Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

11.2.2016 | Von:
Dietrich Schulze-Marmeling

Der lange Weg zum Profi

Geschichte der Bundesliga

Aufweichung des Solidarprinzips

Opel Werbung bei BayernHauptsponsor Opel stiftet 1980 eine Blockfahne mit dem Spruch: "Let's go Bayern". (© imago/WEREK)


Die enormen Summen an TV- und Sponsorengeldern hatten zweierlei zur Folge: Die Philosophie vom "gemeinsamen Haus" Fußball geriet kräftig ins Wanken. Finanzielle Unterschiede hatte es zwischen Klubs auch schon gegeben, als die Zuschauer die Haupteinnahmequelle der Klubs waren. Ein Großstadtverein verbuchte in der Regel höhere Einnahmen als ein Kleinstadt- oder Vorortverein – allein aufgrund des größeren Stadions und größeren Zuschauerzuspruchs. Und auch schon zu den Zeiten der Oberligen wurde das Talentreservoir der Kleinen vom finanziell überlegenen Konkurrenten geplündert. Doch waren die Unterschiede bei Weitem nicht so groß wie heute. Die astronomischen Wachstumsraten bei den TV- und Sponsorengeldern nagten nun am bis dahin noch einigermaßen intakten Solidarprinzip vieler Profiligen.

Die Konzerne kommen

Mit dem Imagewandel korrespondierte die Zunahme des Sponsorentums. Das klassische Mäzenatentum wurde mehr und mehr verdrängt. Wer jetzt Geld in einen Verein steckte, begriff das nicht als einseitige Unterstützung, sondern als Geschäft auf Gegenseitigkeit: Damit stieg nicht nur der Umfang der Gelder, sondern es änderte sich auch das Profil der Geldgeber. Was in Italien bereits seit Langem üblich war, hielt nun auch in England und Deutschland Einzug: Die Beletage der Wirtschaft, die sich bis dahin in Sachen Fußball eher bedeckt gehalten und elitärere Sportarten bevorzugt hatte, entdeckte den enormen Promotion-/Marketingeffekt des Spiels und seiner Topadressen.

In England wurde die Barclays Bank 1987 Hauptsponsor der 1st Division (heute Premier League). Wichtiger als die Summe des Sponsorendeals – die 4,55 Millionen Britische Pfund bedeuteten seinerzeit die höchste Zahlung in der Geschichte des britischen Sports – war der Name des Partners, der signalisierte, dass es um das Wohlbefinden des Fußballs wohl doch nicht so schlecht bestellt war wie weithin unterstellt. In der Bundesrepublik gelang es dem DFB vor der WM 1990 mit Daimler-Benz einen Sponsor zu gewinnen, von dem der deutsche Fußball bis dahin nur geträumt hatte.

Der FC Bayern München schloss 1989 einen Vertrag mit dem Autohersteller Opel ab, der später mit Paris St. Germain, Standard Lüttich, AC Mailand und Sparta Prag auch noch andere international bekannte Fußballadressen an sich band. Der Weltkonzern Bayer hatte lange Zeit das eigene "Werksteam" Bayer 04 Leverkusen nur mit "Pflichtleistungen" bedacht, die deutlich unter den Möglichkeiten des Chemiegiganten lagen. Aber Anfang der 1990er-Jahre folgte Bayer dem (erfolgreichen) Beispiel des Philips-Elektronikkonzerns beim PSV Eindhoven und rüstete den Klub mit Sponsorengeldern aus, die neben Zuwendungen des Sponsors Opels an den FC Bayern München die höchsten in der Bundesliga waren. Ähnlich entwickelte sich später das Verhältnis zwischen dem VfL Wolfsburg und dem VW-Konzern.

