Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

11.2.2016 | Von:
Dietrich Schulze-Marmeling

Der lange Weg zum Profi

Geschichte der Bundesliga

Kräfteverschiebungen

WM 19741972 wurde die deutsche Nationalelf Europameister, 1974 Weltmeister. (© imago/Sven Simon)


Bis 1969 war der Europapokal der Landesmeister ausschließlich von Klubs aus Spanien, Portugal, Italien und Großbritannien gewonnen worden, wo der Professionalismus bereits seit Jahrzehnten Realität war. 1972 wurde die deutsche Nationalelf Europameister, 1974 Weltmeister. Nur beim Titelgewinn 1974 kam ein Legionär zum Einsatz. Allerdings durfte Real Madrids Günter Netzer nur für 20 Minuten bei der Niederlage gegen die DDR mitspielen. In den neun Spielzeiten 1973/74 bis 1982/83 erreichten deutsche Klubs siebenmal das Finale des prestigeträchtigsten europäischen Klubwettbewerbes und verließen dabei viermal als Sieger den Platz (Bayern München: 1974, 1975, 1976; Hamburger SV: 1983).

Nach 1963 setzen die Erfolge der Ruhrgebietsklubs aus

Die Jahre 1933 bis 1963 waren die erfolgreichsten für die großen Klubs aus dem Ruhrgebiet gewesen. 15 der 27 Finalspiele um die Deutsche Meisterschaft fanden mit Beteiligung eines Revierklubs statt, elfmal verließen diese als Sieger den Platz. So auch im letzten Finale vor der Einführung der Bundesliga. Die Revierklubs profitierten nicht nur vom großen Reservoir an Straßenfußballern, sondern auch von der Unterstützung durch die regionale Industrie (Kohle, Stahl, Bier), die ihnen einen "informellen Professionalismus" gestattete. Nach Einführung der Bundesliga sollte es nun 32 Spielzeiten beziehungsweise bis zur Saison 1994/95 dauern, bevor mit Borussia Dortmund wieder ein Revierklub die Meisterschale in Empfang nehmen durfte.

Saison 1963/64: Der 1. FC Köln kann die erste Meisterschaft der Fußball-Bundesliga für sich entscheiden.Saison 1963/64: Der 1. FC Köln kann die erste Meisterschaft der Fußball-Bundesliga für sich entscheiden. (© picture-alliance/dpa)


Mit dem 1.FC Köln kam in der Saison 1963/64 zwar der erste Bundesligameister aus dem Einzugsbereich der Oberliga West, aber die Domstädter waren ein bürgerlicher Klub aus einer Dienstleistungsmetropole. Die von Franz Kremer, einem der Väter der Bundesliga, geführten Domstädter waren in diesen Jahren der modernste Klub Deutschlands, der auch Bayern Münchens Boss Wilhelm Neudecker als Vorbild diente.

Vizemeister wurde in dieser Saison überraschend der Meidericher SV, dessen Berücksichtigung umstritten gewesen war. In den folgenden Jahren entwickelte sich München zur Fußballhauptstadt der Bundesrepublik.

Konkurrenten im Rennen um die deutsche Spitze von 1964 -1978

In der Saison 1964/65 wurde der TSV 1860 München Pokalsieger. Zeitgleich stieg auch Lokalrivale FC Bayern in die Bundesliga auf, womit München als erste Stadt mit zwei Klubs in der Eliteklasse vertreten war. In der folgenden Spielzeit 1965/66 gewann der TSV die Deutsche Meisterschaft. Aufsteiger FC Bayern wurde im Meisterschaftsrennen Dritter und gewann den DFB-Pokal.

Eintracht Braunschweig (1967) und der 1. FC Nürnberg (1968) waren in den folgenden Spielzeiten Überraschungsmeister und bildeten nur den Übergang zum Zweikampf zwischen dem FC Bayern und Borussia Mönchengladbach um die Krone. Von 1969 bis 1978 hieß der Deutsche Meister ununterbrochen entweder Bayern oder Borussia Mönchengladbach. Mit ihren Managern Robert Schwan und Helmut Grashoff waren beide Klubs moderner und professioneller aufgestellt als die Konkurrenz.

Der Aufstieg des FC Bayern

Am 26. April 1966 erhielt Bayerns Landeshauptstadt München den Zuschlag für die Austragung der olympischen Sommerspiele 1972. Die Entscheidung des IOC sollte auch die weitere Entwicklung des Bundesligafußballs beeinflussen. München war zwar zur Fußballhauptstadt aufgestiegen, litt aber unter einer miserablen Stadionsituation. Im alten Stadion an der Grünwalder Straße im Stadtteil Giesing spielten sowohl der TSV 1860 als auch der FC Bayern. Das Fassungsvermögen betrug nur 45.000 Plätze, davon waren lediglich 3.800 überdachte Sitzplätze. München war seit 1957 eine Millionenstadt, besaß aber ein kleineres Stadion als Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln, Ludwigshafen, Nürnberg und Stuttgart. Die Nationalmannschaft hatte hier letztmalig am 20. Oktober 1940 gespielt.

