Kinder der jüdischen Grundschule in Frankfurt am Main sitzen zusammen an einem Tisch

11.5.2021 | Von:
Michael Brenner

Von den Anfängen jüdischen Lebens in Deutschland bis zur Shoah

Über die Anfänge jüdischen Lebens auf deutschem Gebiet lässt sich nur spekulieren. Erstmals erwähnt werden sie in einem römischen Erlass aus dem Jahr 321 an den Statthalter in "Colonia", dem heutigen Köln. Spätestens ab dem 10. Jahrhundert kann mit Gewissheit von einer Kontinuität deutsch-jüdischen Lebens gesprochen werden.

Museum Shalom Europa – das Museum der Jüdischen Gemeinde Würzburg: Grabsteinfragmente aus der Zeit 1147 bis 1346, die größte Hinterlassenschaft aus einem mittelalterlichen Judenfriedhof weltweitMuseum Shalom Europa – das Museum der Jüdischen Gemeinde Würzburg: Grabsteinfragmente aus der Zeit 1147 bis 1346, die größte Hinterlassenschaft aus einem mittelalterlichen Judenfriedhof weltweit (© David Bachar )

Über die Anfänge jüdischen Lebens auf deutschem Gebiet können wir nur spekulieren. Die erste uns hierzu bekannte Urkunde, ein Dekret Kaiser Konstantins, stammt aus dem Jahre 321 und besagt, dass die Kölner Juden vom Rat der Colonia dazu gezwungen werden können, Ämter zu übernehmen. Daraus entnehmen wir freilich weder, wann die ersten Juden im Gefolge von römischen Legionen in das Gebiet zwischen Donau und Rhein gekommen sind noch wie wir uns ihre Existenz in Köln im 4. Jahrhundert genau vorzustellen haben. Die Spuren jüdischen Lebens in Deutschland verlieren sich bald danach auch wieder. Erst ab dem 10. Jahrhundert können wir mit Gewissheit von einer Kontinuität deutsch-jüdischen Lebens sprechen.

Der erste namentlich in einer Quelle dieser Region bezeugte Jude ist ein gewisser Isaak, den Kaiser Karl der Große um 800 mit einer dreiköpfigen Delegation mit einer Mission betreute, die ihn zum Kalifen Harun al-Raschid nach Bagdad führte und an deren Ende Isaak dem Kaiser einen Elefanten mitbrachte. "Abul Abbas" war der erste urkundlich erwähnte Elefant, der die Alpenüberquerung geschafft hatte. Die ersten Urkunden, die jüdisches Leben in dem Raum, der auf Hebräisch nun als "Aschkenas" bezeichnet wurde, belegen, stammen aus der Regierungszeit Ludwigs des Frommen zu Beginn des 9. Jahrhunderts. Im 10. und vor allem 11. Jahrhundert sind dann bereits zahlreiche jüdische Gemeinden bezeugt, von denen die bedeutendsten am Rhein lagen: Speyer, Worms und Mainz bildeten nach ihren hebräischen Anfangsbuchstaben die sogenannten "SchUM-Gemeinden". Der bis heute bedeutendste Bibel- und Talmudkommentator Raschi (Rabbi Schlomo ben Jitzchak) aus Troyes in Nordfrankreich hatte zeitweise in Worms studiert, wo die während der NS-Zeit zerstörte und später wiederaufgebaute Synagoge in ihren Ursprüngen auf das Jahr 1034 zurückging. Regensburg wurde an der Wende zum 13. Jahrhundert unter der Ägide des Rabbiners Jehuda ben Samuel he-Chassid zeitweise zum Mittelpunkt der mystischen Bewegung der "Chassidej Aschkenas" (man könnte sie auf Deutsch als die Pietisten von Aschkenas bezeichnen).

