30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

16.2.2016 | Von:
Jutta Braun

"Du bist wie Gift"

Zur Aufarbeitung des DDR-Fußballs

Vereinskultur ohne Vereine

1966: Gründungsfeier des Armeesportclubs Vorwärts Berlin. Gerhard Vogt gibt Fernsehmoderatorin Erika Radke ein Autogramm.1966: Gründungsfeier des Armeesportclubs Vorwärts Berlin. Gerhard Vogt gibt Fernsehmoderatorin Erika Radke ein Autogramm. (© imago/ND-Archiv)


Ein grundlegendes Desiderat der Fußballgeschichte der DDR ist zunächst nach wie vor eine Organisationsgeschichte der Verbandsstruktur, also des ostdeutschen Pendants zum Deutschen Fußball-Bund (DFB), des Deutschen Fußball-Verbandes (DFV) der DDR[10]. Auch die Ebene der Clubs und Betriebssportgemeinschaften (BSG) ist bis auf wenige Ausnahmen nicht wissenschaftlich fundiert untersucht worden. Die Literatur wird von einer Vielzahl entweder lexikalisch[11] oder populärwissenschaftlich gehaltener Werke zum "Zonenfußball"[12] bestimmt.

Bislang fehlt vor allem eine grundsätzliche, wissenschaftliche Reflexion der Tatsache, dass in der DDR kein Vereinswesen bürgerlicher Prägung existierte. So wurden auch im Bereich des Fußballs die traditionellen und selbstverwalteten Vereine faktisch verboten und im Jahr 1948 flächendeckend durch staatlich gelenkte und kontrollierte Körperschaften, die sogenannten Sportgemeinschaften, ersetzt[13].

Allerdings hatten die Sportvereine bereits im Nationalsozialismus ein hohes Maß ihrer Eigenständigkeit eingebüßt, so dass zur Zeit der DDR bereits die zweite Welle der Umstrukturierung des organisierten Sports innerhalb von rund zehn Jahren erfolgte[14]. Die SED-Führung beabsichtigte, strukturell gründlich aufzuräumen und "brach radikal mit einem seit über hundert Jahren verankerten Organisationsprinzip in der deutschen Turn- und Sportbewegung"[15]. Die Neuformierung des Fußballs betraf nicht allein seine innere Organisation, die zumeist als Betriebssportgemeinschaften nach sowjetischem Modell erfolgte, sondern ging einher mit der Einführung von bislang unüblichen Symbolen und Namen wie "Fortschritt" und "Aktivist".

Die "Entbürgerlichung"[16] wurde zuweilen sogar mit Hilfe politischer Justiz vorangetrieben, wie etwa ein Schauprozess gegen ehemalige Anhänger und Mitglieder des Dresdner SC Ende der 1950er Jahre belegt[17]. Zwar sind durchaus Proteste gegen die Zwangsumwandlungen überliefert[18] und in den Turbulenzen der Frühphase gab es nicht wenige Republikfluchten, darunter die des späteren Bundestrainers Helmut Schön im Jahr 1950. Doch auch in den kommenden Jahren präsentierte sich der DDR-Fußball als ein brodelndes Laboratorium auf dem Feld des "Erfindens von Traditionen"[19]. Mannschaften wurden per Parteiorder in andere Teile des Landes verpflanzt, und mit der Gründung der Sportvereinigung Dynamo und der Armeesportvereinigung Vorwärts wurden explizit Elemente des sowjetischen Sportsystems auf die deutschen Verhältnisse übertragen.

Gründung des Berliner Fußballclubs Dynamo – BFC Dynamo. Übergabe der Vereinsfahne durch Erich Mielke.Gründung des Berliner Fußballclubs Dynamo – BFC Dynamo. Übergabe der Vereinsfahne durch Erich Mielke. (© Bundesarchiv, DO 101 Bild-CVIII-13-07, Foto: Wolter)


1966 wiederum erfolgte ein weiteres grundlegendes Revirement, als mit der Gründung von zehn "Fußballclubs" die parteilich gewollten "Leistungsschwerpunkte" im Fußball endgültig definiert und entsprechend ausgestattet wurden. Doch trotz der Vielzahl staatlicher und parteilicher Eingriffe bewahrten die Betriebssportgemeinschaften und Fußballclubs ihre Anhängerschaft beziehungsweise fanden sie aufs Neue. Das neue Gewand des Fußballs wurde letztendlich angenommen – selbst einem Club mit dem sperrigen Titel "ZSK Vorwärts Berlin" zollten die Fans Respekt und Treue, denn die Armeekicker schossen eine Menge Tore.[20]

