Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

20.1.2012 | Von:
Elena Demke

Mauerbilder in Ost und West

Die Scheidemauer:
Auf welcher Seite sind die Nazis?


"Berliner Zeitung", 31. August 1961"Berliner Zeitung", 31. August 1961
Die Kampfgruppen waren in der SED-Ideologie auch mit der Behauptung eines "antifaschistischen" Charakters der Grenze kompatibel. Lange bevor das Begriffs-Ungetüm "Antifaschistischer Schutzwall" sich als propagandistischer Mauer-Terminus durchsetzte, wurde diese vermeintliche Funktion der Grenze auch bildlich inszeniert. Hierfür wurden historische Fotos, wie das Bild von SA-Kolonnen, die 1933 durch das Brandenburger Tor ziehen und das (gestellte) Foto von Wehrmachtssoldaten, die 1939 einen Schlagbaum an der Grenze zu Polen niederreißen, verschiedenen Fotos von Kampfgruppenmännern, deren Reihen das Brandenburger Tor verriegeln, gegenübergestellt. Eine Überschrift wie "Verrechnet! 1961 nicht 1939!" suggerierte, die Bundesrepublik sei im letzten Moment vor einem kriegerischen Akt gestoppt worden. Visuell sollten dies auch Parallelisierungen der (Bild-) Berichterstattung im "Völkischen Beobachter" über sudetendeutsche Flüchtlinge Mitte der Dreißigerjahre mit westlicher Berichterstattung über DDR-Flüchtlinge Anfang der Sechzigerjahre plausibel machen.


"Der Tagesspiegel", 13. August 1964."Der Tagesspiegel", 13. August 1964.
"Der Tagesspiegel", 13. August 1963."Der Tagesspiegel", 13. August 1963.


In der West-Presse dagegen stellte der Mauerbau einen Höhepunkt des Vergleichs der DDR mit einem KZ, und Ulbrichts mit Hitler dar. Stacheldraht, Wachtürme und die bewaffneten uniformierten Wächter boten nicht nur in Reden und Kommentaren Anlass für diese Analogie, sondern auch sie wurde visualisiert. Zuerst geschah dies zeichnerisch, etwa durch die Einfügung von Stacheldraht-Symbolik in Zeitungsseiten oder auf Abbildungen der Wappen der Ost-Berliner Stadtbezirke und bild-begleitend durch entsprechende Bildüberschriften und -kommentare; mit Errichtung der Mauer auch durch Fotos, die solcher Kommentare nicht bedurften. Die Abbildung eines von mehreren "KZ"-Graffiti an der Mauer brachte den Vergleich 1963 auf dem Titelblatt des "Tagesspiegel" ins Bild. Im Folgejahr wurde eine fotografische Auschwitz-Anspielung gewählt, wie sie erst vor dem Hintergrund zunehmender publizistischer Präsenz der NS-Verbrechen in der Bundesrepublik angesichts der bevorstehenden Frankfurter Auschwitzprozesse "lesbar" geworden war.

Vom Stacheldraht zur Steinmauer


"Ernst Lemmer, Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen (l. mit Hut), besichtigt die Bauarbeiten an der 'Neuen Mauer' am Brandenburger Tor.", 20. November 1961."Ernst Lemmer, Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen (l. mit Hut), besichtigt die Bauarbeiten an der 'Neuen Mauer' am Brandenburger Tor.", 20. November 1961. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00085765, Foto: Gerd Schütz)
"Grenzsicherung am Brandenburger Tor", November 1961."Grenzsicherung am Brandenburger Tor", November 1961. (© Bundesarchiv, Bild 183-88222-0002, Foto: Horst Sturm)
"Der Osten handelt. Der Westen tut NICHTS!", lautete die empörte Schlagzeile der mit einem Stacheldraht-Ornament gestalteten Titelseite der "Bild"-Zeitung vom 16. August 1961. Die SED-Presse frohlockte genau darüber. Den prompt folgenden Ausbau der Grenzanlagen setzte sie jedoch nicht ins Bild. Stattdessen dienten Szenen von Grenzkontrollen als visueller Ausweis triumphal vorgetragener Souveränität. Insofern ersetzten auch hier Bilder von Menschen und ihren Handlungen die Darstellung der Wehranlagen. Lediglich im November 1961 bebilderte die SED-Presse die Errichtung einer Betonmauer am Brandenburger Tor unter der Überschrift: "Provokateuren handfeste Antwort". Dass sie ihre eingesperrte Leserschaft so unmittelbar mit Bildern der Mauer konfrontierte, sollte jedoch eine Ausnahme bleiben, und die Bilder lassen die Grenzanlagen schematisch-unkonkret erscheinen. In West-Berliner Zeitungen dagegen war ihr Ausbau ein regelmäßiger Anlass, die Mauer bildjournalistisch in Erinnerung zu rufen. Insbesondere 1961 wurden dabei auch Repräsentanten der Bundesregierung und damit zumindest symbolische Handlungsmacht ins Bild gesetzt.

