30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Afrika

20.5.2005 | Von:
Roman Loimeier

Der Islam im subsaharischen Afrika

Angesichts dieser historischen, regionalen und naturräumlichen Vielfalt kann von einem einzigen, "afrikanischen Islam" keine Rede sein. Vielmehr müssen wir, wie auch in den anderen Teilen der islamischen Ökumene, von einer Vielzahl lokaler muslimischer Gesellschafts- und Gemeinschaftsentwürfe ausgehen, die ihrerseits ein breites Spektrum von Interpretationen von "Islam" repräsentieren. Die Unterschiede zwischen den einzelnen muslimischen Gesellschaften der islamischen Ökumene sind nun natürlich nicht nur in den regionalen und historischen Verschiedenheiten dieser Gesellschaften begründet, sondern lassen sich auch aus der Tatsache ableiten, dass in all diesen Gesellschaften der Prozess der Islamisierung ein selektiver war, in welchem bestimmte Glaubenselemente stark, andere weniger intensiv betont wurden. So wurden etwa die Normen des islamischen Rechts unter den maurischen Stämmen der westlichen Sahara nach dem 11. Jahrhundert unter dem Einfluss der Reformbewegung der Almorawiden zumindest vorübergehend weitgehend übernommen, während in anderen Teilen Afrikas (oder der islamischen Ökumene) die Vorschriften des islamischen Rechts kaum Beachtung gefunden haben. In vielen Gesellschaften standen in der Tat die Regelungen des etablierten Gewohnheitsrechts (adat, `urf) nicht unbedingt in einem Widerspruch zu den Rechtsnormen der scharî`a und wurden daher auch von den muslimischen religiösen Gelehrten, den `ulamâ' (Sg. `âlim), als Grundlage der Rechtssprechung anerkannt. Der Prozess der Islamisierung in Afrika wie in anderen Teilen der islamischen Ökumene muss somit als ein Prozess der schrittweisen und selektiven Annahme, Aneignung, Inkulturation und Kontextualisierung des Islams beschrieben werden. Dieser Prozess konnte von Einbrüchen und Rückfällen begleitet sein und ist, wie auch viele Muslime betonen, niemals zu Ende.

Dennoch: Trotz aller ihrer Unterschiede können die Gemeinschaften und Gesellschaften der Muslime in Afrika (und Asien) als "islamisch" definiert werden, weil der Islam für all diese unterschiedlichen Gesellschaften eben doch einen gemeinsamen "Bezugsrahmen"[2] bildet, auf den sich alle Muslime, auch die Muslime in Afrika beziehen. Da dieser Bezug auf den "Islam" zu allen Zeit aber aus spezifischen lokalen Kontexten heraus erfolgt, muss auch die Interaktion zwischen den lokalen Traditionen mit dem Bezugsrahmen Islam nicht automatisch zu einer Vereinheitlichung muslimischer Gemeinschaften führen: Die Interaktion zwischen dem Lokalen und dem Bezugsrahmen Islam kann auch die Möglichkeit einer weiteren Ausdifferenzierung und Akzentuierung des Lokalen beinhalten. Wir haben es also weder ausschließlich mit dem "einen" Islam zu tun, noch ausschließlich mit dem Archipel vermeintlich autonomer muslimischer Gemeinschaften, sondern mit beidem: dem "Islam" und den lokalen Gemeinschaften sowie der spezifischen Art und Weise, wie sie ihre "Islamité" durch die Verbindung mit dem frame of reference "Islam" immer wieder neu begründen.

Zwischen dem translokalen Bezugsrahmen "Islam" und den zahlreichen lokalen Kontextualisierungen und Interpretationen dieses Bezugsrahmens gibt es nunmehr aber eine Reihe von vermittelnden Institutionen und Instanzen, welche die Muslime Afrikas (und Asiens) über ihre jeweiligen lokalen Traditionen hinaus einigen.[3] Zu diesen Institutionen und vermittelnden Instanzen zählen insbesondere die Lehre, der Handel und die Pilgerreise, des Weiteren das Ritual, die Feste, regionale Wallfahrten, die Netzwerke der Gelehrten und der Sufi-Bruderschaften und die mit ihnen verbundenen Einrichtungen. Aus den Reihen translokal agierender und kommunizierender Vermittler, der Gelehrten und ihrer Studenten, der Pilgerreisenden und der Händler kamen häufig aber auch die Dissidenten, Reformatoren und Führer von Protestbewegungen, die sich gegen bestimmte lokal bestehende Verhältnisse wandten. Die Opposition gegen etablierte gesellschaftliche Verhältnisse wurde dabei von den Rebellen immer wieder mit Rückgriff auf die "universal principles"[4] des Islam legitimiert, wobei die Reformer die lokal etablierten Verhältnisse häufig mit dem Vorwurf zu diskreditieren versuchten, diese seien nichts als eine Anhäufung "unislamischer Neuerungen" (arab.: bida`, Sg. bid`a), die mit dem "eigentlichen, authentischen" (und von ihnen interpretierten) Islam nichts gemein hätten. Ebenso verurteilten natürlich auch die lokal etablierten Gelehrten, die sich in ihrem Anspruch auf Rechtleitung angegriffen fühlten, diese Rebellionen, und auch sie taten dies mit Rückbezug auf den "Bezugsrahmen Islam", der dem religiösen und politischen Establishment bei Bedarf ebenfalls die entsprechenden Argumente zuführte.

Erfolg oder Misserfolg islamischer Reformbewegungen in Afrika (und Asien) waren so häufig weniger mit der stichhaltigen Argumentation der Rebellen und der religiösen Gelehrten verbunden, auch wenn diese Argumentation natürlich für die Legitimation bestimmter religiöser oder politischer Ziele selbst von großer Bedeutung war, sondern mit dem Vermögen der Rebellen (beziehungsweise des religiös-politischen Establishments), mit ihrer Argumentation auf tatsächlich bestehende politische, ökonomische und gesellschaftliche Missstände zu reagieren und so zu Wortführern der Entrechteten und Marginalisierten zu werden (bzw., im Falle des religiös-politischen Establishments, der Opposition die soziale Grundlage des Protests durch entsprechende Reformen zu entziehen).


Fußnoten

2.
Zu diesem Begriff vgl. Gaffney, The Prophet's Pulpit. Preaching in Contemporary Egypt, Berkeley 1994.
3.
Vgl. hierzu A. el-Zein, Beyond Ideology and Theology: The Search for the Anthropology of Islam, in: Annual Review of Anthropology, (1977) 6, S. 227 - 254; T. Asad, The Idea of an Anthropology of Islam. Occasional Papers of the Center for Contemporary Arab Studies, Georgetown 1986.
4.
Vgl. D. Eickelman, The Study of Islam in Local Contexts. Contributions to Asian Studies 17, Leiden 1982.

Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

Mehr lesen

Dossier

Afrikanische Diaspora in Deutschland

In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

Mehr lesen

Dossier

Innerstaatliche Konflikte

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren.

Mehr lesen

Eine Farm im Nordosten Kenias im Jahre 1938. Die aus Deutschland von den Nazis vertriebene Jüdin Jettel Redlich steht vor der unscheinbaren Wellblechfarm ihres Mannes. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de