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Afrika

20.5.2005 | Von:

Sprachen und Kulturen

Hochsprache und Regionalsprachen

In dieser Jahrhunderte andauernden multilingualen Situation kam dem Hocharabischen als der Sprache des Islam stets die vorherrschende Rolle als überregionales Kommunikationsmittel zu. Aber neben dieser streng normierten Hochsprache der Theologie, des Kultes und des Rechts, der Verwaltung und der Literatur gab es zu allen Zeiten und in allen Regionen davon stark abweichende gesprochene Formen des Arabischen.

Es ist sicher, dass sich bereits in den ersten Jahrhunderten der Ausbreitung des Islam die noch heute überall vorhandene Situation der Diglossie einstellte, das heißt der Gleichzeitigkeit von hocharabischer Schriftsprache und regionalen Umgangssprachen (Dialekten). Die Grenzen sind fließend und es treten Interferenzen zwischen beiden Extremen auf, weshalb man es heute vorzieht, von einem arabischen Sprachkontinuum zu sprechen. Was Nordafrika anlangt, so gliedern sich die Dialekte sowohl geographisch – die Gruppe der maghrebinischen Dialekte (das so genannte Westarabisch) neben der ägyptischen Gruppe – als auch nach Ansässigen- und Beduinenmundarten in größere Einheiten.

Nicht zuletzt bewirken die Medien Rundfunk und Fernsehen, dass sich die so genannten Prestigedialekte durchzusetzen beginnen, so die Dialekte von Kairo, Tunis oder Casablanca/Rabat. Andererseits führen die Landflucht, aber auch die intra- und interregionale Migration der Arbeitskräfte zur Durchmischung der bisherigen Dialekte und zur Herausbildung neuer Formen gesprochener arabischer Sprache.

Anders als in Europa, wo sich unter konkreten historischen Bedingungen auf der Grundlage des Lateinischen verschiedene neue Hochsprachen (Französisch, Spanisch, Italienisch usw.) etablierten, konnte dies im gesamten arabischen Raum nicht geschehen, da die enge Verbindung des Hocharabischen mit der Religion es verhinderte. Am Ideal der einheitlichen arabischen Hochsprache wurde festgehalten, aber der Preis für diese bis heute tief empfundene kulturelle, sprachliche und größtenteils auch religiöse Einheit der Sprecher des Arabischen ist bis heute die arabische Diglossie. Im 19. und 20. Jahrhundert erlebte das Hocharabische eine Renaissance, denn die arabischen Nationalisten verwiesen im Kampf um die Unabhängigkeit ihrer Länder unter anderem auch auf die Sprache, um den Nachweis der Existenz einer Arabischen Nation zu führen, der das Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zustehe. In den Maghrebstaaten wirkte diese Ideologie fort: Nach der Erringung der Unabhängigkeit wurde eine Politik angekündigt, die die völlige Arabisierung der Verwaltung, der Medien und des Unterrichts- und Bildungswesens zum Ziele hatte.

Der Traum der arabischen Nationalisten (Panarabisten), die Arabische Nation in einem einzigen Arabischen Staat zu vereinigen, erfüllte sich niemals, auch nicht nach der Unabhängigkeit der arabischen Einzelstaaten. Doch die Arabische Nation blieb als hohes Ideal erhalten. Obwohl zwischen den arabischen Staaten große politische und gesellschaftliche Unterschiede bestehen, kommt gerade dem Festhalten an der gemeinsamen arabischen Hochsprache großes Gewicht zu. Auch in den Maghrebstaaten gilt das Arabische als das wichtigste Bindeglied zur gesamtarabischen Gesellschaft, denn die Zugehörigkeit zur Arabischen Nation und zum Arabertum wird über die Sprache definiert.

Quellentext

Nordafrikas Medienlandschaft

Usama Okasha möchte dafür sorgen, dass Christen und Muslime einander verstehen und ist ein erbitterter Gegner von Korruption und Unterdrückung. Okasha ist einer der bekanntesten Schriftsteller Ägyptens. Doch, er schreibt keine Romane, er schreibt Fernsehserien: „Nur so kann ich meine Aussagen wirklich verbreiten.“ Denn knapp die Hälfte der erwachsenen Ägypter kann nicht lesen, aber 98 Prozent der Haushalte verfügen über einen Fernseher. Rund 30 Serien werden jährlich in Ägypten produziert und in die gesamte arabische Welt exportiert. Noch vor 20 Jahren entstanden im „Hollywood am Nil“ 120 Kinofilme jährlich. Ägypten war nach Amerika und Indien das drittgrößte Kino-Land der Welt. 15 bis 20 Kinofilme entstehen jetzt pro Jahr.