Der DFB hebt die Einsatzbeschränkung für alle europäischen Spieler auf

Am 15.Dezember 1995 fällte der Europäische Gerichtshof ein Urteil, das als "Bosman-Urteil" in die Annalen des europäischen Fußballs einging. Der belgische Profi Jean-Marc Bosman hatte gegen die Praxis geklagt, nach der für wechselwillige Spieler auch nach Auslaufen ihres Vertrags Ablösesummen erhoben werden. Der Gerichtshof erklärte dies für illegal. Jedenfalls sofern es sich bei den betroffenen Spielern um EU-Bürger handelt und der Wechsel innerhalb der EU erfolgen würde. Auch die Begrenzung der Zahl ausländischer Profis in einer Mannschaft widersprach nach Auffassung der Richter der im EU-Recht festgeschriebenen Arbeitnehmerfreizügigkeit und dem Diskriminierungsverbot. Der DFB hob nun konsequent die Einsatzbeschränkung für alle europäischen Spieler auf, also nicht nur für solche aus dem EU-Raum[50].

Die Folgen waren eine Explosion der Spielergehälter und die Zunahme ausländischer Spieler in der Bundesliga. In der Saison 1995/96 betrugen die durchschnittlichen Gehaltskosten eines Bundesligisten noch rund 18 Millionen D-Mark, 1999/2000 waren es dann 40 Millionen. Die Zahl der ausländischen Spieler in der Bundesliga stieg von 46 (1990) auf 185 (1998)[51]. In der Saison 2012/13 waren 256 der 520 Spieler, die zu den Kaden der 18 Erstligisten gehörten, Ausländer (49,2 %)[52].

Die Liga wird eigenständig

Je professioneller der Fußball wurde und je mehr Geld im Umlauf war, desto deutlicher wurde, dass der Anzug DFB der Bundesliga und den Profiklubs nicht mehr passte. Laut den Verbandsstatuten war der DFB befugt, die Vorschriften über den Betrieb der Bundesliga festzulegen und den Berufsfußball zentral zu verwalten. Der DFB konnte gegenüber den Ligavereinen verbindliche Maßnahmen und Anordnungen treffen, soweit diese im Zusammenhang mit dem Spielbetrieb des Berufsfußballs standen. In England existierte die Trennung von Verband und Liga bereits seit 1888. Die FA blieb für die Nationalmannschaft und den FA-Cup verantwortlich, während die Football League den professionellen Ligafußball organisierte[53]. Aber auch in Frankreich, Spanien und Italien wurde der Profibetrieb längst von den Profiklubs selbst verwaltet.

Organigramm DFB/Ligaverband/DFLOrganigramm DFB/Ligaverband/DFL. Klicken Sie auf die Grafik, um das PDF zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Gegen Ende des Jahrtausends spitzten sich die Konflikte zwischen dem DFB und der Liga weiter zu. Auslöser war ein von DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder und Ligadirektor Wilfried Straub im April 2000 ausgehandelter TV-Vertrag, der nicht nur nach Auffassung von Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß die Bundesliga unter Wert verkaufte[54]. Auf dem außerordentlichen DFB-Bundestag am 30. September 2000 folgten die Delegierten mehrheitlich den Forderungen nach Selbstständigkeit der 36 Vereine der ersten und zweiten Bundesliga und entließen diese aus der Kontrolle des DFB.

Damit fand eine Auseinandersetzung ein Ende, die bereits Mitte der 1920er-Jahre begonnen hatte, als sich die führenden deutschen Klubs der Gängelung durch die DFB-Führung verwahrten. Damals ging es um Fragen wie die Entlohnung von Spielern, Begegnungen mit ausländischen Profivereinen sowie die Spielberechtigung für ausländische Akteure. Am 18. Dezember 2000 wurde die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) gegründet. Damit besaßen die Profivereine der ersten und zweiten Liga endlich eine eigenständige Organisation. Aufgabe der DFL ist die Organisation und Vermarktung des Profifußballs in Deutschland[55].

Besitzverhältnisse im deutschen und englischen Profifußball

Bayer 04 Leverkusen – offiziell: Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH – ist hundertprozentige Tochter der Bayer AG.Bayer 04 Leverkusen – offiziell: Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH – ist hundertprozentige Tochter der Bayer AG. (© picture-alliance/dpa)
Während sich im englischen Profifußball die Vereine im Privatbesitz befinden, gilt für die Bundesliga die sogenannte "50 plus 1"-Regel, die besagt, dass 50 Prozent plus eine Stimme dem Verein gehören müssen. Ausnahmen in der Bundesliga sind Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg. Am 1. April 1999 war Bayer 04 Leverkusen der erste Fußballverein in Deutschland, der die Fußballprofis aus dem Gesamtverein ausgliederte und eine Fußball GmbH gründete. Die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesliga verlief so rasant, dass die Rechtsform eines eingetragenen Vereins sich überlebt hatte. Zur "Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH" gehören neben der Bundesligamannschaft auch die U23-Regionaligamannschaft sowie die A1- und B1-Junioren.

