Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

11.2.2016 | Von:
Dietrich Schulze-Marmeling

Der lange Weg zum Profi

Geschichte der Bundesliga

Auswahlverfahren für die neue Liga: 16 aus 46

Die Bundesliga-Kommission berät am 11.1.1963 darüber, welche Fußballvereine die sportlichen, wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen für eine Aufnahme in die künftig höchste deutsche Fußball-Spielklasse erfüllen.Die Bundesliga-Kommission berät am 11.1.1963 darüber, welche Fußballvereine die sportlichen, wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen für eine Aufnahme in die künftig höchste deutsche Fußball-Spielklasse erfüllen. (© picture-alliance/dpa)


Die Bewerber für die neue Liga mussten eine Reihe von Bedingungen erfüllen. Ihre Stadien mussten mindestens 30.000 Zuschauern Platz bieten und über eine Flutlichtanlage verfügen. Außerdem waren wirtschaftlich solide Verhältnisse vorzuzeigen und die Klubs mussten mindestens 700.000 D-Mark einnehmen. Zum Streitfall wurden die Auswahlkriterien. Dies begann mit der Zahl der Bundesligisten. Der DFB entschied sich für 16, aber viele Vereine und der "Kicker" wollten eine Liga mit 18 oder sogar 20 Vereinen sehen. Brisant war vor allem die Verteilung der begehrten Plätze: Der DFB reservierte für West- und Süddeutschland jeweils fünf, Norddeutschland drei, den Südwesten zwei und Berlin einen.

Bis zum 31. Dezember 1962 bewarben sich 46 der 74 Oberligisten für die neue Liga. Die ersten neun Auserwählten waren der Hamburger SV, Werder Bremen, 1. FC Köln, Borussia Dortmund, Schalke 04, Eintracht Frankfurt, der 1. FC Nürnberg, Hertha BSC Berlin und der 1. FC Saarbrücken. Die restlichen sieben Vereine wurden erst im Mai 1963 benannt. Karlsruher SC, VfB Stuttgart und 1. FC Kaiserslautern waren keine Überraschung, die Berücksichtigung von 1860 München, Preußen Münster, Meidericher SV und Eintracht Braunschweig indes höchst umstritten, zumal die Landeshauptstädte Düsseldorf und Hannover mit ihren großen Stadien unberücksichtigt blieben[31].

Der TSV 1860 kommt in die neue Liga - ein Glücksfall für den FC Bayern

In München hatte der TSV 1860 den Vorzug gegenüber dem FC Bayern erhalten, weil die Auswahlkommission kurzfristig und klammheimlich ihre Kriterien verändert hatte. So wurde das Abschneiden in der letzten Oberligasaison 1962/63 zum entscheidenden Faktor erhoben. Die "Löwen" waren Südmeister geworden, der Lokalrivale nur dritter. Der DFB monierte außerdem, dass dem FC Bayern die "sportliche Vergangenheit" fehlte, wobei der Verband vergaß, dass die "Roten" der einzige Münchener Klub waren, der schon einmal Deutscher Meister geworden war (1932). Beim FC Bayern war Präsident Wilhelm Neudecker empört, verfasste ein 13-seitiges Protestschreiben und legte Beschwerde gegen seine Nichtberücksichtigung ein, die jedoch vom DFB-Bundestag abgelehnt wurde.

Im Nachhinein erwies sich die Nichtberücksichtigung als Glücksfall. Als Neudecker 1962 Präsident des Klubs wurde, waren dessen Kassen gähnend leer. Der Bauunternehmer musste mit seinem Privatvermögen bürgen, damit die Gehälter gezahlt werden konnten. Der FC Bayern baute nun auf junge Spieler aus der Region. Wäre der FC Bayern zur neuen Eliteklasse zugelassen worden, hätte er sich von dieser Politik wieder verabschieden müssen, um sportlich zu überleben – mit der Folge einer weiteren Verschuldung. Am Anfang des Aufstiegs des FC Bayern stand also eine finanzielle Krise.

Saison 1965/66: Mai 1966 – Die Mannschaft des TSV 1860 München erringt zum ersten Mal die Deutsche Fußballmeisterschaft.Saison 1965/66: Mai 1966 – Die Mannschaft des TSV 1860 München erringt zum ersten Mal die Deutsche Fußballmeisterschaft. (© picture-alliance/dpa)


Manfred Wagner, der 1966 mit dem Lokalrivalen TSV 1860 Meister wurde: "Die Bayern hatten damals das große Glück, dass sie 1963 nicht in die Bundesliga aufgenommen wurden. Sie hätten damals keine Mannschaft gehabt. Lauter 18- und 19-Jährige, die sich eine Klasse tiefer ihre Sporen verdienen konnten"[32]. Eine junge und zukunftsträchtige Mannschaft konnte nun in der Regionalliga reifen, um dann anschließend nationale und europäische Fußballgeschichte zu schreiben[33]. Auch die finanzielle Konsolidierung gelang: Als der FC Bayern nach zwei Jahren Regionalliga im Sommer 1965 die Bundesliga erreichte, hatte der Klub eine Viertelmillion auf seinem Festgeldkonto angespart.