Auf die Geschichte der Juden im mittelalterlichen Deutschland stößt man bis heute an zahlreichen Orten. Dazu gehören neben Grabsteinen, Ritualbädern (Mikva’ot) und Ausgrabungen von Synagogen auch Straßennamen wie "Judengasse" oder "Judengraben". Doch ebenso wie das Leben und Wirken der Juden hat auch ihre Verfolgung Spuren hinterlassen. An Kirchenbauten finden sich antijüdische Verunglimpfungen, die von der Gegenüberstellung der verblendeten "Synagoga" mit der triumphierenden "Ecclesia" am Bamberger Dom oder Freiburger Münster bis hin zu Darstellungen der abscheulichen "Judensau" am Regensburger Dom oder der Wittenberger Stadtkirche reichen. Zudem verweisen manche Kirchenbauten auf die frühere Existenz einer Synagoge an gleicher Stelle, die nach der Verbreitung von Ritualmord- oder Hostienschändungslügen zerstört worden waren.

Jüdisches Leben im deutschen Mittelalter ist weder auf die großen geistigen Leistungen noch auf die schrecklichen Verleumdungen und Verfolgungen von den Kreuzzugsgräueln bis hin zu Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Tods zu reduzieren. Jahrhundertelang lebten Juden, geschützt von kaiserlichen Edikten und autonom ihre eigenen Gemeindeangelegenheiten regelnd, inmitten der christlichen Bevölkerung.

Am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit begann die Zeit ihrer Vertreibungen aus vielen Teilen Europas. Während sie bereits 1290 aus England, im 14. Jahrhundert aus Frankreich und zum Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal ausgewiesen wurden, war dies aus dem vielteiligen Flickenteppich des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nicht so leicht möglich. Aus zahlreichen Territorien und Städten vertrieben, ging ein Teil von ihnen nach Osten und begründete das neue jüdische Zentrum in Polen, doch ein anderer Teil zog einfach weiter in die kleineren Nachbarterritorien. Aus der Freien Reichsstadt Nürnberg fortgejagt, errichteten sie im nahegelegenen Fürth eine blühende Gemeinde; aus dem Herzogtum Bayern ausgewiesen, siedelten sie sich in fränkischen und schwäbischen Kleinstädten und Dörfern an. Ähnlich geschah es auch in anderen Teilen des Reichs. Hinzu kamen sephardische (aus der Iberischen Halbinsel stammende) Juden, die sich vor allem in Hamburg niederließen. Lediglich aus zwei größeren Städten wurden Juden nie vertrieben: aus Worms und aus Frankfurt am Main. Hier entstand allerdings auch das erste Ghetto der jüdischen Geschichte, als 1462 alle Frankfurter Juden gezwungen wurden, sich in der Judengasse anzusiedeln, die von außen abgesperrt werden konnte. Ursprünglich für 15 Familien geplant, waren kurz vor ihrer Auflösung am Ende des 18. Jahrhunderts etwa 3.000 Menschen auf dieser nur drei Meter breiten und 330 Meter langen Gasse eingepfercht, die damit als die am dichtesten besiedelte Straße Europas galt. Die meisten Juden in Deutschland lebten aber nicht im Ghetto. In vielen Orten wohnten sie im Ortskern, in anderen waren sie von der christlichen Bevölkerung räumlich getrennt – etwa im schwäbischen Jebenhausen durch einen Fluss oder im oberpfälzischen Floss auf dem sogenannten "Judenberg". Doch schied sie dort keine Mauer und kein zuweilen verschlossenes Tor vom Rest des Ortes.

Der Großteil der Juden lebte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in kleinen Orten. Aus den Handwerken und dem Bauernstand ausgeschlossen, gingen sie dem Hausier- oder Geldhandel nach, waren Viehhändler oder in wenigen Fällen auch im internationalen Handelsgeschäft tätig. Am unteren Ende der sozialen Skala befanden sich die sogenannten Betteljuden, die von Ort zu Ort zogen und von den jüdischen Gemeinden in kommunalen Armenhäusern oder durch private Wohltätigkeit versorgt wurden. Am oberen Ende standen die jüdischen Hoffaktoren, die an zahlreichen Fürstenhöfen in einem engen Dienstverhältnis zu ihren Landesherren standen. Außerhalb der Konkurrenz der Ständevertreter oder Stadtbürger stehend und weder den miteinander rivalisierenden katholischen noch protestantischen Eliten zugehörig, stellten Hofjuden keine potentielle Bedrohung für die Fürsten dar, was ihre Berufung in die engsten Kreise der Macht begünstigte. Sie waren so sehr von der Gunst des jeweiligen Herrschers abhängig, dass sie dem Schicksal machtlos ausgeliefert waren, wenn deren Nachfolger sie nicht mehr in Schutz nahmen. Dies konnte oft eine empfindliche Demütigung bedeuten. Das bekannteste Beispiel für den tiefen Fall eines jüdischen Hoffaktors ist das später von den Nationalsozialisten propagandistisch ausgebeutete Schicksal des Joseph Süß Oppenheimer, genannt "Jud Süß", der nach dem Tod des württembergischen Herzogs Karl Alexander Opfer von Intrigen wurde und dessen Leichnam nach seiner Hinrichtung 1738 in Stuttgart sechs Jahre lang in einem Käfig zur Schau gestellt wurde.

