Afrika

20.5.2005 | Von:

Sprachenvielfalt auf dem afrikanischen Kontinent

Sprachgebrauch im Alltag

Sowohl in den afrikanischen Städten als auch auf dem Lande ist die große Sprachenvielfalt immer ein wichtiger Faktor im alltäglichen Miteinander. Fast alle Afrikanerinnen und Afrikaner beherrschen mehrere Sprachen und setzen diese in unterschiedlichen Situationen ein. Im Kreis der Verwandten und der Dorfgemeinschaft wird in der Muttersprache kommuniziert. Auf dem Markt, wo Menschen unterschiedlicher Ethnien zusammentreffen, dient dann eine sogenannte Verkehrssprache zur Verständigung. Und bei Behördengängen oder beim Besuch einer höheren Schule werden die Sprachen der ehemaligen Kolonialmächte gefordert, nämlich Englisch, Französisch oder Portugiesisch.

Das geringste Prestige besitzen im allgemeinen die Muttersprachen der auf dem Land lebenden Volksgruppen. Verkehrssprachen oder die eingeführten europäischen Sprachen genießen ein hohes Ansehen und werden auch von der politischen und wissenschaftlichen Elite in der Öffentlichkeit verwendet.

Die Verkehrssprachen spielen auf dem afrikanischen Kontinent eine besonders große Rolle, und Swahili ist vermutlich deren wichtigste. In Tansania dominiert der Gebrauch von Swahili in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, etwa in den Primarschulen, in den Medien, in der Verwaltung, bei öffentlichen Versammlungen oder in den Kirchen. Eine Grundentscheidung auf dem Weg zum "afrikanischen Sozialismus", den Tansania nach der Unabhängigkeit 1961 unter der Führung Julius Nyereres einschlug, war die, daß dem Swahili nicht nur nationaler sondern auch offizieller Status verliehen wurde. Mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln wurde Swahili, das schon zur deutschen Kolonialzeit institutionelle Unterstützung von Seiten der Kolonialmacht genoß, zur gemeinsamen Sprache der gesamten Bevölkerung Tansanias ausgebaut. Heute wird Swahili weit über die Grenzen Tansanias hinaus von vielen Millionen Menschen als Verkehrssprache verwendet. So sprechen etwa 70 Prozent der kenianischen Bevölkerung Swahili als Zweitsprache und auch in Uganda wird häufig Swahili gewählt, wenn Sprecherinnen und Sprecher unterschiedlicher Muttersprachen aufeinandertreffen.

Hausa ist die wichtigste Sprache im westlichen Afrika und wird von zwischen 30 und 40 Millionen Menschen beherrscht, wobei für ein Drittel von ihnen diese Sprache Zweitsprache ist. Die Ausdehnung des Hausa im westlichen Teil des afrikanischen Kontinents geht auf ihren Gebrauch als Sprache der Islamisierung zurück, die seit dem 14. Jahrhundert diesen Raum erreichte, aber auch auf die rege Handelstätigkeit der Hausa. Andere Sprachen mit überregionaler Bedeutung sind beispielsweise das Bambara, das in Mali und allen umgebenden Staaten von insgesamt etwa zehn Millionen Menschen gesprochen wird, oder auch Lingala und Sango, Sprachen, die im zentralen Afrika von mehreren Millionen Menschen als Verkehrssprache genutzt werden.

Nach einer UNESCO-Forderung von 1953 soll jedes Kind die Schulausbildung in seiner Muttersprache beginnen. In Afrika werden bisher jedoch nicht viel mehr als etwa 100 Sprachen in der Schule verwendet, also deutlich weniger als zehn Prozent. Die meisten afrikanischen Staaten sind jedoch bereits wegen der Anzahl der Sprachen nicht in der Lage, alle in den Schulen zu berücksichtigen. Staaten wie Kenia und Uganda liegen mit mehr als 30 Sprachen im mittleren Bereich, was Sprachenreichtum angeht. Nur wenige sind (annähernd) einsprachig, nämlich Lesotho, Swasiland, Burundi, Ruanda und Somalia, sieht man von den Arabisch-sprachigen Staaten im Norden Afrikas ab. Dagegen haben Kamerun mit weit mehr als 100 Sprachen, Tansania mit circa 120 und Nigeria mit mehr als 400 Sprachen eine besonders große Sprachenvielfalt. Lehrerausbildung und das Erstellen von Lehr- und Lernmaterial für die Landessprachen sind für die letztgenannten Staaten ein aufwendiges und kostspieliges Unterfangen.

Die Sprachenvielfalt auf dem afrikanischen Kontinent stellt einen unersetzlichen kulturellen Reichtum dar, der jedoch zunehmend vom Verschwinden bedroht ist. Denn immer mehr Sprachgemeinschaften, vor allem kleinere, geben ihre eigene Sprache auf, um die Sprache größerer, einflußreicherer Volksgruppen zu übernehmen. Damit geht nicht nur in Jahrtausenden gesammeltes kulturspezifisches Wissen verloren, sondern auch die Möglichkeit, die in jeder Sprache jeweils eigenen Formen des menschlichen Denkens zu erhalten.

Es wird oft behauptet, daß die Sprachenvielfalt Afrikas die Kommunikationsmöglichkeiten einschränkt und damit auch die Entwicklung des Kontinents hemmt. Jedoch hat Mehrsprachigkeit in Afrika eine lange Tradition und stellt eine Möglichkeit dar, wie auch ohne die Aufgabe der eigenen Sprache nationale und internationale Kommunikation ermöglicht werden kann. Somit ist nicht die Sprachenvielfalt auf dem afrikanischen Kontinent das Problem, sondern die immer noch zu geringe Beherrschung der europäischen Sprachen in der Bevölkerung. Die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger afrikanischer Staaten ist bis heute nicht in der Lage, diejenige europäische Sprache zu sprechen und zu verstehen, in der ihr Land regiert und verwaltet



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