Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

11.2.2016 | Von:
Dietrich Schulze-Marmeling

Der lange Weg zum Profi

Geschichte der Bundesliga

Bundesliga ohne Osten

Abgewickelt: Der 1. FC Magdeburg, Europapokalsieger von 1974.Abgewickelt: Der 1. FC Magdeburg, Europapokalsieger von 1974. (© imago/Werner Schulze)


Nach der Wiedervereinigung wurde die Bundesliga für eine Saison (1991/92) auf 20 Vereine aufgestockt. Im Vorfeld hatten sich der DFB und der Deutsche Fußball-Verband (DFV) der ehemaligen DDR auf die Formel "2 plus 6" geeinigt. Diese bedeutete, dass zwei Klubs der ehemaligen DDR-Oberliga in die erste Bundesliga aufgenommen wurden (Dynamo Dresden, Hansa Rostock), sechs in die zweite Bundesliga (VfB Leipzig, Rot-Weiß Erfurt, Carl Zeiss Jena, Stahl Brandenburg, Chemnitzer FC und Hallescher FC).

Die übrigen ehemaligen DDR-Erst- und Zweitligisten wurden im August 1991 in den Amateurfußball verbannt. Darunter auch der 1.FC Magdeburg, 1974 der einzige Europapokalsieger in der Geschichte des DDR-Fußballs. Hansa Rostock musste sich bereits nach einer Saison wieder aus der ersten Bundesliga verabschieden. Zur Saison 1993/94 stieg der VfB Leipzig auf, aber die mit gut 530.000 Einwohnern elftgrößte Stadt Deutschlands, Heimatstadt des ersten deutschen Fußballmeisters (VfB) und zu DDR-Zeiten eine Fußballhochburg, durfte bis heute nur ein Jahr Bundesliga genießen. Im Sommer 1995 war auch die Erstligapräsenz der Stadt Dresden beendet. Dafür stieg Hansa Rostock wieder auf und blieb zehn Spielzeiten ununterbrochen erstklassig, 1995/96 (als Aufsteiger) und 1997/98 wurde Hansa jeweils Sechster, die bis heute beste Platzierung eines „Ostvereins“ in der Bundesliga. Im Sommer 2007 stieg Hansa noch einmal auf, aber die zweite Rückkehr dauerte nur ein Jahr. Energie Cottbus brachte es auf insgesamt sechs Bundesligajahre (2000/01 – 2002/03, 2006/07 – 2008/09).

Seit dem Sommer 2009 sind die neuen Bundesländer nicht mehr in der ersten Bundesliga vertreten. In der zweiten Liga spielen in der Saison 2015/2016 noch RB Leipzig und Union Berlin mit und in der dritten Liga spielen Chemnitzer FC, Rot-Weiß Erfurt, Hallescher FC, Energie Cottbus, 1.FC Magdeburg und Hansa Rostock. Von den 16 deutschen Bundesländern sind 2015/16 die ehemaligen "DDR-Territorien" Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ohne Erstligisten. Betrachtet man den gesamten Zeitraum von 1991/92 bis 2015/16 (25 Jahre), so kommen die Klubs aus den "fünf neuen Bundesländern" insgesamt auf weniger Jahre Bundesliga, als etwa der Stadtstaat Hamburg zählt.

Dem "Ost-Fußball" mangelte es nach der Wiedervereinigung an Geld und qualifizierten Fachleuten für den Profifußball. Ein Vakuum, das durch zwielichtige "Helfer" aus dem Westen gefüllt wurde, die aber lediglich zur Verschlechterung der Verhältnisse beitrugen. Und die besten Spieler zog es nach der Wende zu westdeutschen Profiklubs. Dem Ost-Fußball fehlen die großen Investoren, sieht man einmal vom Getränkehersteller Red Bull ab. Dieser engagiert sich nicht zufällig in Leipzig, wo sich der heimische Fußball in einem sportlich miserablen und organisatorisch zersplitterten, von Insolvenzen und Neugründungen geprägten Zustand befand. Gleichzeitig existierte mit dem zur WM 2006 umgebauten Zentralstadion mit einem Fassungsvermögen von 44.345 Zuschauern eine erstklassige moderne Spielstätte.