Erst mit der Aufklärung setzte sich langsam die Anschauung durch, dass die Juden nicht außerhalb der ständischen Gesellschaftsordnung stehen sollten und dass ihnen neben gleichen Pflichten auch gleiche Rechte als Staatsbürger zustehen sollten. In prominenter Weise forderte Gotthold Ephraim Lessing in seinem Drama Nathan der Weise (1779) diese Gleichberechtigung ein. Als Vorbild für seine Hauptfigur dieses zur Zeit der Kreuzzüge spielenden Schauspiels diente ihm sein Freund, der Philosoph Moses Mendelssohn, der im Alter von 14 Jahren von seiner Heimatstadt Dessau nach Berlin gewandert war. Dort machte er sich mit seinen philosophischen Schriften einen Namen und forderte sogar den preußischen König Friedrich II. auf, statt der französischen die deutsche Sprache zu benutzen. In gleicher Weise verlangte er von seinen jüdischen Glaubensgenossen, nicht in der jiddischen oder jüdisch-deutschen Sprache zu verharren, sondern Hochdeutsch anzunehmen. Zu diesem Zwecke fertigte er als erster Jude eine Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Deutsche an. In seiner religionsphilosophischen Schrift Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum (1783) forderte er neben der Religionsfreiheit eine vollständige Trennung von Staat und Religion.

Die Ideen Lessings und Mendelssohns wurden im politischen Diskurs von dem preußischen Kriegsrat Christian Konrad Wilhelm Dohm aufgegriffen, der in seinem zweibändigen Werk Über die bürgerliche Verbesserung der Juden (1781-83) argumentierte, dass die Juden erst durch die Gewährung der gleichen Rechte zu nützlichen Staatsbürgern werden könnten. Ähnlich wie manche Vordenker der Französischen Revolution befürwortete er eine vollständige Emanzipation der Juden nicht der Juden willen, sondern um den Nutzen des Staates zu fördern. Während in Frankeich im Zuge der Revolution den Juden die rechtliche Gleichstellung in zwei Gesetzesakten 1791 und 1792 gewährt wurde, geschah dies in den deutschen Staaten allerdings nur allmählich und mit zahlreichen Rückschlägen über einen Zeitraum von nahezu einem Jahrhundert. Die österreichischen Toleranzpatente der 1780er Jahre beinhalteten ebenso wie die Emanzipationsedikte in Preußen (1812), Bayern (1813) und anderen Staaten zwar erhebliche Lockerungen zahlreicher diskriminierender Gesetze und gewährten Juden den Zugang zum allgemeinen Schulwesen, dem Universitätsstudium und den meisten Berufsgruppen, doch blieben Einschränkungen bestehen. Juden konnten weder in hohe Staatsämter aufsteigen noch politisch prominente Stellungen einnehmen. In manchen Territorien und Städten war noch bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Ansiedlung von Juden verboten, in anderen wurde, wie in Bayern, ihre Zahl am jeweiligen Ort begrenzt, was wiederum zu einer großen Auswanderungsbewegung nach Amerika führte.