FC Bayern präsentiert seine drei Europapokale.FC Bayern präsentiert seine drei Europapokale. (© imago/Frinke)


Die neue olympische Arena bot nun offiziell 77.839 Zuschauern Platz. Davon waren 43.057 Sitzplätze und circa 43.000 Plätze überdacht. Am 34. Spieltag der Saison 1971/72 durften die Spieler erstmals in das neue Olympiastadion einlaufen. Im "Finale" um die Meisterschaft besiegten die Bayern Schalke 04 mit 5 zu 1. 80.000 Zuschauer bescherten dem Klub außerdem seine erste Millioneneinnahme. (Eine ausverkaufte Grünwalder Straße brachte hingegen eine Bruttoeinnahme von lediglich 350.000 D-Mark.) Und die Zuschauer waren in diesen Jahren noch die wichtigste Einnahmequelle.

Zitat

Für die Löwen kam das Olympiastadion zu spät

Gerade jetzt, wo das Olympiastadion mit der doppelten Zuschauerkapazität als das Grünwalder Stadion für die Spiele im Europacup der Meister zur Verfügung steht, war es für das Star-Ensemble um Franz Beckenbauer lebenswichtig, im großen Fußball dabei zu sein. Dem weitblickenden Präsidenten Wilhelm Neudecker fiel der erste schwere Stein vom Herzen, als die Europacup-Teilnahme Gewissheit war.

[Anmerkung des Autors: Vor der Einführung der Champions League 1992 war nur der Meister eines Landes für den europäischen "Königswettbewerb" qualifiziert.]

Ich erinnere mich noch gut an die große Zeit des Lokalrivalen 1860 München. 1964 nahm die brillante Truppe um Peter Grosser und Hennes Küppers am Europacup der Pokalsieger teil, 1966 am Europacup der Meister. Der Rubel rollte zwar; aber die Einnahmen blieben begrenzt, weil auf Giesings Höhen nur knapp 40.000 Besucher Platz fanden. (...) Für die Löwen kam es [das Olympiastadion] zu spät, viel zu spät; für die Bayern noch im richtigen Moment. (...) Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn diese gesunde Mischung nicht noch drei, vier Jahre ein Gewähr für den Verbleib in Deutschlands und Europas Spitzenklasse garantieren sollte.

Helmut Dirschner im Kicker, zitiert nach Radtke/Schulze-Marmeling 2005a


VIP-Kapazitäten sprechen ein betuchteres Publikum an

Es darf als gesichert gelten, dass die große Bayern-Mannschaft ohne den Umzug ins Olympiastadion auseinandergefallen wäre und dass es den Rekordmeister Bayern München nicht gegeben hätte. "Müller wollte so viel verdienen wie Beckenbauer, Maier wurde wegen Gehaltserhöhung vorstellig, Franz Roth handelte einen für seine Verhältnisse großartigen Vertrag aus, Breitner und Hoeneß stellten Forderungen und sahen sie erfüllt. Wilhelm Neudecker meldete nach jeder neuen Verhandlung den Erfolg: Es ist uns gelungen, die Spieler beim FC Bayern zu halten"[39].

Der Wert des Stadions lag aber nicht nur im enormen Fassungsvermögen. Das Olympiastadion war auch das erste in Deutschland, das moderne VIP-Kapazitäten besaß, was dem Nutzer ermöglichte, auch ein betuchteres Publikum und Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Kultur anzusprechen. Bei Begegnungen in Italien und in Spanien war den Bayern-Funktionären aufgefallen, "dass es dort neben den üblichen Fans noch eine andere Gruppe gab, die zum Spiel ging wie zu einem gesellschaftlichen Ereignis: elegant gekleidete Männer, meist mit Blazer und dunklem Anzug, weißem Hemd, Krawatte. Die Herren saßen in Logen und ließen sich ihre Anwesenheit etwas kosten"[40]. Beim FC Bayern kam man nun auf die Idee, die Plätze in der VIP-Loge als Jahreskarten anzubieten – für 1.000 D-Mark, inklusive kaltem Buffet in der Halbzeitpause.

Zitat

Fußball ist keine Unterhaltung für Proleten

In München kam jetzt soviel Prominenz, dass neben den Sportreportern auch die Gesellschaftskolumnisten ins Stadion mussten. Franz-Josef Strauß war oft da, neben ihm Schauspieler, Sänger, Unternehmer, Banker, Vorstandsmitglieder großer Firmen.

