30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

10.1.2012 | Von:
Daniela Münkel

Mauerbau und Staatssicherheit

Reaktionen in der DDR

Ulbricht hatte den Beginn der Aktion "Rose" nicht zufällig auf die Nacht von einem Samstag auf Sonntag gelegt. Als die Kunde von der Grenzschließung die Runde machte, waren die meisten "Werktätigen" zuhause. Ein von den Betriebsbelegschaften ausgehender Aufruhr wie am 17. Juni 1953 war an diesem Tag auszuschließen. Noch saß das "Juni-Trauma" beim SED-Chef tief. Laut Erinnerungen des sowjetischen Diplomaten Julij A. Kwizinskij hatte er einige Wochen zuvor gegenüber Botschafter Michail G. Perwuchin geäußert, "man müsse mit Massenaufläufen, offenen Versuchen des Ungehorsams, Schlägereien und vielleicht sogar mit Schießereien"[22] rechnen. Es lag auf der Hand, dass die Staatssicherheit die Stimmung der Bevölkerung und aufkeimende Proteste besonders sorgfältig beobachtete.[23]

Am Morgen des 13. August meldete das MfS zunächst: "Nach der bisherigen Übersicht ist die Lage an den Grenzübergängen als ruhig einzuschätzen. Es ist sogar auffällig, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch keine oder kaum neugierige Passanten sich von den eingeleiteten Maßnahmen überzeugten."[24] Diese "abwartende Haltung" der Bevölkerung würde von Erkenntnissen aus (abgehörten) Telefonaten bestätigt. Doch schon wenige Stunden später musste die Geheimpolizei berichten: "An einer Reihe von Grenzübergängen zwischen dem demokratischen Berlin und Westberlin gab es Ansammlungen von ca. 50 bis 100 Personen, die sich teilweise negativ über die von der Regierung der DDR getroffenen Maßnahmen äußerten. Vielfach wird dabei erklärt, dass der Westen diese Schritte nicht hinnehmen werde. Deshalb würden die Maßnahmen der DDR nur kurze Zeit aufrechterhalten werden können."[25] Um 9.30 Uhr sammelte sich auf dem Bahnhof Friedrichstraße eine Traube von 20 bis 30 Personen, die versuchte, auf den Bahnsteig A zu gelangen, der seit den frühen Morgenstunden für Ost-Berliner nicht mehr zugänglich war.

Einen besonderen Unruheherd bildeten die sogenannten Grenzgänger - Ost-Berliner, die bisher in West-Berlin arbeiteten und die jetzt nicht mehr zu ihren Arbeitstellen gelangen konnten.[26] Bereits am Morgen des 13. August entstand vor dem Rathaus Pankow eine "Zusammenrottung von Westgängern", die, obwohl es Sonntag war, "Auskunft über neue Arbeitsverhältnisse im demokratischen Berlin forderten".[27] Auch Protesthandlungen, die sich bereits in den frühen Morgenstunden ereignet hatten, wurden jetzt von der Staatssicherheit gemeldet. So hatte der Tankwart der Tankstelle Grünau (im äußersten Süden des Ostberliner Bezirks Treptow) "einem Mitarbeiter der Sicherheitsorgane" den Verkauf von Benzin mit den Worten verweigert, "wenn alle streiken, streike er auch", denn: "Die Schließung der Grenzen nach Westberlin richte sich gegen die Arbeiter."[28] Aus dem östlich von Berlin gelegenen Kreis Strausberg wurde das "Anschmieren von Hetzlosungen" und die Festnahme von Jugendlichen gemeldet, "die gegenüber Angehörigen der Grenzpolizei provokatorisch auftraten".[29]

Im letzten noch am 13. August verfassten Bericht stellte die Staatssicherheit fest, "die Maßnahmen der Regierung" würden "in allen Bevölkerungskreisen lebhaft diskutiert", und versuchte, die Stimmung zu bilanzieren. Es sei zwar nicht möglich, "das Verhältnis zwischen positiven und negativen Stimmen umfassend einzuschätzen", doch "aufgrund der bisher vorliegenden Informationen" würden "die positiven Stellungnahmen weit überwiegen".[30] Diese rituelle Feststellung einer zustimmenden Haltung der Bevölkerungsmehrheit zur Politik der Führung ist typisch für MfS-Stimmungsberichte und dürfte nur selten empirisch fundiert gewesen sein. Ebenso typisch für diese Textgattung ist, dass zuerst die "positiven Stimmen" wiedergegeben werden. Es werde begrüßt, dass der "Republikflucht ein Riegel vorgeschoben" und den "Grenzgängern und Schiebern das Handwerk gelegt"[31] worden sei. Die Maßnahmen seien "ein Schlag gegen die Agententätigkeit und gegen die von Westberlin ausgehende Unterminierung der DDR". Hier wurden offensichtlich die Äußerungen von Funktionären und SED-Mitgliedern wiedergegeben, die auf Geheiß der Ost-Berliner Parteileitungen den ganzen Tag zu "Agitationseinsätzen" ausgeströmt waren, um an den Hauptbrennpunkten die Stimmung zu beeinflussen. Wie so oft dienten dem Regime die eigenen Inszenierungen als Beleg für einen Konsens, den es in Wirklichkeit nicht gab.

