Afrika

20.5.2005 | Von:

Sprachenvielfalt auf dem afrikanischen Kontinent

Sprachpolitik

Im Prozeß des Nation-building, der Herausbildung nationaler Einheit, der in vielen der afrikanischen Staaten nach über 30 Jahren noch immer nicht abgeschlossen ist, wurde und wird Sprachenvielfalt von afrikanischen Politikern fast immer als Bedrohung für die Erreichung dieses Zieles gewertet. Sie sehen im Sprachenpluralismus ein Konfliktpotential, das jederzeit von separatistischen Bewegungen mobilisiert werden kann, um die Einheit des Staates zu untergraben. Meist wird hierbei nicht gesehen, daß die wenigen sprachlich homogenen afrikanischen Staaten Ruanda, Burundi und Somalia durch ihre langjährigen internen kriegerischen Konflikte nicht als Vorbilder für staatliche Einheit gelten können.

Dennoch soll nicht verschwiegen werden, daß sprachlich-ethnische Konflikte tatsächlich auch Gefahren für die Einheit der Staaten in sich bergen können. Nigeria, in dem Englisch, die dominierende Sprache in der Politik und der Wirtschaft, nur von höchstens 20 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird, soll als Beispiel dienen. Hausa dominiert im Norden Nigerias als Verkehrssprache, als Sprache des Koran und als Sprache der Elite. Yoruba wird von etwa 18 Millionen Nigerianerinnen und Nigerianern im Südwesten des Landes gesprochen, und in dieser Region stellen Yoruba-sprachige Gemeinschaften 80 Prozent der Bevölkerung. Die Position des Igbo, der dritten Hauptsprache Nigerias, wird dadurch geschwächt, daß es nur von etwa 50 Prozent der Bevölkerung der Ostprovinz des Landes gesprochen wird.

Konflikte zwischen den Sprachgemeinschaften der drei Hauptsprachen haben in der Vergangenheit immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt und unter anderem auch den ersten Militärputsch des Landes im Jahre 1964 provoziert. Und die Spannungen zwischen diesen dominanten Ethnien halten bis heute an. Es muß jedoch auch festgestellt werden, daß nicht die Vielsprachigkeit Nigerias als Hintergrund für diese Konflikte gelten kann, da der Großteil der mehr als 400 übrigen Sprachgemeinschaften dieses Landes nicht zu den Konflikten beiträgt.

Da die offizielle Anerkennung und Verwendung von afrikanischen Sprachen als zu konfliktträchtig angesehen wurde, hat sich die Mehrzahl der afrikanischen Staaten bei der Unabhängigkeit für die von den Kolonialmächten eingeführten europäischen Sprachen als offizielle Landessprache entschieden. Nur wenige Nationen wagten es, einen eigenen Weg einzuschlagen, indem sie eine einheimische Sprache zur offiziellen Landessprache erklärten. Staaten wie Äthiopien mit Amharisch, Tansania mit Swahili und Botswana mit Tswana wählten aber diesen Weg.

Während diese sprachpolitische Entscheidung in Tansania und Botswana tatsächlich eine Stabilisierung des Staates unterstützte, löste die Dominanz der Amharen und ihrer Sprache in Äthiopien einen 30jährigen Bürgerkrieg aus, der erst mit der Unabhängigkeit Eritreas im Jahre 1993 und der Anerkennung der übrigen Landessprachen in Äthiopien ein (vorläufiges) Ende fand. Neben der politischen Negativwertung von Sprachenvielfalt gibt es auch eine solche unter ökonomischen Gesichtspunkten. Ein sprachlich heterogener Staat sei fast immer unterentwickelt, lautet eine Behauptung, die auf der Beobachtung basiert, daß die Mehrzahl der europäischen Industrienationen im wesentlichen – von der Schweiz und Belgien abgesehen – monolingual ist.

Eine eurozentrische Vorstellung von Entwicklung, nämlich die nach westlich-marktwirtschaftlichem Vorbild, die eine Einbindung in den Weltmarkt anstrebt, verlangt tatsächlich nach Anpassung der afrikanischen Staaten nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern auch in sprachlicher Hinsicht. Für den Zugang zum Weltmarkt bringen afrikanische Sprachen, auch wenn sie nationenweit gesprochen werden, keine Vorteile. Dies zeigt das Beispiel "einsprachiger" Staaten wie Somalia, Burundi und Ruanda mit nur einer dominanten afrikanischen Sprache. Zur Bewältigung der modernen Kommunikationserfordernisse erscheint die Verbreitung einer europäischen Sprache in der gesamten Bevölkerung daher unabdingbar.


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