Nicht die 1.000 Mark waren so wichtig, die sie bezahlten, sondern die Signalwirkung, die ihre Anwesenheit hatte: Fußball, das ist nicht ein Vergnügen von zweifelhaftem Wert, veranstaltet für das gewöhnliche Volk, das, fantasielos wie es ist, mit seiner Freizeit nichts anzufangen weiß, keine Unterhaltung für Proleten, sondern ein sehenswertes Ereignis."

Quelle: Franz Beckenbauer 1992, S. 42


Für diesen sozialen Wandel des Publikums stand aber auch die Mannschaft selbst. Mit Paul Breitner, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Mrosko, Edgar Schneider und Rainer Zobel zogen die Abiturienten und Studenten in die Bundesliga ein. Dem "Kicker" war dies zum Start der Saison 1970//71 eine Story wert ("Studium durch Stimulans"), in der Uli Hoeneß zitiert wurde.

Zitat

Uli Hoeneß

Die heutige Art Fußball zu spielen, setzt eine gewisse Intelligenz voraus.

Zitiert nach Schulze-Marmeling 2009, S. 158


Für die nun einsetzende Dominanz des FC Bayern spielte auch Europa eine Rolle. Mit Ausnahme der Saison 1968/69 war der FC Bayern in den Spielzeiten 1966/67 bis 1977/78 permanent in einem europäischen Wettbewerb vertreten, was mit einer für die damalige Zeit hohen TV-Präsenz verbunden war. Der FC Bayern avancierte in diesen Jahren zu dem deutschen Repräsentanten auf der Bühne des europäischen Klubfußballs und schuf sich eine bundesweite Anhängerschaft.

Einbrüche bei den Zuschauerzahlen

Weg frei für den freien Markt: Roger Van Gool ging als erster "Millionen"-Transfer in die Geschichte der Fußball-Bundesliga ein. Er wechselte 1976 für eine Million DM vom FC Brügge zum 1. FC Köln.Weg frei für den freien Markt: Roger Van Gool ging als erster "Millionen"-Transfer in die Geschichte der Fußball-Bundesliga ein. Er wechselte 1976 für eine Million DM vom FC Brügge zum 1. FC Köln. (© imago/WEREK)
Als Folge des Bundesligaskandals kam es aber nicht nur zur Beseitigung der letzten Einschränkungen für den Berufsfußball, sondern auch zu einem heftigen Einbruch bei den Zuschauerzahlen. Die Klubs sahen sich so gleich von zwei Seiten bedrängt. Auf der einen Seite erreichten die Gehälter und Ablösesummen ein immer höheres Niveau. 1976 war der Belgier Roger van Gool bei seinem Wechsel vom FC Brügge zum 1. FC Köln der erste Spieler, für den ein deutscher Klub eine Ablöse von einer Million D-Mark zahlte. Auf der anderen Seite stagnierten oder sanken sogar die Einnahmen durch die Zuschauer.

In der ersten Bundesligasaison 1963/64 hatten im Schnitt 24.624 Zuschauer die Stadiontore passiert, in der zweiten Spielzeit war der Zuspruch auf 27.052 gestiegen. Ein Rückgang war bereits anschließend zu verzeichnen, aber in den Spielzeiten 1971/72 und 1972/73 betrug er nur noch 17.932 beziehungsweise 16.387 Zuschauer. 1973/74 wurde dann wieder leicht die 20.000er-Marke überschritten, aber das Niveau der Saison 1964/65 wurde erst 30 Jahre später (1994/95) wieder erreicht[41].

Der Zuschauerschnitt des FC Bayern München lag in diesen Jahren allerdings deutlich über dem der Liga, auch dank des Umzugs in das Olympiastadion. In der Spielzeit 1973/74 waren es fast 14.000 mehr. Ulfert Schröder: "Während beinahe alle anderen Klubs schwere Einbußen erlitten hatten, waren die Bayern noch reicher geworden." Für Schröder war daraus der Schluss zu ziehen, "dass der Paradeklub Bayern München im Laufe der Zeit die Bundesliga ausbluten lassen würde, dass er immer reicher, die anderen aber immer ärmer würden und somit am Ende die finanzielle Macht Bayerns die Bundesliga beherrschen und jeglichen Wettbewerb uninteressant machen würde"[42]. So weit sollte es zwar nicht kommen, aber bis heute erreichte kein deutscher Klub eine mit dem FC Bayern vergleichbare Kontinuität auf hohem Niveau.

Fußnoten

39.
Schröder 1974, S. 94
40.
Beckenbauer, 1992, S. 41
41.
vgl. Statistik auf der Webseite des DFB
42.
Schröder 1974, S. 80

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