Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

16.6.2009 | Von:

Wandel der Sozialstruktur

Nachholende Modernisierung

3. Bevölkerungsstruktur: Fortdauernde Abwanderung aus Ostdeutschland und Zuwanderung nach Westdeutschland

Ein Merkmal moderner Gesellschaften ist ihre Anziehungskraft auf Zuwanderer. Solche Gesellschaften entwickeln sich zu Einwanderungsgesellschaften mit einer multi-ethnischen Bevölkerungsstruktur. Auch hier wies die DDR erhebliche Modernisierungsdefizite auf, die bist heute weitgehend fortbestehen.

Während die Bevölkerung der Bundesrepublik von 46 Millionen im Jahr 1946 kontinuierlich auf knapp 63 Millionen im Jahr 1989 zunahm, nahm in der DDR als einzigem Land der Welt die Bevölkerung über den kompletten Zeitraum stetig ab. Zwischen 1946 und 1989 ging ihre Bevölkerung von 18,4 Millionen auf 16,4 Millionen zurück. Die Hauptursache dieser gegenläufigen Entwicklungen sind die Wanderungsbewegungen: Die Bundesrepublik war ein Einwanderungsland, die DDR ein Auswanderungsland. Die guten Lebensbedingungen in der Bundesrepublik zogen Zuwanderer aus der DDR, aus den Mittelmeerländern ("Gastarbeiter") und aus Ost- und Südosteuropa (Aussiedler und Spätaussiedler) an. Die DDR war dagegen wegen ihrer Defizite an Wohlstand, Freiheit und Demokratie einem kontinuierlichen Abwanderungsdruck ausgesetzt.

Die deutsche Vereinigung hat an den gegenläufigen Entwicklungen nicht viel verändert. Die westdeutsche Bevölkerung nahm bis 2007 um 5 Millionen auf knapp 68 Millionen zu, die ostdeutsche Bevölkerung ist dagegen weiter um 1,7 Millionen auf 14,7 Millionen geschrumpft.

Nach dem Wegfall der innerdeutschen Grenze ziehen zwar viele Westdeutsche nach Ostdeutschland, aber noch mehr Ostdeutsche siedeln nach Westdeutschland über. Im letzten Jahrzehnt verloren die neuen Länder durch die negative Ost-West-Wanderungsbilanz jedes Jahr mindestens 50.000 Menschen – seit 1989 insgesamt gut 1 Million. Unter den ostdeutschen Abwanderern sind viele gut gebildete, jüngere Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren, darunter besonders viele Frauen. Die Westwanderer kommen häufig aus ökonomisch schwächeren Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt. Die hohe Arbeitslosigkeit im Osten und die Suche nach besseren Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten im Westen veranlasst sie, ihrer ostdeutschen Heimat den Rücken zu kehren.

Auch im Hinblick auf Wanderungen über die Staatsgrenzen hinweg unterscheiden sich Ost und West grundlegend. Durch den ökonomischen Bedarf an Arbeitsmigranten hat sich Westdeutschland allmählich zu einer modernen, multi-ethnischen Einwanderungsgesellschaft entwickelt. 2007 stammte gut jeder fünfte Westdeutsche – insgesamt 14 Millionen – aus einer Zuwandererfamilie. In der DDR dagegen gab es so gut wie keine Einwanderer aus dem Ausland, sondern nur 190.000 ausländische Arbeitskräfte, von denen viele als befristete "Leiharbeiter" unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und leben mussten. Auch nach der Vereinigung ist Ostdeutschland eine weitgehend mono-ethnische Gesellschaft geblieben; nur jeder 20. Ostdeutsche – insgesamt 640.000 – hatte 2007 einen Migrationshintergrund.

Erwähnenswert sind zwei Aspekte der sogenannten "natürlichen" Bevölkerungsbewegung. Der Zusammenbruch der DDR löste im Osten schockartig eine vorübergehende Lähmung des Familienlebens aus. Die Geburtenziffern halbierten sich über Nacht und sanken von 156 Kindern pro 100 Frauen (1989) auf 77 Kinder (1993). Seit 1995 steigen sie wieder an und haben 2007 mit 137 Kindern genau das westdeutsche Niveau erreicht.

Eine weitere Folge des Wohlstandsdefizits und der schlechteren Arbeits- und Umweltbedingungen in der DDR war auch die geringere Lebenserwartung gegenüber den Menschen in Westdeutschland. Die Lebenserwartungen der ostdeutschen Frauen lagen vor 1989 um 2,8 Jahre niedriger als in der Bundesrepublik, die der ostdeutschen Männer um 2,4 Jahre. Durch die Angleichung der Lebensverhältnisse ist der Unterschied bei den Frauen inzwischen völlig verschwunden, bei den Männern ist er etwas verringert worden und beträgt noch 1,4 Jahre.