1990: Leipziger Fans des 1. FC Lokomotive bangen um den Ausverkauf ihrer Spieler.1990: Leipziger Fans des 1. FC Lokomotive bangen um den Ausverkauf ihrer Spieler. (© imago/Passage)


Nachdem die Leipziger Klubs Lok und FC Sachsen eine Kooperation mit Red Bull abgelehnt hatten, wurde 2009 der eigenständige Verein RasenBallsport (kurz RB: wie "Red Bull") Leipzig gegründet, der vom SSV Markranstädt das Startrecht für die Beteiligung am Spielbetrieb in der Oberliga übernahm und aktuell in der Regionalliga Nordost spielt. Red Bull erwarb die Namensrechte für das Stadion, das seither "Red Bull Arena" heißt. Bei den Anhängern der Leipziger Traditionsklubs FC Sachen und 1. FC Lokomotive stieß diese Offensive auf heftigen Protest, aber bei einer repräsentativen Umfrage der "Leipziger Volkszeitung" wurde Red Bulls Engagement von circa 70 Prozent der Leser begrüßt[59]. Vermutlich ist Leipzig die einzige Stadt in Deutschland, in der das Red-Bull-Modell funktionieren könnte.

Bundesliga International

Zu neueren Entwicklungen vgl. bitte: Jörn Quitzau: Ökonomie der Bundesliga und Henning Vöpel: Wirtschaftmacht Bundesliga

Quellenverzeichnis

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"Breslau." In: Club-Nachrichten des FC Bayern e. V. München, 31.10.1929

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Interview mit Christian Seifert: "Die Uefa kann massiv Schaden nehmen." In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 10.02.2013

Interview mit Heribert Bruchhagen und Christian Heidel: "’Tuchel kostet 60 Millionen’ – 'Sehr gut!’". In: Süddeutsche Zeitung vom 26./27.01.2012

Interview mit Jürgen Klinsmann: "Ich fühle mich sauwohl". In: Sports Nr. 25/1995

Interview mit Uli Hoeneß: "In zehn Jahren beherrscht die Bundesliga Europa". In "11 Freunde", Heft Nr. 131, Oktober 2012

Jahresbericht des 1. Vorsitzenden. In: Club-Nachrichten des FC Bayern e. V. München, Juni/Juli 1931

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Schulze-Marmeling, Dietrich (Hrsg., 2007): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft. Göttingen (4. Auflage)

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Wachstum im Ausland: www.spiegel.de/sport/fussball/die-fissball-bundesliga-steigert-die-erloese-in-der-auslandsvermarktung-a-821126.html

Websites:

www.weltfussball.de

www.transfermarkt.de

Fußnoten

59.
vgl. "Der Spiegel" vom 16.06.2009

Dokumentation

Dokumentation: "Und freitags in die Grüne Hölle"

Ein Filmteam der DEFA begleitet Mitglieder eines Fanclubs des 1. FC Union Berlin durch eine im Umbruch befindliche DDR im Zeitraum 1987/1988 und macht ein Stück spannender Zeitgeschichte lebendig. Der Film konnte erst nach der politischen Wende in der DDR öffentlich aufgeführt werden.

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Dokumentation

Dokumentation: "Die sieben Geheimnisse des deutschen Fußballs"

Über sieben Episoden des deutschen Fußballs wird vielerorts lieber Stillschweigen bewahrt: Ausgrenzung jüdischer Fußballer im Dritten Reich, Doping bei der WM 1954, Frauenfußball, Homosexualität, Bundesliga-Skandal 1971 und Ermordung von Lutz Eigendorf durch die Stasi.

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