Fortschreiben der Bildmotive vom August 1961:
Anklage versus Dank


"Nach ihrem Einsatz zur Durchsetzung der Grenzsicherungsmaßnahmen vom 13.8.1961 kehrten drei Hundert­schaften der Kampfgruppen des Kabelwerkes Oberspree am 25.8.1961 an ihre Arbeitsplätze zurück. Beim Einmarsch in das Werk wurden sie von ihren Kollegen herzlich begrüßt.", 25. August 1961."Nach ihrem Einsatz zur Durchsetzung der Grenzsicherungsmaßnahmen vom 13.8.1961 kehrten drei Hundert­schaften der Kampfgruppen des Kabelwerkes Oberspree am 25.8.1961 an ihre Arbeitsplätze zurück. Beim Einmarsch in das Werk wurden sie von ihren Kollegen herzlich begrüßt.", 25. August 1961. (© Bundes­archiv, Bild 183-85755-0001, Foto: ADN/ZB, Werner Krisch)
"Zwei Mütter winken ihren Kleinkindern zu, die bei Mauerbau bei der Großmutter in Ost-Berlin waren und die sie erst nach Erteilung eines Passierscheins zurückholen können.", 26. August 1961."Zwei Mütter winken ihren Kleinkindern zu, die bei Mauerbau bei der Großmutter in Ost-Berlin waren und die sie erst nach Erteilung eines Passierscheins zurückholen können.", 26. August 1961. (© Ullsteinbild)
Auf die typischen Bildmotive vom August und September 1961 wurde auch in späteren Jahren immer wieder zurückgegriffen. Dabei repräsentierten in der West-Berliner Presse vor allem Aufnahmen von 1961 die Mauer-Anklage durch die Darstellung ihrer trennenden Wirkung, und anlässlich der Jahrestage des Mauerbaus finden sich seltener Abbildungen der jeweils aktuellen Grenz-Situation.

In der SED-Presse wurde dagegen das Motiv der dankbaren Gemeinschaft auch mit aktuellen Aufnahmen inszeniert. Dabei wurde auf die besondere Rolle der Kampfgruppen Bezug genommen: Der bewaffnete Einsatz der Soldaten an der Grenze wurde als Erfüllung eines historischen Auftrags dargestellt, der durch die Kampfgruppen als "Volkswille" stilisiert wurde. Diese Deutung bedienten beispielsweise Fotos von ehemaligen Kampfgruppenangehörigen beim Besuch an der Grenze im Gespräch mit Soldaten oder die Gegenüberstellung der DDR-Bildikone des "Antifaschistischen Schutzwalls" mit aktuellen Aufnahmen einer analogen Reihe von Grenzsoldaten. Rituale wie die Verleihung von Auszeichnungen und die visuell prominente Beteiligung von Kampfgruppen an den Paraden anlässlich der Mauerbau-Jahrestage machten es möglich, die zentrale Rolle der Kampfgruppen im DDR-Bildprogramm zur Grenze zu aktualisieren. Außerdem avancierte auf diese Weise die Geste des Winkens zu einem festen ikonografischen Bestandteil, der – konträr zum Winken über die Mauer hinweg in den westlichen Bilder – den vermeintlich Gemeinschaft stiftenden Charakter der Grenze bekräftigen sollte.


Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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Zwischenbilanz der Deutschen Einheit

Seit dem 5. Februar 2018 ist die Mauer länger nicht mehr existent, als sie faktisch Berlin und symbolisch Deutschland und Europa teilte: 28 Jahre, drei Monate und 26 Tage lang. Diese Themenseite beleuchtet Facetten des Einheitsprozesses: Was geschah am 3. Oktober 1990? Wie hat sich das wiedervereinigte Deutschland seitdem entwickelt und was denken Bürger des Landes mittlerweile über den Fortgang der Deutschen Einheit?

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Chronik der Mauer

28 Jahre war die Berliner Mauer Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. In zeitlicher Abfolge werden Ursachen, Verlauf und Folgen von Mauerbau und Mauerfall durch Texte, Film- und Tonmaterial, Fotos und Zeitzeugeninterviews dargestellt.

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Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart: Wirklichkeit wird geschönt, Kritik unterdrückt, Oppositionelle werden verfolgt und gebrochen.

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Jugendopposition in der DDR

Ausgezeichnet mit Grimme Online Award: Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Videos, Fotos und Dokumenten.

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www.wir-waren-so-frei.de

Internetarchiv mit fast 7.000 privaten Filmen und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitenden Erinnerungstexten. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

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Am 31. August 1990 unterzeichneten Bundesinnenminister Schäuble und DDR-Staatssekretär Krause den Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands. Auf rund 1.000 Seiten regelt der Einigungsvertrag die rechtlichen Grundlagen für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland.

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Go West! Von Ost-Berlin nach New York und dann Richtung San Francisco – die Geschichte einer abenteuerlichen Reise im Jahr 1989. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

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