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Afrika

20.5.2005 | Von:
Roman Loimeier

Der Islam im subsaharischen Afrika

Die eigentlichen Begründer der islamischen Reformbewegungen Afrikas und die mit ihnen verbundenen Organisationen wie auch die jüngere Generation islamischer Reformbewegungen und islamistischer radikaler Gruppierungen zeichnen sich schließlich dadurch aus, dass sie neue Formen gesellschaftlicher Lebensgestaltung "im Namen des Islam" propagieren, die erneut etablierten Lebensentwürfen entgegenstehen. In ihren Reformbestrebungen hatten die jüngeren islamischen Reformbewegungen in Afrika daher besonders großen Erfolg unter den Jugendlichen und den Frauen. In der Tat müssen viele islamische Reformbewegungen in Afrika geradezu als Versuch der Jugendlichen und Frauen gedeutet werden, sich mit Hilfe der religiös legitimierenden Rückendeckung der Reformer aus bestehenden gesellschaftlichen Zwängen zu befreien.[18] Dabei stehen die Bemühungen islamischer Reformbewegungen im Vordergrund, neue Formen sozialer Organisation zu entwickeln, und zwar nicht nur im Bereich eines modernen islamischen Bildungswesens, sondern auch in Bezug auf scheinbar banale Aspekte des alltäglichen Lebens wie etwa Sport und die Gestaltung der "Freizeit". So hat heute praktisch jede madrasa in Sansibar eine eigene Fußballmannschaft, und das Fußballteam der größten madrasa Sansibars, die madrasat an-nûr in Ukutani/Sansibar, konnte in den neunziger Jahren sogar die nationale Fußballmeisterschaft Sansibars gewinnen.[19] Fußball ist auch ein wichtiges Merkmal der sozialen Organisation der islamischen Reformbewegung Kenias geworden, insbesondere in Lamu, wo die lokalen Gegenspieler der Reformer, die Sufi-Bruderschaften, aber rasch auf die Fußballbegeisterung der Jugend reagiert haben, indem sie eigene Fußballmannschaften gegründet haben. Dasselbe gilt für Nordnigeria, wo die 'Yan Izala seit den 1980er Jahren die Gründung von Fußballmannschaften unterstützt haben und so in der Lage waren, sich in der Hochburg der Sufi-Bruderschaften der Qâdiriyya und der Tijaniyya, in der Altstadt von Kano, zu etablieren. In der Folge begannen auch dort die Jugendlichen, zu den Fußballspielen der 'Yan Izala zu gehen, anstatt in den Moscheen an den dhikr-Zeremonien der Sufi-Gelehrten teilzunehmen.[20]

Und auch wenn Fußball zumindest bis zur Fußballweltmeisterschaft von 2002 kein zentrales Thema für die senegalesische Reformbewegung war, so haben doch auch sie ihre eigenen Formen der Freizeitgestaltung entwickelt. So gründete die UCM bereits in den fünfziger Jahren die ersten Theatergruppen, die Theaterstücke in Wolof aufführten, und die jüngeren Reformgruppierungen waren insbesondere im Bereich des Pfadfinderwesens aktiv. Ferienlager und Pfadfinderaktivitäten wurden so zentrale Inhalte des sozialen Programms der Dschamâ`at `Ibâd ar-Rahmân. Auch diese Bemühungen der islamischen Reformgruppierungen um eine Neugestaltung des sozialen Lebens, des sozialen Raums und der Zeit, insbesondere der Freizeit, haben aber ihre Vorläufer in den Gründungsbewegungen islamischer Reform, etwa in der algerischen Dscham`iyat al-`Ulamâ' al-Muslimîn al-Dschazâ'iriyyîn, die in den dreißiger und vierziger Jahren in ihren Jugendclubs das Tischtennis populär machte, oder den ägyptischen Ikhwân al-muslimîn, die im Rahmen der dritten Jahreskonferenz im Jahre 1935 ausdrücklich sportliche Aktivitäten zu einem zentralen Bestandteil ihrer sozialen Aktivitäten erklärten und dabei auch die Pfadfinderbewegung für sich reklamierten. Der programmatische Hauptslogan der Ikhwân definierte die Ikhwân al-muslimîn sogar als eine "Salafiyya message, a Sunni way, a Sufi truth, a political organization, an athletic group, a cultural-educational union, an economic company, and a social idea"[21].


Fußnoten

18.
Vgl. hierzu etwa die Rolle der FOMWAN, der "Federation of Muslim Womens's Associations in Nigeria", in: A. Bosaller/R. Loimeier, Radical Muslim Women and Male Politics in Nigeria, in: M. Reh/G. Ludwar-Ene (Hrsg.), Gender and Identity in Africa, Hamburg 1995, S. 61 - 70.
19.
Vgl. J.C. Penrad, Madrassat an-Nur, in: C. Le Cour Grandmaison/A. Crozon (Hrsg.), Zanzibar aujourd'hui, Paris 1998, S. 318.
20.
Vgl. M. Haruna/A.A. Abdullahi, The "Soccer Craze" and Club Formation among Hausa youth in Kano, Nigeria, in: Kano Studies, Special Issue, (1991), S. 113 - 124.
21.
R.P. Mitchell, The Society of the Muslim Brothers, Oxford 1993, S. 14 und 201.

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