Auch andere Profivereine haben seither ihre Profifußballer als GmbH, Kapital- oder Aktiengesellschaft ausgegliedert – so Bayern München, der 1. FC Köln, Hannover 96, Borussia Dortmund, Hertha BSC Berlin, Werder Bremen, Borussia Mönchengladbach, VfL Wolfsburg, 1899 Hoffenheim und Eintracht Frankfurt. Trotzdem ist Bayer auch hier ein Sonderfall. Die Fußball-GmbH wirtschaftet zwar eigenverantwortlich, ist aber eine 100-prozentige Tochter der Bayer AG. Formal betrachtet widersprechen die bei Bayer herrschenden Besitzverhältnisse somit der "50 plus 1"-Regel. Aber wie beim Namen lässt man auch hier die Tradition gelten[56].

Für die Deutsche Fußball Liga (DFL) war der Stichtag der 1. Januar 1979. Klubs, "in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als 20 Jahren vor dem 1.1.1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat", können von der "50 plus 1"-Regel befreit werden. Von der "Lex Leverkusen" profitierte auch der VfL Wolfsburg, dessen VfL Wolfsburg GmbH sich seit 2007 zu 100 Prozent im Besitz der Volkswagen GmbH befindet. Diese als „Lex Leverkusen“ bekannt gewordene Stichtagsregelung wurde im August 2011 vom Schiedsgericht des Deutschen Fußball-Bundes abgeschafft. Besitzverhältnisse wie im englischen Profifußball können mächtige Kräfteverschiebungen bewirken. Anfang der 1990er-Jahre galten Manchester United, FC Liverpool, Arsenal London, FC Everton und Tottenham Hotspur als "big five" des englischen Fußballs. Heute sind die Hauptkonkurrenten von Manchester United, dem Klub mit dem größten Marketingpotenzial, Chelsea London und Lokalrivale Manchester City – dank immenser Investitionen ihrer Besitzer, des Russen Roman Abramowitsch und der Abu Dhabi Group für Development und Investment.

In der Bundesliga plädierte insbesondere Martin Kind, Unternehmer und Präsident von Hannover 96, für eine Änderung der 50 plus 1 Regelung. Aus der Sicht von Kind war dies durchaus nahe liegend. Die Einnahmen aus Sponsoring und TV sind deutlich geringer als beim FC Bayern. Allein schon die Dauerpräsenz des deutschen Rekordmeister in der Champions League begründet hier gewaltige Unterschiede. Auch bei den Zuschauereinnahmen kann Hannover 96 nicht mithalten. Das Stadion in Hannover ist kleiner als das in München, was noch mehr für die jeweilige Fangemeinde zutrifft. Folglich können die Niedersachsen nur mithilfe massiver externer Investitionen auf Augenhöhe mit dem FC Bayern gelangen. Allerdings wäre der FC Bayern im Falle einer Beseitigung der "50 plus 1"-Regel ein erheblich attraktiveres Investitionsobjekt als Hannover 96. Zu aktuellen Entwicklungen bei Eigentumsverhjältissen in der Bundesliga vgl.: Jörn Quitzau: Ökonomie der Bundesliga

An die Beispiele Chelsea und Manchester City erinnert in der Bundesliga noch am ehesten die Meisterschaft des VfL Wolfsburg aus der Saison 2008/09, die ohne die massive Unterstützung durch den VW-Konzern nicht möglich gewesen wäre. Allerdings besaß der Titel nicht die geringste Nachhaltigkeit. Denn anschließend stürzten die "Wölfe" wieder ins Mittelmaß. Ein Problem war die mangelhafte Kompetenz des Konzernmanagements in Sachen Fußball. Die in Wolfsburg gezahlten Gehälter waren exorbitant hoch, da Verein und Stadt jenseits des Geldes als nicht besonders attraktiv für Spieler galten. Konzernintern war deshalb von einem "Wüstenzuschlag" die Rede. Aber auch die im Verhältnis zu Bayern München und Borussia Dortmund (wie auch Chelsea und Manchester City) erheblich kleinere Fanbasis wirkte nicht leistungsfördernd[57].

