Afrika

20.5.2005 | Von:

Sprachen und Kulturen

Islam beiderseits der Sahara

Nach den raschen Siegen der Muslime über das byzantinische Reich und nach der Zerschlagung des Reiches der iranischen Sassaniden zwischen 632 und 642 n. Chr. wurde die militärische Eroberung der Gebiete des nordafrikanischen Westens (Maghreb) um 700 n. Chr. mit der Unterwerfung der Berber abgeschlossen. Die Berber waren wenige Jahre später maßgeblich an der Eroberung Spaniens beteiligt und gehörten im Jahre 732 zu den muslimischen Truppenverbänden, die bei einem Feldzug bis nach Zentralfrankreich vorstießen. Im Khalifat der arabischen Omayaden (661 bis 750) waren die Berber aber keineswegs den arabischen Muslimen gleichgestellt, sondern galten als Untertanen. So kam es noch in der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts zu Rebellionen der berberischen Bevölkerung Nordafrikas gegen die arabische Herrschaft, die schließlich zur politischen Abspaltung des Maghreb und zur Entwicklung einer Reihe von eigenständigen Herrschaftsgebieten führten. Seit dem 13. Jahrhundert setzte sich die bis heute bestehende Dreiteilung in die Länder Marokko, Algerien und Tunesien durch.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich in den Maghreb-Ländern lokale islamische Lehrtraditionen, die insbesondere in Orten wie Kairouan, Tunis, Tlemcen, Fès und Marrakech verankert waren. Dabei konnte sich die ursprünglich aus Medina stammende malikitische Rechtsschule bis zum 13. Jahrhundert als maßgebliche Auslegungstradition des islamischen Rechts (Scharia) durchsetzen. Auch Vertreter des mystischen Islam (Sufis) erlangten seit dem 13. Jahrhundert großen gesellschaftlichen Einfluss als Heiler, religiöse Gelehrte und Streitschlichter.

Für die ökonomische Entwicklung des Maghreb waren die Handelsbeziehungen zu den afrikanischen Märkten südlich der Sahara von herausragender Bedeutung. Mit dem Handel kamen ab dem achten Jahrhundert auch die ersten Muslime in das subsaharische Afrika. Während sich der Islam in Nordafrika im Rahmen der militärischen Eroberung des Maghreb etabliert hatte, stellte sich die Islamisierung des subsaharischen Sahel als ausgesprochen friedlicher Prozess einer langsamen Konversion zum Islam dar.

Auch in den subsaharischen Ländern Afrikas setzten sich die in Nordafrika etablierten Formen des Islam durch, nämlich die malikitische Rechtsschule und die ausgeprägte Heiligenverehrung sowie die mit ihr verbundene Entwicklung von Sufi-Bruderschaften.

Seit dem zehnten Jahrhundert lieferten die subsaharischen Handelsstaaten, insbesondere Ghana (heutiges Mali und Mauretanien), Mali, Songhay (heutiges Mali und Niger), Kanem-Bornu (heutiges Nigeria,Niger und Tschad) und die Hausa-Staaten (heutiges Nigeria) sowie Sinnar-Funj (heutige Republik Sudan), vor allem Sklaven, Gold, Elfenbein, Leder und wertvolle Naturprodukte wie Gummi Arabicum und Straußenfedern, aber auch textile Stoffe in den Norden, während aus den saharischen und nordafrikanischen Ländern Salz, Waffen, Seide, Papier und Luxusgüter in den Süden gehandelt wurden. Die Goldlieferungen aus dem subsaharischen Afrika stellten eine wichtige Quelle der Staatsfinanzen der nordafrikanischen Handelsstaaten dar.

Die Kontrolle der saharischen Handelszentren und Handelswege war sowohl für die nordafrikanischen wie für die subsaharischen Handelsstaaten von größter Bedeutung. Ihre gemeinsame Geschichte kann daher bis zum Beginn der europäischen Kolonialherrschaft als eine Geschichte des Ringens um eine möglichst umfassende Kontrolle des transsaharischen Handels dargestellt werden. Dabei gelang es sowohl nordafrikanischen Staaten wie Marokko (1591 Eroberung von Timbuktu) als auch subsaharischen islamischen Reichen wie Songhay (circa 1540 Vorstoß nach Südmarokko) immer wieder, weit in die Sahara nach Süden bzw. Norden zu expandieren.

Über die transsaharischen Handelsrouten gelangten aber auch Pilger, Studenten und Gelehrte in die islamischen Zentren Nordafrikas, Ägyptens und Arabiens. Im Laufe der Zeit entwickelten sich so im subsaharischen Afrika islamische Lehrzentren wie Timbuktu, Djenné und Kano, die ihrerseits bedeutende Zentren für die weitere Ausbreitung des Islam in den tropischen Savannen- und Waldgebieten Afrikas wurden. Die Ausbreitung und Etablierung des Islam in Afrika kann daher als eine Art von Staffellauf beschrieben werden: Arabische Muslime vermittelten den Islam zunächst an die Berber Nordafrikas, die ihn ihrerseits als Händler und Gelehrte an die ersten muslimischen Bevölkerungen des subsaharischen Afrika weitergaben. Diese wurden wiederum Vermittler des Islam für die weiter im Süden lebenden Bevölkerungen des tropischen Afrika.

Während sich der Islam im subsaharischen Afrika im Rahmen symbiotischer Austauschbeziehungen mit den Maghreb-Ländern und Ägypten entwickelt hat, waren für das Horn von Afrika (Somalia) und die ostafrikanische Swahiliküste vor allem die Länder der arabischen Halbinsel, insbesondere Jemen, Hadramaut und Oman, von entscheidender Bedeutung. In Ostafrika und seinen islamischen Zentren wie Mogadishu, Lamu, Mombasa, Sansibar oder Kilwa konnte sich daher auch die im südlichen Arabien dominierende shafiitische Rechtsschule durchsetzen.

Der friedliche Prozess der Islamisierung des subsaharischen Afrika dauert dabei bis heute an. In Senegal, Mali, Guinea, Niger, Tschad, Sudan, Somalia und vermutlich auch Nigeria und Tansania stellen die Muslime heute die Bevölkerungsmehrheit. Insgesamt lebten Ende des 20. Jahrhunderts in Afrika südlich der Sahara etwa 200 Millionen Muslime und damit mehr als in den arabischen Ländern des Nahen Ostens. Im 20. Jahrhundert haben sich in allen subsaharischen Staaten Afrikas aber auch islamische Reformbewegungen entwickelt, die sich stark an nordafrikanischen und ägyptischen Vorbildern orientieren.

Diese islamischen Reformbewegungen bekämpfen zwar den religiösen und politischen Einfluss der Sufi-Bruderschaften, haben in den letzten Jahrzehnten aber auch wichtige Anstöße für die Entwicklung eines modernen islamischen Erziehungswesens gegeben. Zudem setzten sie sich für eine stärkere Beteiligung muslimischer Frauen im öffentlichen Leben ein.Trotz einer zunehmenden Politisierung der Muslime in den Staaten des subsaharischen Afrika im letzten Jahrhundert sind Forderungen nach einer "Islamisierung" staatlicher Strukturen, etwa durch eine Verankerung der Scharia (arab.: Heiliges Gesetz) im staatlichen Rechtssystem, bisher aber weitgehend ausgeblieben.


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