Überall dort, wo Juden entweder die volle Gleichberechtigung wie in Frankreich oder die partielle wie in den deutschen Staaten gewährleistet wurde, mussten sie einen Preis dafür bezahlen. Sie verloren ihre Gemeindeautonomie, mussten ihre eigene Sprache ebenso aufgeben wie ihre Kleidung und ihre traditionellen Namen, und passten sich schließlich auch in ihrer religiösen Praxis der christlichen Mehrheitsgesellschaft an. Die Rabbiner kleideten sich nicht nur äußerlich wie Pastoren oder Pfarrer, sie nahmen zunehmend auch deren Funktion als Seelsorger ein, während sie im traditionellen Judentum vor allem Rechtsgelehrte waren, die das jüdische Religionsgesetz auslegten. Das Judentum wurde nun zunehmend als Religion analog der christlichen Konfessionen ausgelegt, während die ethnisch-nationale Komponente in den Hintergrund gedrängt wurde. Dies galt für alle sich während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbildenden religiösen Richtungen: von der Reformbewegung bis hin zur sogenannten Neo-Orthodoxie. Letztere hielt dem jüdischen Religionsgesetz die Treue, was auch bedeutete, dass man sich streng an die Speise- wie auch Schabbatgesetze hielt. Doch wie die Reformer, die diese Gesetze nur noch symbolisch auslegten und zudem immer mehr die hebräische Sprache im Gottesdienst durch die deutsche ersetzten, war auch die deutsch-jüdische Orthodoxie in all ihren Ausprägungen offen für das säkulare Studium, die westliche Kleidung und die völlige Adaption deutscher Sprache und Kultur. So zitierten orthodoxe Rabbiner ebenso wie ihre liberalen Kollegen in ihren immer auf Deutsch gehaltenen Predigten gerne Goethe und Schiller und hatten neben ihrer rabbinischen Ordinierung in der Regel auch den Doktortitel einer deutschen Universität aufzuweisen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildete sich auch die Wissenschaft des Judentums heraus, die den Weg öffnete für eine säkulare Tradition jüdischer Quellen. Diese wurden nun nicht mehr ausschließlich als Grundlage für die Regelung des täglichen Lebens studiert, sondern als Selbstzweck, zur Befriedigung der wissenschaftlichen Interessen und aus Angst, sie könnten in der Zukunft verloren gehen. Unberechtigt war diese Angst nicht, denn die Kenntnis der jüdischen Traditionen und der hebräischen Sprache nahm unter den zunehmenden verbürgerlichten und urbanisierten deutschen Juden ebenso ab wie ihre Praktizierung der jüdischen Riten.

Was jedoch nicht verschwand, sondern nur seine Form und seinen Namen wandelte, war die Judenfeindschaft. Zunächst hatte sie sich gegen die traditionsbehafteten Juden gerichtet, die sich angeblich nicht assimilieren wollten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts waren aber gerade die assimilierten Juden zur Zielscheibe geworden – nun rassisch begründet und im neuen Gewand als Antisemitismus bezeichnet. Der Ausdruck wurde erstmals 1879 von dem Journalisten Wilhelm Marr verwendet. Dass er eigentlich gar keinen Sinn macht, da es keinen "Semitismus" gibt, störte die Judenfeinde aber nur wenig. Der neue Ausdruck klang wissenschaftlicher und moderner als der alte Judenhass und setzte sich umgehend durch. Dies galt nicht nur in obskuren politischen Bewegungen, die sich nun im Reichstag Platz machten, sondern auch in den obersten Reihen der deutschen Gesellschaft. Der Hofprediger Kaiser Wilhelms I., Adolf Stöcker, machte ihn mit der Gründung seiner Christlich-Sozialen Partei ebenso salonfähig wie der Historiker Heinrich von Treitschke, der in einer Schrift vor den "hosenverkaufenden Jünglingen" aus dem Osten warnte und in diesem Zusammenhang das üble Wort prägte, das Jahrzehnte später jede Titelseite der NS-Hetzschrift Der Stürmer prägen sollte: "Die Juden sind unser Unglück".

Das Kaiserreich war somit gleichzeitig eine Zeit des sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs der deutschen Juden wie auch eine Epoche, in der sich ein neuartiger Antisemitismus ausprägte. Der amerikanische Historiker Fritz Stern sprach einmal von der "Bürde des Erfolgs" im Zusammenhang mit dem Neid und Hass, der den Sprung in die gesellschaftliche Mitte begleitete. Und die israelische Historikerin Shulamit Volkov prägte den Ausdruck vom "Antisemitismus als kulturellem Code". Es gehörte in bestimmten Organisationen, Parteien und Vereinen des Reichs einfach zum guten Ton, antisemitisch zu sein, wenn man sich als Konservativer, Alldeutscher oder Verteidiger der Interessen traditioneller Berufsverbände wie der Landwirte oder Handlungsgehilfen betrachtete. Zudem blieben den Juden auch im Kaiserreich, in dem sie offiziell seit 1871 die gleichen Rechte genossen, bestimmte Stellungen verwehrt: etwa die als Offizier oder als Minister.