In Marokko und Tunesien entsteht derzeit hingegen eine neue Art des arabischen Kinos. Nabil Ayouch ist einer der Nachwuchsfilmer, die das marokkanische Kino und am besten gleich auch die Gesellschaft reformieren wollen: „Unsere Regierung ist stolz, dass sie auf dem Weg der Demokratisierung ist. Es ist unsere Aufgabe als Filmemacher, die Grenzen der neuen Freiheit auszureizen“, sagt er. In seinem Film „El Mektoub“ geht es um Korruption, Haschanbau und einen Sex-Skandal. Allein in Marokko sahen ihn 300000 Zuschauer. „Viele waren erstaunt, dass es möglich ist, in Marokko einen solchen Film zu machen, ohne dass die Zensur die kritischen Passagen herausschneidet“, erklärt er einen Teil seines Erfolges.

Zensur gibt es in allen nordafrikanischen Ländern. Doch in jedem Staat nimmt sie andere Formen an. In Marokko hält sich die Zensurbehörde in den letzten Jahren weitgehend zurück. Die Freiheit der Künstler und Journalisten wird als Gradmesser der Demokratisierung verstanden. Da Marokko engere Verbindungen zu Europa anstrebt, ist die Regierung auf ihren guten Ruf bedacht. Dennoch werden auch hier Zeitungen an ihrem Erscheinen gehindert, wenn sie beispielsweise das Königshaus kritisieren. In Marokko gibt es neben der staatlichen Presse auch einige unabhängige Zeitungen und Radiostationen. Wie in den Nachbarländern wird sowohl auf arabisch als auch auf französisch geschrieben und gesendet.

In Algerien leben Pressevertreter gefährlich. In den Jahren 1993 bis 1996, während der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Islamisten wurden 57 Journalisten ermordet. Die Presse, die zur Aufklärung der Verbrechen beitragen könnte, ist in Regierungshand. So wird bisher nur ganz vorsichtig gefragt, ob jeweils die Islamisten oder die Militärs für die Morde verantwortlich waren.

In Mauretanien werden die beiden wichtigsten Tageszeitungen vom Informationsministerium herausgegeben. Unabhängige Zeitungen müssen von der Regierung genehmigt werden.

In Tunesien, das im Ruf steht, verhältnismäßig liberal zu sein, machte im Frühjahr 2000 der Journalist Tawfik Ben Brick durch einen Hungerstreik auf eine indirekte Form der Zensur aufmerksam. Kritische Journalisten müssen mit Hausdurchsuchungen durch die Geheimpolizei rechnen. Dabei werden sie selbst und ihre Angehörigen regelmäßig mißhandelt. Kritische Berichterstattung ist daher fast unmöglich.

In Libyen existieren nur vier Tageszeitungen, eine Monatszeitung und einige Illustrierte. Diese sind ebenso wie das Fernsehen direkt der Regierung unterstellt: Hier wird fast nur offizielle Propaganda gedruckt und gesendet.

In Ägypten hingegen findet man von der so genannten „halbamtlichen“ Presse des Verlagshauses Al Ahram, über zahlreiche Boulevardblätter bis hin zu Schriften der Opposition ein breites Medienangebot. Offiziell gibt es – nach den Buchstaben der Verfassung – in Ägypten keine Zensur. Jedoch müssen Journalisten, die falsche Informationen verbreiten, mit Gefängnisstrafen rechnen, wobei als „falsche“ Information auch schon einmal eine regierungskritische Aussage gelten kann.

