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Afrika

20.5.2005 | Von:
Roman Loimeier

Der Islam im subsaharischen Afrika

Ein allgemeines Resümee unserer Überlegungen zur Entwicklung muslimischer Reformbewegungen in Afrika muss daher mit der fast tautologischen Aussage enden, dass wir in Afrika eine lange Geschichte muslimischer Reform und des Islam, oder besser gesagt, eine lange Serie islamischer Reformbewegungen vor uns haben. Diese Reformschübe haben immer wieder ihre Richtung geändert und sich zunächst aus sufistisch beeinflussten Ursprüngen über eine antisufistische Wende zu Bewegungen der Massenpopularisierung von Reformzielen zu politisch-religiösen Oppositionsbewegungen und Bewegungen des sozialen und religiösen Protests entwickelt. In struktureller Hinsicht hatten die islamischen Reformbewegungen dabei eine Reihe bemerkenswerter Gemeinsamkeiten aufzuweisen: Die Reformer haben sich so immer wieder gegen spirituell geprägte lokale Lehrtraditionen gewandt, während sie gleichzeitig moderne (islamische) Bildung und ein moralistisch begründetes System islamischer Normen einforderten. Zur selben Zeit beklagen sich die Reformer aber auch immer wieder über die abergläubische Einstellung der Bevölkerung, die Unwissenheit der einfachen Muslime und die in ihren Augen unökonomische Verschwendung von Ressourcen im Kontext von Festlichkeiten und sozio-religiösen Bräuchen.

Von einer Reformwelle zur nächsten scheint sich so wenig am Charakter des Diskurses muslimischer Reformer geändert zu haben. Diese Einsicht ist jedoch auf eine Interpretation islamischer Gesellschaft begründet, die die longue durée von Geschichte außer Acht lässt. Über einen langen Analysezeitraum betrachtet, können wir eine Reihe fundamentaler Veränderungen in den muslimischen Gesellschaften Afrikas erkennen, die sich im 19. und 20. Jahrhundert ergeben haben: So versuchen alle islamischen Reformbewegungen in ihren jeweiligen nationalen Gesellschaften eine gerechte und angemessene Rolle für alle Muslime zu beanspruchen, die es ihnen erlauben soll, in einer Welt, die von den Prozessen der Modernisierung, der Urbanisierung, der Industrialisierung und, in den Augen vieler Muslime, auch der Verwestlichung, gekennzeichnet ist, ein Leben nach den Vorschriften des Glaubens zu führen. Die Antworten der muslimischen Reformer auf diese sozialen und ökonomischen Veränderungen, die alle Sphären des alltäglichen Lebens berühren, sind natürlich erneut vielfältig und notwendigerweise widersprüchlich. Dennoch deuten die Antworten der Reformer auf ein neues Verständnis von "Islam" und Gesellschaft hin. Dieses neue Verständnis von Glaube und Gesellschaft betont zunächst und vor allem die Rolle des Individuums und sein Recht, die Quellen des Glaubens selbstständig, autonom und unabhängig zu interpretieren, und, darauf aufbauend, das soziale Leben, die Geschlechterbeziehungen, die Organisation der Zeit usw. neu zu gestalten, wobei die etablierten religiösen und sozialen Autoritäten, Vermittler und Institutionen nicht mehr unbedingt anerkannt, sondern zum Teil sogar zurückgewiesen werden, weil sie als Merkmale einer obsolet gewordenen, "erstarrten" islamischen Gesellschaft betrachtet werden.

Die Antworten der muslimischen Reformer auf die Veränderungen der letzten Jahrzehnte zeichnen sich zudem dadurch aus, dass sie in ihren Bildungsbemühungen großes Gewicht auf die Übersetzung und Popularisierung der heiligen Texte legen, und sie haben im Zusammenhang ihrer Reformbemühungen einen moralistischen und oft sogar "puritanistischen" Diskurs entwickelt, der sich gegen die vielfältigen Formen der "Korruption" in ihren eigenen Gesellschaften richtet. Aus der Perspektive der longue durée gesellschaftlichen Wandels können wir somit in der Tat von einer neuen Dimension von islamischer Reform in Afrika sprechen und den sozialen, religiösen und politischen Protest, den die muslimischen Reformer vertreten, als nahezu "protestantisch" bezeichnen, weil diese muslimischen sozialen, religiösen und politischen Protest- und Reformbewegungen in der Tat viele (aber natürlich nicht alle) der Merkmale aufweisen, die auch für die protestantischen Reformbewegungen Europas ab dem 15. Jahrhundert strukturell typisch waren.



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