Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

20.1.2012 | Von:
Gerhard Sälter

Reaktionen auf den Mauerbau in Berlin und der DDR

Andere Proteste


Der Vollständigkeit halber sei noch auf andere Protestformen hingewiesen. An vielen Orten tauchten antikommunistische Losungen an den Wänden auf:

"Heute rot – morgen tot"
"SED – nee"
"Nieder mit der SED"
"Kommunisten raus"
"erst freie Wahlen – weg mit den Panzern aus Berlin".[29]

Einige meinten, ein Fanal setzen zu müssen. Gemeinsam mit fünf Freunden protestierte beispielsweise der später von MfS-Männern an der Grenze erschossene Michael Gartenschläger gegen die Grenzschließung. Sie waren Rock'n'Roll-Liebhaber, hörten dementsprechend RIAS und fuhren häufig nach West-Berlin. Durch die Grenzschließung war ihr Lebensstil bedroht, und sie wehrten sich, indem sie Farbflaschen auf SED-Losungen warfen und in der Nähe ihres Heimatortes die Scheune einer LPG in Brand setzten.[30]

Intellektuelle und Künstler


Die alten Eliten, vor allem die noch in älterer Zeit geschulte Intelligenz, stand der Grenzschließung, wie zu erwarten gewesen war, reserviert gegenüber. Besonders Ingenieure und Ärzte wurden in einem internen Bericht bezichtigt, "provokatorisch gegen unsere Maßnahmen" aufzutreten.[31]

Auch an den Universitäten organisierten die Leitungen der Institute und Fakultäten gemeinsam mit den SED-Organisationen Versammlungen, in denen die Maßnahmen der Regierung gebilligt werden sollten. Unter den Wissenschaftlern bildeten sich Gruppen, die teils offen dagegen auftraten, teils sich um die geforderten Zustimmungserklärungen herumzudrücken versuchten. Unter denjenigen, die offen gegen die Grenzschließung protestierten, waren einige, die sich bereits im Juni 1953 und während des Aufstands in Ungarn 1956 kritisch gegen die Politik der SED geäußert hatten. Nach Einschätzung der Partei waren sie an den Universitäten allerdings in der Minderheit.[32] Die Ambivalenz der Reaktionen zeigt sich an zwei Beispielen.

An der Humboldt-Universität vertraten – zur Verwunderung der anwesenden Genossen – einige Wissenschaftler die Ansicht, die Grenzschließung richte sich vornehmlich gegen die Bürger der DDR und bewirke eine Einschränkung der persönlichen Freiheit. Sie solle die "Republikflucht" verhindern und entspräche nicht den Wünschen der Bevölkerung, wie von der Regierung immer hervorgehoben, sondern den Bedürfnissen der Partei. Darüber hinaus zeige sich dort eine Vermeidungsstrategie, da parteilose Kollegen es vermieden, mit und in Gegenwart von SED-Genossen politische Gespräche zu führen. Außerdem weigerten selbst Genossen sich zunehmend, Parteiaufträge zu übernehmen. Einige Kollegen, und dies erweitert das Spektrum der möglichen Reaktionen, seien nicht zur Arbeit erschienen, und man vermute, dass sie "republikflüchtig" geworden seien.[33]

An der Technischen Hochschule Dresden dagegen hatte noch in der Nacht zum 13. August die Parteileitung die Initiative ergriffen. Es gelang ihr, die Meinungsäußerungen zur Zufriedenheit der Partei konform und äußerst zustimmend zu halten. Mehrere Professoren gaben freiwillig und schnell Erklärungen ab, dass sie die "Maßnahmen" vollständig unterstützten und künftig zur Erfüllung der wissenschaftlichen Aufgaben noch mehr und besser arbeiten würden. In einige Resolutionen flossen allenfalls kleine Vorbehalten ein. In den Diskussionen kam es vereinzelt zu Hinweisen, man solle das Argument des Menschenhandels nicht überstrapazieren, da viele Menschen freiwillig und aus anderen Gründen als einer Abwerbung in den Westen gegangen seien. Einige Wissenschaftler verweigerten anfangs ihre Unterschriften zu den geforderten Zustimmungserklärungen, da dort immer von einer Zustimmung zum Beschluss der Volkskammer die Rede war. Sie argumentierten, dass es sich bei diesem Beschluss um eine Blanko-Vollmacht handele und man nicht wissen könne, welche Maßnahmen auf diese Grundlage noch eingeleitet würden.[34]