Doch ungeachtet dieses obligatorischen, diktaturimmanenten Selbstbetrugs nehmen die "negativen" Äußerungen in der MfS-Berichterstattung einen deutlich breiteren Raum ein. An erster Stelle stehen "Vergleiche mit der Situation am 17. Juni 1953", die in Berlin etwa in "Ansammlungen" an S- und U-Bahnhöfen und an "mehreren Grenzübergängen" angestellt würden.[32] Es fiel auch der Begriff "KZ". Das scheint kein Einzelfall gewesen zu sein; in einem Bericht des Folgetages heißt es, "Provokateure" würden "in einer Reihe von Fällen die Maßnahmen der DDR mit faschistischen Maßnahmen vergleichen". Vielfach wurde auch geäußert, durch diesen Schritt werde "die Spaltung vertieft". Auch der Ruf nach freien Wahlen wurde immer wieder laut. Vereinzelt kam es zu "Aufforderungen an Arbeiter, am Montag den Betrieben fernzubleiben".

Wie stark die Befürchtungen waren, dass es zu Streiks kommen könnte, zeigt die Berichterstattung des 14. August, bei der vor allem die Ost-Berliner Großbetriebe unter verstärkter Beobachtung standen.[33] Die Staatssicherheit stellte umgehend fest, "dass Beschäftigte volkseigener Betriebe zu Beginn der Arbeitsaufnahme unentschuldigt fehlten". Beim VEB Bergmann-Borsig waren nur 60 Prozent der Belegschaft erschienen. Zwar konnte das MfS Entwarnung geben: Es ermittelte, dass "die fehlenden Arbeitskräfte aus den Randgebieten Berlins, vorwiegend aus dem Kreis Oranienburg", stammten und wegen Schwierigkeiten im S-Bahnverkehr und verschärfter Kontrollen (als Begleiterscheinungen der Grenzschließung) nicht pünktlich zur Arbeit erschienen waren. Gleichwohl blieb es in den Betrieben nicht durchgängig ruhig. Im Betonwerk Berlin-Grünau versuchten Arbeiter gleich zu Schichtbeginn "eine Resolution gegen den Regierungsbeschluss zu verfassen". Im Ost-Berliner VEB Kühlautomat wurde der Parteisekretär nach einer Diskussion, "bei der er positiv aufklärend auftrat", niedergeschlagen. Im Oranienburger VEB Holzbau streikten Arbeiter gar mit der Forderung nach Rückgängigmachung der Maßnahmen um Berlin".

Das MfS kam schon am Tag nach der Grenzsperrung nicht umhin zu bilanzieren: "Allgemein ist festzustellen, dass bei negativen Erscheinungen in der DDR und im demokratischen Berlin die Jugendlichen eine besondere Rolle spielen."[34] Viele ostdeutsche Jugendliche orientierten sich an der westlichen Freizeitkultur und konnten, zumindest wenn sie in Ost-Berlin und im Berliner Umland wohnten, bei ihren Besuchen in West-Berlin daran teilhaben. Als dieser Weg versperrt war, reagierten sie vielfach wütend. Aus dem nördlich von West-Berlin liegenden Hennigsdorf berichtete die Staatssicherheit schon am 14. August, Jugendliche hätten gedroht, "sie würden einen Grenzdurchbruch unternehmen, wenn sie nicht mehr nach Westberlin gelassen werden".[35] Andere beließen es nicht bei Drohungen. Unter denjenigen, welche die Flucht durch die in den ersten Tagen noch keineswegs hermetisch abgesperrte Grenze wagten, waren viele Jugendliche. Vor allem das Schwimmen durch die Berliner Grenzgewässer war anfangs noch ein aussichtsreicher Fluchtweg. Am 17. August meldete die Staatssicherheit gleich mehrere solcher Fluchten durch die Spree und den Teltowkanal. Sie war in diesem Zusammenhang auch beunruhigt, dass "ein verstärkter Ankauf von Sporttaucherausrüstungen erfolgt".[36]

Großes Kopfzerbrechen bereitete den MfS-Verantwortlichen auch die Tatsache, dass die Flucht mithilfe von falschen oder gefälschten West-Berliner Personalausweisen zunächst offenbar nicht besonders schwierig war.[37] Bei einer stichprobenmäßigen Überprüfung von sieben Personen, die am 15. August von fünf bis sieben Uhr den Ostsektor am Übergang Brunnenstraße mit einem West-Berliner Ausweis verlassen hatten, erwies sich, dass vier von ihnen auf diese Weise geflohen waren "und bei der Befragung nach dem Aufenthalt falsche Angaben machten".[38] Das "Amt für Zoll und Kontrolle des Warenverkehrs", zu dieser Zeit noch für die Passkontrolle zuständig, war offenbar überfordert. Wenig später wurde dieses Aufgabenfeld wie viele andere, die direkt oder indirekt im Zusammenhang mit dem Mauerbau standen, vom MfS übernommen.