Auch blieb "Verein" in der Alltagssprache der DDR die gängige Bezeichnung für eine BSG beziehungsweise einen Club. Fußball in der DDR, mochte er noch so sehr staatlich gelenkt sein, bot auch hier nicht nur Zerstreuung, sondern die Möglichkeit der regionalen Identifikation mit einem Teil der "sozialistischen Heimat". Fußball, mit seinen Ritualen und den Wochen- wie Jahresrhythmus strukturierenden Spielplänen, trug durchaus zur Normalität des Alltags in der DDR und damit zur "heilen Welt der Diktatur"[21] bei.

Gleichzeitig gelang es der SED jedoch nicht, den Fußball, der wie der Sport der DDR generell neben der Produktion von Leistung auch ein "organisiertes Weltbild"[22] zu transportieren hatte, zu einem Transmissionsriemen ihrer politischen Botschaften werden zu lassen. Davon zeugt zum einen die spöttische Distanzierung der Spieler von der obligatorischen ideologischen Schulung als lästige "Rotlichtbestrahlung", vor allem aber das alles andere als staatskonforme Auftreten der Fans in den 1970er und 1980er Jahren. Von "Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen"[23] entfaltete sich eine bunte Fankultur, die in ihrem Spektrum sämtliche Spielarten der entsprechenden Fanszene im Westen aufzuweisen hatte. Hilflos erscheinen die gescheiterten Versuche der SED-Sportführung, die Fanclubs mit Hilfe staatlicher Eingriffe zu homogenisieren, indem nur Utensilien und Fahnen erlaubt sein sollten, die der Symbolik der Fußballteams entsprachen[24].

DDR - Fußball - Sachsenring Zwickau - AC Florenz 5:4Erwartungsfrohe Zwickauer Fans am 05.11.1975 im Georgi-Dimitroff - Stadion beim Spiel Sachsenring Zwickau - AC Florenz. Der DDRFußballoberligist gewinnt vor 36.000 Zuschauern das Achtelfinal-Rückspiel im Europapokal der Pokalsieger gegen die Italiener@ picture alliance/ZB


Insofern wäre zu fragen, inwieweit der "Fußball Marke DDR" trotz seiner organisatorisch völlig anders gearteten Grundlage auch im Osten zu einem Fixpunkt von – staatlich nicht erwünschter – Selbstorganisation werden konnte. Hierzu gehört auch, dass ehrgeizige Betriebssportgemeinschaften wie Stahl Brandenburg es schafften, den materiell und kaderpolitisch privilegierten, und damit für die Oberliga prädestinierten Fußballclubs die Stirn zu bieten. Mit Hilfe großzügiger Prämien und gezielter Rekrutierung von Talenten verstanden es Kombinatsdirektoren, die sportpolitisch programmierte Überlegenheit der FC zu konterkarieren und den Traum vom Aufstieg zu verwirklichen[25]. Hier ist es auch möglich, die Grenzen einer Diktatur[26] aufzuzeigen, die offenbar verhinderten, den Fußballsport beliebig zu instrumentalisieren.

Doch war auch der Fußballsport der DDR in weiten Teilen von Dirigismus der Partei und Stasi-Verstrickungen geprägt. Diese Durchherrschung ist von Hanns Leske für den in dieser Hinsicht besonders einschlägigen BFC Dynamo, dessen Ehrenvorsitzender der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke war, gründlich erforscht worden[27]. Die verhängnisvollen Verdächtigungen, die einen Sportler oder Funktionär treffen und ihn das Berufsleben kosten konnten, waren immer wieder mit den gleichen Schlagworten verbunden: Kontakte mit dem "Klassenfeind", damit waren vor allem Bundesdeutsche gemeint, oder Beziehungen zu "Staatsfeinden", wozu etwa ostdeutsche Bürgerrechtler oder Ausreiseantragsteller zählten. Anhand von zwei Beispielen soll im Folgenden gezeigt werden, wie das ideologische Fallbeil selbst erfolgreichste Persönlichkeiten im Fußballsport unvermittelt treffen konnte.