4. Elitenwandel: Von Monopol-Elite zu pluralen Teil-Eliten

Das Kennzeichen der westdeutschen Elitenstruktur war und ist ihr Pluralismus. In den verschiedenen wichtigen gesellschaftlichen Funktionsbereichen wie Politik, Wirtschaft, Öffentlichkeit, Justiz, Wissenschaft, Kultur oder Religion existieren Teil-Eliten, die mehr oder weniger unabhängig voneinander agieren. Und im politischen Bereich konkurrieren verschiedene Partei-Eliten um Wählerstimmen und Macht. Dieser Pluralismus war im sozialistischen System aufgehoben zugunsten einer streng hierarchisch strukturierten Monopol-Elite, die alle gesellschaftlichen Funktionsbereiche – mit Ausnahme von Religion und Kirche – zentralistisch steuerte; oder besser: zu steuern versuchte. Ein kleiner Führungskern – in seinem Zentrum das zuletzt überalterte ("vergreiste") SED-Politbüro – war mit einer übermäßigen Machtfülle ausgestattet. Kaderschulung, Kaderpolitik und die strikte Kontrolle durch den Staatssicherheitsdienst sorgten vor 1989 für eine relative ideologische Geschlossenheit. Aus modernisierungstheoretischer Sicht ist die zentralistische Monopol-Elite unmodern, weil ineffizient: Sie schirmt sich gegen Kritik von außen und unten ab, ist mit Entscheidungen überfrachtet und dadurch unsensibel gegenüber den Bedürfnissen der Bevölkerung und gegenüber den Funktionserfordernissen in den gesellschaftlichen Teilbereichen. So zog das kleine Politbüro die Entscheidungen über alle möglichen Details an sich – wie z.B. über die Frühjahrs- und Herbstkollektion der Damenmode. Dadurch konnten wichtige komplexe Grundfragen wie beispielsweise Preispolitik, Energiepolitik, Umweltpolitik, Städtebau oder Verkehrswesen nicht fundiert behandelt werden. In den 1980er Jahren fand das Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung (das einzige Institut, das in der DDR noch repräsentative Meinungsumfragen durchführen durfte) heraus, dass die Verbundenheit der Jugend mit der DDR abnahm. Eingeweihte Spitzenfunktionäre behielten diese Erkenntnisse für sich, weil sie den ungläubigen Zorn des SED-Generalsekretärs Erich Honecker und seiner engsten Verbündeten im Politbüro fürchteten. Über die zurückgehende Loyalität zur DDR wurde daher im Politbüro nicht diskutiert. Die DDR-Elite war also in wichtigen Punkten faktisch inkompetent, handlungsunfähig und paralysiert.

Nach dem Zusammenbruch der DDR wurden die Elitenstruktur grundlegend verändert und die Führungsschichten radikal ausgetauscht. An die Stelle der zentralistisch-hierarchischen und politisch-ideologisch homogenen Monopol-Elite traten plurale Teil-Eliten nach dem oben beschriebenen westlichen Muster. Der Strukturwandel wurde begleitet von einem fast vollständigen Austausch der Führungsschicht. Dieser konnte tiefgreifender sein als der Elitenaustausch nach dem Zusammenbruch des NS-Systems, weil in Westdeutschland ein Reservoir an Personen mit Sachkompetenz und Führungsfähigkeit bereitstand, um das ostdeutsche "Elitenvakuum" teilweise aufzufüllen. Eine Folge davon ist die partielle westdeutsche Überschichtung Ostdeutschlands, die psychologisch durchaus problematisch ist (Gefühl der "Kolonialisierung"). In den 90er Jahren waren 40 Prozent der ostdeutschen Spitzenpositionen – insbesondere in den Bereichen Militär, Wirtschaft, Verwaltung, Justiz und auch Gewerkschaften – mit "Westimporten" besetzt. Die neuen genuinen ostdeutschen Eliten waren Aufsteiger, deren Weg nach oben in der DDR durch eine mehr oder weniger starke Distanz zum sozialistischen System blockiert war; etwa ein Viertel stammt aus der regimekritischen Bürgerrechtsbewegung. Weitere Besonderheiten der neuen ostdeutschen Eliten der 90er Jahre – leider liegen für das letzte Jahrzehnt keine repräsentativen Elitestudien vor – sind ihr jüngeres Alter, ihr höherer Frauenanteil sowie ein größerer Anteil von Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Theologen. Zudem stehen sie politisch deutlich weiter links als die westdeutschen. Sie sind basisdemokratischer und etatistischer orientiert, das heißt sie fordern eine stärkere direkte Beteiligung aller Staatsbürger an den politischen Entscheidungen und erwarten vom Staat mehr regulierende Eingriffe, insbesondere zugunsten der sozial Schwachen.

Bilanz: Annäherung - aber keine Angleichung

Die ostdeutschen Lebensbedingen haben sich nach 1989 den westdeutschen angenähert, aber immer noch nicht angeglichen. Die Folgen einer Teilung, die mehr als vier Jahrzehnte gedauert hat, konnten nicht innerhalb von zwei Jahrzehnten beseitigt werden. Da der kleine Ausschnitt der sozialstrukturellen Entwicklung in diesem kurzen Überblick notwendigerweise lückenhaft ist, sei abschließend noch stichwortartig auf eine gegenläufige Tendenz verwiesen: Bei der strukturellen Gleichstellung der Frauen war die DDR moderner. Obwohl der Gleichstellungsvorsprung der ostdeutschen Frauen im vereinten Deutschland gewisse Einbußen hinnehmen musste, besteht in diesem Bereich ein nachholender Modernisierungsbedarf in Westdeutschland.


Literatur:

Rainer Geißler: Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung. 5. Aufl. Wiesbaden 2008.

Rainer Geißler: Sozialer Wandel in Deutschland. Überarbeitete Neuauflage München 2004. Informationen zur politischen Bildung Nr. 269


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