Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

15.4.2009

Wir leben in friedlicher Koexistenz

Interview mit dem Soziologen Andreas Zick

Können wir in Bezug auf die Einheit vielleicht von anderen Ländern lernen?

In England gibt es eine Reihe von Studien, die besagen, dass die meisten Konflikte in Irland und Nordirland auf mangelndem Vertrauen beruhen. Vertrauensbildende Maßnahmen sind also ein gutes Vereinigungsinstrument.

Der Umzug der Regierung nach Berlin, war ein Einheitsymbol vor allem für das Ausland. Ist Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in der DDR aufwuchs, ein Einheitssymbol für die Deutschen?

Ich glaube ja. Sie ist eine größere Kanzlerin der Einheit, als es Kohl gewesen ist, und wird auch als solche wahrgenommen und zitiert. Merkel hält die Ostthemen hoch. Auch Bundesminister Wolfgang Tiefensee vermittelt in seinen Reden zum Tag der Deutschen Einheit gut die Alltagsrealitäten und Verbesserungen in Ost wie in West; er spricht immer über beide Seiten ausgleichend. Ein gutes Symbol wäre vielleicht auch, die Einheitsfeiern am dritten Oktober viel stärker in der Lokalpolitik zu verorten. Sodass wir auch in Ostwestfalen merken, dieser Tag ist ein Einheitstag.

War der Beitritt des Ostens auch eine Chance für den Westen?

Einige Studien zeigen, dass die Einheit dem Westen am Anfang erst mal einen Selbstwert beschert hat. Dort waren eben die Bürger "erster Klasse". Der Westen hat sich als Unterstützer erleben können, auch wenn es inzwischen viel Kritik um den Soli-Zuschlag gab. Jetzt aber gibt es Regionen im Westen, die durch die massiven Kosten der Einheit nun in einer ähnlich desolaten Situation sind, wie Teile des Ostens. Auch der Westen hat dazugelernt: Einige kleinere Gemeinden in Westdeutschland pflegen Partnerschaften zu Ostkommunen. Sie haben deren Eigeninitiative beobachtet und davon gelernt, wie die Bürger in den neuen Bundesländern Alltagsprobleme selber lösen.

Ost-West-Freundschaften gibt es allerdings kaum, wie sie herausgefunden haben. Die negativen Stereotype verhärten sich demnach immer weiter.

Stereotype verhärten sich in dem Ausmaß, wie wir nur zusammen leben, aber keinen Kontakt haben. Wir leben praktisch in ökonomisch friedlicher Koexistenz. Wir können da von der Integration der Ausländer lernen: Unser Bild von Türken und Italienern im Westen hat sich ebenfalls durch Kontakte verbessert. Das Wissen um die Sorgen, die Ängste, aber auch die positiven Seiten des Alltages der anderen baut Vorurteile ab.

In ihrer Studie haben sie auch die Rollenklischees hinterfragt. Im Osten gibt es demnach die selbstbewussteren Frauen und weniger Machos.

Im Osten war eben die Gleichberechtigung der Frau weiter fortgeschritten – etwa im Berufsleben und in der Kindesbetreuung. Allerdings wurde diese Gleichstellung mit dem Beitritt zum Westen infrage gestellt, viele Frauen verloren nach der Wende ihren Job. Das war ein Werteumbruch.

Was erwarten sie sich vom 20. Geburtstagsjahr des vereinigten Deutschlands?

Es ist eine Chance, sich über den Zustand der Gesellschaft und die noch vorhandene gesellschaftliche Teilung zu verständigen. Der Osten fühlt sich immer noch zu stark benachteiligt, da muss man was tun.

Wie lange werden wir auf eine echte Einheit noch warten müssen?

In zwanzig Jahren werden wir eine Generation von Menschen haben, die sich als Europäer verstehen. Die Fragen gestellt haben über die nationalsozialistische Vergangenheit, Stasi, Sozialismus und Kontrolle und die daraus gelernt haben. Ich wünsche mir weniger Autoritarismus in Ost wie in West.

Also mehr Selbstdenker?

Genau. Menschen, die nicht verstehen, wie man 2009 so große Unterschiede zwischen Minderheiten und Mehrheiten gemacht hat.


Das Interview führte Patricia Dudeck. (Quelle: Fluter)


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