Auch bei den Künstlern zeigte sich eine ambivalente Haltung. Einige, wie Ernst Bloch und Peter Palitzsch, nutzten einen zeitweisen Westaufenthalt, um nicht mehr zurückzukehren. Andere, wie Stephan Hermlin, ergingen sich in Zweideutigkeiten und versuchten, das Geschehen herunterzuspielen: Berlin sei bereits seit 1949 geteilt gewesen. Wieder andere, darunter Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann, Hanns Eisler und Paul Dessau, verdammten jene, die sich in ihrer Wahrnehmung auf die Seite der Reaktion geschlagen hatten, und trugen auf diese Weise zur Unterstützung der Machthaber in der DDR bei.[35]

Abweichler in der SED


West-Berliner Polizei und Feuerwehr beobachten, wie jenseits der Mauer mit Wasserwerfern versucht wird, Fluchtversuche zu unterbinden. 14. September 1961.West-Berliner Polizei und Feuerwehr beobachten, wie jenseits der Mauer mit Wasserwerfern versucht wird, Fluchtversuche zu unterbinden. 14. September 1961. (© AP)
Selbst innerhalb der Partei waren sich anfangs nicht alle Genossen über die friedenserhaltende Wirkung der Mauer einig. Ein interner Bericht formuliert das Unbehagen einiger Genossen, die gefragt hätten: "Warum mußten wir Panzer einsetzen?" Auch wenn die Irritation innerhalb der Partei schwach und ohne öffentlichen Ausdruck blieb, musste man intern doch einige Widerstände einräumen. Einige SED-Mitglieder "lehnten die weitere Mitarbeit in den Kampfgruppen ab". Vor allem das Verbot, in den Westen zu reisen und mit Menschen aus dem Westen Kontakt zu haben, war vielen Parteimitgliedern unverständlich und wurde als unzulässiger Eingriff in ihr Privatleben aufgefasst. Dieses Problem schien mehr Mitglieder der SED zu betreffen, als man angenommen hatte: "Ein größerer Teil [der] Parteimitglieder erkennt noch nicht die Gefahr, die für Bürger unserer Republik bei Besuchen in Westdeutschland gegeben ist, und begreift nicht die Notwendigkeit, auf Westreisen zu verzichten."[36]

Außerdem waren einzelne Parteiaustritte und Funktionsniederlegungen zu verzeichnen. Der Bürgermeister von Falkensee etwa weigerte sich, für den Kreistag zu kandidieren, und wurde daraufhin von der Kreiskontrollkommission der SED vorgeladen. Daraufhin zog er es am 21. August vor, ebenfalls nach dem Westen zu gehen.[37] Selbst SED-Mitglieder beteiligten sich an Demonstrationen gegen die Grenzschließung, versuchten Aufrufe zu verfassen, und riefen zum Streik auf.[38] Ein Parteisekretär sagte, solange seine Westverwandtschaft ihn nicht mehr besuchen dürfe, würde er in der SED nicht mehr mitarbeiten.[39] Einige Funktionäre gingen einfach in Urlaub oder erschienen nicht auf den ihnen zugewiesenen Posten, wie die SED gegenüber der Gewerkschaft kritisierte.[40]

Vor allem in den Grenzkreisen, in denen die Bevölkerung mit ökonomischen Problemen stärker zu kämpfen hatte und in denen die Zwangsaussiedlungen der SED zusätzlich Sympathien gekostet hatten, standen auch Parteimitglieder den Maßnahmen der Regierung deutlich reserviert gegenüber. In einigen Orten wurde ein Drittel der Genossen als "schwankend" eingestuft.[41] Dies sind Einzelfälle, die gleichwohl zeigen, wie tief die Zäsur des Mauerbaus in die Gesellschaft der DDR einschnitt. In ihrer Masse dürften die Mitglieder und insbesondere die lokalen Funktionäre der SED den Machtzuwachs, den ihnen der Mauerbau bescherte, begrüßt haben.

Ausblick


Ost-Berliner Kinder spielen "Volkspolizei" in unmittelbarer Nähe der Berliner Mauer entlang der Bernauer Straße, 22. Oktober 1961.Ost-Berliner Kinder spielen "Volkspolizei" in unmittelbarer Nähe der Berliner Mauer entlang der Bernauer Straße, 22. Oktober 1961. (© AP)
Der Mauerbau war für die SED zunächst ein Erfolg: Sie hatte die Bevölkerung der DDR auf dem von ihr beherrschten Territorium immobilisiert und nutzte dies, um ihre Macht zu konsolidieren. Dies zeigt sich unter anderem an der Siegeseuphorie, die sich unter den Funktionären seit dem 13. August breitmachte, die von polizeilicher und strafrechtlicher Repression begleitet war. Die Bevölkerung sollte merken, dass jetzt ein anderer Wind wehte und dass sie dem Parteiapparat noch stärker ausgeliefert war als vorher: im Wortsinne nun ausweglos. Und sie lernte es, wie es der Verteidigungsminister im September formulierte: "Seit dem 13. August 1961 haben wir auch hier bedeutsame Fortschritte in der Erziehungsarbeit unter der Bevölkerung erzielt. Im Bewußtsein und der Aktivität der Werktätigen vollzieht sich ein großer Aufschwung."[42] In rascher Folge wurden, um nur einige Konsequenzen des Mauerbaus zu nennen, alle nicht unbedingt nötigen Verbindungen in den Westen gekappt, die Wehrpflicht eingeführt, eine Erhöhung der Arbeitsleistungen beschlossen und ein strafbewehrter Arbeitszwang eingeführt.