Erste Skandale

Wie Paul Flierl prognostiziert hatte, wurde das erste Bundesligastatut schon bald von der Realität überholt. In der Saison 1964/65 erzählte Dr. Horst Barrelet, Vizepräsident des Hamburger SV, dem Spiegel, dass ein Nationalspieler unter 70.000 D-Mark nicht zu haben sei. Schalke 04 unterlief die Ablöseobergrenze, indem der Klub dem Karlsruher SC zusätzlich zum Nationalspieler Herrmann, den der KSC für 50.000 D-Mark nicht freigeben wollte, noch einen kaum bekannten Ersatzspieler abkaufte und für beide Spieler zusammen 100.000 D-Mark überwies.

Zitat

Schwarz geangelt

Man verspricht sich in die Hand, keine Spieler abzuwerben und nicht mehr als die erlaubten Handgelder zu zahlen. Doch kaum sind sie aus dem Haus, da rotieren sie, um Spieler schwarz zu angeln.


Quelle: Karl Mechlen, HSV-Schatzmeister in: Der Spiegel, Nr. 18 vom 28.4.1965


Hertha BSC Berlin ließ für seine Lizenzspieler zwei Verträge anfertigen: einen "offiziellen" für den DFB, in dem die Gehaltsobergrenze nicht überschritten wurde, und einen weiteren, der das tatsächliche Gehalt festschrieb. Den Berlinern konnte nachgewiesen werden, gegen das Zahlungslimit verstoßen zu haben. Die Hertha-Kasse wies eine Lücke von 150.000 D-Mark auf. Diese war durch den Wechsel des ehemaligen Nationaltorwarts Wolfgang Fahrian an die Spree aufgerissen worden. Der Frankfurter Spielervermittler Karl Alt hatte eine Provision von 12.000 D-Mark für die Vermittlung an Hertha in Rechnung gestellt. Da als Managergebühren zehn Prozent üblich waren, mutmaßte "Der Spiegel", Fahrian habe die Berliner 120.000 D-Mark gekostet.

Torwart Wolfgang Fahrian"Teuerster Bundesliga Torwart Fahrian...und ein Geschäft im Zwielicht." (Spiegel 28/1965) (© imago/Kicker)


"Notstand im Fußball und das Geschäft mit der Bundesliga"

Borussia Dortmunds Torjäger Friedhelm Konietzka wechselt zum TSV 1860 München. Der neue Arbeitgeber lockte den Stürmer mit der Übernahme eines Papierwarengeschäfts mit Toto- und Lotto-Einnahme und drei Angestellten (Monatsumsatz: 50.000 D-Mark). Als die Dortmunder die Absicht äußerten, Konietzka nach Vertragsende nicht gehen zulassen, damals durfte einem Spieler noch nach Ablauf des branchenüblichen Zweijahresvertrag für das dritte Jahr die Freigabe verweigert werden, drohte dieser "[für eine Entscheidung] vor einem ordentlichen Gericht Recht zu suchen"[34]. Im Juli 1965 widmete "Der Spiegel" dem Finanzgebaren der jungen Liga sogar die Titelstory "Notstand im Fußball. Das Geschäft mit der Bundesliga"[35], in der die Realitätsferne der DFB-Führung angeprangert wurde.

Quellentext

Alt-Funktionäre predigen Idealismus

Eigentliche Ursache für das deutsche Bundesliga-Chaos sind die unrealistischen Zahlungsgrenzen des Bundesliga-Statuts. Sie wurden von Alt-Funktionären festgelegt, die sich der Entwicklung nicht angepasst haben. Während sie Idealismus predigten, sahen sich die Vereine geradezu gezwungen, das Zahlungslimit zu durchbrechen. Zu den vorgeschriebenen Höchstpreisen mag sich schon seit Jahren kein namhafter Spieler mehr verpflichten.