Während des Ersten Weltkriegs kämpften die Juden Seite an Seite und in gleicher Proportion zur Bevölkerungszahl wie ihre christlichen Mitbürger für den Sieg Deutschlands. Ihre Hoffnung, dass sozusagen im Schützengraben alle noch bestehenden Differenzen überwunden werden sollten, wurden allerdings herbe enttäuscht, als die preußische Heerführung 1916 eine sogenannte "Judenzählung" anordnete, die feststellen sollte, ob auch die Juden ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend für das Reich kämpften. Sie wurden damit wiederum ausgesondert – eine deprimierende Erfahrung, die viele von ihnen in Tagebüchern, Briefen an die Eltern und später in ihren Memoiren festhielten.

Mit Beginn der Weimarer Republik war die Gelegenheit gekommen, die 1871 verbrieften Rechte nun endgültig umzusetzen. Und in der Tat boten sich nun auch für Juden Möglichkeiten, die ihnen bis dahin verwehrt worden waren. In Bayern wurde Kurt Eisner im November 1918 erster Ministerpräsident des Freistaats, und vier Jahre später wurde Walther Rathenau Reichsaußenminister. Max Liebermann war Präsident der Preußischen Akademie der Küste und Ernst Cassirer wurde Präsident der Hamburger Universität. Doch lernten sie alle auch die Kehrseite der neuen Freiheit kennen. Eisner und Rathenau wurden nach wenigen Monaten im Amt von Rechtsextremisten ermordet, und nach ihnen sollten kaum noch deutsche Juden zu politischer Prominenz gelangen. Liebermann und Cassirer waren ständig antisemitischen Angriffen ausgesetzt. Diejenigen Juden, die wie der Schriftsteller Jakob Wassermann in seiner Schrift Mein Weg als Deutscher und Jude ihrer Enttäuschung Luft machten, wurden – etwa von Thomas Mann – bezichtigt, den Antisemitismus zu übertreiben.

Der in Fürth aufgewachsene Wassermann war nur einer von zahleichen prominenten jüdischen Schriftstellern, die ebenso wie Lion Feuchtwanger aus München, Franz Kafka und Franz Werfel aus Prag, Stefan Zweig aus Wien, Kurt Tucholsky aus Berlin und Else Lasker-Schüler aus Elberfeld und Arnold Zweig aus Glogau in Schlesien die deutschsprachige Kulturlandschaft mitprägten. Gemeinsam mit Regisseuren wie Max Reinhardt und Leopold Jessner, Schauspielern wie Fritz Kortner und Elisabeth Bergner, Komponisten wie Arnold Schönberg und Kurt Weill sowie Malern wir Max Liebermann und Ludwig Meidner waren sie alle Teil der "Goldenen Zwanziger". Ganze Kulturbereiche wie die Theaterkritik oder das Kabarett wären ohne Juden kaum vorstellbar gewesen, wie auch einige Zweige der Naturwissenschaften.

Die Mehrheit der deutschen Juden gehörte dem Mittelstand an und war kulturell von künstlerischer oder wissenschaftlicher Avantgarde weit entfernt. Sie waren, wie ihre christlichen Nachbarn stark regional geprägt und fühlten sich als Bayern, Hessen oder Preußen ebenso wie als Deutsche und Juden. Zu Beginn der Weimarer Republik wählten sie zumeist die liberale Deutsche Demokratische Partei, doch mit deren zunehmender Schwächung gingen viele zur Sozialdemokratie über, andere – darunter vor allem die Orthodoxen – gaben ihre Unterstützung der katholischen Zentrumspartei.