Jedoch war die SED nicht in der Lage, aus diesem Zuwachs an Macht auch eine größere Zustimmung in der Bevölkerung und damit einen Zuwachs an Legitimität zu generieren. Dafür hätte sie ihre Politik stärker auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ausrichten müssen, wozu sie sich nicht verständigen konnte.

West-Berliner Kinder versuchen an der Liesenstraße im Wedding einen Blick nach Ost-Berlin zu erhaschen. 23. August 1961. (© AP)
Erst mit dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker kam verspätet eine gewisse Ausrichtung auf die Konsumbedürfnisse der breiten Masse, die zudem von der Wirtschaftsentwicklung nicht getragen wurde und zu einer Dauerkrise führte, die das Ende der DDR mit herbeiführte. Statt eines Wandels der Politik setzte die SED zu Sicherung ihrer Herrschaft darauf, die Immobilisierung der Bevölkerung auch auf das Innere der DDR auszudehnen und zu zementieren.[43] Deshalb hatte die mit dem Mauerbau einsetzende Politik langfristig keinen Erfolg: In der DDR wuchs der innere Druck in den folgenden Jahrzehnten so stark, dass die SED-Führung, nachdem sie ihre Schutzmacht verloren hatte, 1989/90 nahezu ohne Gegenwehr von einer wachsenden Protestbewegung hinweggespült wurde.

aus: Deutschland Archiv 6/2011

Fußnoten

29.
Abt. Parteiorgane an Honecker: Einschätzung der Partei- und Massenarbeit, 20.8.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/190, Bl. 19.
30.
Andreas Frost, Michael Gartenschläger: Der Prozess, Schwerin 2002, S. 13.
31.
Abt. Parteiorgane an Honecker: Einschätzung der Partei- und Massenarbeit, 20.8.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/190, Bl. 11f.
32.
Information der Abt. Parteiorgane über einige Probleme und die Stimmung unter den Wissenschaftlern, 29.8.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/295, Bl. 165–169.
33.
Information der Abt. Wissenschaften über die Situation an der Humboldt-Universität an Abt. Parteiorgane, 18.8.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/315, Bl. 457–460.
34.
Information der Abt. Wissenschaften über die Situation an der Humboldt-Universität an Abt. Parteiorgane, 18.8.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/315, Bl. 461–467.
35.
Briefe dok.: Manfried Hammer u.a. (Hg.), Das Mauerbuch. Texte und Bilder aus Deutschland von 1945 bis heute, 2. Aufl., Berlin (W.) 1984, S. 137–146.Information der Abt. Wissenschaften über die Situation an der Humboldt-Universität an Abt. Parteiorgane, 18.8.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/315, Bl. 461–467.
36.
Abt. Parteiorgane an Honecker: Einschätzung der Partei- und Massenarbeit, 20.8.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/190, Bl. 11f.
37.
Tagesrapport des Kommandos Grenzpolizei, 22.8.1961, BA-MA, Pt 7799, Bl. 155.
38.
Einschätzung der Partei- und Massenarbeit, 20.8.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/190, Bl. 11f.
39.
Sonderinformation 024/61 der Politverwaltung des Kommandos der DGP, 30.8.1961, BArch, DY 30/IV 2/12/72, Bl. 139.
40.
Information der Abt. Parteiorgane über einige Probleme der Gewerkschaftsarbeit [...], 15.9.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/295, Bl. 165–169.
41.
Kurzinformation der Abt. Parteiorgane über Stimmung an der Staatsgrenze West, 15.9.1961, BArch, DY 30/IV 2/5/295, Bl. 229–234, hier 231.
42.
General Hoffmann, Minister für Nationale Verteidigung der DDR, auf der Tagung der Verteidigungsminister des Warschauer Pakts am 8.–9.9.1961, BA-MA, AZN 32595, Bl. 51–62, zit. 58.
43.
Thomas Lindenberger, Diktatur der Grenze(n). Die eingemauerte Gesellschaft und ihre Feinde; in: Hans-Hermann Hertle (Hg.), Mauerbau und Mauerfall. Ursachen, Verlauf, Auswirkungen, Berlin 2002, S. 203–214.

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
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