Quelle: "Notstand im Fußball. Das Geschäft mit der Bundesliga", Spiegel vom 07.07.1965


Herzha BSC muss absteigen und SC Tasmania wird in die Liga aufgenommen

Die Bundesliga hatte ihren ersten Skandal, am Ende der Saison 1964/65 wurde Hertha BSC zum Zwangsabstieg in die Regionalliga verurteilt. Berlin war nun nicht mehr in der höchsten Spielklasse vertreten und im Fußball von der Bundesrepublik abgekoppelt. Tennis Borussia Berlin war als Meister der Berliner Regionalliga in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga gescheitert. In dieser Situation drängte unter anderem der Axel Springer Verlag darauf, einen Berliner Verein zu kooptieren, um so die Einbindung Westberlins in die Bundesrepublik auch im Fußball zu unterstreichen. Da Vizemeister Spandauer SV verzichtete, fiel die Wahl auf den drittplatzierten SC Tasmania 1900 Berlin. Tasmania Berlin wurde in die Liga aufgenommen, wo die Neuköllner in der Saison 1965/66 die traurige Berühmtheit des bis heute schlechtesten Absteigers aller Zeiten erwarben. Als Spätfolge des Abstiegs musste Tasmania 1973 den Konkurs anmelden und sich auflösen. Der Klub wurde als SV Tasmania Neukölln 1973 neu gegründet.

Tasmania 1900 BerlinDie Mannschaft des neuen Fußball-Bundesligisten Tasmania 1900 Berlin am 31. Juli 1965 (© picture-alliance/dpa)


Nach dem Skandal erhöhte der DFB das im Bundesligastatut fixierte Hand- und Treuegeld von 10.000 auf 15.000 D-Mark. Das Mindestgehalt eines Lizenzspielers wurde von 250 auf 400 D-Mark angehoben, die Ablösesummen für Lizenzspieler auf 100.000 und für Vertragsspieler (Regionalliga) auf 75.000 D-Mark. Der DFB-Kontrollausschuss konnte sogar noch höhere Summen genehmigen. Außerdem wurde bei Vertragsabschluss beziehungsweise -verlängerung eine einmalige Zahlung von bis zu 20.000 D-Mark gestattet. Verglichen mit den finanziellen Möglichkeiten, die sich deutschen Spitzenfußballern im Ausland boten, war das immer noch nicht viel[36].

In Europa dabei

Trotz der Defizite des ersten Bundesligastatuts: Bereits in den 1960er-Jahren gewannen die deutschen Klubs an internationaler Konkurrenzfähigkeit, auch wenn die Liga zunächst nur im kleineren europäischen Wettbewerb, dem Europapokal der Pokalsieger (ECII), reüssieren konnte.

Internationale Erfolge deutscher Vereine in den 60er Jahren

In der Saison 1964/65 erreichte der TSV 1860 München das Finale des ECII, wo man West Ham United mit 0 zu 2 unterlag.1965/66 gewann dann Borussia Dortmund als erster deutscher Verein den Wettbewerb. Im Glasgower Hampden Park schlug Borussia Dortmund den favorisierten FC Liverpool nach Verlängerung mit 2 zu 1. In der Saison 1966/67 beerbte der FC Bayern München Borussia Dortmund im ECII. Im Landesmeistercup war indes bis zur Saison 1973/74 das Viertelfinale in der Regel Endstation. Mit Ausnahme der Saison 1963/64, in der Borussia Dortmund im Achtelfinale den zweimaligen Gewinner und dreimaligen Finalisten Benfica Lissabon deklassierte, aber im Halbfinale dann am späteren Sieger Inter Mailand scheiterte.

Die deutsche Nationalmannschaft ist wieder erfolgreich

Auch die Nationalmannschaft war nun wieder auf Erfolgskurs. Nach der WM in Chile 1962 waren die "Legionäre" zunächst unberücksichtigt geblieben, aber Herberger wollte seinem Nachfolger Helmut Schön eine "schlagkräftige Truppe" hinterlassen und bewegte den Verband zu einer Liberalisierung seiner Politik. So fuhr die Nationalmannschaft mit den Italien-"Legionären" Albert Brülls, Helmut Haller und Karl-Heinz Schnellinger zur WM 1966 nach England. Die DFB-Auswahl musste sich erst im Finale geschlagen geben und stellte mit Haller den zweitbesten Torschützen des Turniers. Haller wurde außerdem in das "All-Star-Team" gewählt, wie auch Uwe Seeler, der in der Bundesliga für den Hamburger SV spielte.

Auch Franz Beckenbauer (Bayern München) und Wolfgang Overath (1. FC Köln), die immerhin auf die Ersatzbank des "All-Star-Teams" gesetzt wurden, verdienten in der Bundesliga ihr Geld. Allerdings hatte Beckenbauer vor der WM mit einem Wechsel nach Italien geliebäugelt, wo sich Inter Mailand um das deutsche "Jahrhunderttalent" bemühte. Aber nach dem peinlichen Scheitern der Squadra Azzurra untersagte der italienische Fußballverband den Import von Ausländern, was für die weitere Entwicklung der Bundesliga äußerst hilfreich war. Bei der WM 1970 in Mexiko belegte die DFB-Elf den dritten Platz.