Der Antisemitismus war mit jeder Krise der Republik sichtbarer geworden. Nach dem verlorenen Krieg verbreitete sich die Dolchstoßlegende, der zufolge nicht der äußere Feind, sondern Juden und Sozialdemokraten im Inneren dem Reich die Niederlage zugefügt hätten. München und Bayern wurden nach dem Fall der beiden Räterepubliken vom April 1919 das Zentrum der reaktionären und judenfeindlichen Kräfte im Reich. Der bayerische Ministerpräsident und spätere Generalstaatskommissar Gustav von Kahr versuchte 1920 und nochmals 1923 osteuropäische Juden aus Bayern auszuweisen. In München formte Adolf Hitler aus der bedeutungslosen Deutschen Arbeiterpartei die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Beim gescheiterten Hitlerputsch vom 8./9. November im Krisenjahr 1923 kam es zu pogromartigen Ausschreitungen gegen zahlreiche Münchner Juden, die schon einen Vorgeschmack auf die Pogrome an diesem Tag im ganzen Reich fünfzehn Jahre später verspüren ließen. Auch in Berlin wurden während der jüdischen Feiertage des Jahres 1923 Juden auf offener Straße bedroht und misshandelt.

Als Folge der Weltwirtschaftskrise 1929 nahm die politische Polarisierung und mit ihr der Antisemitismus zu. Boykottdrohungen gegen von Juden geführte Geschäfte, Tätlichkeiten gegen einzelne Juden und antijüdische Propaganda in den völkischen Medien konnten vielerorts nicht mehr übersehen werden. Doch noch beschützte der Staat seine jüdischen Bürger gegen Übergriffe dieser Art. Dies sollte sich mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ändern. Es ist unmöglich, an dieser Stelle eine knappe Zusammenfassung der diskriminierenden Gesetze, der demütigenden Verletzungen und der mörderischen Maßnahmen der NS-Politik zu geben. Erwähnt seien lediglich die wesentlichen Schritte, die zunächst die Zurücknahme der Emanzipation, später die Zurücksetzung zu Bürgern zweiter Klasse und schließlich die Zerstörung ihres Eigentums, ihrer Gotteshäuser und zuletzt ihres Lebens bedeutete. Bereits im Jahre 1933 regelten zahlreiche Gesetze den Ausschluss der Juden aus bestimmten Berufsgruppen sowie dem öffentlichen und kulturellen Leben. 1935 unterschieden die Nürnberger Gesetze zwischen "arischen" Reichsbürgern und jüdischen Staatsangehörigen. Am 9. November 1938 gingen dann nicht nur nahezu alle Synagogen im Reich in Flammen auf, es wurden auch Zehntausende jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verbracht und über 100 von ihnen ermordet.

Noch war die Emigration möglich, die in den Jahren 1938 und 1939 beträchtlich anstieg. Bis zum Ausbruch des Krieges war bereits die Hälfte aller deutschen Juden aus ihrer Heimat geflüchtet, bis 1941 kamen noch einige wenige Zehntausend hinzu. Die Auswahl der Aufnahmeländer wurde immer enger, am Ende flüchteten die Verzweifelten in exotische Ziele wie Shanghai, Bolivien oder Ostafrika. Wer 1941 noch zurückblieb, hatte – wie auch die Juden im restlichen nun großteils von Deutschen dominierten Europa – kaum noch Chancen, der während der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 bis ins Detail ausgearbeiteten systematischen Vernichtung zu entgehen. Bereits im Sommer 1943 erklärten die Nazis zahlreiche Städte als "judenrein". Doch es lebten weiterhin einige Tausend Juden im Reich, manche von ihnen versteckt, andere ganz legal und (noch) geschützt durch ihre "arischen" Elternteile oder Ehepartner. Sie waren es dann auch, die gemeinsam mit einigen Rückkehrern aus den Konzentrationslagern und aus dem Exil versuchten, im kleinen Rahmen wieder jüdisches Leben im Nachkriegsdeutschland aufzubauen. Doch der Befund der geistigen und politischen Führungsfigur des deutschen Judentums in der nationalsozialistischen Zeit, des Berliner Rabbiners Leo Baeck – der nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Theresienstadt im Jahr 1945 nach England emigrierte –, wurde in den Jahren nach 1945 kaum angezweifelt: Das Zeitalter der deutschen Juden war endgültig vorbei.

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