Fußnoten

10.
Anders als der DFB war der DFV keine unabhängige Organisation, sondern der staatlichen Massenorganisation DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) unterstellt. Allerdings fehlt eine Organisationsgeschichte des DTSB bislang ebenfalls.
11.
Vgl. Hanns Leske, Torhüter der DDR – Magneten für Lederbälle, Kassel 2010.
12.
Hervorzuheben sind hier die Publikationen von Frank Willmann, zuletzt: Zonenfußball. Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen, Berlin 2011.
13.
Vgl. Giselher Spitzer et al. (Hrsg.), Schlüsseldokumente zum DDR-Sport, Aachen 1998, S. 15–74.
14.
Nach der Umbildung des "Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen" zum Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen" (NSRL) 1938 wurde die Berufung der Vereinsführer vom Einvernehmen mit dem zuständigen Kreisleiter der NSDAP abhängig gemacht und das Recht auf Vereinsauflösung dem NSRL übertragen. Vgl. Hans Joachim Teichler, Die Sportbeschlüsse des Politbüros, Köln 2002, S. 44.
15.
Ebd.
16.
Konrad Jarausch, Kollaps des Kommunismus oder Aufbruch der Zivilgesellschaft? In: Eckart Conze/Katharina Gajdukowa/Sigrid Koch-Baumgarten (Hrsg.), Die demokratische Revolution 1989 in der DDR, Köln u.a. 2009, S. 25–45; hier S. 27.
17.
Vgl. die zeitgenössische propagandistische Auswertung: Horst Bartzsch, Verbrechen unter dem Deckmantel "sportlicher Traditionen", in: Theorie und Praxis der Körperkultur, 6 (1959), S. 485–489.
18.
Vgl. Hans Joachim Teichler, Tumulte in Planitz, in: Horch und Guck, 51 (2005) 3, S. 10–13.
19.
Eric Hobsbawm/Terence Ranger (eds.), The Invention of Tradition, Cambridge 1984.
20.
Probleme hatte die Etablierung der neuen Fußballclubs allerdings in der geteilten Stadt Berlin, da hier zahlreiche Ost-Berliner weiterhin zum vertrauten Verein Hertha BSC hielten. Vgl. René Wiese, Wie der Fußball Löcher in die Mauer schoss, in: Jutta Braun/Hans Joachim Teichler (Hrsg.), Sportstadt Berlin im Kalten Krieg, Berlin 2006, S. 239–284.
21.
Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989, Bonn 1998.
22.
Zu Vereinen als Trägern kultureller Sinnstiftung vgl. Frank Bösch, Das konservative Milieu. Vereinskultur und lokale Sammlungspolitik, Göttingen 2002, S. 57f.
23.
F. Willmann (Anm. 13).
24.
Vgl. Jutta Braun, Sportfreunde oder Staatsfeinde, in: Deutschland Archiv, (2004) 3, S. 440–447, hier: S. 441.
25.
Vgl. Uta Klaedtke, "Stahl Feuer!!!" – Die Fußballer des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg zwischen politischer Anpassung und betrieblichem Eigensinn, in: Hans Joachim Teichler (Hrsg.), Sport in der DDR. Eigensinn, Konflikte, Trends, Köln 2003, S. 238–270, hier: S. 264.
26.
Vgl. Ralph Jessen/Richard Bessel (Hrsg.), Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR, Göttingen 1996.
27.
Vgl. H. Leske (Anm. 10), S. 518f.

Dokumentation

Dokumentation: "Und freitags in die Grüne Hölle"

Ein Filmteam der DEFA begleitet Mitglieder eines Fanclubs des 1. FC Union Berlin durch eine im Umbruch befindliche DDR im Zeitraum 1987/1988 und macht ein Stück spannender Zeitgeschichte lebendig. Der Film konnte erst nach der politischen Wende in der DDR öffentlich aufgeführt werden.

Mehr lesen

Mediathek

Der 15. Januar 1990 - ein welthistorischer Tag

Der DDR-Bürgerrechtler und Journalist Roland Jahn spricht über seine Erfahrungen als ARD-Reporter am 15. Januar 1990.

Jetzt ansehen

Mediathek

Lange Wege der Deutschen Einheit

Vor allem in Ostdeutschland hat der Systemumbruch von 1990 zu teilweise schockartigen Umwälzungen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und persönlichen Lebensumständen geführt.

Jetzt ansehen

Mediathek

"Was haben Sie mit ihm gemacht?"

KONTRASTE ist unterwegs mit der Freundin des in Stasi-Haft ums Leben Gekommenen Matthias Domaschk.

Jetzt ansehen

Mediathek

Der Bessere hat gewonnen

Der ehemalige Fußballspieler und DDR-Fußballstar Jürgen Sparwasser spricht über seine Popularität und sein Leben in der DDR.

Jetzt ansehen