In zeitlicher Abfolge werden Ursachen, Verlauf und Folgen von Mauerbau und Mauerfall durch Texte, Film- und Tonmaterial, Fotos und Zeitzeugeninterviews dargestellt.

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Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart: Wirklichkeit wird geschönt, Kritik unterdrückt, Oppositionelle werden verfolgt und gebrochen.

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Mehr über die historischen Hintergründe der deutschen Teilung - eingebettet in den Kalten Krieg der Supermächte nach dem Zweiten Weltkrieg.

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Jugendopposition in der DDR

Ausgezeichnet mit Grimme Online Award: Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Videos, Fotos und Dokumenten.

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www.wir-waren-so-frei.de

Internetarchiv mit fast 7.000 privaten Filmen und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitenden Erinnerungstexten. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

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Am 31. August 1990 unterzeichneten Bundesinnenminister Schäuble und DDR-Staatssekretär Krause den Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands. Auf rund 1.000 Seiten regelt der Einigungsvertrag die rechtlichen Grundlagen für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland.

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Go West! Von Ost-Berlin nach New York und dann Richtung San Francisco – die Geschichte einer abenteuerlichen Reise im Jahr 1989. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

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