Vom Lizenzspieler zum Vollprofi

Es bedurfte eines weiteren Skandals, um auch die letzten Beschränkungen im Berufsfußball wegzufegen. In der Saison 1970/71 wurde im Kampf gegen den Abstieg eine Reihe von Spielen "verkauft". 52 Spieler, zwei Trainer und sechs Vereinsfunktionäre wurden bestraft. Arminia Bielfeld wurde in die Zweitklassigkeit (Regionalliga) verbannt[37]. Der Spiegel“ sah die tieferen Ursachen in den Geburtsfehlern der Liga.

Manipuliertes Spiel: Am letzten Spieltag der Fußball Bundesliga-Saison 1970/1971 stehen sich in Berlin Hertha BSC Berlin und Arminia Bielefeld gegenüber. Bielefeld gewinnt das Spiel 1:0.Manipuliertes Spiel: Am letzten Spieltag der Fußball Bundesliga-Saison 1970/1971 stehen sich in Berlin Hertha BSC Berlin und Arminia Bielefeld gegenüber. Bielefeld gewinnt das Spiel 1:0. (© picture-alliance/dpa)


Quellentext

Ein Elfmeter kostet 1.000 Mark

In Hurra-Patriotismus befangen, verpasste das Amateur-Fußvolk den Aufbruch ins 20. Fußball-Jahrhundert. So zwängte die Amateur-Mehrheit des DFB-Bundestages die Spitzenklubs in eine rechtlich und wirtschaftliche fehlkonstruierte Bundesliga. Die Profis wurden eine Vereinseinrichtung der Amateure; auf die Wirtschaft übertragen würde die Börse gleichsam eine Sektion des Sparvereins. Bezahlung für Spitzenspieler ließen sich die Amateure noch abringen. Aber ein bisschen Jungfrau sollten die Profis doch bleiben:

Knauserig setzte die DFB-Mehrheit Grenzen für Prämien und Gehälter fest, statt die Marktregel von Angebot und Nachfrage zu akzeptieren. (...) Am Rande und abseits der unrealistischen DFB-Legalität weitete sich eine graue Zone aus. Wer sich an die DFB-Zahlungsgrenzen hielt, blieb an der Spielerbörse auf Statisten sitzen.

Quelle: Der Spiegel, Nr. 25 vom 14.6.1971


Der Journalist Ulfert Schröder forderte eine "eigene Organisation und Fußball-Liga" für die Profis. "Die totale, nicht aufzuhaltende Vermarktung des Fußballsports wäre dann abgeschlossen"[38].

1972 fielen alle Obergrenzen der Gehaltszahlungen. Zwei Jahre später wurden Bundesliga- und Lizenzspielerstatut miteinander vereinigt und auch die Begrenzung bei den Ablösesummen abgeschafft. Ende 1973 wurde auch die Trikotwerbung legalisiert. In der Saison 1974/75 spielten bereits sechs Vereine mit Werbung auf der Brust, in der Saison 1979/80 dann alle Erstligisten. Eine Professionalisierung erfuhr auch der Unterbau. Die fünf Regionalligen wurden zugunsten von zwei zweiten Bundesligen aufgelöst, wodurch die Zahl der Zweitligisten reduziert wurde.

Fußnoten

31.
vgl. "Rechnen bis zum Wunschergebnis", In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 278, 01.12.2012
32.
zitiert nach "Kicker" vom 25.06.2012
33.
vgl. Schulze-Marmeling 2009
34.
zitiert nach "Der Spiegel" vom 28.04.1965
35.
vgl. "Notstand im Fußball. Das Geschäft mit der Bundesliga", Spiegel im Juli 1965
36.
vgl. Grüne 2003
37.
vgl. Schröder 1974, S. 36 - 70; Grüne 2003, S. 360 - 365
38.
Schröder 1974, S. 61 f.

Dokumentation

Dokumentation: "Und freitags in die Grüne Hölle"

Ein Filmteam der DEFA begleitet Mitglieder eines Fanclubs des 1. FC Union Berlin durch eine im Umbruch befindliche DDR im Zeitraum 1987/1988 und macht ein Stück spannender Zeitgeschichte lebendig. Der Film konnte erst nach der politischen Wende in der DDR öffentlich aufgeführt werden.

Mehr lesen

Dokumentation

Dokumentation: "Die sieben Geheimnisse des deutschen Fußballs"

Über sieben Episoden des deutschen Fußballs wird vielerorts lieber Stillschweigen bewahrt: Ausgrenzung jüdischer Fußballer im Dritten Reich, Doping bei der WM 1954, Frauenfußball, Homosexualität, Bundesliga-Skandal 1971 und Ermordung von Lutz Eigendorf durch die Stasi.

Mehr lesen