Klassengesellschaft Bundesliga

Bremer Fans freuen sich in der Saison 2007/08 auf das Auswärtsspiel gegen Real Madrid in der Champions League.Bremer Fans freuen sich in der Saison 2007/08 auf das Auswärtsspiel gegen Real Madrid in der Champions League. (© imago/Sven Simon)


Im Sommer 2013 kehrte Eintracht Braunschweig, Gründungsmitglied der Bundesliga und "Überraschungsmeister" der Saison 1966/67, in die 1.Liga zurück. Die Eintracht war 1985 abgestiegen und bewegte sich seither zwischen 2.Liga und 3.Liga. Der Aufstieg signalisiert aber keine Renaissance der "Traditionsvereine", denn zur gleichen Zeit wurde dem MSV Duisburg die Lizenz für die 2.Liga verweigert und mussten die Drittligisten Alemannia Aachen und Kickers Offenbach Insolvenz anmelden.

Im deutschen Fußball sind die Kräfteverhältnisse mittlerweile weitgehend zementiert. Im Zeitraum 1992/93 bis 2014/15 gewannen sechs unterschiedliche Clubs die Meisterschaft, wobei 19 der 22 Titel auf drei Clubs entfielen: Bayern München (14), Borussia Dortmund (5) und Werder Bremen (2). Die einmaligen Titelgewinne Kaiserslauterns, Stuttgarts und Wolfsburgs führten nicht dazu, dass diese Clubs auch fortan in der Spitzengruppe der Liga mitmischten. Es blieben Momentaufnahmen – wie auch die Teilnahme dieser Clubs an der "Geldmaschine" Champions League. Ein realistischeres Bild für die Zukunft bieten vielleicht die Spielzeiten von 2008/09 bis 2014/15: Bayern München wurde viermal und Borussia Dortmund wurde jeweils zweimal Meister, der VfL Wolfsburg durfte einmal feiern. Bayer Leverkusen wurde in diesem Zeitraum immerhin einmal Vizemeister, einmal Dritter und einmal Vierter. Drei dieser fünf Clubs würden die "50+1-Regel" unterlaufen.

Kleine Kinder träumen von ihm ebenso wie erwachsene Männer: der Champions-League-Pokal.Kleine Kinder träumen von ihm ebenso wie erwachsene Männer: der Champions-League-Pokal. (© picture-alliance/dpa)
Die Titelgewinne der Champions League nehmen durch die erheblichen Zusatzeinnahmen, die sich hier generieren lassen, auf die nationalen Machtverhältnisse Einfluss. Ein Klub, der die Champions League erreicht, muss zusehen, dass dies auch in den folgenden Jahren der Fall ist. Ansonsten droht der Rückfall ins Mittelmaß, wie das Beispiel Werder Bremen zeigte. Denn die Champions League bedeutet nicht nur enorme Einnahmen, sondern auch zusätzliche Kosten. Der Kader des Champions-League-Klubs muss so groß und stark sein, dass er die Doppelbelastung aus nationalem und internationalem Wettbewerb erfolgreich bewältigen kann. Ohne die permanente Qualifikation für die Champions League, die über die nationale Liga erfolgt, lässt sich der Kader kaum finanzieren. Selbst Klubs wie der FC Bayern dürften auf ihrem aktuellen sportlichen und finanziellen Niveau nicht mehr als zwei Spielzeiten ohne die Champions League überleben können. In der Vergangenheit musste beim FC Bayern wiederholt ein Trainer vorzeitig gehen, weil die Qualifikation für die Champions League in Gefahr schien.

Vgl. hierzu auch Henning Vöpel: Wirtschaftsmacht Bundesliga: Ist die Bundesliga noch ausgeglichen? und Jörn Quitzau: Financial Fair Play?