Die Grenzen der Pressefreiheit sind – und das gilt für alle Länder der Region – abhängig von der Reichweite eines Mediums: Je leichter ein Medium zugänglich ist, desto strenger die Kontrolle. So kann eine englischsprachige Zeitung, die nur von einer Minderheit verstanden wird, sehr viel kritischer berichten, als eine arabischsprachige Zeitung. Zwar hat beispielsweise die tunesische Regierung den Zugriff auf manche Internetseiten sperren lassen, dennoch macht die neue Kommunikationstechnik den Zensoren zunehmend einen Strich durch ihre Rechnung: So hielt die Zeitung „Al Shaab“, nachdem sie im Sommer 2000 in Ägypten verboten wurde, die Leser im Internet auf dem Laufenden. In Ägypten hat knapp eine halbe Million Menschen Zugang zum Netz. In Marokko sind es 52000 und selbst in Libyen, das erst kürzlich einen Provider einrichtete, gibt es 7500 Nutzer. Die meisten gehen in Internetcafes, da ein eigener Computer für sie unerschwinglich ist. Immer mehr Menschen verfügen zudem über Satellitenempfänger. Satellitensender, wie beispielsweise „Al Jezirah“ aus Katar haben mit ihrer kritischen Berichterstattung die Maßstäbe verschoben. Hält diese Entwicklung an, gehen die Zeiten der kontrollierten Informationen ihrem Ende entgegen.

Julia Gerlach

Quellentext

Afrika - online

Das Internet hat sich zu einem mächtigen Medium entwickelt, auf dessen virtuellen Bahnen geforscht, gearbeitet und kassiert wird. [...] Auch im grenzenlos erscheinenden Internet klafft längst eine tiefe Kluft zwischen den Industrienationen und den meisten Entwicklungsländern.

Afrika wird dabei immer mehr zum Schauplatz des Kampfes gegen den so genannten digitalen Graben. Er verläuft zwischen den reichen Nationen, in denen mittlerweile rund ein Drittel der Bevölkerung Anschluss ans Netz hat, und den armen Staaten, in denen auf durchschnittlich 200 Einwohner gerademal ein Internetnutzer kommt. Er verläuft allerdings auch innerhalb der einzelnen Staaten – zwischen den Eliten, die mit Hilfe des Netzes ihren Vorsprung hinsichtlich Wissen und Einfluss ausbauen, und der Masse der Bevölkerung. In Afrika wird die Zahl der Nutzer aktuell auf drei Millionen Menschen geschätzt, zwei Millionen davon allein in Südafrika. Die meisten Einwohner des Kontinents hingegen besitzen weder ein Telefon, noch haben sie eine Chance, online zu gehen. (...)

Hoffnung macht, dass das Internet auch auf dem afrikanischen Kontinent immer schneller wächst. Waren Ende 1996 erst elf Länder mit eigenen Providern aktiv, sind heute bis auf Liberia alle Staaten (zumindest ihre Metropolen) verbunden. Fast täglich wird in irgendeiner afrikanischen Stadt ein Cybercafe eröffnet. (...)

„Afrika hat die einmalige Chance, die Industrialisierung zu überspringen und in der Informationsgesellschaft zu landen“, sagt Rüdiger Eisele, Justiziar des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft. (...)

Afrika gilt als dynamischster Telekommunikationsmarkt der nächsten Jahre. Kein Projekt steht für diese Prognose so sehr wie Africa One: Die gleichnamige amerikanische Firma [...] ist dabei, ein 32000 Kilometer langes Glasfaserkabel unter Wasser um den afrikanischen Kontinent zu schlingen. Die digitale Nabelschnur kostet 1,6 Milliarden Dollar und wird von Privatinvestoren und den beteiligten afrikanischen Staaten finanziert. Dafür stellt die Weltbank Kredite bereit. Hinzu kommt SAT-3, ein alternativer Plan der größten Telekommunikationsgesellschaft des Schwarzen Kontinents, der Telkom Südafrika, die ein Glasfaserkabel installieren will, das vom Kap der Guten Hoffnung entlang der Westküste bis nach Europa reicht. Seine Kapazität von 120 Gigabit wird ausreichen, um 5,8 Millionen Telefongespräche parallel abzuwickeln. Bis Ende 2002 sollen beide Projekte abgeschlossen sein. (...)

Christine Peters, "Digitaler Graben – Afrika setzt zum Sprung ins Internet-Zeitalter an", in: Frankfurter Rundschau vom 17. Februar 2001.



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