Schlussbemerkungen

Die Berichte des MfS an die Parteiführung während des Mauerbaus und danach verdeutlichen, dass die DDR-Führung nicht nur umfassend und schnell über die Reaktionen im eigenen Land, sondern auch über offizielle und interne Stimmen in westalliierten Stellen, der Bundesregierung, im Berliner Senat und bei West-Berliner Parteien informiert war. Letzteres versetzte die DDR-Machthaber in die Lage, abzuschätzen, dass sie ihre Pläne zur weiteren Grenzabdichtung ohne größere Risiken verfolgen konnte.

Auch die Rolle des MfS während und nach dem Mauerbau nimmt schärfere Konturen an: Der Staatssicherheit gelang es, Versäumnisse und Mängel anderer Organe zu identifizieren und zu kompensieren. Offenbar sah die MfS-Führung, namentlich Erich Mielke, den Mauerbau als Chance, die Stellung der Staatssicherheit im Herrschaftsgefüge des SED-Staates weiter auszubauen. Nicht zuletzt durch ihre spezifischen Mittel der Informationsbeschaffung besaß die Geheimpolizei tatsächlich eine Art Gesamtüberblick. Sie benannte Entwicklungen, die im Hinblick auf die Herrschaftssicherung und die Stabilität der DDR Probleme aufwarfen, und versuchte dies - wie sich bald zeigen sollte - teilweise in eigene Kompetenzerweiterungen und eine personelle Expansion umzumünzen.

aus: Aus Politik und Zeitgeschichte, 31-34/2011, 50 Jahre Mauerbau

Fußnoten

22.
Julij A. Kwizinski, Vor dem Sturm. Erinnerungen eines Diplomaten, Berlin 1995, S. 180.
23.
Vgl. dazu allgemein Ilko-Sascha Kowalczuk, Die innere Staatsgründung. Von der gescheiterten Revolution zur verhinderten Revolution 1961, in: Torsten Diedrich/ders., Staatsgründung auf Raten? Auswirkungen des Volksaufstandes 1953 und des Mauerbaus 1961 auf Staat, Militär und Gesellschaft der DDR, Berlin 2005, S. 341-378; B. Eisenfeld/R. Engelmann (Anm. 10), S. 73ff; E. Stadelmann-Wenz (Anm. 5), S. 105ff; P. Major, Stimmung (Anm. 5).
24.
Information 414/61.
25.
Information 415/61.
26.
Zur Grenzgängerproblematik vgl. allgemein Frank Roggenbuch, Das Berliner Grenzgängerproblem. Verflechtung und Systemkonkurrenz vor dem Mauerbau, Berlin 2008.
27.
Information 416/61.
28.
Information 415/61.
29.
Information 416/61.
30.
Information 417/61.
31.
Information 414/61.
32.
Information 417/61.
33.
Information 421b/61.
34.
Ebd.
35.
Ebd.
36.
Information 440/61.
37.
Vgl. Marion Detjen, Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961-1989, München 2005, S. 95ff.
38.
Information 414/61.

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Themenseite

Zwischenbilanz der Deutschen Einheit

Seit dem 5. Februar 2018 ist die Mauer länger nicht mehr existent, als sie faktisch Berlin und symbolisch Deutschland und Europa teilte: 28 Jahre, drei Monate und 26 Tage lang. Diese Themenseite beleuchtet Facetten des Einheitsprozesses: Was geschah am 3. Oktober 1990? Wie hat sich das wiedervereinigte Deutschland seitdem entwickelt und was denken Bürger des Landes mittlerweile über den Fortgang der Deutschen Einheit?

Mehr lesen

Online-Angebot

Chronik der Mauer

28 Jahre war die Berliner Mauer Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. In zeitlicher Abfolge werden Ursachen, Verlauf und Folgen von Mauerbau und Mauerfall durch Texte, Film- und Tonmaterial, Fotos und Zeitzeugeninterviews dargestellt.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart: Wirklichkeit wird geschönt, Kritik unterdrückt, Oppositionelle werden verfolgt und gebrochen.

Mehr lesen

Sammel-Dossier

Der Kalte Krieg

Mehr über die historischen Hintergründe der deutschen Teilung - eingebettet in den Kalten Krieg der Supermächte nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mehr lesen

Online-Angebot

Jugendopposition in der DDR

Ausgezeichnet mit Grimme Online Award: Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Videos, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

www.wir-waren-so-frei.de

Internetarchiv mit fast 7.000 privaten Filmen und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitenden Erinnerungstexten. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Am 31. August 1990 unterzeichneten Bundesinnenminister Schäuble und DDR-Staatssekretär Krause den Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands. Auf rund 1.000 Seiten regelt der Einigungsvertrag die rechtlichen Grundlagen für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland.

Mehr lesen

Go West! Von Ost-Berlin nach New York und dann Richtung San Francisco – die Geschichte einer abenteuerlichen Reise im Jahr 1989. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de