Bayern vor den Konkurrenten

Hatte die Bundesliga in den sieben Spielzeiten von 1963/64 bis 1969/70 noch sieben verschiedene Meister, so änderte sich dies mit den 1970er-Jahren. Die 1970er-Jahre hatten vier unterschiedliche Champions, die 1980er-Jahre ebenfalls, die 1990er-Jahre fünf und in den fünfzehn Spielzeiten seit der Jahrtausendwende waren es ebenfalls fünf. Über allen Bundesligameistern thront der FC Bayern, der in den 44 Spielzeiten von 1971/72 bis 2014/15 23 mal Meister wurde und seit der Saison 1979/80 nie mehr als drei Jahre ohne Meistertitel verbringen musste. In den 1980er-Jahren gewannen die Bayern sechs der zehn Meisterschaften, in den 1990er-Jahren vier, im Zeitraum von 2000/01 bis 2014/15 neun. Nur dem Hamburger SV (1981/82, 1982/83) und zweimal Borussia Dortmund (1994/95, 1995/96 sowie 2010/11 und 2011/12) gelang es über zwei Spielzeiten hinweg, die Spitzenposition zu behaupten. Bis heute konnte kein Klub dem FC Bayern über einen ähnlich langen Zeitraum das Wasser reichen wie Borussia Mönchengladbach in den 1970er-Jahren, das aber unter anderem am zu kleinen Stadion scheiterte.

Saison 1970/71: Borussia Mönchengladbach nach dem Sieg 1971.Saison 1970/71: Borussia Mönchengladbach nach dem Sieg 1971. (© picture-alliance / Sven Simon)


Anfang der 1980er-Jahre machte der Hamburger SV den Bayern ihre Führungsposition streitig. Ende der 1980er-/Anfang der 1990er-Jahre übernahm Werder Bremen mit dem umtriebigen Manager Willi Lemke diese Rolle. Mitte der 1990er-Jahre löste Borussia Dortmund Werder diesbezüglich ab – mithilfe einer Investitionsoffensive, die eine Reihe der in die italienische Serie A abgewanderten Spieler zurück in die Bundesliga brachte und die Attraktivität der Liga steigerte. Seit der Saison 2009/10 ist der BVB erneut Bayerns größter Herausforderer, dieses Mal auf einer stabileren finanziellen Basis.

Dortmunder Investitionsoffensive

Zur Saison 1992/93 wechselte Stefan Reuter von Juventus Turin zum BVB, in der Winterpause dieser Spielzeit Matthias Sammer, für den die Dortmunder die Rekordsumme von 8,5 Millionen D-Mark an Inter Mailand überweisen mussten. Für Karlheinz Riedle, der im Sommer 1993 von Lazio Rom kam, wurde eine Million mehr gezahlt. In etwa die gleiche Summe zahlte der BVB ein weiteres Jahr später für Andreas Möller an Juventus Turin. Der BVB wurde 1995 und 1996 Meister und sorgte auch in Europa für Furore.

In der Saison 1992/93 war der BVB Juventus Turin noch in den Finalspielen des UEFA-Pokals klar unterlegen gewesen. 1996/97 trafen beide Teams erneut in einem europäischen Finale aufeinander, aber dieses Mal in der Champions League. Der BVB gewann mit 3 zu 1 und war damit der erste deutsche Klub, der in der reformierten "Königsklasse" triumphierte. Sechs der Borussen, die beim Anpfiff auf dem Platz standen, waren ehemalige Serie-A-Spieler, vier von ihnen hatten zuvor beim Gegner "Juve" unter Vertrag gestanden. Allerdings gewannen die Borussen mit dem Rücken zur Wand, denn schon damals plagten den Klub große finanzielle Probleme, die nun durch den Sieg und die dadurch gesicherte erneute Qualifikation für die Champions League erst einmal kaschiert wurden.

Ende Oktober 2000 ging der BVB als erster deutscher Klub an die Börse. Die Emissionserlöse beliefen sich auf 143 Millionen Euro und blieben damit unter den Erwartungen der Vereinsführung. Die Aktie sackte schnell unter den Ausgabepreis von elf Euro. Außerdem wurde das "frische Geld" schnell durch die Begleichung von Schulden und durch ambitionierte Transfers aufgefressen. Zwar wurde der BVB in der Saison 2001/02 Deutscher Meister und erreichte auch das Finale des UEFA-Pokals, aber die Politik der Vereinsführung war nur von geringer Nachhaltigkeit.

Gerd Niebaum, Präsident des Fußball-Erstligisten Borussia Dortmund, mit BVB-Aktie. Am 31. Oktober 2000 geht der BVB als erster und bisher einziger deutscher Verein an die Börse.Gerd Niebaum, Präsident des Fußball-Erstligisten Borussia Dortmund, mit BVB-Aktie. Am 31. Oktober 2000 geht der BVB als erster und bisher einziger deutscher Verein an die Börse. (© picture-alliance/dpa)
Das Beispiel von Borussia Dortmund dokumentiert, wie prekär die Lage eines Champions-League-Klubs ist, der sich bereits in der Schuldenfalle befindet. Zur Saison 2002/03 rüstete der BVB mit dem 8,5 Millionen Euro teuren Nationalspieler Torsten Frings weiter auf. Denn für den amtierenden Meister war die erneute Qualifikation für die Champions League von existenzieller Bedeutung. Am letzten Spieltag der Saison 2002/03 musste der BVB nur noch den bereits feststehenden Absteiger Energie Cottbus besiegen, um sich erneut und direkt für die "Königsklasse" zu qualifizieren. Aber die Borussen trafen im heimischen Stadion nur zweimal die Querlatte und die Begegnung endete torlos. So musste der BVB in die Qualifikationsrunde, wo ihm aber der FC Brügge den Weg in die Champions League und zu den Geldtöpfen versperrte.

Der BVB unterhielt nun einen sündhaft teuren Kader, der aber seine Kosten nicht annähernd einspielen konnte. Auch ein weiterer Stadionausbau verschärfte die finanzielle Situation. Im Dezember 2003 waren die finanziellen Probleme nicht mehr zu verschweigen. Allein im Geschäftsjahr 2003/04 verzeichnete die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA einen Verlust von 67,7 Millionen Euro, die Gesamtschulden wurden mit 118,8 Millionen Euro beziffert[58].

Andere europäische Großklubs plagten zu dieser Zeit höhere Schulden als die Borussen, aber in Spanien und Italien wurde mit diesem Problem "gelassener" umgegangen als in Deutschland und in der Bundesliga – schließlich wurden die Schulden für eine "gute Sache" gemacht. Der damalige BVB-Präsident Dr. Gerd Niebaum erlag möglicherweise der Illusion, dass spanische und italienische Verhältnisse auch in Deutschland akzeptiert würden. Folglich musste das Budget für den Profikader drastisch gesenkt werden und viele gute beziehungsweise hochbezahlte Spieler verließen den Klub.

Die Borussia blieb über einige Jahre dem internationalen Wettbewerb fern, machte aber aus der Not eine Tugend und schaffte den Wiederaufstieg an die nationale Spitze vor allem mit jungen, gut ausgebildeten, aber für (vergleichsweise) kleine Gehälter spielenden Profis.

Fußnoten

50.
siehe auch: Jörn Quitzau: Die Ökonomie der Bundesliga und Christof Wieschemann: Organisation und rechtliche Grundlagen der Bundesliga
51.
Grüne 2003, S. 466 f.
52.
www.transfermarkt.de; siehe auch Jörn Quitzau: Die Ökonomie der Bundesliga: Grafik Bundesliga-Lizenzspieler: Ausländeranteil
53.
Allerdings hatte sich in England der Verband mit der Gründung der Premier League, die von der League-Organisation abgekoppelt wurde und unter der Schirmherrschaft der FA steht, die Kontrolle über die oberste Spielklasse zumindest teilweise zurückerobert.
54.
vgl. Grüne 2003
55.
siehe auch: Christof Wieschemann: Organisation und rechtliche Grundlagen der Bundesliga
56.
vgl. hierzu www.bayer04.de
57.
vgl. hierzu www.spiegel.de
58.
vgl. Schulze-Marmeling; Kolbe 2011, S. 260 f.

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